Das wirklich große Abenteuer in Südchina

Sommer 1993, Semesterferien. Südchina, Provinz Guangxi. Im Bewusstsein, dass ich nun schon ein wenig Chinesisch sprach, war ich in Gegenden aufgebrochen, die damals in keinem Reiseführer beschrieben waren, nur ausgerüstet mit einem chinesischen Taschenatlas und ein paar vagen Vorstellungen von bunten Märkten, exotischen Minderheiten und fremden Landschaften.

Ein Erlebnis während dieser Reise verkörpert für mich bis heute, was Abenteuer für mich bedeutet.

Südchina

So stellt sich meine Route heute dar.

Ich war in Sanjiang und wollte nach Kaili. Lange hatte ich überlegt, wie ich nach Kaili komme. Per Bus und Straße schien es damals schier unmöglich. So gut das auf dem Bild aussieht, so ging das damals nicht. Von Sanjiang nach Congjiang gab es noch keine durchgehende Straße. Da hätte ich einen riesigen Umweg machen müssen. Aber: Es gibt einen Fluss, Duliu Jiang, und auf dem sollte ein regelmässiges Boot von einem kleinen Ort namens Fulu, dem Ende der Straße, bis nach Congjiang gehen. 40 Kilometer mit dem Schiff auf einem Fluss quer durch abgelegene Dörfer – das hörte sich spannend an!

Fulu, ein Dorf wie in einer anderen Welt

Ich fuhr also mit dem Bus nach Fulu. Rund 30 Kilometer. Die Straße war schlecht und die Fahrt durch grüne Hügel und eine wenig besiedelte Gegend schien ewig zu dauern. Unterwegs bekam ich Eindrücke von armer Bauernlandschaft. Einheimische liefen barfuß am Straßenrand, in einfachster Kleidung mit einem Strohhut. Auf dem Feld standen die Frauen und ernteten tief gebückt Reis. Mit den bloßen Händen! Sie verfügten nicht über eine Sichel oder ein Messer. Fast fühlte ich mich als Eindringling, privilegiert mit all meinem Gepäck und der Freiheit zu reisen.

Dann Fulu! Ein Ort, der überwiegend aus schiefen, dunklen Holzhäusern bestand. Ich fand die einzige Pension des Ortes, ein steinernes Gebäude oberhalb vom Fluss. Der Wirt sprach sogar ein paar Worte Englisch. Ich fragte ihn, ob öfter mal Fremde kamen und bei ihm übernachteten. „Ja, 5 oder 6 Mal im Jahr!“ Ja, ich war hier wirklich ab von allen Touristenpfaden, am Ende der Welt schien es mir.

Das Zimmer war gewöhnungsbedürftig, gelinde gesagt. Es war nicht direkt dreckig. Die Bettwäsche war ok. Ich konnte sehen, dass der Boden ordentlich gefegt war. Aber kaum hatte ich das Zimmer betreten, huschten einige Kakerlaken davon. Ameisen schien es auch zu geben. Erleichtert nahm ich das einigermaßen saubere Moskitonetz wahr. Bevor ich abends ins Bett ging, verschloss ich meinen Rucksack ordentlich und packte meine Stiefel in eine Tüte. Dann zog ich mit der Giftkreide, die ich noch aus Thailand hatte, einen Kreis um Rucksack und Schuhe. Diese weiße Spur bildete eine unüberwindbare Grenze für alles Ungeziefer. Zufrieden schaute ich den Krabbeltieren zu, die sofort kehrt machten, kaum dass sie diese Grenze erreichten. Nachts schützte mich das Moskitonetz. Aber ich brauchte schon einiges an Überwindung, um es im Bett auszuhalten. Mit einiger Anstrengung brachte ich mich dazu, einfach alles unangenehme zu verdrängen. Auch die Toilette, die ein Stockwerk tiefer lag, entsprach dem Standard der Pension. Trotzdem blieb ich zwei Tage und zwei Nächte.

