Von der Angst unterwegs – Wo ist mein Gepäck?

Rucksack

Fertig gepackt! Kurz vor meinem Aufbruch 1991

Eine meiner größten Sorgen unterwegs galt immer meinem Gepäck. Egal, ob eine Woche, einen Monat, ein Jahr – mein Besitz beschränkt sich auf den Inhalt meines 60l-Rucksacks, also rund 20kg Bekleidung und Gedöns, sowie einen Tagesrucksack. Was tun, wenn ein Teil davon verschwindet? Gestohlen wird? Zerstört wird?

Allenthalben wird das Loslassen, die Besitzlosigkeit, derMinimalismus gepriesen. Doch ernsthaft und radikal wollte ich das nie ausprobieren. Ich fand, dass mein Rucksack schon das Geringste an Besitz war, das Minimum, das ich brauchte, auf das ich nicht verzichten wollte.

 

Nur bis zu einem gewissen Grade macht der Besitz den Menschen unabhängiger, freier;
eine Stufe weiter – und der Besitz wird zum Herren, der Besitzer zum Sklaven.
Friedrich Wilhelm Nietzsche

Im Vergleich zu den kleinen Täschchen, die die Chinesen meistens unterwegs dabei haben, erscheint mein Rucksack immer wie der Hausstand eines Wanderarbeiters, nur die Rollmatratze fehlt. Trotzdem litt ich immer wieder unter der Horrorvorstellung, was wäre, wenn der Rucksack samt Inhalt verschwinden würde. Dann würde ich mir neue Kleidung beschaffen müssen, neue Schuhe ( In Asien für mich fast unmöglich, wahrscheinlich nur in der Herrenabteilung zu finden), neues Duschgel, neue Bücher… Hört sich gar nicht so dramatisch an?

Richtig, das wäre gar nicht so dramatisch gewesen. Denn die wirklich wichtigen Dinge habe ich unterwegs bei langen Bus- und Eisenbahnfahrten oder Flügen immer im Tagesrucksack, immer bei mir. Die wirklich wichtigen Dinge sind für mich neben Pass und Portemonnaie meine Tagebücher, meine Kamera, meine Medikamente. Heute kämen da natürlich noch Handy und Tablet hinzu.

Wie war das nun unterwegs? Damals, in den 1980er und 1990er Jahren, als ich ausgedehnte Reisen mit dem Rucksack machte und für einige Zeit ein nomadisches Leben führte?

Ich habe für lange Überlandfahrten immer darauf geachtet, dass die für mich unverzichtbaren Sachen im Tagesrucksack waren. Den kleinen, meist prall gefüllten Rucksack nahm ich als Kopfkissen in der Nacht, als Stütze auf dem Schoß tagsüber. Automatisch gewöhnte ich mich daran, immer mehr oder weniger Körperkontakt zu ihm zu haben.

Von meinem großen Rucksack musste ich mich hin und wieder trennen. Dann verschwand er im Inneren eines Busses oder auch schon mal auf dem Dach. Immer schien in solchen Situationen eine Stimme mir zuzuflüstern: „Du wirst Deinen Rucksack nie wieder sehen!“ Aber ich sah ihn immer wieder, freute mich an dem Gefühl, wenn ich das Gewicht auf meinen Rücken hob.

Irgendwann während meiner großen Reise schaffte ich mir eine dünne Kette an. Sicherlich kein wirkliches Hindernis für einen ernsthaften Dieb, doch immerhin eine Hemmschwelle. Mit der Kette konnte ich den Rucksack am Gepäckrack in den Zügen in China anschließen oder auf dem Dach des Busses in Kathmandu befestigen. Nicht, dass ich letzteres je selbst gemacht habe, dazu hatte ich viel zu viel Angst davor, auf das Dach eines Busses zu klettern!

In Kathmandu habe ich damals zwei junge Deutsche getroffen, die sich bitterlich beklagten, dass ihnen Pässe und Tickets aus dem Tagesrucksack gestohlen wurden. Sie waren it dem Bus unterwegs in der Stadt gewesen, als jemand ihre Rucksäcke, die sie auf dem Rücken trugen, aufschnitt und die Dokumente, die ganz obenauf lagen, stahlen. Zwei Lehren gibt es, die ich daraus gezogen habe: In vollen Bussen gehört der Tagesrucksack nach vorne auf die Brust! Und: Tickets und Pässe niemals ganz oben einpacken! Wenn man die nicht im Geldgurt direkt am Körper tragen will, so gehören diese Papiere ganz tief im Inneren des Rucksacks vergraben.

Im Nachtzug in Indien habe ich mein kurzes Bett mit meinem großen Rucksack geteilt. Nicht bequem, aber es gab sonst keinen sicheren Platz für ihn. Genial die Hostels, deren Schlafsäle Betten bieten, die auch für den Rucksack Platz haben! Gesehen und erlebt unter anderem in Japan.

