31.10. – 07.11.1991 Yunnan: Von Paradies zu Paradies

Nachdem ich mich in Xishuangbanna gründlich erholt habe, zieht es mich weiter. Als nächstes habe ich mir Dali und Lijiang vorgenommen, zwei Orte in den Bergen Richtung Tibet mit noch mehr bunten Märkten und interessanten Völkern. Es gäbe ja nun die Möglichkeit, direkt nach Dali zu fahren, rund 750 Kilometer quer durch Yunnan. Doch die Straßen sollen schlecht sein und die Orte klein und uninteressant. Ausserdem kursieren Geschichten über ausgedehnte Drogenrazzien mit öffentlichen Erschießungen in den Orten unterwegs. Ich habe keine Lust, in mögliche Polizei-Aufmärsche zu geraten. Da erscheint mir der Umweg über Kunming die bessere Möglichkeit.

Die Drei Pagoden sind das Wahrzeichen Dalis

Die Drei Pagoden sind das Wahrzeichen Dalis (1991)

Die Fahrt von Jinghong nach Kunming dauert zwei Tage. Unterwegs fahren wir durch die letzten Reste richtigen Urwalds. Gespannt schaue ich aus dem Fenster. Es könnte doch sein, dass wilde Elefanten die Straße kreuzen! Könnte doch sein – es soll noch 100 freie Elefanten geben! Passiert aber nicht. Stundenlang geht die Fahrt über Berge und waldige Täler. Immer begleitet von chinesischer Schlagermusik aus den Buslautsprechern. Ich mache einen Versuch, die chinesischen Fahrgäste von westlicher Musik zu überzeugen, doch meine Chris de Burgh-Kassette stößt nach einem kurzen Anspielen auf Gegner. Also weiter chinesische Schlager! Aber: Bei den Steigungen tut sich der Bus schwer, mühsam schleppt er sich hinauf. Da muss jede Energie gespart werden und deshalb wird das Radio abgeschaltet! Auf dem Weg nach unten wird es wieder eingeschaltet.

Übernachtet wird mal wieder in einem der hässlichsten Orte unterwegs. Und wie es mein Schicksal so sein soll, haben wir kurz vor Kunming einen Motorschaden. Ich steige kurzerhand in einen anderen Bus um und erreiche müde und schmutzig endlich wieder Kunming. Natürlich übernachte ich in einem anderen Hotel, das über saubere Dreibett-Zimmer verfügt. (siehe auch: Der unheimliche Typ im Schlafsaal)

Zwei Tage Busfahrt liegen hinter mir. Doch ich steige recht entspannt in den Bus nach Dali.

Aus meinem Reisetagebuch:

Noch einmal 12 Stunden im Bus! Es regnet in Strömen, den ganzen Tag lang! Ich bin dieser ewigen Busfahrten sooo müde! Um mich herum spuckende, rotzende oder schnarchende Chinesen. An solchen Tagen kündigt meine schlechte Laune an, dass es mal wieder Zeit für mich wird, China zu verlassen.

Es ist dunkel, als ich in Dali ankomme. Durch den Regen gehe ich in die Stadt zum Guesthouse No. 1. Nur schemenhaft sehe ich die Stadtmauer und die alten Häuser links und rechts. Das Hotel sieht auf den ersten Blick aus wie ein traditionelles chinesisches Haus. Doch mein karg ausgestattetes Zimmer finde ich nach einem langen Weg über diverse Höfe und über lange Korridore in einem modernen Gebäude. Ich habe mir ein Bett in einem Zweibett-Zimmer genommen in der Hoffnung, dass das zweite Bett nicht belegt wird. Heißes Wasser in der Dusche, die nach einer Wanderung über die Korridore erreicht wird, gibt es nur abends. Aber heute bin ich zu müde dafür.

Gegenüber vom Hotel habe ich ein Restaurant gesehen, das wohl speziell für die vielen Traveller da ist: Jim’s Cafe! Da gehe ich hin, nachdem ich meinen Rucksack aufs Bett geworfen habe. Müde, ungewaschen, deprimiert… trete ich ein in einen Raum voller fröhlicher Menschen aus aller Welt, mit Tischen, auf denen Kerzen leuchten, mit irischer Folkmusic… Home away from home!

Die Speisekarte preist Delikatessen wie Schweizer Rösti, Steaks, Spiegeleier und Banana-Pancake an! Ich kann es gar nicht fassen! Aber dann passiert das unglaubliche! So sehr ich mich auf dieses Traveler-Food gefreut habe, so wenig Appetit habe ich jetzt. Ich trinke ein Bier, unterhalte mich mit den anderen Backpackern, die alle so viel jünger als ich sind, und fühle mich fremd. Irgendwie ist es hier wie in einer Studentenkneipe in Deutschland, doch ich kann es noch gar nicht genießen.

