25.09. – 28.09.1991 Hangzhou – Jingdezhen: Busfahrten

Von Ningbo aus fahre ich nach Hangzhou, weil dies der nächste Ort ist, wenn ich zum Huangshan, dem berühmten Gelben Gebirge, will. Hangzhou ist diesmal nicht der große Erfolg wie letztes Mal: Hangzhou – Zu Fuß in den Bergen unterwegs. Es ist deutlich kühler geworden. Ich bin in einem reinen Chinesen-Hotel abgestiegen. Das Gebäude ist ein altes Holzhaus mit Veranda und Balkonen, bestimmt schon 100 Jahre alt. Ich weiß gar nicht, ob das heute noch existiert. Mein Aufenthalt dort war jedenfalls eine reine Katastrophe: Mein Zimmer lag direkt über der Karaoke-Bar. Statt Laken gab es eine dünne Bastmatte, die mich sehr an die Wanzen verseuchte Matte von der Fähre nach Kanton erinnerte. Also sehe ich zu, dass ich so schnell wie möglich weiter komme. Mit meinem Vorhaben, quer durch China zu reisen, verlasse ich für eine Zeit die ausgetretenen Touristenpfade. Der grobe Plan sah vor, von Jingdezhen weiter nach Changsha zu fahren und dort zu entscheiden, ob es in den Westen nach Yunnan gehen sollte oder nach Süden in die abgelegenen Gebiete Guangxis. Das bedeutete endlose Busfahrten quer durch China:

Bei den modernen Zeitangaben kann ich heute ur lachen. 1991 war das eine endlose Reise, die mehrere Tage in Anspruch nahm.

Bei den Zeitangaben kann ich heute nur lachen. 1991 war das eine endlose Reise, die mehrere Tage in Anspruch nahm.

Die Busfahrt: Aus meinem Reisetagebuch:

Also gehe ich weiter zum Busbahnhof. Der wimmelt nur so von Menschen und Bussen. Ich verliere ein wenig den Mut. Dann gucke ich mich nach jemand um, der „offiziell“ aussieht. Eine Frau in Uniform macht einen ganz kompetenten Eindruck. Ich frage sie mit meinem rudimentären Chinesisch nach einer Fahrkarte für den Bus morgen zum Huangshan. Sie scheint mich zu verstehen, bedeutet mir, dass ich in einem kleinen Warteraum Platz nehmen und auf sie warten soll. Sie habe noch einen Bus abzufertigen. Nachdem ich aber fast eine halbe Stunde gewartet habe, gehe ich hinaus und sehe sie an einem Schalter sitzen und Zeitung lesen. Ob sie mich vergessen hat? Als sie mich sieht, steht sie ohne ein Zeichen der Verlegenheit auf, fragt mich noch einmal eindringlich nach meinen Wünschen und verschwindet. Ich warte wieder. Skeptisch gucke ich auf das Getümmel in der Abfertigungshalle. Doch schon nach kurzer Zeit ist sie mit meiner Fahrkarte zurück. Sie erklärt mir, dass sie morgen früh auch da sein würde und sich um mich kümmern wolle. Na, da bin ich schon gespannt!

Busbahnhof über dem Kaiserkanal

Busbahnhof

Nach einer weiteren unruhigen Nacht mache ich mich bei Morgengrauen auf zum Busbahnhof. Meine Bekannte von gestern ist tatsächlich da. Mit ihrer Hilfe finde ich ohne Probleme meinen Bus nach Tangkou, dem kleinen Ferienort am Fuße des Huangshan.

Die Busfahrt ist ein wunderschönes Erlebnis. Ausgedehnte Teeplantagen säumen die Straße. Die Landschaft besteht aus sanften Hügeln. Zuletzt führt die Straße, die sich gerade im Bau befindet wie so viele Straßen in China, einen Fluss entlang. Auf den Hügeln rechts und links wächst dichter Wald. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es solche wenig besiedelten Gegenden in China gibt.

