21.08.1991 Ratten, Fernsehen und mehr aus dem Backpacker-Alltag

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Seoul Königspalast

Unterkünfte in Korea, ein Glücksspiel
Vom guten Schlaf und einer bequemen, nicht zu weichen Matratze hängt bei mir auch der Spaß am Reisen ab. Südkorea hat mir da die unterschiedlichsten Möglichkeiten geboten: Das einfache Hostel von Mr Kwon war eigentlich wenig geeignet für einen gesunden Schlaf. Aber die vielen Begegnungen mit anderen Backpackern wogen die dünne Matrtatze und das Zusammenleben mit Hunderten von Ameisen bei weitem auf. Danach waren die Unterkünfte ok bis gut. In Jinan war es laut, dreckig und ungemütlich. Das Zimmer bei der alten Frau am Unjusa war grenzwertig. Aber das Hotelchen in Gwangju toppt alles. Es wird mir klar, dass preiswerte Unterkünfte mangels Backpacker in Korea hauptsächlich als Stundenhotels und zur Versammlung der Männer zum Kartenspiel und Saufen dienen. Meine Reiselust ist deutlich getrübt. Lest selbst!

Aus meinem Reisetagebuch

14.08. – 16.08.91 Porno in Gwangju
Ich habe keine Lust mehr, ans Meer zu fahren, wie ich es ursprünglich vorhatte. Ich bin reisemüde, mag nicht mehr in lauten Hotels übernachten und stundenlang Bus fahren. Deshalb geht es heute nur bis Gwangju. Von hier aus will ich versuchen, mit dem Zug nach Seoul zu fahren.

Das Hotel, in dem ich in Gwangju wohne, ist die übliche preiswerte Absteige. Ich will mich eigentlich am Nachmittag nur ausruhen. Aber im Nachbarzimmer ist lauter Krach von irgendwelchen Kartenspielern und auch sonst herrscht ein ständiges Kommen und Gehen.

Ich habe zur Abwechslung mal einen kleinen Schwarzweiß-Fernseher im Zimmer, den ich aus lauter Langeweile einschalte. Zu meinem allergrößten Erstaunen sehe ich einen koreanischen Softporno ablaufen. Neugierig lasse ich den Fernseher laufen. Die Männer sind übrigens auch in den heißesten Phasen vollständig mit einem Anzug bekleidet. Die Frauen sind natürlich nackt. Na ja, jetzt weiß ich mit letzter Gewissheit, was für ein Hotel dies ist.

Ich habe so die Nase voll! Es scheint hier niemandem möglich zu sein, eine Tür ohne großen Knall zu schließen. Fernseher werden grundsätzlich auf volle Lautsstärke gestellt. Und wie ein Mann es in Plastiklatschen fertig bringt, beim Gehen einen Lärm wie eine ganze Elefantenherde zu machen, werde ich auch nie verstehen!

Mein Versuch, am nächsten Tag das Nationalmuseum in Gwangju zu finden, schlägt fehl. Ich wandere endlos an einer staubigen Straße entlang. Die Sonne scheint. Ich habe Durst, fühle mich nach 1 ½ Stunden erschöpft und kehre um. Mal sehen, ob ich morgen nach Seoul fahren kann! Doch am Bahnhof habe ich kein Glück. Die Ferien gehen zu Ende und die Züge sind für die nächsten Wochen ausgebucht. Hoffentlich bleibe ich nicht noch ein paar Tage hier stecken! Aber dann wird mir sicher noch was einfallen! Ich werde mein Glück bei den Bussen versuchen, die sehr oft am Tag nach Seoul fahren.

In den Nachrichten höre ich, dass es zurzeit Massendemonstrationen in Seoul gibt mit Straßenschlachten – toll! Im Süden ist die Cholera ausgebrochen – klasse! Und in Hongkong ist ein Boot im Taifun gesunken. Da macht Reisen doch so richtig Spaß!

Am nächsten Morgen fühle ich mich besser! Auch wenn ich noch nicht glaube, dass ich heute einen Platz im Bus nach Seoul bekomme, packe ich meinen Rucksack und gehe zum nahe gelegenen Busbahnhof. Das Beste für Reisende in Südkorea ist das System, mit dem die Busse abgefertigt werden. Sie fahren nicht nach einem starren Fahrplan, sondern – zumindest auf den beliebtesten Strecken – starten, sobald sie voll besetzt sind. Und so muss ich tatsächlich nur eine halbe Stunde warten, bis ich einen Platz in einem Bus nach Seoul habe. Also geht es weiter!

