Die Zeit vor dem großen Aufbruch 1991

1990 fasste ich den Entschluss, auf Große Reise zu gehen. 1991 ging es los! Davor war so einiges zu erledigen und zu bedenken, zu planen und vorzubereiten. Manches war ganz einfach, manches wurde überraschend kompliziert. Mein Reisetagebuch beginnt mit den Fragen und Bedenken meiner Freunde und Kollegen. 

Warum?

„Hast du keine Angst?“

„Was machst du, wenn du krank wirst (überfallen wirst, dich verirrst, mutterseelenallein irgendwo stehst und nicht mehr weiterkommst, das Geld ausgeht)?“

„Warum fährst du allein?“

„Wie regelst du deine Geldangelegenheiten?“

„Wie willst du dich verständigen in Ländern, deren Sprache du nicht sprechen kannst?“

Horrorszenarien wurden mir immer wieder von meinen Freunden (meine Eltern, vor allem meine Mutter, waren sehr viel entspannter) ausgemalt. Und am Ende aller Diskussionen kam unfehlbar der Satz:

„Ich bewundere dich!“ oder

„Dass du den Mut dazu hast!!“

Mit meinem Blog habe ich nun die Gelegenheit, diese Fragen und Statements ausführlich zu beantworten. Ich möchte zeigen, dass ich nicht mutiger oder abenteuerlustiger bin als meine Nachbarn und die Leute, die mich so bewundern. Ich möchte auch zeigen, dass so eine Reise weder gefährlich noch teuer sein muss.

Ein weiterer Aspekt: wie war das damals, als es weder Internet noch Handys gab? Auch stand nicht ein Geldautomat an jeder Ecke. War es damals einfacher oder schwieriger zu reisen? Seht selbst!

Aus meinem Tagebuch:

Angst vor dem Reisen ohne Organisation, ohne Gruppe hatte ich nicht. Schon vor meinem großen Aufbruch bin ich in meinem Jahresurlaub mit dem Rucksack durch Asien gereist. Ich war auf eigene Faust in Sri Lanka, Thailand und China. Warum sollte ich nicht aus einem vierwöchigen Urlaub eine mehrere Monate dauernde Reise machen? Der einzige Unterschied war die Dauer. Mit ein wenig Organisation konnte ich das ohne weiteres schaffen.

Meine Vorbereitungen für die „Große Reise“ waren gründlich und umfassend: Glücklicherweise fand ich eine preisgünstige Krankenversicherung für die voraussichtliche Reisezeit von 1 bis 2 Jahren. Auch eine Unfallversicherung war mir wichtig. Um nicht mein ganzes Geld von Anfang an dabei haben zu müssen, besorgte ich mir über meinen Vater eine American Express-Kreditkarte. Damit konnte ich mir überall in den großen Städten problemlos Nachschub an Reiseschecks* besorgen. Meinem Vater erteilte ich Kontovollmacht. Das gab mir die Sicherheit, dass im Notfall jemand, der mein volles Vertrauen besaß, an mein Konto konnte. Und mein Vater hatte die Übersicht, wie viel Geld ich ausgab, was ihn seinerseits beruhigte.

Tagelang war ich bei verschiedenen Ärzten, um mich auf „Herz und Nieren“ prüfen zu lassen. Auch meine Zähne ließ ich generalüberholen, denn ich hatte keine Lust, irgendwo in China zu einem einheimischen Zahnarzt gehen zu müssen, womöglich noch einem mit Tretbohrer und riesiger Zange!

Und teuer? Nein, teuer war meine Reise bestimmt nicht! Für alles zusammen, eingeschlossen meine Fahrkarte für die Transsibirische Eisenbahn, der Japan Rail Pass, sämtliche Versicherungen habe ich in 18 Monaten ungefähr 20.000,- DM ausgegeben. Andere Leute geben das Geld für ein Auto oder eine Wohnungseinrichtung aus. Ich wäre sogar mit noch viel weniger Geld ausgekommen oder hätte länger unterwegs sein können, wenn ich nicht nach Japan und Südkorea gegangen wäre. Die drei Monate in diesen Ländern haben mich rund 6000,- DM gekostet, obwohl ich dort sehr bescheiden gelebt habe. Doch ich wollte unbedingt dorthin und ich habe es nicht bereut.

Mut gehörte allenfalls dazu, in Anbetracht der wirtschaftlichen Situation in Deutschland (1991) kurz nach der Wende einen sicheren Arbeitsplatz und eine schöne, preiswerte Wohnung aufzugeben. Nun, das Kündigen meines Jobs wurde mir durch Mobbing und ein schlimmes Arbeitsklima leicht gemacht. Neue Kollegen aus Süddeutschland hatten Schwierigkeiten, sich im Norden einzuleben. Sie akzeptierten auch nicht, dass wir Alteingessenen hier schon über Freunde und ein soziales Umfeld verfügten, so dass wir unsere freien Abende nicht immer mit ihnen verbringen wollten. Leider saßen zwei von den Neuen an entscheidenden Stellen.

