Chinas neue Altstädte

Chinas Städte haben in den vergangenen 100 Jahren Katastrophen und mutwillige Zerstörung erleben müssen. Kriege, Erdbeben, das Chaos der Kulturrevolution und der Umbau der Städte seit der Öffnung nach Westen und Modernisierung des Landes haben nicht viel von mancher alten Bausubstanz übrig gelassen. Dabei wird der Kulturrevolution ein großer Anteil an der Vernichtung von Tempeln, Palastbauten und Gartenanlagen zugewiesen. Doch die Zerstörungen während der Kulturrevolution waren oft nur oberflächlich, betrafen zum Glück häufig nicht die Bausubstanz. Da wurden zum Beispiel der Tempelschmuck zertrümmert, Statuen zerschlagen und Mauern niedergerissen. Diese Zerstörungen konnten zum Teil repariert werden.

Shanghai

In Shanghais Altstadt

Nach dem Ende der Kulturrevolution 1976 wurden zwar viele Tempel und Gebäude ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben, aber die soziale Struktur der Bevölkerung machte den schnellen Bau von Wohnhäusern und Straßen notwendig, wobei die Pläne ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen umgesetzt wurden. Seit dem Ende der 1980er Jahre trug die rasante Wirtschaftsentwicklung allerorts dazu bei, dass riesige Infrastruktur- und Bauprojekte umgesetzt wurden.

Hochhäuser schießen in China bis heute wie Pilze aus dem Boden. Autobahnen bedingen den Abriss ganzer Dörfer. Die größere Mobilität und die Begeisterung der Chinesen für alles Moderne spielen dabei eine große Rolle. Die ideologische Verblendung während der Kulturrevolution hat zudem zu Verachtung oder Gleichgültigkeit gegenüber traditionellen Kulturgütern und Kunstwerken geführt.

Nach und nach zeigt sich ein Wandel, der nicht zuletzt auch dem Tourismus zu verdanken ist. Es mehrt sich die verklärte Sehnsucht nach der Schönheit alter Kunst, der Romantik vergangener Zeiten. Hinzu kommt ein neues Verständnis alter Kultur. Aus den Artefakten der Vergangenheit sind wertvolle Zeugnisse uralter Handwerkskunst und Meisterschaft geworden. Es entstehen Chinas neue Altstädte.

Was ist von diesem kulturellen Erbe bis heute erhalten geblieben? Obwohl man vermuten könnte, dass viele Kunstobjekte zerstört oder von den Nationalen nach Taiwan transportiert wurden, gibt es in Chinas Museen eine Fülle an unglaublich schönen alten Kunstwerken zu bewundern. Genauso haben sich noch Orte erhalten – oder sind wieder restauriert worden – deren Stadtkerne sich der Modernisierung und dem Abriss traditioneller Bauten widersetzt haben, wie Pingyao in der Provinz Shanxi oder Wuzhen in Zhejiang.

Beispiel Pingyao, ein altes Handelszentrum
Pingyao ist eine (heute) kleine Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern, ungefähr 80 Kilometer südlich von Taiyuan in der Provinz Shanxi. Während der Ming- und vor allem der Qing-Dynastie (1368 – 1911) entwickelte sich Pingyao zu dem führenden Finanzzentrum des Reiches. Durch den Aufstieg der Küstenstädte Shanghai und Hongkong verlor Pingyao im 19. Jahrhundert allerdings langsam an Bedeutung. Die Altstadt, aus der sich nach und nach die Einwohner zurückzogen, weckte keinerlei Neid oder wirtschaftliches Interesse und entging damit den Zerstörungen der Kulturrevolution und der nachfolgenden Modernisierung. Ende der 80er Jahre, als Pingyao noch in keinem Reiseführer vermerkt war, wurde die mit zahlreichen authentischen Hofhäusern und einer originalen Stadtmauer aus der Ming-Zeit (1368 – 1644) glänzenden Stadt vom Tourismus entdeckt. Bereits 1988 wurde die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt.

