Von der Angst unterwegs – Alles wird gut

Jiuzhaigou 1987 2. Teil

Das Schlimmste war überstanden. Die Sonne schien wieder, als habe es den Schneesturm nicht gegeben. Anita und ich konnten uns von der Wanderung erholen. Trotzdem blieb die Ungewissheit, wie wir zurück nach Chengdu kommen würden. Sorge machte mir vor allem der Gedanke, dass die schlechten Straßen, über die wir hergefahren waren, vielleicht nicht mehr passierbar waren. Doch Sorge und Angst spielt sich im Wesentlichen im Kopf ab. Man kann nicht in die Zukunft sehen und so wird die Zukunft – das, was vor einem liegt – zum Auslöser aller möglicher Ängste. Heute bin ich da ruhiger geworden, denn ich weiß, es geht immer weiter…

Übrigens: Ich weiß bis heute nicht, wie der Ort Nanping richtig bzw. heute heißt. Trotz Google Maps habe ich das Städtchen nicht wieder gefunden. Der Ort, in dem wir auf der Hinfahrt übernachtet und auf der Rückfahrt nur kurz anhalten, mag Songpan gewesen sein. Update 2015: Ich habe den Ort wiedergefundem: er heisst heute (wen wundert’s?) Jiuzhaigou

Heute ist Jiuzhaigou weltberühmt, Ziel von Tausenden von Touristen, die vor allem im Herbst die bunte Laubfärbung sehen wollen. Im Naturschutzgebiet, das seit 1992 UNESCO-Weltnaturerbe ist, darf man nicht mehr übernachten. Dafür hat man vor den Toren die Auswahl zwischen den tollsten und bequemsten Hotels. Auch einen Flughafen gibt es mittlerweile. Mit dem richtigen Reiseleiter kann man aber die Naturschönheiten von Jiuzhaigou immer noch ruhig und ohne Menschen genießen.

Den ersten Teil der Geschichte findet Ihr hier: Schlechte Straßen und tiefe Schluchten

Wir schlafen tief in dieser Nacht erschöpft von unserer großen Wanderung. Das Zimmer ist weder schön noch sind die Betten besonders bequem, trotzdem brauchen wir, als wir endlich ausgeschlafen haben, Ewigkeiten, um uns aus unseren warmen Betten zu schälen. Die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel. Der starke Schneefall gestern ist nur noch ein entfernter Alptraum. Frühstück gibt es nicht mehr, als wir endlich aufstehen. Wir überlegen lange. Was wir machen sollen mit unserem überraschend gewonnenen Tag.

Mittags brechen wir endlich auf, um noch einmal zu dem tibetischen Tempel zu gehen. Aber wir kommen nicht weit. Wir treffen auf ein chinesisches Paar, von dem die junge Frau etwas Englisch spricht. Die beiden, teilt sie uns mit, wollen zur Not heute noch per Autostop nach Nanping. Einen Bus nach Nanping gibt es angeblich nicht. Der Bus nach Chengdu aber fährt nur ab Nanping, das noch ca. 50 Km entfernt ist. Wir lassen uns von ihrer Sorge anstecken.

Nach kurzer Diskussion gehen wir auf unser Zimmer zurück und fangen an, in Ruhe zu packen, weil wir uns den beiden anschließen wollen. Da klopft es plötzlich an der Tür, die Chinesin reisst die Tür auf und ruft atemlos: “Schnell, schnell, gleich fährt ein Bus!“ Hastig werfen wir alles in unsere Rucksäcke und einen Teil der Sachen der Einfachheit halber in eine große blaue Mülltüte, die Anita bei sich hat. Dann rennen wir los. Der junge Mann hat den Bus für uns aufgehalten. Erleichtert lassen wir uns auf die freien Plätze auf der letzten Bank fallen. Der Bus fährt schnell und die Strasse ist schlecht. Bei jedem Schlagloch – und es gibt viele! – werden wir in die Luft geworfen. Mein Schädel macht ein paar Mal die Bekanntschaft mit der Decke. Völlig durchgerüttelt kommen wir in Nanping an.

Nanping Markt

Nanping Markt

Dort gibt es wieder eine heftige Diskussion unter den Chinesen, von der wir kein Wort verstehen. Die beiden netten Chinesen wollen für uns die Bustickets und für heute Nacht ein Hotelzimmer besorgen. Von dem bisschen, was sie uns mitteilen, begreife ich nur so viel, dass der Bus morgen nicht direkt nach Chengdu fährt, dass aber die Möglichkeit besteht, unterwegs in einen Zug umzusteigen. Die Strecke soll auch anders sein als auf der Hinfahrt. Wir werden ja sehen! Die beiden jungen Chinesen scheinen vertrauenswürdig zu sein.