KyongjuBusZwischenbemerkung:
Alles wird besser, als ich endlich in Seoul ankomme. Natürlich tummeln sich hier die Backpacker. Es gibt wieder Post aus der Heimat und ein schönes Museum. Einiges war 1991 anders als heute: Südkorea unterhielt keine diplomatischen Beziehungen zur Volksrepublik China. Es hatte Taiwan als Staat anerkannt. Als Folge gab es keine direkten Verbindungen zum Beispiel nach Shanghai. Ich musste einen Umweg über Hongkong machen, um wieder nach China zu kommen. Das bot mir aber die Gelegenheit zu einem Stopp in Taipeh, wo das Palastmuseum mich lockte. Und Zeit hatte ich ja genug. Mittlerweile hatte ich so viel abgenommen, dass meine Hosen nur noch dank des Gürtels auf den Hüften hielten. Diesem Schlabberlook wollte ich unbedingt ein Ende machen!

Weiter geht’s mit Auszügen aus meinem Reisetagebuch:

16.08. – 28.08.91 Backpacker, Post und Ratten in Seoul, aber keine neue Hose
Nach einer schnellen Fahrt über die Autobahn komme ich am Nachmittag in Seoul an und finde in den Gassen in der Nähe des Königspalastes das Inn Daewon, das mir schon von vielen Reisenden empfohlen wurde.

Diese Pension, die überwiegend von westlichen Travellern frequentiert wird, die in Seoul Englisch unterrichten oder auf ihr Visum für Japan warten, wird von einem sehr netten Ehepaar geführt. Um einen kleinen Hof, in dem eine alte Couch steht, gruppieren sich die einfachen Zimmer. Es gibt Mehrbettzimmer und auch Schlafsäle. Alles ist ein wenig eng und dunkel. Aber die Couch auf dem Hof bietet einen idealen Platz, um in der Sonne zu sitzen, mit anderen Travellern zu klönen und auch mal einfach nur abzuhängen.

Natürlich führt mich mein erster Weg in Seoul zum General Post Office. Ich habe ganz viel Post: 8 Briefe. Als ich dann abends auf der Couch sitze und meine Briefe lese, spricht mich einer meiner Mitbewohner an: „Ah, du bist das also! Ich habe mich schon gewundert, wer so viel Post bekommt!“ Die Briefe werden nämlich im Postamt nur in einem großen Karton aufbewahrt, den dann jeder Traveller, der Post erwartet, durchforsten kann. Ich stehe mit meinen Briefen im Mittelpunkt und ernte neidische Blicke.

Seoul TorDie Luft in Seoul ist heiß und feucht. Ich kann kaum schlafen. Die Ameisen sind auch da. Sind sie mitgekommen oder sind sie hier zu Hause? Aber es gibt ja eine heiße Dusche, mit der man sich vom Schweiß säubern kann, und nebenan ein koreanisches Badehaus. Das gleicht den japanischen Bädern, mit ganz heißem Wasser. Auch eine Sauna ist vorhanden. Trotz des sowieso warmen Wetters ist die Sauna eine richtige Erfrischung. Wohlig drehe ich mich im warmen Wasser und genieße es, so völlig sauber zu sein.

Ich nutze die ersten Tage zum Briefe schreiben und Wäsche waschen. Alle zwei Tage gehe ich zur Post, wo natürlich nicht mehr jedes Mal Massen von Briefen auf mich warten. Dann mache ich den Versuch, mir eine Hose zu kaufen. Ich weiß auch ganz genau, was ich haben will: eine mit Blümchen – die finde ich hier in Korea so schön. Mir hat jemand einen großen Kleidermarkt empfohlen, wo ich mit dem Bus hinfahre. In der weiten Halle gehe ich von Stand zu Stand. Die Frauen, die Kleider verkaufen, gucken immer ganz erschrocken, wenn ich mich ihren Ständen nähere. Manche winken auch schon von weitem ab. Ich wirke anscheinend wie eine Riesin auf sie. Da kann man nichts machen. Eigentlich habe ich nicht das Gefühl, dass die Koreanerinnen so sehr viel kleiner als ich sind. Sie sind auch meistens nicht besonders zierlich sondern eher kompakt zu nennen. Für mich ist dieser vergebliche Versuch, eine Hose zu erwerben, ziemlich frustrierend.

Auf meinen Touren durch die Stadt, zur Post, zum Konsulat etc, mache ich mir einen Spaß daraus, den kürzesten Weg durch die unterirdischen Ladenpassagen zu finden. Unter der eigentlichen Stadt Seoul befindet sich noch eine ganz eigentümliche unterirdische Stadt. Dort kann man alles kaufen, was das Herz begehrt, und in den zahlreichen Restaurants etwas Leckeres essen. An manchen Stellen gibt es kleine Plätze, wo auch schon mal ein Springbrunnen plätschert. Die Luft ist hier unten wesentlich angenehmer als die schwüle, feuchte und verschmutzte Luft draußen, die mich mittlerweile mit einer Hitze-Allergie versorgt hat. Mein ganzer Oberkörper ist mit kleinen roten Pusteln übersät, die höllisch jucken. Leider kann ich deshalb nicht mehr das öffentliche Bad besuchen. In einer Apotheke kaufe ich mir Tabletten, die gegen die Allergie helfen sollen.

