10. – 12.09.1991 Shanghai: Bedbugs und Japaner

Zurück in China muss ich mich wieder mit so einigen Schwierigkeiten rumschlagen. Nach Japan, Südkorea und Taiwan ist China anfangs erneut gewöhnungsbedürftig. Ich muss so einige Widerstände meistern. Als erstes merke ich, dass ich auf der Fähre nach Kanton nicht ganz alleine in meinem Bett war. In den darauf folgenden Tagen entwickeln sich meistens im Bereich der Gelenke kleine juckende Pusteln. Wanzen, auf Englisch Bedbugs! Doch ich erfahre auch, dass Wanzen ihre heimischen Betten lieben und ungern mit auf Wanderschaft gehen. Die Pusteln verschwinden schnell wieder. Keine der Wanzen ist mitgekommen nach Shanghai. Lustiges Traveler-Leben! Lest selbst und denkt dran, das war 1991!

Aus meinem Reisetagebuch:

Hardsleeper ichIm Zug nach Shanghai gibt es weit und breit keine Europäer. Ich habe ein mittleres Bett mitten unter Chinesen. Vielleicht liegt es daran, dass ich nun doch meine Tage bekommen habe, dass ich so schlecht gelaunt bin. Die Chinesen gehen mir fürchterlich auf die Nerven! Überall wird gespuckt und gerotzt. Ein reichlich angeheiterter rotgesichtiger Mann bietet mir nicht nur einen Schluck aus seiner Schnapsflasche an, sondern fordert mich auf, von seinen mitgebrachten Vorräten zu kosten: gekochte Hühnerfüße! Als ich ablehne, fragt er mich in bestem Englisch: „How old are you?“ Als ich antworte: “36“ sagt er doch tatsächlich: „You look very much younger than your age!“ Erst fühle ich mich geschmeichelt von diesem Kompliment. Doch bald merke ich, dass dies die einzigen englischen Sätze sind, die er spricht. Ob er versteht, was er da sagt?! Seine Kumpel im Nachbarabteil lachen sich halb tot. Einer macht mir durch Zeichen verständlich, dass er seinen Freund für einen blöden Affen hält. Dadurch lerne ich ein weiteres Wort auf Chinesisch: Houzi – Affe.

Je länger die Bahnfahrt dauert, desto mehr freue ich mich auf eine heiße Dusche. Ich fühle mich verschwitzt und dreckig. Außerdem juckt es mich am ganzen Körper. An den Arm- und Kniegelenken habe ich lauter kleine rote Pusteln. Wahrscheinlich sind auf dem Schiff Wanzen über mich hergefallen! Hoffentlich begleiten mich die netten Tierchen nicht!

Nach mehr als 24 Stunden Bahnfahrt komme ich abends gegen 21:00 Uhr in Shanghai an. Ich erreiche zwar schnell das Pujiang-Hotel, aber es trifft mich nicht ganz unerwartet, dass das beliebte Hotel um diese Uhrzeit ausgebucht ist. Man nennt mir die Adresse eines anderen Hotels und erklärt mir, wie ich dorthin komme. Ich fahre mit dem Bus durch das nächtliche Shanghai. Müde und immer noch schlecht gelaunt. Draußen ist kaum ein Mensch unterwegs. Mir wird ein wenig unheimlich, weil ich gar keine Ahnung habe, wo ich bin. Ein junger Chinese hilft mir an der Endstation, das Hotel zu finden.

Es ist ein reines Chinesen-Hotel, in dem niemand Englisch spricht. Aber man ist darauf vorbereitet, dass manchmal Ausländer eintreffen, und gibt mir ein Bett im Schlafsaal des 3. Stocks. Als ich den Raum betrete, sehe ich 10 unordentliche Betten, die alle irgendwie belegt erscheinen. Ein junger Japaner, der auf seinem Bett döst, bedeutet mir, dass bis auf drei Betten alle anderen frei sind. Ich suche mir eins aus, lege meinen Rucksack ab, und gehe dann zur Zimmerfrau, die an einem Tresen bei der Treppe sitzt. Mit Zeichen und indem ich auf die sauberen Laken deute, die ich in dem Regal hinter ihr sehe, mache ich ihr klar, dass ich gerne frische Laken hätte. Widerwillig steht sie auf, nimmt die Bettwäsche und folgt mir schlurfend in den Schlafsaal. Nachdem ich sehe, dass sie tatsächlich anfängt, das Bett zu beziehen, gehe ich los und gucke, ob ich so spät noch etwas zu essen bekomme. Das Unternehmen bleibt leider erfolglos. Es ist bereits nach 22:00 Uhr. Da geht hier in China niemand mehr essen.

