Das erste Mal: Frustration im Tempel

In Ergänzung zu meinem Artikel: Ich verneige mich drei Mal

Auf meiner ersten Reise nach China 1987 hatte ich ein Erlebnis, das mich zutiefst verunsicherte. Damals hatte ich noch kaum Ahnung, was Buddhismus bedeutet, war sehr in meinem christlichen Glauben verhaftet und fand all die goldenen Statuen in den chinesischen Tempeln sehr exotisch und fremd. Es gab wenige ausländische Touristen, schon gar nicht welche, die sich ernsthaft mit Buddhismus auseinandergesetzt hatten.

Aus meinem Reisetagebuch: 04.11.1987 Chengdu

Mit Anita gehe ich noch einmal zum Wenshu-Tempel, wo wir um 17:00 Uhr die Andacht verfolgen möchten, die dann laut unserem Reiseführer stattfindet. Wir haben beide das Gefühl, dass wir irgendwie unsere Dankbarkeit zeigen müssen, dass wir die halsbrecherischen Busfahrten der letzten Tage (Von der Angst unterwegs: „Schlechte Straßen und tiefe Schluchten“ und „Alles wird gut“) so gut überstanden haben.
In Deutschland wären wir wohl in eine Kirche gegangen und hätten Kerzen angezündet. Doch hier in Chengdu kennen wir keine Kirche, also soll uns der Tempel auch reichen.

Chengdu BuddhasVor dem Eingang des Wenshu-Tempels kaufen wir in einem der zahlreichen bunten Läden ein dickes Bündel Räucherstäbchen. Dann gehen wir feierlich von einem Gebäude zum anderen und zünden die Stäbchen an. Eine freundliche Chinesin hilft uns dabei und erklärt uns auf Englisch, wie wir es richtig machen: man nimmt immer drei Stäbchen und zündet sie an den vorhandenen Kerzen an. Dann steckt man sie unter Verbeugungen in die mit Sand gefüllten Bronzekessel. Nachdem wir überall unsere Räucherstäbchen angezündet haben, bleiben etliche übrig, die wir auf einen Altar legen.

Mittlerweile haben alle Touristen die Anlage verlassen. Der Tempel wirkt etwas düster mit seinen alten Balken und dunklen Dächern. Nur einige alte Frauen sitzen noch auf den Bänken im Hof und warten auf den Beginn der Meditation. Um 17:30 Uhr fängt sie an. Es handelt sich um eine Art buddhistischer Gottesdienst. Die Gläubigen sind fast ausschliesslich die älteren Frauen. In der ersten Reihe beim Altar hocken die Mönche in ihren braunen Gewändern. Die Zeremonie besteht aus monotonen Gesängen und Verbeugungen. Wir halten uns im Hintergrund. Trotzdem sehen ein paar Frauen immer wieder ärgerlich zu uns herüber.

Chengdu KissenFasziniert stehe ich da, lausche den Gebeten und versuche, ein Gefühl von Gottesdienst in mir aufkommen zu lassen. Nur kann ich mich nicht überwinden, an den Verbeugungen teilzunehmen. Anita dagegen reiht sich bald in die Reihe der Frauen ein und macht die Verbeugungen mit. Da erheben sich die Möcnhe und fangen an, feierlich um den Altar zu wandeln. Anita hinterher. Plötzlich stehe ich im Weg. Ich weiss nicht wohin, versuche auszuweichen, presse mich mit dem Rücken an die Wand. Von den Frauen werde ich mit bösen Gesichtern zurückgescheucht.

Fluchtartig verlasse ich die Halle. Ich bin enttäuscht, total frustriert. Der Hof ist menschenleer. Ich setze mich auf eine Bank und heule los. Deutlich fühle ich meine Erschöpfung. Die Hilflosigkeit, mit der man in China so vielen unverständlichen Ereignissen gegenübersteht, überwältigt mich. Schliesslich wollte ich ja diesmal nicht staunender Tourist sondern Teilnehmer an einem Gottesdienst sein. Doch ich bin und bleibe Tourist und werde auch als solcher erkannt. Woher hätten die Frauen auch wissen können, was ich wollte, wo ich doch nicht in der Lage war, die einfachen Riten zu befolgen? Ich heule und kann gar nicht mehr aufhören. Anita hat sich nicht vertreiben lassen. Als sie endlich aus der Halle kommt, weil die Meditation beendet ist, habe ich mich etwas beruhigt. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

Heute scheint sich viel geändert zu haben: Der Wenshu-Tempel ist ein sehr lebendiger, heller und bunter Tempel, die zahlreichen Gläubigen begegnen den Touristen offen und freundlich. Ich gehe immer wieder gerne in die Tempel, verneige mich vor den Mönchen, murmele mein “Amituo-Fu” und nutze auch schon mal die Gelegenheit, mich  auf die bunten Kissen zu knien und mich in tiefer Ehrfurcht vor den Buddha-Statuen zu verbeugen. Eine kurze Meditation in einer ruhigen Ecke lässt mich in den unglaublich großen und quirligen Städten Chinas ein wenig zur Ruhe kommen.

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