Die Sorge um das Gepäck ist mir bald in Fleisch und Blut übergegangen. Ich machte mir irgendwann keine großen Gedanken mehr darum. Automatisch suchte und fand ich den sichersten Platz für mein Zeug, nutzte Vorhängeschloss und Kette und vertraute darauf, dass meine Mitreisenden statistisch gesehen überwiegend ehrliche freundliche Menschen waren.

Wenn man dann mal zur Toilette muss oder sonstwie kurz sein Gepäck verlassen muss, ist es gut, wenn man vorher eine freundliche Beziehung zu seinen Mitreisenden aufgebaut hat. Eine ältere Frau kann man in China mit einem freundlichen Kopfnicken zum Gepäck hin, darum bitten, drauf aufzupassen. Oder den netten Herrn, mit dem man sich auf Englisch unterhalten hat. Oder auch andere Backpacker, denen man vertraut.

Außerdem habe ich anscheinend einen speziellen Sensor entwickelt, der mir auch im tiefsten Schlaf anzeigt, wenn sich jemand meinem Bett nähert. Ich fühle es, wenn jemand in meine Sicherheitszone eindringt und bin dann sofort wach. Es kann allerdings auch passieren, dass ich zuerst laut schreie und dann erst meine Augen öffne. Nein, das ist nicht lustig in einem vollen Schlafsaal!

Heute ziehe ich Einzelzimmer dem Schlafsaal vor. Doch auch hier sollte man daran denken, dass so ein Zimmer kein Tresor ist. Wenn ich mein Zimmer verlasse, dann nie ohne zumindest meinen Reisepass und mein Geld sowie die Kreditkarte mitzunehmen.

Immer noch mein Standard-Gepäck: Im Hostel in Pingyao 2009

Immer noch mein Standard-Gepäck: Im Hostel in Pingyao 2009

Zusammenfassung:

  • Wichtige, unverzichtbare Sachen gehören in den Tagesrucksack (oder den Hotelsafe)
  • Den Tagesrucksack sollte man immer in Griffweite haben
  • Eine Kette bietet ein wenig Sicherheit

Die allermeisten Menschen sind KEINE Diebe!

Mehr zum Thema Sicherheit unterwegs findet Ihr hier: 10mal Sicherheit für unterwegs

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Eurem Gepäck gemacht? Habt Ihr noch einen besonderen Tipp?

11 Kommentare

  • Pingback: 10mal Sicherheit für unterwegs

  • Low

    Wenn wir zu zweit unterwegs sind, verteilen wir wichtige Sachen auf zwei Koffer, eventuell Handgepäck. Wenn ein Gepäckstück nicht ankommt, bleibt der Schaden begrenzt.

  • Habe in meiner Jugend mal nen Taschendieb kennengelernt, der mir überzeugend geraten hat, den Geldbeutel NIE in der Gesäßtasche meiner Jeans aufzubewahren. An diesen Rat halte ich mich noch heute.

  • Sarah ツ

    Sehr schöner Beitrag! Viele denken vermutlich gar nicht darüber nach, dass auch Dinge aus dem Zimmer geklaut werden könnten. Wenn ich im Zug bin, dann suche ich mir oft gezielt ältere Leute aus und bitte sie, auf meine Sachen kurz aufzupassen. Meistens ergibt sich daraus dann noch ein nettes Gespräch 🙂

    Man sagt mir nach, ich hätte auch hinten im Kopf Augen. Mir ist noch nie etwas geklaut worden (*auf Holz klopf*), obwohl ich zuweilen viel in vollen Straßenbahnen unterwegs bin.

    Viele Grüße

    Sarah

    • bambooblog

      Sarah, ja, genauso geht es mir auch! Mir ist noch nichts geklaut worden, außer einmal mein Schweizer Taschenmesser. Und da war ich einfach unvorsichtig gewesen. Diese “Augen hinten im Kopf! sind äußerst nützlich.
      LG
      Ulrike

  • Schön erklärt und bestimmt sehr informativ für andere Reisende, liebe Ulrike. Da wir niemals mit Rucksack unterwegs sind und immer bei Freunden und Verwandten übernachten, habe ich kaum Tipps. Außer für Flughäfen und Bahnhöfe. Aber mir stiehlt so schnell niemand mein Handgepäck. Man(n) darf es gern versuchen 😉

  • Ich finde das Thema “Besitz und Freiheit” immer sehr interessant. Es geht ja dann direkt in “Anhaftung” über. Na, du weißt ja 🙂 aber im Fall einer Reise geht es ja nicht nur darum sondern man macht sich ja Gedanken über Dinge, die wirklich nur unter großen Schwierigkeiten zu ersetzen sind: Ausweispapiere, Medikamente ….

    • bambooblog

      Ja, richtig. Ich bin gar nicht für zuviel Besitztum. Aber es sammelt sich einfach immer wieder was an. Und dann werf ich schon aus Respekt vor dem Geber nichts weg. Unterwegs hab ich dann wirklich nur das Nötigste dabei. Und: es geht für mich auch ganz ernsthaft um das Problem, im worst case, Schuhe oder Hosen in meiner Größe zu bekommen. 😉

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