Viele der alten Gebäude wurden renoviert, kleine Museen entstanden in den ehemaligen Bank- und Unternehmenshäusern. Die Einwohner kehrten zurück und nutzten die Chancen des touristischen Wachstums. Es entstanden kleine Pensionen und Restaurants. Da, wo früher Waren und Stoffe aus ganz China gehandelt wurden, werden nun ‚Souvenirs verkauft. Wem das zu touristisch erscheint, möge sich ein Rollbild aus dem 19. Jahrhundert anschauen, das im Pekinger Hauptstadtmuseum ausgestellt ist. Das zeigt eine Geschäftsstraße ganz ähnlich wie die Ost-West-Straße in Pingyao. Damals bevölkerten Kaufleute und Händler die Läden, heute sind es die Touristen. Wenn man mag, kann man in den Seitenstraßen – vor allem in der Südwestecke unterhalb der Stadtmauer – klassische Hofhäuser mit den typischen geschwungenen Dächern besichtigen, deren Ursprünge in die Zeit der Yuan-Dynastie (1261 – 1368) zurückreichen. Neben den Einnahmen aus Zimmervermietung und Souvenirverkauf profitieren die Stadt und ihre Bewohner von dem Eintritt, den man für den Besuch der Altstadt zahlen muss. Mehr über Pingyao: Pingyao – ein chinesischer Märchenort

Pingyao

Pingyao

Beispiel Wuzhen, ein Wasserdorf vor den Toren von Shanghai
Ein weiteres Beispiel für eine gelungene Denkmalpflege ist Wuzhen unweit von Shanghai. Im Schatten seines mächtigen Nachbarn Shanghai und anderer touristischer Städte wie Suzhou und Hangzhou wurde das Dorf schlichtweg vergessen. Doch dann drängte der Tourismus nach immer neuen Ausflugszielen im Yangtze-Delta. Suzhou entwickelte sich zur Millionenstadt mit viel Industrie und versuchte dabei, sich die berühmte Altstadt (Stichwort: Venedig des Ostens) weitgehend zu erhalten. Hangzhou hatte keine wirklich Altstadt mehr zu bieten.  So wurde das idyllische Wuzhen entdeckt, das in malerischer Lage am Kaiserkanal liegt. Die traditionellen Häuser aus Holz entlang der Kanäle wurden zusammen mit traditionsreichen Werkstätten im ursprünglichen Aussehen renoviert und erhalten. Da man aber die Bewohner in die Außenbezirke umgesiedelt hat, wirkt Wuzhen heute wie ein Freilichtmuseum. Am Abend, wenn es in den autofreien Gassen ruhig geworden ist, kann man in Wuzhen wunderbar dem alten China nachspüren. Auch für Wuzhen bezahlt man einen nicht ganz unerheblichen Eintrittspreis. Aber es lohnt sich! Mehr zu Wuzhen

Wuzhen Altstadt

Wuzhen

Nicht immer war noch so viel Substanz in den Städten vorhanden, dass man die Altstadt wieder beleben konnte. Trotzdem wollten von den 1990er Jahren an viele Städte von den touristischen Einnahmen aus „Altstädten“ profitieren. Dabei kam es zu einem Zwiespalt: Sollten moderne Wohnviertel abgerissen werden, um ganze Altstädte neu zu bauen? Oder nur einzelne Straßen oder Gebäude wiederhergestellt werden? Oder sollte man nur das wirklich Alte erhalten und renovieren? Jede Stadt ist da ihren eigenen Weg gegangen.

Beispiel Peking, Stadt der Kaiser
In Peking wurden ganze Stadtviertel restauriert, manche Straßen völlig abgerissen und umgestaltet und vieles neu erbaut (Qianmenlu oder auch das aktuelle Projekt am Glockenturm). Trotzdem kann man davon ausgehen, dass die meisten Gebäude in den Hutong-Vierteln (Houhai oder Xicheng) im Original und behutsam renoviert wurden. Die Qianmen-Straße südlich des Tian’anmen-Platz dagegen erscheint heute in ihrem nördlichen Teil wie die Straße vor knapp hundert Jahren ausgesehen haben könnte. An einigen Fassaden hängen sepia-farbene Fotos, die dies belegen sollen. Doch genaugenommen wurden nur die Fassaden wiederhergestellt. Die alten Häuser und Stadtviertel dahinter wurden komplett abgerissen. Lücken in der Straßenfront schloss man mit ansprechenden Häusern, die sich trotz aller Modernität gut an die alten Fassaden anpassen. Auch Teile der in den 1950er Jahren abgerissenen Stadtmauer wurden renoviert. Da vom alten Yongdingmen-Tor noch die originalen Baupläne vorlagen, wurde es an alter Stelle originalgetreu wieder errichtet.

Peking

Peking

Ähnliche Bemühungen, das Alte wiederherzustellen und zu pflegen, kann man heute in fast allen Großstädten Chinas erleben. Auch die Altstadt von Shanghai sollte einst komplett abgerissen werden und modernen Hochhäusern Platz machen. Dann wurde die Stadtregierung auf das Interesse der Touristen aus aller Welt an den alten Häusern und Gassen aufmerksam. Man entschloss sich, die Häuser zu renovieren bzw. neu im alten Stil zu bauen, und schuf so eine quirlige Altstadt rund um das traditionsreiche Yu-Yuan-Teehaus und den berühmten Yu-Garten.