Fulu war einfach nur interessant! Ich fühlte mich in einen Dokumentarfilm versetzt, der über diese abgelegene Gegend und ihre Menschen berichtete. Nicht für alles hatte ich Erklärungen und nahm meistens nur staunend und ohne nach Erklärungen zu suchen wahr, was ich sah. Auf dem kleinen Markt kauften und verkauften die einheimischen Frauen ihr Gemüse, Reis, Nudeln, Plastikschüsseln und bunte Kämme und Tücher. Das Angebot war einfach. Die Frauen trugen schwarze glänzende Röcke, ein Brusttuch, Gamaschen und manchmal Plastiklatschen. Ihr Haar hatten sie zu kompakten Knoten gebunden und mit einem bunten Kamm befestigt. Manche trugen mit Blumen bedruckte Frottee-Handtücher als Kopfbedeckung. An einer Stelle gab es einen großen Sack mit gerösteten Ameisen, die man kaufen oder auch gleich verspeisen konnte. Wohin ich auch kam, man guckte mich mit großen Augen verwundert an.

Bald hatte ich das Gefühl, dass ich keine weiteren Eindrücke mehr aufnehmen konnte. Ich fand ein kleines Restaurant, setzte mich an einen der dunklen Holztische, aß irgendetwas und trank ein Bier. Und schaute auf die Menschen, die vorbeigingen. Der Ort war autofrei, die einzigen Geräusche, die ich hörte, war das Lachen der Menschen und das Gegacker der Hühner.

Das Abenteuer in Südchina beginnt!

Nach der zweiten Nacht war die Zeit für den Aufbruch gekommen. Und das wirklich große Abenteuer in Südchina begann. Ich ging hinunter zu der Anlegestelle für das Passagierschiff, das mich nach Congjiang bringen sollte. Tja, das Schiff! Es bestand aus einem Führerstand am Ende, einem überdachten Passagierraum und einer kleinen freien Fläche am Bug. Im Inneren standen einfache Bänke, die von einer Seite zur anderen reichten. Darauf ließen sich immer mehr Menschen nieder. Das Boot wurde richtig voll. Bauern mit ihren Geräten, Frauen, die vom Markt kamen, junge Mädchen, die zur Schule wollten und was auch immer. Ich hatte einen Platz am scheibenlosen Fenster ergattert. Vor mir kauten zwei Mädchen kichernd stundenlang eingelegten Knoblauch. Ein Bauer hatte seine frischgekaufte Zunge (vom Schwein, vom Rind???) im Fenster vor mir aufgehängt.

Das Boot legte schließlich ab. 40 Kilometer. Wie lange würde die Fahrt dauern? Das konnte mir niemand sagen, denn niemand sprach Mandarin, Hochchinesisch. Das Tempo war langsam. Es ging flussaufwärts. Also würden wir vielleicht 4 Stunden brauchen, dachte ich optimistisch. Doch an manchen Stellen kam das Boot kaum gegen die Strömung an, schien manchmal sogar zurückzugleiten. Die Minuten zogen sich endlos dahin.Ich hatte Zeit zum Nachdenken.

Was machte ich hier nur? What the hell am I doing here? Ich die Stadtmaus war weit, weit weg von allem, was ich kannte und gewohnt war. Ich saß hier inmitten von Menschen, die mich manchmal neugierig anguckten, mit denen ich aber außer mit einem freundlichen Lächeln nicht kommunizieren konnte. Sie schienen scheu und zurückhaltend. Untereinander plauderten sie lebhaft und manches Lachen ertönte. Eine Libelle ließ sich auf der Reling nieder. Manchmal versuchten die Männer, das Schiff mit langen Stangen, die sie in die Uferböschung stießen, gegen die Strömung voranzustaken.