Ich wäre sicher nicht aufgebrochen, hätte ich eine Arbeit gehabt, die mir Spaß machte, und Kollegen, mit denen ich besser zurechtgekommen wäre. Da ich eine gute Ausbildung habe und bei einer angesehenen Firma gearbeitet hatte, machte ich mir keine Sorgen darüber, dass ich nach meiner Rückkehr Probleme haben würde, eine Stelle zu finden. Wer weiß, ob ich nicht unterwegs eine interessante Aufgabe fand!?

Meine Wohnung aufzugeben oder nicht, war eine Frage der Vernunft. Ich wollte mich unabhängig machen von örtlichen Bindungen und irdischen Besitztümern. Ich wollte nicht zurückkehren müssen, sondern zurückkehren können. Ich wollte frei sein für den Fall, dass es mir irgendwo unterwegs gefiel und ich dort bleiben wollte. Oder für den Fall, dass ich in einer anderen deutschen Stadt eine Arbeit finden sollte. Als ich meine Möbel verkaufte oder wegschmiss, lernte ich, mich von Dingen zu trennen. Nur von meinen Büchern konnte ich mich nicht lösen. Bücher und Diasammlung sowie ein wenig anderer Schnickschnack wurden in Kisten und Kartons bei meinen Eltern eingelagert.

Von meinen Freunden erhielt ich sehr viel Unterstützung. Manche unkten, ich würde jetzt merken, wer meine wahren Freunde sind, und dass einige Freundschaften auf der Strecke bleiben würden. Ich bin glücklich, heute sagen zu können, dass ich nicht nur alle meine Freunde behalten habe, sondern auch etliche neue Freunde dazu gewonnen habe.

Damit bin ich beim „alleine“ reisen.** Ich war während der 18 Monate meiner Reise so selten alleine, dass ich mich manchmal nach Einsamkeit oder Privatsphäre gesehnt habe. Wenn man in Schlafsälen übernachtet oder tagelang im Zug unterwegs ist, lernt man manchmal mehr Menschen kennen, als einem lieb ist. Wegen meiner Reiserfahrung und meinem Alter (35/36) schlossen sich mir gerne Leute an, die wesentlich unselbständiger und jünger waren als ich. Das kann ziemlich lästig werden. Das Durchschnittsalter der Traveller in Asien beträgt ungefähr 22 Jahre (1991). Es sind mehr Frauen als Männer unterwegs. Ich habe selten Menschen meines Alters (damals 35 Jahre alt) getroffen.

Mit der Zeit bin ich immer bewusster alleine gereist. Ich habe mir, wenn es finanziell möglich war, gerne ein Einzelzimmer geleistet. Wenn ich aber lange nicht mehr auf andere Westler getroffen war, bin ich in Orte gefahren, die bekannt dafür sind, dass dort viele Traveller sein würden: z.B. Dali und Yangshuo in China. Mir genügte es, tagsüber alleine meine Besichtigungen durchzuziehen und abends in einem netten Restaurant mit anderen Reisenden zusammenzutreffen und zu reden. Hin und wieder bin ich eine Zeitlang mit jemandem zusammen gereist, aber nie länger als 5 Wochen.

Die Zeit vor dem großen Aufbruch

Die letzten 3 Monate vor meiner Abreise waren der reinste Alptraum:

Seitdem ich gekündigt hatte, gönnten mir meine lieben Kolleginnen nicht mehr das Schwarze unterm Nagel. Neid zerfraß sie, denn ich hatte nicht nur gekündigt, sondern mich für unabhängig von der Arbeitstretmühle erklärt. Ich wollte „aussteigen“ und die nächsten Monate oder  möglicherweise sogar Jahre auf Reisen in Fernost verbringen!

Der Golfkrieg (1991) machte sich auch bei uns, einem kleinen Reiseveranstalter, durch mangelnde Aufträge bemerkbar. Das war aber sicher nicht Grund genug, zum Chef zu laufen und zu behaupten: „Die Heckern tut nichts mehr, die hat keine Lust mehr!“ Als ich Anfang März noch eine schwere Grippe bekam, wäre ich beinahe nicht zum Arzt gegangen, nur damit keiner behaupten konnte, ich würde nur vorgeben, krank zu sein. Nachdem ich aber fast im Büro zusammengebrochen bin, war jeder vom Ernst meiner Krankheit überzeugt und ich konnte mich eine Woche ins Bett legen.

Na ja, der Golfkrieg hatte natürlich auch seinen Einfluss auf meine Gemütslage. Schließlich gab es sogar Leute, die den baldigen Ausbruch eines 3. Weltkrieges voraussagten. Meine lange geplante Reise schien auf der Kippe zu stehen.