Am nächsten Tag gießt es immer noch. Ich fange morgens mit dem Tibetan Cafe an, wo ich ein gutes Frühstück mit Tsampa-Müsli bekomme. Tsampa ist geröstetes Gerstenmehl, das hier mit Zucker und Milch serviert wird. Dazu gibt es einen leckeren Capuccino. Dann finde ich ein Cafe, in dem ich gebrauchte englische Romane kaufen kann. Ich decke mich für die nächsten Tage ein. Ich schaue mich auch schon mal in den vielen Schneidereien um, die sich darauf spezialisiert haben, aus wunderschönen Batik-Stoffen Blusen, Hosen und andere Kleidung für die Backpacker zu nähen. Ich brauche mal wieder eine neue Hose!

Schließlich lande ich erneut in Jim’s Cafe, wo es warm und gemütlich ist. Ich sitze bei einem Glas Bier und einem Teller mit Steak und Bratkartoffeln am Tisch, als Jimmy „Walzing Matilda“ auflegt. Jetzt am Nachmittag bin ich der einzige Gast. Draußen rauscht der Regen auf den Asphalt. Ich starre auf mein Essen, höre die Musik, die ich auch Zuhause immer gerne gehört habe, und fange zum sprachlosen Entsetzen von Jimmy an zu heulen. Ich habe tatsächlich Heimweh! Ausgerechnet hier!

Langsam erhole ich mich, plaudere mit Jimmy über seine kleine, niedliche Tochter. Nach und nach füllt sich das Restaurant. Schnell bin ich in ein Gespräch über die schönsten Orte in Asien vertieft und mein Heimweh ist vergessen.

Gedanken zwischendurch
Viele der Traveller scheinen kaum an Dali und seinen Einwohnern interessiert zu sein. Stundenlang hängen sie in den Traveller-Restaurants herum und schwärmen von der „Guten, alten Zeit“. Was bewegt diese Menschen eigentlich? Die Minderheiten mit ihren bunten Trachten sind das besonders Interessante an solchen Orten wie Dali. Doch die „Globetrotter“ sitzen in den Restaurants, essen Banana-Pancake und nörgeln an den modernen chinesischen Betonbauten herum. Da wird den Pferdewagen nachgeweint und jeder Fortschritt, der das Leben der Menschen hier erleichtert wie Straßen, LKWs, moderne Küchenherde, Traktoren etc. als üble Verwestlichung, die von den „bösen“ Han-Chinesen forciert wird, beklagt. Doch die gleichen Traveller sitzen hier in den Restaurants, freuen sich über westliches Essen und nörgeln über die dreckigen Plumpsklos und die kalten Duschen. Dann reden sie von den alten Zeiten vor ein paar Jahren, als man noch nicht an jeder Ecke Klopapier kaufen konnte. Als wäre das besser gewesen! Schon immer wurde von der Vergangenheit als dem verlorenen „Paradies“ geredet. Auch mir fällt es manchmal schwer, die hässlichen Betonbauten zu akzeptieren. Doch ich kann die Welt nicht ändern. Also erfreue ich mich an dem Schönen, das mir geboten wird.

Als der Regen nachlässt, bummele ich durch die engen Straßen des alten Dali. Hier scheint das Leben vor hundert Jahren stehen geblieben zu sein. In den alten Geschäften gibt es keine Glasscheiben in den Schaufenstern. Das Fleisch hängt ungeschützt in der Luft. Grosse bunte Bonbongläser locken verführerisch. Die Gassen sind teilweise so eng, dass keine Autos durchkommen. Dafür tragen alte Frauen ihre Lasten in hohen Kiepen. Ihr Rücken wird geschützt durch einen Umhang, der mit bunten runden Stoffscheiben verziert ist.

Ich komme mir vor wie mitten in einem Dokumentarfilm über die malerischen Minderheiten Yunnans. Alles wirkt irreal, so als ob ich das alles nur träume. Aus den exotischen Eindrücken flüchte ich in Jim’s Cafe. Doch welche von diesen Welten ist real? Da ist es irgendwie beruhigend, dass es Bratkartoffeln mit Spiegeleiern zu essen gibt.