Beispiel Datong: Von der Kohle zum Tourismus
Eines der größten Stadtsanierungsprojekte der letzten Jahre ist in Datong, Provinz Shanxi, zu bestaunen. Datong lebte Jahrhunderte lang von seiner günstigen Lage an der Großen Mauer und auf dem Weg zur Mongolei. Ringsum fand man große Kohlevorkommen, die der Stadt auch in der Neuzeit Reichtum aber auch Staub und Luftverschmutzung brachte. Überall in China war Datong als schmutziger und gesichtsloser Kohle-Moloch bekannt. Noch in den 1980er Jahren waren die meisten Straßen innerhalb der schwindenden Stadtmauern unbefestigt. Einfache Häuschen umgaben die im Staub versinkenden, einst bedeutenden Tempel Huayan und Shanhua. Aus den Steinen der Stadtmauer waren die üblichen sozialistischen Wohnblocks entstanden. Kaum ein Tourist verirrte sich nach Datong, allenfalls wurden die Yungang-Grotten, eine riesige buddhistische Anlage aus den Zeiten der antiken Seidenstraße, etwas außerhalb besucht. Mehr zu Datong

Datong Altstadt

Datong Altstadt

Das sollte sich ändern. 2008 wurde Geng Yanbo Bürgermeister von Datong, der zuvor in Pingyao die gleiche Position innehatte. Wen wundert es, dass er angesichts der begrenzten Kohlevorkommen nun auf den Tourismus setzt? Schließlich hat Datong einiges an antiken Schätzen zu bieten. Mit großem Schwung und Ehrgeiz machte er sich daran, die Stadtmauer wiederherzustellen. Wo 2009 das Zentrum der alten Stadt noch eine komplette Baustelle war, konnte man 2011 schon den neu erstandenen Huayan-Tempel und erste prachtvolle Straßen erleben, welche Häuser im Stil der Ming-Zeit (1368 – 1644) flankieren. Mittlerweile ist die Stadtmauer wieder vollständig aufgebaut und die Arbeiten in der Altstadt sind so gut wie abgeschlossen. Autofreie Straßen machen das Bummeln und Schauen zu einem Vergnügen. Der Platz vor dem buddhistischen Shanhua-Tempel, der wegen seiner bedeutenden mingzeitlichen Skulpturen unbedingt besucht werden sollte, ist wie in alten Zeiten ein beliebter Treffpunkt der Einheimischen: Es wird gespielt, gelacht, getanzt und gesungen. Von Erhu, Trommeln und einem elektrischen Klavier begleitet hallen die alten Volkslieder von den Mauern wider. Man könnte sich ins China der Kaiserzeit zurückversetzt fühlen, wenn da nicht manchmal auch ein Lied aus den Zeiten der Revolution zu hören wäre.

Doch das, was man in Datong sieht, hat wenig mit den alten Kaiserzeiten zu tun. Originalgetreue Rekonstruktionen oder eine Kopie des Alten, wie es in der chinesischen Kunst hohes Ansehen genießt, findet man allenfalls bei den großen Tempeln. Datongs Altstadt ist überwiegend eine imaginäre Stadt aus der Ming-Zeit (1368 – 1644). Alt wirkende Hofhäuser sind das Ergebnis von Massenproduktionen im Stil der Ming-Zeit. Die wirklich alten Häuser sind längst der neuen Altstadt zum Opfer gefallen. Die Fassaden sehen antik aus, aber die Bausubstanz besteht aus Beton. Das Renovieren der alten Häuser würde weit mehr als das Errichten neuer „Altbauten“ kosten. Die Alteingesessenen sind in die modernen Appartementhäuser vor der Stadt gezogen. Die Mieten in der Altstadt können sich nur noch die Reichen leisten.

Siehe auch: 1988 – 2011 Datong – Gulou Straße

Hinter diesen Bauprojekten stehen immense wirtschaftliche Interessen. Der Tourismus blüht in den neuen Altstädten. Die Sehnsucht der Chinesen selbst nach Altem und interessanten Sehenswürdigkeiten ist groß. So wird man nicht verhindern können, dass immer mehr Bürgermeister ihre Stadtfinanzen mit „Altstädten“ sanieren wollen. Doch auch die Stimmen der Denkmalschützer werden lauter. Sie propagieren eine behutsame Stadterneuerung. Einzelne herausragende Denkmale, speziell Herrschaftsarchitektur, werden traditionell gepflegt und geschützt. Das kann man in der Verboten Stadt in Peking oder am Beispiel des Wohnhofs der Familie Gao in Xi’an sehen.