Hin und wieder legten wir bei einem Dorf an. Dann kamen die Einwohner ans Ufer, begrüßten Heimkehrer und verabschiedeten Reisende. Immer erstaunte Blicke, wenn sie mich sahen. An manchen Stellen war die Straße zu sehen, die im Bau war und irgendwann das Boot ersetzen würde. Es gab wenig Highlights unterwegs. An einer flachen Uferstelle wurde ein neues Schiff gebaut, ganz aus Holz und anscheinend ohne große Maschinen. Manchmal stand ein Angler am Ufer.

Aber ansonsten zogen sich die Minuten unendlich in die Länge. Lange schon waren die 4 Stunden vergangen, die ich mir so gedacht hatte. Und es war kein Ende abzusehen. Ich fühlte den Drang, eine Toilette aufzusuchen. Aber ich wusste weder, ob es eine an Bord gab, noch hatte ich Lust, eine solche aufzusuchen. Wer weiß, wie die aussah!

Ulrike, die Abenteurerin

Dann kam mir der Gedanke: „Wow, Ulrike, das ist genau so ein Abenteuer, um das dich deine Freunde zuhause beneiden!“ Ja, Ulrike war die große Abenteurerin, die ins unbekannte exotische China reiste, die unbekannte Landschaften und einsame Dörfer erkundete. Die mit den Unannehmlichkeiten des Reisens kämpfte, freundlichen Kontakt mit den Einheimischen pflegte und jedes Abenteuer als Heldin bestand! „Ach, wenn ihr wüsstet!“ dachte ich weiter. Wenn ihr wüsstet, wie langweilig diese Flussfahrt war! Stundenlang änderte sich die Landschaft kaum, passierte nichts weiter, als dass die Mädels vor mir endlich mit ihrem Knoblauch fertig waren und der Bauer sein Fleisch samt Zunge packte und ausstieg.

Ich fühlte mich alles andere als heldenhaft und abenteuerlich. Ich war nach stundenlangem Sitzen nur noch erschöpft, des Reisens müde, gelangweilt und musste dringend aufs Klo!

Ziel erreicht – aber das Abenteuer ist noch nicht zuende

Nach rund 8 Stunden erreichten wir endlich Congjiang. Achja, von wegen jetzt ein nettes Hotel und ein Klo! Nein, das musste ich erst noch suchen. Wieder einmal durfte ich erleben, wie viel ein Mensch aushalten kann, wenn es nicht anders geht. Meine Blase schien fast zu platzen, doch es dauerte noch rund eine Stunde, bis ich endlich ein tatsächlich sauberes, einfaches Zimmer fand. Mit der entsprechenden ordentlichen Toilette.

In meinem Zimmer hauste allerdings eine riesige Spinne. Müde und antriebslos sagte ich zu ihr: „Entweder du oder ich!“ Also ging ich zur Wirtin und bat sie, die Spinne zu entfernen. Leicht verwundert tat sie mir den Gefallen.

Congjiang sah bestimmt auch nicht gerade häufig westliche Touristen. Der Ort war größer als Fulu, der Markt etwas reichhaltiger. Doch auf den Straßen begegneten mir manch fremdartig aussehende Menschen. Einmal kamen mir zwei Männer entgegen, deren Kleidung aus schwarzen Röcken und Strohschuhen bestand. In ihren Gürteln hatten sie große Messer.

Am Busbahnhof wurde mir erklärt, dass der direkte Weg nach Kaili für Touristen gesperrt war. Es habe Erdrutsche gegeben, der Weg sei zu gefährlich. Kann aber auch sein, dass man den Westlern nicht eine wirklich arme Gegend Südchinas zeigen wollte. Das bedeutete für mich, dass ich zwei Tage mit dem Bus unterwegs sein würde. Auf der Karte ist das die Route, die weit in den Norden führt.

Blogparade: Was ist ein Abenteuer?
Kaum habe ich diesen Artikel fertig und veröffentlicht, stoße ich auf die Blogparade von Jannis vom Blog Jannis Life zum Thema “Was ist ein Abenteuer?” Da mache ich mit diesem Abenteuer gerne mit! Die Blogparade läuft noch bis zum 10.10.14

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