Huangshan: eine Enttäuschung

Tangkou (Huangshan) liegt am Ende des Tales unter hohen alten Bäumen. Die Häuser wirken altmodisch mit ihren geschwungenen schwarzen Ziegeldächern und den weißen Wänden. Über den Türen und Fenstern sind Szenen aus dem Bauernleben oder auch Pflanzen und Tiere mit zarten schwarzen Strichen gezeichnet.Huangshan

Das Zentrum steht ganz im Zeichen des Tourismus. Restaurants und Souvenirläden überall. Schließlich ist der Huangshan eine der wichtigsten chinesischen Sehenswürdigkeiten. Die Gipfel der Berge, wie sie aus dem Dunst der Wolken herausragen, sind ein beliebtes Motiv der chinesischen Malerei. Die Chinesen kommen in ganzen Busladungen hierher. An einem großen Tor muss man sein Eintrittsgeld bezahlen, dahinter reiht sich Souvenirladen an Souvenirladen. Es gibt Restaurants und weiter oben am Berg sogar ein Thermalbad. Kleine Busse befördern die Touristen noch eine Strecke hinauf. Doch den größten Teil des Weges muss man zu Fuß, zum Teil über Treppen, zurücklegen. Man könnte sich allerdings auf einer Sänfte hinauftragen lassen…

Irgendwann habe ich keine Lust mehr, in dem ständigen Nieselregen die glatten Stufen hinaufzusteigen. Von allen Bäumen tropft es, die Berge sind vor lauter Wolken nicht zu sehen. Auch fehlt etwas: in den vielen Bächen und Wasserfällen ist kein Wasser! Das überrascht mich angesichts der Regenfälle der letzten Tage. Ich weiß keine Erklärung dafür. Mir nimmt es irgendwie den Spaß, bis zum Gipfel zu wandern, auch wenn die Aussicht dort spektakulär sein soll. Früh kehre ich in mein kaltes, feuchtes und auch noch teures Zimmer zurück.

Meinen wärmenden Anorak trage ich schon seit einigen Tagen, denn es wird richtig Herbst jetzt, neblig, nass, trübe – wie meine Stimmung. Ich habe keine Lust auf lange Bus- oder Bahnfahrten. Doch die lassen sich anscheinend kaum vermeiden. Ich will deshalb – und kann – nicht gleich bis Changsha weiterfahren. Nach zwei Tagen am wolkenverhangenen Huangshan nehme ich den Bus nach Jingdezhen, dem Zentrum der Porzellanherstellung, ein paar Stunden Busfahrt entfernt.

27.09.1991 Busfahrt zur Porzellanstadt Jingdezhen

Als ich im Bus sitze, scheint natürlich die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Egal! Eigentlich ist Busfahren ja immer interessant und ein Teil des Abenteuers. Heute ist mein Bus fast leer. An der Straße wird, wie schon berichtet, gebaut. Der Bus quält sich um die Kurven, die durch Steinanschüttungen künstlich verengt sind. Nur selten sehe ich Baumaschinen im Einsatz. Meistens sitzen Männer und auch viele Frauen gemeinsam am Wegesrand und klopfen die großen Steinbrocken zu Schotter klein. Um die Straße zu begradigen, werden die Kurven abgetragen. Da stehen dann die Männer mit Hacken am Hang und rücken damit den Bergen zuleibe. Die abgeschlagenen Steine liegen manchmal mitten auf der Straße.

Erstmal muss die Straße geräumt werden, dann können wir weiter fahren

Erstmal muss die Straße geräumt werden, dann können wir weiter fahren

An einer Stelle wird die Straße schließlich so eng, dass nur einspurig gefahren werden kann. Da uns gerade ein Bus entgegenkommt, setzt unser Busfahrer ein Stück zurück. An der nächsten Kurve ist es schon wieder so weit: Gegenverkehr. Nun hat unser Fahrer die Nase voll und mag nicht mehr rückwärts fahren. Das geht dem anderen genauso. Wie zwei Stiere stehen sich die Busse gegenüber, es wird gehupt, geschimpft und nichts passiert. Innerhalb kurzer Zeit bilden sich Schlangen auf beiden Seiten. Die Bauarbeiter stehen neben der Straße und diskutieren mit den Fahrern. Neugierig kommen die Leute aus den anderen Fahrzeugen dazu. Fasziniert beobachte ich die sich ständig vergrößernde Menschenmenge. Jetzt ist auch kein Platz mehr zum Zurücksetzen. Rechts der steile Hügel, links der Fluss, zwar ohne Wasser aber doch einige Meter unterhalb der Straße, die mit Steinen übersät ist.