Als ich in den Schlafsaal zurückkehre, sind zwei weitere Betten von Japanerinnen belegt. Sie fragen mich in gebrochenem Englisch, wie ich es denn geschafft hätte, saubere Bettwäsche zu bekommen. Ihre Betten sind nämlich nicht frisch bezogen worden. Ich nehme die beiden Mädchen mit zur Rezeption im Erdgeschoss, denn die Zimmerfrau hat mittlerweile in weiser Voraussicht Feierabend gemacht. Nachdrücklich verlangen wir nach der Bettwäsche. Als man uns endlich versteht, sichert man uns zu, dass wir das gewünschte in einer halben Stunde erhalten. Mehr als diese Zeit vergeht, dann stehe ich wieder an der Rezeption. Man will uns erneut vertrösten. Jetzt haben sich auch zwei pakistanische Jungens aus einem anderen Schlafsaal zu uns gesellt, die gespannt sind, wie die Geschichte ausgehen wird, denn auch sie hatten keine saubere Bettwäsche. Ich verlange, den Hotel-Direktor zu sprechen. Da wir genügend Krawall im Foyer machen, kommen nun eine ganze Reihe neugierige und wichtige Männer, die mit uns hinauf zum Schlafsaal gehen. Ich habe das Gefühl, dass der Direktor noch nie hier oben gewesen ist. Er und seine Leute wirken ganz entsetzt beim Anblick der ungemachten Betten, der Zigarettenstummel auf dem Fußboden und dem allgemeinen Dreck. Aus dem ganzen Hotel werden die letzten sauberen Laken zusammengesucht und die Betten der Japaner frisch bezogen. Nachdem die Chinesen unter vielen Entschuldigungen abgezogen sind, werde ich von den Japanerinnen als Heldin gefeiert. Ich will aber nur noch schlafen. Es ist weit nach Mitternacht. Da die Dusche auch nicht sauberer aussieht als der Schlafsaal, verzichte ich schweren Herzens auf eine Generalreinigung und beschränke mich aufs Zähneputzen. Ich hoffe einfach darauf, dass ich am nächsten Morgen einen Platz im Pujiang-Hotel bekommen werde.Thank You!

Am nächsten Morgen wache ich erst auf, als die Japanerinnen schon abgereist sind. Sie haben mir einen netten Zettel auf meinen Rucksack gelegt, auf dem sie sich noch einmal bedanken. Jetzt wird es Zeit, dass ich zum Pujiang-Hotel komme, sonst sind die Betten alle belegt!

Die Busfahrt geht durch die alten Viertel der Französischen Konzession. Die Häuser sind nur zwei bis drei Stockwerke hoch und wirken sehr europäisch. Bunte Gemüseläden, Fahrradfahrer mit hochaufgetürmten Lasten, Lärm, Autos, Auspuffgase, Geschrei! Ich liebe dieses China!

Müde und ungewaschen erreiche ich schließlich das Pujiang-Hotel und treffe als erstes auf die Japanerinnen. Irgendwie bin ich wieder schneller als sie und erhalte bald ein Bett zugewiesen. Die beiden jungen Mädchen hatten nicht bemerkt, dass man sich an der Rezeption anmelden muss, um auf die Warteliste für ein freies Bett zu kommen. Ich erkläre es ihnen. Und so haben auch sie bald ihre Betten und sind glücklich.

Der Schlafsaal ist eine einzige Freude: saubere weiße Laken, ein abschließbarer Nachtschrank, heißes Wasser in der Dusche. Nur die Beleuchtung in der Dusche ist ziemlich trübe, aber das muss in China anscheinend so sein. Meine Tasche, die ich vor fast 3 Monaten im Gepäckraum abgegeben hatte, bekomme ich unversehrt zurück. Meine Laune steigert sich. Ich fühle mich schon fast zuhause und gehe als erstes zur Post

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 01.09. – 09.09.91 Hongkong – eine lange Hose und ein kurzer Job

Zur nächsten Etappe: 19. – 23.09.1991 Auf nach Ningbo!

Damals in Shanghai passierte auch das: Meine ersten Schriftzeichen

Ich war schon mal im Pujiang-Hotel: 11.05.1991 Ein schönes Hostel in Shanghai

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