An einem Abend schlägt die Nachricht, dass Gorbatschow gestürzt worden sei, wie eine Bombe bei uns im Inn Daewon ein. Da ist es gut, dass ich den kleinen Weltempfänger habe und damit immer auf dem Laufenden bin. Nach ein paar Tagen höre ich die Nachricht, dass Gorbatschow wieder an der Macht ist. Eigentlich ist uns die große Weltpolitik hier im kleinen Inn Daewon ziemlich egal.

Das Inn Daewon ist ein Mikrokosmos mit Menschen allen Alters, die hier fern ihrer Heimat doch nicht ihre Probleme, Ansichten und Meinungen loslassen können. So entsteht ein Streit zwischen Grede aus Kanada und Calvin, dem Briten, von dem bald niemand mehr weiß, um was es ging. Aber Calvin und Grede sprechen nicht mehr miteinander. Die Jungs, die morgens im gebügelten, weißen Hemd und Krawatte zur Arbeit als Englischlehrer aufbrechen, erkenne ich abends manchmal nicht wieder, wenn sie in kurzer Hose und T-Shirt auf dem Sofa sitzen und Bier trinken. Und wenn das Bier mal alle ist, dann hat Mr. Kim, der Pensionswirt, immer noch ein geheimes Depot. Hier braucht niemand alleine zu sein. Immer finden sich einige Leute, mit denen ich gemeinsam essen gehen kann. Nur Grede scheint nicht in der Lage zu sein, wenige Schritte entfernt ein bestimmtes Restaurant wiederzufinden. Sie irrt stundenlang durch die schmalen Gassen der Altstadt. Jeder von uns macht sich Sorgen um sie, wenn sie abends nicht im Inn Daewon ist. Aber sie kommt doch immer zurück.

Seoul1Am Sonntag gehe ich in eine anglikanische Kirche zum Gottesdienst. Neben den Buddhisten sind die Christen die größte religiöse Gemeinschaft in Korea. An der Tür der anglikanischen Kathedrale wird mir von einem jungen Mann der Weg zu einem Seiteneingang gewiesen. Anscheinend gibt es auch einen Gottesdienst in englischer Sprache. Doch ich möchte lieber die koreanische Fassung hören. Ich finde es beeindruckend, dass hier mitten in dieser Großstadt viele Koreaner in ihrer Landestracht zum Gottesdienst gehen. Die Männer tragen helle Jacken und Pluderhosen, dazu einen steifen schwarzen Hut. Die Frauen sind in leuchtend bunte Kleider gewandet, die unterhalb der Brust mit einer großen Schleife gebunden sind. Von der koreanischen Predigt verstehe ich kein Wort, manches Kirchenlied kommt mir allerdings bekannt vor.

Nach dem Gottesdienst kehre ich zurück ins Inn Daewon, wo die anderen jetzt erst aufstehen. Ich unterhalte mich gerade sehr nett und zivilisiert mit dem Amerikaner Simon über Musicals, als mir zwei kleine bösartige Äuglein auffallen, die mich aus einer Ecke des Hofs anstarren: eine Ratte!! Ich bin ganz fasziniert davon, wie sie so still dasitzt und mich anguckt. Dann mache ich eine Bemerkung darüber zu Simon, der aus dem Stand heraus 2 Meter über den Hof springt und sich fürchterlich darüber aufregt, dass ich so ruhig bleibe. Auch Mrs Kim findet es gar nicht lustig, dass sich in ihrem Haus eine Ratte herumtreibt. Mit ihrem Besen erreicht sie allerdings nur, dass die Ratte unter der Treppe verschwindet und nicht mehr gesehen wird. Wahrscheinlich ist die Ratte krank, denn sonst würde sie nicht am hellen Tag rumlaufen.

Auch wenn Frau Kim immer wieder davon gesprochen hat, dass die Gegend um das Inn Daewon bald modernen Hochhäusern weichen muss und sie dann am liebsten nach Kanada auswandern möchte: Es gibt das Inn Daewon noch. An anderer Stelle und anscheinend immer noch sehr beliebt bei Backpackern. Anscheinend gibt es keine Homepage. Einfach mal googeln!

Zum Anfang meiner Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorgegangenen Etappe: 12. – 14.08.1991 Das geheimnisvolle Tal des Unju-Sa

Zur nächsten Etappe: X28.08. – 01.09.1991 Taipeh: Essen, Museum und Smog

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