Nach einiger Zeit haben wir tatsächlich die Bustickets und auch ein Zimmer in dem Hotel, das direkt am Busbahnhof liegt. Viele der Studenten, die mit uns von Chengdu gekommen sind, sind auch in diesem Hotel und werden morgen mit uns zurückfahren. Hotel ist vielleicht zu viel gesagt. Das Zimmer ist mehr als einfach, es bietet gerade Platz für die zwei Betten und ein paar Haken an der Wand. Toilette überm Hof – das kennen wir schon. Wasser gibt es in Thermoskannen.

Anita und ich gehen in den Ort, um dort eine Tasche für unsere mageren Vorräte zu kaufen, da mein Beutel bei unserer überstürzten Abreise zerrissen ist. Nanping liegt inmitten hoher Berge. Bis weit oben an den Berghängen gibt es kleine Äcker. Der Gipfel eines Hügels ist von einem Tempel gekrönt. Wir überlegen kurz, ob wir dorthin gehen wollen, aber dann ist es uns doch zu weit. In einer Seitengasse wird eine kleine Eselskarawane beladen. Die Strassen sind voller bunt gekleideter Menschen. Wir sehen die Trachten verschiedener Minderheiten wie Tibeter und andere, die wir nicht kennen. Es gibt Frauen mit weissen Turbanen und andere mit schwarzen. In den Geschäften kann man u.a. kleine Buddhafiguren kaufen. In einem Kaufhaus finden wir eine Tasche. Der Kauf wird zur Sensationsvorstellung für die vielen Kinder, die sich sofort um uns versammelt haben und mit offenen Mündern staunen. Wir erregen hier viel mehr Aufsehen als in den großen Städten.

Kuhhäute auf der Straße

Kuhhäute auf der Straße

An einem Restaurantfenster sehen wir eine Zeit lang dem Koch bei der Nudelherstellung zu. Er bearbeitet den Teig mit künstlerischer Leichtigkeit, zieht ihn hin und her und hat auf einmal einen Strang Nudeln in der Hand, den er mit Schwung in die bereits brodelnde Suppe wirft. In einer Strasse sind Fleischstände aufgebaut. Die rohen roten Fleischstücke liegen und hängen in der prallen Sonne. Auf dem Strassenpflaster sind die frisch abgezogenen Häute der geschlachteten Kühe zum Trocknen ausgebreitet.

Wir gehen von Laden zu Laden, von Bude zu Bude. Und sicher habe ich manchmal meinen Mund genauso vor Staunen geöffnet wie die Kinder, die uns immer wieder lachend folgen. Es ist eine vollkommen fremde Welt, auch wenn aus manchen Restaurants Schlager tönen und das eine oder andere Auto an uns vorbeirauscht.

Nanping

Nanping

Schließlich finden wir ein Restaurant, das uns gefällt. Wir setzen uns an einen Tisch und wollen bestellen. Der Wirt, groß und rund, steht erwartungsvoll vor uns. Wie jetzt schon von uns nicht anders erwartet, versteht er uns nicht. Mein Sprachführer trifft auch nur auf geringes Interesse. Ein Kassettenrecorder dröhnt die neuesten Hits durch den Raum. Hier ist meine Zeichensprache erfolgreich: die Musik wird leiser gedreht. Dann kommt dem Wirt eine Idee. Strahlend verschwindet er kurz und kommt mit einem großen zappelnden Fisch in der Hand wieder. Wir nicken erfreut. Der Fisch wird vor unseren Augen erschlagen, ausgenommen und sorgfältig mit Gewürzen eingerieben. Währenddessen bringt uns ein junges Mädchen einen Schnaps, den wir aber ablehnen. Der Fisch wird mit fein gehackten Frühlingszwiebeln im Wok gebraten und in einer ganz leicht süsssauren Sosse serviert. Dazu haben wir Bier bestellt (das können wir schon auf Chinesisch!). Der Wirt hält ein gerupftes Hühnchen hoch. Ob wir das auch gerne möchten? Nein danke. Wir möchten lieber etwas Gemüse und bekommen Blumenkohl. Es wird ein ganz wundervolles Essen. Das erste richtig gute, seit wir von Chengdu aufgebrochen sind. Es ist nicht ganz einfach, den Fisch mit Stäbchen zu essen. Doch er ist einfach köstlich. Wir haben Zeit und pulen jedes Stückchen Fleisch von den Gräten. Bekommen wir eine Gräte in den Mund, spucken wir diese nach Chinesenart auf den Boden. Am Nachbartisch wird für ein grösseres Festessen gedeckt. Es kommt sogar eine weisse Tischdecke auf den Tisch. Die Schnapsgläschen werden als erstes gebracht. Anscheinend gehört das in China zu einem guten Essen dazu. Als die Gruppe Chinesen eintrifft, sind wir fertig und brechen auf.