Viele Chinesen sehen so auch die Möglichkeit, den Geschichtsverlust, den die vergangenen Jahrzehnte gebracht haben, ungeschehen zu machen. Sie wollen diese verlorene Zeit zurück gewinnen. Deshalb entstehen diese künstlichen Altstädte, die die Sehnsucht der Chinesen nach Träumen und Romantik befriedigen und gleichzeitig die Verbindung zwischen den Menschen und ihrer Vergangenheit wiederherstellen. Auf diese Weise können die Chinesen ihre Wurzeln neu entdecken. Das moderne China kann man nur dann verstehen, wenn man seine Vergangenheit, seine Geschichte kennt. Auch dies ist eine neue Erkenntnis in China.

Einkaufsstraße während der Qing-Zeit

Einkaufsstraße während der Qing-Zeit – Capitalmuseum, Peking

Das wachsende Interesse an der eigenen Geschichte und an der chinesischen Antike lässt die Menschen wachsamer sein. Ein altes Gebäude kann heute nicht mehr still und heimlich abgerissen werden. Überall bilden sich Bürgerinitiativen, Nachrichten über unpopuläre Baumaßnahmen verbreiten sich über die sozialen Medien in rasender Schnelle. Proteste sind üblich geworden und häufig auch mit Erfolg gekrönt.

Der Tourismus treibt darüber hinaus weitere Blüten, die über Rekonstruktion der Geschichte weit hinaus gehen: So ist in Xi’an ein tangzeitlicher Erlebnispark entstanden. Während der Tang-Dynastie (618 – 907) erlebte Xi’an als alte Kaiserstadt seine Blüte. Die Seidenstraße brachte Reichtum und den Austausch mit vielen Kulturen in die Stadt. Diesem „Goldenen Zeitalter“ trauert man nun nach und will es neu erschaffen. Natürlich ist auch dies eine riesige Touristenattraktion mit Kaiserpalast, Tanzaufführungen und Ausstellungen, besonders für die chinesischen Touristen.

Besser eine Illusion als gar nichts
Nach diesem Motto werden ganze Dörfer und Städte aus dem Boden gestampft. Rundum Shanghai wurden Städte wie Anting German Town, Thames Town und Holland Town gebaut. Irgendwo in China gibt es ein Paris komplett mit Eiffelturm. Auch diese Orte sollen die Sehnsucht nach Vergangenheit und Ferne stillen und natürlich Touristen anlocken.

Schlagzeilen machte der Plan der Chinesen, das kleine österreichische Dorf Hallstadt originalgetreu in Südchina nachzubauen. Ein Ort im Westen Sichuans, der beim Erdbeben 2008 fast völlig zerstört wurde, besann sich auf seine Wurzeln, die auf die Missionierung durch französische Mönche im 18. Jahrhundert zurück gehen. Ob der Ort einst wirklich so französisch ausgesehen hat, wie er sich heute darbietet, ist fraglich.

Grundsätzlich hat jede Idee, die hinter dem Aufbau, Neubau oder der Renovierung einer Altstadt steht, ihre Berechtigung. Doch dem ausländischen Besucher fehlt in den meisten Fällen der Bezug zur Wirklichkeit. Ist das, was er sieht, alt, renoviert, neugebaut oder auf alt getrimmt? Fast wie Betrug scheint der Hinweis auf das Alter der besichtigten Gebäude. So erging es mir 2011 bei den Jinmabiji-Ehrentoren in Kunming. Da hatte bei meinem ersten Besuch 1987 noch gar nichts gestanden, also können sie nicht wirklich alt sein, oder? Mit einem verlegenen Lächeln meinte der Reiseleiter, dass sich sicherlich irgendwo in den kunstvollen Toren ein alter Balken aus der Ming-Zeit finden ließe.

Jinmabiji Ehrentor in Kunming - Altstadt von Lijiang

Jinmabiji Ehrentor in Kunming – Altstadt von Lijiang

Auch in der zauberhaften, nach dem Erdbeben von 2008 liebevoll renovierten Altstadt von Lijiang, Provinz Yunnan, die ich 2011 zum zweiten Mal besuchte, drängte sich mir der Verdacht auf, dass da manches nicht wirklich originalgetreu ist. Ich bin nicht die Einzige, die behauptet, dass die Gassen früher enger waren und die Häuser dunkler. Auch der Palast des  Clan-Häuptlings, der beeindruckende Mauern aufweist, ist mir 1991, als ich vier Tage in Lijiang verbrachte,  völlig entgangen.