Meine Freundin Geli brach bei der bloßen Erwähnung meiner Pläne in Tränen aus. Ich ging mit meinen Nerven auf dem Zahnfleisch. Nebenbei musste ich Berge von Verwaltungskram erledigen: die Wohnung kündigen (mein Vermieter kam Wochen nach der Kündigung auf die Idee, dass ich die Fristen nicht eingehalten hätte. Dem hab’ ich was erzählt!) Meine gesammelten Versicherungen kündigen. Auch hier gab es Probleme mit Fristen etc., Visa beantragen, neue Versicherungen abschließen (welche Auslandskrankenversicherung ist am preiswertesten?!)… Mein Hausrat musste verkauft, verschenkt, verpackt und eingelagert oder weggeschmissen werden. Wochenlang war ich bei verschiedenen Ärzten für einen gründlichen Gesundheitsscheck.

Zum Schluss war meine Wohnung leer und ich am Ende meiner Kräfte. Ich wohnte die letzte Woche bei Geli, die ein paar Tage verreist war. In diesen Tagen war ich entweder am heulen oder betrunken. Aber mein Rucksack war gepackt.

Dieser Rucksack! Ich hatte viel zu viel in ihn hineingequetscht. Dreimal hatte ich alles sorgfältig ein- und  wieder ausgepackt. Ich war mir mittlerweile bei jedem Stück sicher, dass ich das auch wirklich brauchte: 2 schwere Jeans, 1 leichte Hose, 2 Pullover, 1 Sweatshirt, 1 Strickjacke… vieles war austauschbar, wie ich später merkte. Der Rucksack wog weit über 20 Kg. Doch was soll’s? Ich entschied mich, erst mal alles mitzunehmen, denn in Russland musste ich mit winterlichen Temperaturen rechnen und damit, dass ich während der langen Zugfahrt nichts waschen kann. In China würde es dann bald warm sein.

Weiter geht es hier: 06.04.1991 – Es geht los!

Anmerkungen:

* In den 1990er Jahren gab es noch keine Geldautomaten. Das beliebteste, bequemste und sicherste Reisezahlungsmittel waren Reiseschecks

** Mehr zum Alleinreisen: Alleine, mit dem Rucksack

8 Kommentare

  • Ich hatte über 40 Jahre lang immer Reiseschecks dabei.
    Meine Kinder wissen gar nicht, was ein Reisescheck ist bzw. war.

  • Das liest sich ja spannend, aber auch anstrengend… bin schon neugierig auf mehr.
    LG, Petra

  • Krass wie extrem emotional das vor deiner Reise war!
    Wenn ich das so lese, würde ich sagen, dass der Stress hauptsächlich durch die anderen Leute entstanden ist, oder?

    Ich wollte mich unabhängig machen von örtlichen Bindungen und irdischen Besitztümern. Ich wollte nicht zurückkehren müssen, sondern zurückkehren können. Ich wollte frei sein für den Fall, dass es mir irgendwo unterwegs gefiel und ich dort bleiben wollte. Oder für den Fall, dass ich in einer anderen deutschen Stadt eine Arbeit finden sollte. Als ich meine Möbel verkaufte oder wegschmiss, lernte ich, mich von Dingen zu trennen.
    Sehr schön gesagt. Durch meinen Umzug kann ich das sehr gut nachvollziehen. Man lernt, wie wenig Besitztümer man tatsächlich braucht. Ich habe meinen Dingen zwar noch lange hinterhergetrauert, aber inzwischen schätze ich das Gefühl, zu wissen, dass im Notfall alle meine wichtigen Dinge in ein, zwei Koffer passen.

    • bambooblog

      Ja, der meiste Stress kam durch andere Leute. Aber das ist lange vergessen. heute haben sich meine Freunde daran gewöhnt, dass ich einfach so mit dem Rucksack unterwegs bin.
      Eigentlich wollte ich ja nie wieder viel Besitztum anhäufen. Und manchmal gucke ich mich in meiner Wohnung um und frage mich, ist das alles nötig? Nein, es ist nicht nötig. Doch das Umziehen in eine kleinere Wohnung würde mehr kosten als das bleiben. Und jedes Teil hat seine Geschichte. Aber ich schmeiße wohl immer noch mehr weg oder schaffe es mir gar nicht erst an als viele Andere.
      LG
      Ulrike

      • Ein Ausmist-Tipp, den ich immer wieder lese: Wenn der Gegenstand einen Wert hat (auch einen emotionalen), dann darf er bleiben. Wenn deine Teile also eine Geschichte haben, dann ist das schon okay so 😀

        Früher habe ich auch hemmungslos angehäuft, aber seit ich in Shanghai bin, bin ich viel bedachter geworden. Wenn mein Mann sagt: “Nimm ruhig zwei von den T-Shirts, die sind ja so billig.”, dann sage ich, dass ich ja schon so ein ähnliches daheim hab und kaufe gar keins. (Natürlich gibt es Tage, an denen das nicht funktioniert ;-))

      • bambooblog

        🙂 Meine große Schwäche sind Handtaschen. Aber ich habe mir angewöhnt, mit denen zu sprechen, bevor ich sie kaufe: “Brauche ich Dich wirklich?” Dann kaufe ich meistens nicht 😉

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