Wir sitzen noch gemütlich auf unserem Hotelzimmer bei einem Bier, da kommt das chinesische Paar, das uns so geholfen hat. Wir laden sie zu uns ein. Nie hätte ich gedacht, dass ich hier mit Chinesen zusammen sitzen und so etwas wie eine Fete haben könnte. Nach kurzer Zeit sind die beiden sehr nett und offen. Das Mädchen heisst Yuanyuan. Die beiden reisen vier Wochen lang durch fast ganz China. Er ist Ingenieur in Shanghai, sie arbeitet bei der Bank of China in Hangzhou. Ihre Eltern sind Künstler und konnten ihren Beruf während der Kulturrevolution nicht ausüben. Sie verurteilen offen die Kulturrevolution und fragen uns, ob es bei uns in Deutschland etwas ähnliches gegeben habe. Wir erzählen ein wenig vom 3. Reich und Hitler. Sie scheinen davon noch nichts gehört zu haben. Auch über Religion reden wir. Ich habe den Eindruck, dass sie zwar nicht religiös sind, aber doch interessiert daran. Nach einem wirklich netten und aufschlussreichen Abend gehen wir zu Bett.

Nach einer ruhigen Nacht, in der wir herrlich fest schlafen, schrecken wir früh hoch, geweckt von dem Lärm auf dem Gang vor unserem Zimmer. Ohje! Beinahe hätten wir verschlafen! Mein Wecker ist stehengeblieben. Das Frühstück muss mal wieder ausfallen. Unser Bus ist diesmal etwas bequemer als auf der Hinfahrt. Der Sitzabstand ist grösser. Das freut mich für meine Knie, die gerade erst aufgehört haben zu schmerzen. Nur die Husterei und Spuckerei ist wieder nervtötend.

Die Berge von Jiuzhaigou

Die Berge von Jiuzhaigou

Mühsam quält sich der Bus bei strahlendem Sonnenschein die Berge hinauf. Lange sind Anita und ich uns uneinig darüber, ob dies nun die gleiche Strecke wie auf der Hinfahrt ist oder nicht. Doch den Pass, auf dem diesmal Schnee liegt, erkennen wir wieder. Das Panorama ist atemberaubend. Wir haben einen beeindruckenden Blick auf eine schier endlos erscheinende Kette von schneebedeckten Gipfeln. Die Strasse geht wieder an tiefen Abgründen vorbei. Der Fahrer fährt wie der Henker, wobei er sich lachend mit jemandem, der hinter ihm sitzt, unterhält. Ich traue mich kaum, auf die schöne Landschaft zu schauen. Und so halten Anita und ich uns wieder angstvoll an den Händen. Irgendwann wird auch das vorüber gehen! Der Bus fährt schnell und hält nur für kurze Pausen. Yuanyuan sagt uns, dass wir Verspätung haben wegen der schlechten Straßenverhältnisse nach dem Schneefall von vorgestern.

Mittags halten wir in dem Ort, in dem wir auf der Hinfahrt übernachtet hatten. Hier steigen einige Fahrgäste aus und neue ein. Dann geht es gleich weiter. Eigentlich hätten wir gerne etwas gegessen. Und ich hätte mir auch gerne die Stadtmauer näher angesehen, an der wir jetzt schnell vorbeifahren. Aber dazu ist keine Zeit, auch nicht für ein Mittagessen. Also gibt es wieder Kekse mit Dosenfleisch. Nur dass die Kekse diesmal salzig sind. Wir haben uns aber so an die süssen Kekse gewöhnt, dass uns die salzigen Cracker mit dem Dosenfleisch nicht richtig schmecken. Wir versuchen uns einzureden, dass es sich um Bratkartoffeln mit Spiegeleiern handelt.

Da werden wir von einem Polizeijeep überholt und angehalten. Es entsteht eine heftige Diskussion zwischen unserem Busfahrer und den Polizisten. Plötzlich klettert ein Junge vom Busdach und rennt in die Felder. Schwarzfahren ist wohl auch in China nicht gerne gesehen. Außerdem ist es ziemlich gefährlich da oben auf dem Dachgepäckträger.