Ich wünsche mir manchmal, dass bei all den Erklärungen, die in der Regel geboten werden, noch mehr auf die Entstehung des modernen Antlitzes einer Altstadt, einer Ming-zeitlichen Straße oder eines antiken Gebäudes eingegangen würde. Ein offener Hinweis darauf, dass es sich um eine Nachbildung handelt, fehlt meistens völlig.

Es gibt zahlreiche Beispiele für gelungenen und misslungenen Denkmalschutz in China. Immer wieder erstaunlich ist aber die Vielzahl alter Städte, die, wie es scheint, immer noch abseits der Touristenpfade auf ihre Entdeckung warten. Je später sie vom Tourismus entdeckt werden, desto größer sind ihre Chancen, liebevoll und fachgerecht restauriert zu werden, wenn sie dann allerdings nicht bereits verschwunden sind.

Und wer jetzt den Finger auf China richtet und die Chinesen schmäht ob ihrer geschichtlichen Ungenauigkeiten und der Freiheiten, die sie sich beim Erhalt ihrer Altstädte erlauben, den möchte ich auf deutsche Beispiele ähnlicher neuer „Altbauten“ hinweisen: Bekanntestes Beispiel ist der Berliner Stadtpalast, der sicherlich außen recht originalgetreu aussieht, aber eben nicht alt ist. Oder das Schloss in Herrenhausen, Hannover: Außen Barock innen modernstes Veranstaltungszentrum. Auch die kleine Altstadt in Hannover hat so nie ausgesehen, wie sie sich heute präsentiert.

Zuerst veröffentlicht in “Das neue China” 3/2012

17 Kommentare

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  • Die Idee, Altes abzureißen und durch Neues “Modernes” zu ersetzen, gab es auch bei uns. In den 50er Jahren wurde z.B. ernsthaft im Gemeinderat der Stadt Herrenberg diskutiert, ob man die Altstadt nicht am Besten abreißen und neu aufbauen sollte. Zum Glück entschied man sich gegen das Abreißen, was verloren gegangen wäre kann man hier sehen: http://wp.me/p3c0SB-1Gc

  • In TV Sendungen über China habe ich darüber bereits einiges gesehen. China war (ist?) auf dem Weg die bunte Plastikwelt Asiens im Eiltempo zu kopieren und zu überholen. Auf der Strecke bleibt der Mensch, dem die Wurzeln genommen werden. Gefangen in der Maschinerie Arbeit, Umweltzerstörung und Berufsverkehr, in karge Wohnsilos gesperrt. Aber war das alte China wirklich so viel besser? Die Elendsviertel, die kargen Hütten? Mit mehr Wohlstand kamen leider auch die negativen Dinge einer Industriegesellschaft. Entfremdung der Familien, der Menschen. Gefühlskälte, Verlust der Zusammengehörigkeit. All das kann man auf ganz Asien beziehen. Die Neuzeit hat die Menschen stark verändert. So sehr ich Japan auch kritisiere, so merkwürdig manche Sitten auch scheinen, die Traditionen schützen die Menschen vor dem Vergessen der eigenen Kultur.

    • bambooblog

      Das ist richtig! Aber auch das Alte findet in China immer mehr Freunde. Es gibt Geschichten, dass sich Einwohner erfolgreich gegen den Abriss alter Häuser gewehrt haben. China ist heute gut vernetzt und Social Media helfen, den Bürgerwillen durchzusetzen. Man besinnt sich auch immer mehr auf alte Traditionen und Werte. So sind die Lehren des Konfuzius heute wieder ganz aktuell.

  • Wie wahr, wie wahr. Sehr aufschlussreich, vor allem wenn ein wenig in der Materie ist.

  • Betrachterauge

    Danke! Wir glaubten, in Peking ist alles authentisch, bloß restauriert..

    Houhai ist ja bekannt und von uns mehrmals besucht worden, aber wo ist Xicheng?..

    • Xixheng ist das Gebiet westlich von Houhai. Dort gibt es so schöne Sehenswürdigkeiten wie das Wohnhaus des Lu Xun (Dichter) oder des Mei Lanfang (Opernsänger). Aber auch der buddhistische Guangji-Tempel, das Palais des Prinzen Gong und die Beita-Pagode liegen dort. Nicht alles sind Hutongs. Am schönsten ist die Gegend rund um den Guangji-Tempel.(U-Bahn Linie 4 bis zur Haltestelle Xisi )

  • Toller Artikel! Deine beiden erstgenannten Orte – das ist genau das China, das ich gerne einmal sehen würde.

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