Endlich, endlich besinnt man sich: einige Männer fangen an, die Steine beiseite zu räumen. Schnell helfen alle mit, dann ist die Straße frei. Ich helfe nicht mit, schaue nur fassungslos dem Geschehen zu. Langsam bewegt sich unser Bus durch die Kurve. Zentimeter um Zentimeter schieben sich die Busse aneinander vorbei. Die Autoschlangen kommen langsam in Fahrt. Es geht weiter!

Nach dem Tal kommt eine kleine Ebene, danach wieder ein Tal. Überall ist die Reisernte in vollem Gange. Wobei ich alle Stadien nebeneinander beobachten kann: mal ist das Feld schon abgeerntet, mal sind die Bauern dabei, den Reis mit kurzen Sicheln zu schneiden und auf einigen Feldern sind schon Pflüge, vor die ein Wasserbüffel gespannt ist, zu sehen. Um den Reis zu dreschen, schlägt man die vollen Garben in einer großen Kiste innen an den Rand. Anschließend wird der Reis auf Betonplatten und Strohmatten vor den Häusern zum Trocknen ausgebreitet. Auf manchen Feldern wird auch Baumwolle angebaut. An den Hängen der Hügel wächst Tee.

An der hässlichsten Stelle der Strecke – wie könnte es auch anders sein! – hat der Bus eine Reifenpanne. Natürlich haben wir kein Reserverad an Bord. Aber es gibt eine kleine Werkstatt, wo der Schlauch geflickt werden kann. Das ist nicht viel anders als bei einem Fahrradschlauch – nur viel größer. Ich gucke interessiert zu: wo hat man schon die Gelegenheit, einen Busreifen von innen zu sehen!?! Für die Chinesen scheint das auch sehr interessant zu sein. In einem weiten Kreis hocken sie sich um die Mechaniker herum. Ich bewundere ihre Fähigkeit, sich bequem auf die Fersen zu hocken. Sie benötigen nie einen Stuhl! Während mir die Knie schon vom Zusehen schmerzen.Huangshan Buspanne

Vom Dorf kann ich nicht viel sehen. Interessant finde ich die vielen hölzernen Klohäuschen am Wegesrand. Jede Familie scheint ihr eigenes zu haben. Die Fäkalien werden in großen Behältern aufgefangen. Das ist für die Bauern offensichtlich eine preiswerte Möglichkeit, kostbaren Dünger zu gewinnen.

Auf den Hügeln wechseln Teeplantagen mit freien Flächen ab, auf denen kleine Bäume wachsen. Die Wälder sind praktisch nicht mehr vorhanden. Manchmal fahren wir an Plätzen vorbei, wo von Männern, die vom Staub schwarz gefärbt sind, Holzkohle verkauft wird. Auf einem der Hügel lodert ein ausgedehnter Waldbrand.

Mit reichlich Verspätung komme ich, als die Dämmerung schon einsetzt, in Jingdezhen an. Der Busbahnhof liegt am einen Ende der Stadt, am anderen liegt das Hotel, das ich mir in meinem Reiseführer ausgeguckt habe. Erst fahre ich mit einem Bus. Die Leute, die ich nach dem Weg frage, meinen immer nur, dass das Hotel „bu hao!“ sei – „nicht gut“. Unbeirrt suche und finde ich auch nach einigen Umwegen das Hotel, wo man mir zu meiner Enttäuschung kein Zimmer geben will oder kann. Resigniert gehe ich weiter. Irgendwie hatte ich mir Jingdezhen nicht so groß vorgestellt. Da sieht man mal wieder, dass die Größe eines Ortes sich nicht danach richtet, ob er eine oder zehn Seiten im Reiseführer einnimmt.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 19. – 23.09. 1991 Auf nach Ningbo!

Zur nächsten Etappe: 01.10.1991 Nationalfeiertag in Nanchang

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