Endlich, es ist schon Nachmittag, hält unser Bus in einem kleinen schmutzigen Ort zum Essen. Beim Anblick des dunklen und schäbigen Restaurants vergeht auch unseren chinesischen Freunden der Appetit. Wir suchen zusammen mit Yuanyuan eine öffentliche Toilette und finden schließlich eine bei einem modernen Wohnblock. Sie ist absolut grauenhaft! Auf Zehenspitzen steigen wir über den Dreck. Yuanyuan entschuldigt sich sogar für die Zustände und meint, dass das nicht der in China übliche Zustand einer Toilette ist. Wir haben noch Glück, weil es kalt ist und sich dadurch der Geruch nicht so entfalten kann.

Wir bummeln noch eine Weile durch die schmutzigen Strassen. An einem Imbissstand kaufe ich mir einen kleinen mit Gemüse gefüllten Fladen. Er schmeckt fast wie Brot. Lecker! Warum sind solche Stops nur immer in den hässlichsten Orten am Weg?! Wir sind froh, als der Bus endlich weiterfährt.

Es dauert lange, bis wir aus dem Flusstal heraus sind. Zuletzt fahren wir durch eine Gegend, durch die wir auf der Hinfahrt sicher nicht gekommen sind. Wir wissen überhaupt nicht mehr, wo wir sind. Nur dass die ungefähre Richtung stimmt. Mit unseren chinesischen Freunden beratschlagen wir, wo wir am besten aussteigen, um einen Zug nach Chengdu zu bekommen. Über die Abfahrtzeiten und die Häufigkeit der Züge herrscht große Uneinigkeit bei den Leuten im Bus. Unser Bus soll nach einem Übernachtungstop irgendwo morgen früh nach Chengdu weiterfahren. Wir werden uns aber Yuanyuan und ihrem Mann anschließen, denn die beiden wollen auch so schnell wie möglich nach Chengdu.

Um 19:00 Uhr hält der Bus endlich in einer Stadt. Dunkelheit herrscht um uns herum. Es gibt noch eine kurze Diskussion, dann sagt Yuanyuan, dass wir aussteigen müssen. Hastig raffen wir unsere Sachen zusammen (Rucksäcke und blaue Mülltüte) und springen aus dem Bus. Der Bahnhof liegt ausserhalb der Stadt, die Mianyang heisst. Nicht dass wir dadurch wüssten, wo wir sind!! Singend und lachend gehen wir alle zusammen zur nächsten Haltestelle des Stadtbusses, mit dem wir zum Bahnhof fahren. Dort erkundigt sich unser Freund nach dem nächsten Zug nach Chengdu. Und wieder heisst es plötzlich, der Zug steht schon da und fährt gleich ab. Unser Freund hat gleich für uns die Fahrkarten mitgekauft und so rennen wir los. Erst in die falsche Richtung. Aber natürlich erreichen wir den Zug gerade noch, bevor er sich in Bewegung setzt. Wir finden sogar Sitzplätze an einem Tisch, allerdings Harte Klasse. Wir fragen Yuanyuan, wann der Zug in Chengdu ankommt. Sie sagt: „Um 9:00 Uhr“. Für uns gibt es keinen Zweifel, dass  9:00 Uhr am nächsten Morgen gemeint ist. Wer weiss, wo wir sind und in was für einem Bummelzug wir sitzen! Anita murmelt, dass es doch besser gewesen wäre, hier zu übernachten und erst morgen nach Chengdu weiterzufahren. Wir sind alle sehr müde. In den harten Sitzen richten wir uns für die Nacht ein. Wir trinken noch ein Bier gemeinsam, das die beiden Chinesen uns ausgeben. Yuanyuan lässt mich eine dünne Scheibe geräucherten Tofu probieren. Das Zeug schmeckt wie stark gewürzte Schuhsohle. Nach und nach döse ich ein.

Der Zug hält und Yuanyuan scheucht uns auf: „Wir sind da!“ „Müssen wir umsteigen?“ fragt Anita verschlafen. „Ja!“ Ich verstehe das Ganze nicht mehr, raffe schlaftrunken mein Gepäck zusammen und steige mit den anderen aus. Wir stehen auf einem hellerleuchteten Bahnsteig. Dann gehen wir durch eine Unterführung. Staunend sehe ich mich um: dieser riesige strahlend weiss gekachelte Tunnel, der große Bahnhof, die vielen Menschen – das kann nicht irgendein unbedeutender Umsteigebahnhof sein! Vor einer Halle steht ein Schild „Welcome!“. Nun sind wir fast sicher, dass wir in Chengdu sind. Zur Sicherheit fragen wir Yuanyuan. Jetzt ist sie ganz erstaunt, dass wir auch noch fragen können. Natürlich ist das Chengdu! Wir bedanken uns ganz herzlich bei unseren Freunden für ihre Hilfe unterwegs und verabschieden uns.

