Von der Angst unterwegs – John und die Drogen

Manche Gegenden in Südostasien sind bekannt dafür, dass man leicht an Drogen jeder Art rankommt. China ja eigentlich nicht. Trotzdem gibt es Gebiete, in denen Drogen wie Opium und Haschisch angebaut werden. Da glaubt manch einer, dass er dort auch gut und günstig an solche Dinge herankommt. Doch die Chinesen verstehen da keinen Spaß! Nicht nur einmal habe ich von Massenverhaftungen und auch zahlreichen Hinrichtungen von Drogendealern gehört, gelesen und erlebt (keine Hinrichtungen, aber das Führen der Verurteilten durch den Ort).Jinghong Weg

Meine eindringlichste Erfahrung mit einem drogenabhängigen Mann habe ich in Südchina gemacht, im tropischen Xishuangbanna 1991. Ich war dorthin gereist, weil ich mich nicht wohlfühlte und von dem warmen Klima und einem schönen Hotel mitten in einer Parkanlage am Mekong-Fluss gehört hatte. Ich wollte mich dort hauptsächlich erholen, ein paar Tage Seele und Füsse baumeln lassen. Ein Urlaub vom Reisen…

Das Hotel in Jinghong entsprach allem, was ich mir erhofft hatte: Tropische Pflanzen, Palmen, bunte Blüten, ein preiswertes Vierbettzimmer und ein Gemeinschaftsbalkon, von dem aus ich auf den Park schauen und irgendwo auch das gelbe Wasser des Mekong erahnen konnte. Bunte Märkte und faszinierende Tempel waren einfach mit dem Fahrrad zu erreichen. Tage ruhigen Abhängens, langer Spaziergänge und Marktbesuchen.

Das Zimmer teilte ich mir mit zwei jungen deutschen Mädchen und einer Schwedin in meinem Alter (damals 36 Jahre). Den Balkon hatten wir mit drei weiteren Zimmern zusammen: nebenan wohnten noch zwei deutsche Frauen, in einem hatte sich eine chinesische Familie eingerichtet. Und dann war da noch das dritte Zimmer, in dem ein Schweizer namens John hauste. Und der war das Problem!

Es gab einige Rattansessel, die wir auf den Balkon stellten. Dort genossen wir die milden Abendstunden bei einem Bier, erzählten Reisegeschichten und schauten versonnen auf die Palmen, die die Abendsonne in mildes Licht tauchte. John setzte sich gerne zu uns, rauchte seinen Joint und war meistens ruhig, flirtete mit der Schwedin. Einige Tage lang gab es keine Probleme mit ihm. Wir wussten alle, dass er immer hektischer versuchte, an harte Drogen zu kommen. Er sprach ganz offen darüber. Und er wunderte sich, dass die Chinesen ihm nichts verkauften, ihn sogar mieden. Er ging einfach zu offen mit seinem Vorhaben um. Kein Einheimischer würde das Risiko eingehen, beim Verkauf von Drogen an den Schweizer erwischt zu werden. Ich hielt mich von ihm fern. Auch, weil er gerne mal mit seinem riesigen Messer in der Luft rumfuchtelte.

Mit der Zeit wurde John mir immer unheimlicher. Er wurde immer hektischer, flirtete sehr aufdringlich mit der Schwedin, die versuchte, ihn auf Distanz zu halten. An einem Abend, der erst ganz gemütlich auf dem Balkon begann, eskalierte die Situation. Als die Schwedin und ich relativ früh ins Bett gehen wollten, wollte John mehr von der Schwedin. Es gelang ihr nur knapp, vom Gemeinschaftsbadezimmer in unser Zimmer zu flüchten, als er sie festhalten wollte. Wir verschlossen schnell die Tür und saßen etwas aufgeregt auf unseren Betten. Von den deutschen Mädchen war nur eins schon im Bett.

Dann fing John an, gegen unsere Zimmertür zu treten und zu schreien, dass die Schwedin raus kommen solle. Er wolle ganz ruhig mit ihr sprechen. Die Schwedin wollte tatsächlich zu ihm raus. Doch mittlerweile klang John so aggressiv und von Drogen zugedröhnt, dass ich sie beschwor, die Tür nicht zu öffnen. Ich versuchte einen klaren Kopf zu bewahren. Ich machte mir in beide Richtungen Sorgen: darum, dass die Schwedin hinausging und darum, dass John hinein kam. Beide Möglichkeiten erschienen mir sehr beängstigend.

