05.08.-08.08.1991 Korea mit Umwegen

Blumen überall am Wegesrand

Blumen überall am Wegesrand

Nach all der Zeit sind Ron, Adinda und Carsten wieder zurück in ihre Heimat geflogen. Annemarie und ich ziehen alleine weiter. Irgendwie scheine ich in dieser Reisebeziehung die Richtung anzugeben. Annemarie stimmt allen Vorschlägen zu. Sie hat kaum Vorstellungen davon, was sie unbedingt sehen möchte. Ich dagegen weiß ganz genau, was ich will. Dank meiner Freundin Ulli, die vor ein paar Jahren in Südkorea gereist ist, habe ich einige Vorschläge für interessante und außergewöhnliche Orte im Gepäck. Dazu gehört auch der Pferdeohrenberg (Maisan) von Chinan (Jinan) mit dem ungewöhnlichen Tapsa-Tempel. Aber um dorthin zu kommen, müssen wir uns durch das Wirrwarr an ähnlich klingenden Ortsnamen kämpfen. In dem ersten Teil dieses Berichts habe ich bewusst auf die neue Umschrift der koreanischen Ortsnamen verzichtet. Denn so wird die Pointe der Geschichte deutlicher. Maisan und Tapsa scheinen nicht verändert worden zu sein.

Verirrt, verwirrt
Annemarie und ich müssen mit dem Bus Richtung Süden nach Chonju fahren, um dort nach Chinan (Jinan) umzusteigen. Erst als unser Bus kurz hinter Puyo nach Norden abbiegt, werden wir stutzig und schauen uns unsere Busfahrkarten genauer an. Eigentlich kann ich die Schriftzeichen gut genug lesen, um unterscheiden zu können, dass auf den Tickets nicht Chonju sondern Chongju steht. Wir haben tatsächlich die falschen Tickets gekauft und sitzen jetzt im falschen Bus! Wir sind ganz verblüfft von unserer eigenen Blödheit und können nur noch lachen. In Kongju steigen wir unter dem Protest des Busfahrers aus. Er will uns nur sagen, dass wir noch lange nicht in Chongju sind, versteht aber nicht, dass wir gar nicht nach Chongju wollen.

Dem Mädchen am Ticketschalter unser Problem zu erklären, erweist sich als nicht möglich. Sie versteht kein Englisch. Nur mühsam können wir ihr ungefähr begreiflich machen, was wir wollen. Dann: Die alten Fahrkarten können wir zurückgeben. Aber wir wollen eigentlich gar keine Erstattung sondern nur neue Fahrkarten nach Chonju. Sie muss ein wenig rechnen. Dazu nimmt sie nicht nur ihren Taschenrechner zur Hilfe sondern auch einen Abakus. Am Ende haben wir die neuen Fahrkarten und bekommen noch Geld dazu. Wir versuchen ihr zu erklären, dass ihre Rechnung zu ihren Ungunsten nicht stimmt. Es ist aussichtslos. Auch ein Kollege von ihr kommt mit klapperndem Abakus zu dem Ergebnis, dass wir noch Geld herausbekommen. Da nun bald unser Bus fährt, geben wir auf und fahren weiter.

Die Busfahrt von Chonju nach Chinan (Jinan) ist beeindruckend. Die kleine Straße windet sich über hohe Berge, es geht durch kleine idyllische Dörfer, die von Reisfeldern umgeben sind. Und wie immer blühen rechts und links der Straße die schönsten Blumen.

Der Pferdeohrenberg
Chinan (Jinan) ist ein kleiner Ort, der kleinstädtische Ruhe ausstrahlt. Wir finden ein Zimmer in einer kleinen Pension und machen uns gleich am nächsten Tag auf den Weg. Von Chinan (Jinan) aus wandern wir zum Maisan. Maisan bedeutet Pferdeohrenberg. Die beiden Gipfel sehen tatsächlich aus wie zwei Pferdeohren und sind schon von weitem zu erkennen. Auf dem Weg durch die Reisfelder sehe ich zum ersten Mal blühenden Reis! Und Ginsengfelder, die man daran erkennt, dass der Ginseng im Schatten von Bastmatten wächst.