Vor dem Bahnhof wenden wir uns zur Busstation. Der Busbahnhof liegt einsam im Schein der Laternen. Hier fährt um diese Zeit – es ist mittlerweile 22:30 Uhr – kein Bus mehr ab. Aber schon werden wir von einem älteren Mann angesprochen, der uns mit seiner Rikscha zum Jinjiang-Hotel bringen will. Wir handeln einen verhältnismässig hohen Preis aus. Aber wir sind zu k.o. für langes Feilschen.

Es ist schon eigenartig, mit einer Fahrradrikscha durch das leere nächtliche Chengdu zu fahren. Wir sehen nur wenige Menschen und erkennen die tagsüber so vollen und lauten Strassen kaum wieder. Manchmal sind wir uns auch gar nicht so sicher, ob wir wirklich dahin kommen, wo wir hin wollen.

Doch dann hält der Mann endlich vor dem hellerleuchteten Tor des Jinjiang-Hotels. Wir steigen aus und zahlen. Da kommen von allen Seiten Chinesen auf uns zu, wahrscheinlich die Rikschafahrer, die immer vor dem Jinjiang-Hotel auf Gäste warten. Einer lässt aus dem Rad unserer Rikscha die Luft heraus. Es gibt heftigen Streit. Wir machen einen kurzen Versuch, zu vermitteln. Aber was sollen wir tun, wo wir doch kein Chinesisch können?! Wir wissen ja auch gar nicht, worum es eigentlich geht. Ein Hotelwächter nähert sich. Zögernd verlassen wir die Gruppe Chinesen. Wir sind fassungslos, empört und fühlen uns so hilflos, weil wir nichts verstehen und nichts für unseren Rikschafahrer tun können.

Zögernd wenden wir uns dem Hotel zu. Die Eingangshalle blitzt von blank geputztem Messing und spiegelndem Marmor. Wir sehen an uns herunter. Seit Tagen tragen wir dieselben Pullover. Meine ehemals graue Jacke starrt vor Dreck. Mit Anitas Müllsack ist auch kein Staat zu machen. Wir kommen uns schmutzig und wie Tramps vor, und fühlen uns eigentlich total verkehrt in diesem vornehmen Hotel.

Aber die junge Frau an der Rezeption lächelt zu unserem Wunsch nach einem Zimmer: „Certainly, Madame!“ Im 7. Stock bekommen wir sogar einen eigenen Schlüssel für unser Zimmer! Nach einer Woche „Wildnis“ können wir die Segnungen der Zivilisation jetzt richtig genießen: vor allem sofort heißes Wasser aus dem Hahn! Natürlich nehmen wir gleich ein Bad. Unsere Stimmung steigt. Es gibt sogar Plastikpantoffeln, Teppichfussboden, Fernsehen, Heizung und vieles mehr, über das wir uns kindlich freuen. Unser großes Gepäck, dass wir hier aufbewahren ließen, haben wir auch geholt, so dass wir nach dem Bad frische T-Shirts anziehen können. Allerdings haben wir immer noch nichts Rechtes zum Essen gehabt. Hungrig erzählen wir uns lachend, wie gut jetzt Bratkartoffeln schmecken würden.

Da klopft es an die Tür! Waren wir zu laut? Nein, ein Deutscher sagt hinter der Tür, dass er etwas von Bratkartoffeln gehört habe. Denen könne er nicht widerstehen. Er würde uns gern kennenlernen. Doch wir lassen ihn nicht in unser Zimmer. Dann klingelt das Telefon. Der Deutsche lädt uns ein, einen Tee mit ihm zu trinken. Warum eigentlich nicht?! Gut gelaunt machen wir uns fein. Dann ziehen wir mit den restlichen Keksen als Gastgeschenk los. Der Deutsche ist ein dicker Pfälzer Metzger, der in Chengdu eine chinesische Wurstfabrik berät. Bei einem Stück Mettwurst und etwas Tee haben wir eine nette unterhaltsame Stunde. Doch kurz bevor wir vollkommen erschöpft im Sessel einschlafen, gehen wir auf unser Zimmer zurück. Endlich sinken wir in unsere traumhaft weichen und sauberen Betten.

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