Die Schläge gegen die Tür und das Rumgeschreie hörten nicht auf. Ich hatte Angst davor, was passieren würde, wenn John ins Zimmer eindringen würde. Auf der anderen Seite versuchte ich, die beiden Frauen zu beruhigen. Und was würde sein, wenn ausgerechnet jetzt die andere Deutsche zurück käme? Wir untersuchten die Fenster: Gab es eine Möglichkeit, aus dem Fenster im 1. Stock auszusteigen oder zu springen? Sollten wir um Hilfe rufen? Irgendwann hörte John auf zu grölen. Aber die dumpfen Einschläge in die Tür waren noch eine ganze Weile zu hören. Dann wurde es ruhig. Erleichtert aufatmend versuchten wir, ein wenig zu schlafen. Dann klopfte es an die Tür: Unsere Zimmergenossin kam zurück! Vorsichtig öffneten wir die Tür. Von John war nichts zu sehen. Doch in unserer Tür steckte sein Riesenmesser. Tiefe Schnitte waren über die Tür verteilt. Ich nahm das Messer an mich und versteckte es unter meiner Matratze. Wir kamen nur schwer zur Ruhe.

Ganz früh am nächsten Morgen standen die Schwedin und ich auf. Wir wollten das Messer verschwinden lassen. Leise schlichen wir durch den Park. Wir kamen uns vor wie Verbrecher. Schließlich fanden wir einen kleinen Teich mit blühendem Lotos. Vorsichtig blickten wir uns um: Ob schon jemand wach war und uns zuguckte? Die Luft war rein und mit einem leisen Platsch verschwand das Messer im Teich.

Als wir an diesem Tag John wieder sahen, war er völlig friedlich und konnte sich nur nebelhaft an den Abend erinnern. Er fragte, wo sein Messer sei. Wir zuckten die Achsel: keine Ahnung! Abends hatte er dann wieder ein großes Messer in der Hand und schnitt sich genüsslich damit die Nägel.

Für mich wurde es Zeit, weiterzureisen!

Fazit: Halte Dich fern von Drogensüchtigen unterwegs! Ich rate auch von allen Parties ab, auf denen Haschisch geraucht wird oder übermäßig Alkohol konsumiert wird. Zu leicht hat man die Kontrolle verloren, ist Unbekannten ausgeliefert und landet in Umgebungen, die nicht sehr erfreulich sind. Unter Umständen sogar in einem asiatischen Gefängnis!

7 Kommentare

  • Pingback: Backpacker: Hände weg vom Alkohol unterwegs!

  • Oh je, das will man wirklich nicht erleben!

  • Drogen sind leider oft ein Problem in gewissen Kreisen. Wobei diese Kreise mittlerweile überall vertreten sind. Der koksende Manager gehört ebenso dazu, wie der kleine Haschisch-Raucher. Und Haschisch ist durchaus nicht so harmlos, wie die Menschen meinen. Auch, wenn ich nie Drogen genommen habe, so kenne ich Fälle. Und die krassen Veränderungen, die von sexueller Enthemmung bis Gewalt reichten. Was mich wundert, dass dieser John damit in China durchgekommen ist. Aber weder kann jeder Chinese Kung Fu noch ist die Polizei überall.

    • bambooblog

      Ich hab auch so meine Erfahrungen im Freundeskreis. Die Veränderungen einer Freundin über 30 Jahre lang zu beobachten, die regelmäßig Haschisch raucht. Das ist einfach schrecklich! Sie in irgendeiner Form davon abzubringen, ist nicht möglich.
      Tja, was aus John geworden ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall war den Chinesen bekannt, wonach er suchte. Ob irgendwann die Polizei durchgegriffen hat? Vielleicht haben die damals auch keine Lust auf den Trubel gehabt, den die Verhaftung eines Europäers bedeutet hätte. Und die Dealer haben ihm auf jeden Fall nichts verkauft, außer Amphetaminen. Das galt nicht als Droge…

  • Was für eine bedrückende und unheimliche Geschichte! Ich bin sehr froh, daß du und deine Zimmergenossinnen da mit heiler Haut herausgekommen seid…

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