Der Pferdeohrenberg

Der Pferdeohrenberg

Der Maisan ist jetzt während der gerade stattfindenden koreanischen Sommerferien eine große Attraktion für Ausflügler. In Hundertschaften begegnen uns die Schulklassen, die wie wir den Weg zwischen den „Pferdeohren“ entlang wandern. Auf der anderen Seite befindet sich der Tapsa-Tempel, eine kleine Einsiedelei, in der ein Mönch gelebt hat, der seinen Lebensinhalt darin sah, Steine zu steilen Türmen aufzuhäufen. Es gibt Hunderte von diesen Steinpyramiden, die ohne Mörtel halten und schon das eine oder andere Erdbeben überstanden haben.

Der Tapsa-Tempel

Der Tapsa-Tempel

Aus Wikipedia: Der Einsiedler Yi Gap-yong (1860–1957) kam im Alter von 25 Jahren zum Maisan, um hier der Meditation nachgehen zu können. Während der nächsten Jahrzehnte errichtete er um die 120 Steinpagoden ohne Mörtel oder einen ähnlichen Befestigungsstoff. Die Steingebilde, die teilweise eine Höhe von 10 Metern besitzen, errichtete er ohne technische Hilfsmittel. Die Pagoden trotzen bis heute jedem Wind und Wetter.

Als wir weiterwandern, hängen wir die Schulkinder ab, und sind bald ganz alleine unterwegs. Wir kommen zu einem einsamen und schönen buddhistischen Tempel. Die Luft ist voll vom Duft der Räucherstäbchen. Draußen machen die Zikaden einen unbeschreiblichen Lärm. Dass diese kleinen Viecher so laut sein können! Kaum dass die Sonne scheint, wird es richtig heiß. Ich habe schnell einen Sonnenbrand auf der Nase, trotz Hut und Sonnencreme.

In der Nähe des Tempels treffen wir in einem alten Haus auf eine Gruppe koreanischer Frauen. Sie feiern etwas, was, erfahren wir nicht. Aber sie laden uns gleich ein, mit ihnen zu feiern und zu tanzen. Die dazugehörigen Männer feiern in einem Nachbarhaus.

Die Frauen sprechen kein Wort Englisch und wir kaum ein Wort Koreanisch. Wir haben alle zusammen trotzdem ganz viel Spaß. Uns wird dann auch von den vielen scharfen Gerichten vorgesetzt, die in großen Töpfen da stehen. Kimchi, Gochi, Bekchi. Alles eingelegtes Gemüse, das schon von weitem extrem nach Knoblauch duftet. Als wir mit Gesten und Mimik erklären, dass unsere armen europäischen Mägen nicht an die Schärfe gewöhnt sind, bekommen wir große Schalen mit Reis und jeder ein Bier.

Kleiner Tempel

Kleiner Tempel

Ich bin völlig glücklich, als wir endlich weitergehen. Aber es wird langsam spät. Meine Kamera will nicht mehr, die Batterie ist leer. Als wir aus dem engen Tal herauskommen, erreichen wir die nächste größere Straße. Noch bevor ein Bus hält, stoppt ein PKW bei uns und wir werden von netten Leuten bis nach Chinan (Jinan) mitgenommen.

Am Busbahnhof stellen Annemarie und ich uns vor die Übersichtskarte und überlegen, was wir morgen unternehmen wollen. Da kommt eine Frau auf mich zu, die mich mit lachendem Gesicht genau mustert. Sie schaut mich von oben bis unten an und deutet auf meinen Oberarm. Ich finde ihr Verhalten etwas merkwürdig, doch dann merke ich plötzlich, dass sie meint, sie würde mir nur bis zum Arm gehen und ich wäre sehr viel größer als sie. Zum Spaß recke ich mich ein wenig und stelle mich auf die Zehenspitzen. Sie will sich schier ausschütten vor Lachen. Mit funkelnden Augen und vielen Gesten erzählt sie dann den Leuten in der Halle, weshalb sie so lachen musste.

Dies war ein Tag nach meinem Geschmack. Ich hätte alle Koreaner knutschen können, so sehr haben diese kleinen Erlebnisse mir gezeigt, wie gerne ich in Korea bin.

In einer Nebengasse von Jinan. Wahrscheinlich sieht das heute schon lange nicht mehr so aus.

In einer Nebengasse von Jinan. Wahrscheinlich sieht das heute schon lange nicht mehr so aus.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorhergegangenen Etappe: 31.07.1991 Reisegeschichten aus Südkorea

Zur nächsten Etappe: 12.08.1991 Das Ende einer Freundschaft

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