Jimmy organisiert für uns Backpacker Ausflüge in die Umgebung, die viele interessante Dörfer und vor allem große Märkte bietet. Ich fahre zusammen mit ein paar Backpackern im Minibus nach Sapin. Der Markt von Sapin wirkt wie aus dem Bilderbuch. Die Region ist ganz offensichtlich wohlhabender als Xishuangbanna. Der Markt erstreckt sich über mehrere Hektar. Überall türmen sich Stapel von Gemüse, Eiern und Bastmatten. Der Viehmarkt nimmt fast die Hälfte des Geländes ein. Zottige Pferdchen und haarige Kühe warten auf ihre Käufer. In einer Ecke des Marktes praktiziert ein Zahnarzt mit seinem Tretbohrer und gefährlich aussehenden Zangen. Da gehe ich schnell dran vorbei. Ich habe ein kleines Loch in einem Zahn. Das tut zwar nicht weh, aber ich mache mir doch Gedanken, ob ich nicht mal zum Zahnarzt sollte.

Auch hier bietet der Markt eine gute Gelegenheit, die vielen Trachten der hiesigen Minderheiten zu sehen. Geprägt sind die Gewänder der Frauen von leuchtend blauem Stoff. Die Kopftücher der älteren Frauen haben weiße Kreuzstickerei auf blauem Grund. Die jungen Mädchen sind bunter gekleidet mit fein bestickten weißen Schürzen. Das schönste aber sind die Kindertragen, die manche Mütter auf dem Rücken haben. Sie sind mit Blumen liebevoll bestickt. Unter einer kleinen bunten Haube schauen die Babies neugierig auf das Treiben. Ich könnte stundenlang schauen und staunen. Am liebsten möchte ich mir ein solches Tragetuch kaufen und als Souvenir mit nehmen. Aber was soll ich in Deutschland damit? Ich mache ein paar Photos, das ist mir Souvenir genug.

Nach dem Besuch des Marktes fahren wir noch nach Xizhu, wo wir eine Stunde Zeit haben, um uns den Ort anzusehen. In die engen Gassen kommen Autos und Traktoren nicht hinein. Jedes Haus besteht aus mehreren Gebäuden, die um verschiedene Höfe herum gruppiert sind. Zur Straße hin befindet sich das große Haupttor, das mit schwarzen Zeichnungen auf weißem Grund verziert ist. An einer Stelle wird so ein Haus gerade renoviert. Ich verständige mich durch ein Lächeln mit den Arbeitern, dass ich eintreten darf. Liebevoll werden die alten Holzgeländer mit neuen Schnitzereien versehen. Die Fenster, die aus Holzgittern bestehen, die immer noch mit dickem Papier beklebt sind, dessen Fetzen im Wind wehen, geben den Blick frei auf leere Zimmer. Ich freue mich, dass hier keine neuen Betonbauten entstehen, sondern alte Häuser traditionell wiederhergestellt werden. Ganz positiv gestimmt und voller neuer Eindrücke fahren wir nach Dali zurück.

2011

2011

Auch der nächste Tag bringt schönes Wetter. Ich miete mir ein Fahrrad für einen Ausflug in die Umgebung. Dali liegt etwas oberhalb eines großen Sees (Erhai-See) in ungefähr 2500m Höhe. Heute ist die Luft klar und frisch, die Sonne scheint auf einen strahlend blauen See, auf dem kleine Fischerboote mit weißen Segeln fahren. Da spiegeln sich die 1000 Jahre alten weißen Pagoden in einem mit Lotos bewachsenen Teich und spielen die Kinder auf dem Schulhof in der Sonne.

Das kleine Museum von Dali befindet sich in einem ehemaligen Tempel in der Nähe eines alten Stadttores. Als ich dort rauskomme, taucht die untergehende Sonne die Stadt in strahlendes Rot. Dann gehe ich langsam zu Jim’s Cafe zurück, wo bei Kerzenschein die Traveller sitzen und klönen. Von den vielen Bratkartoffeln und dem Müsli morgens habe ich manchmal Bauchweh. Ich merke, dass mir das chinesische Essen besser bekommt als all die vielen Ballaststoffe, aber ich kann dann doch nicht widerstehen.

In Dali gibt es eine große Evangelische Kirche, in der am Sonntag tatsächlich ein Gottesdienst stattfindet! Das Gebäude mit dem hohen Kirchturm überragt alle umliegenden Häuser. Innen sind die Wände kahl und schmucklos. Neugierig will ich mir den Gottesdienst ansehen. Ich verstehe natürlich kein Wort, das der uralte chinesische Pastor auf der Kanzel sagt. Aber es findet sich eine ältere Frau, die ein wenig Englisch spricht, mir ein englisches Gesangbuch reicht und einiges erklärt und übersetzt. Es sitzen ungefähr 50 meist ältere Menschen auf den harten Holzbänken in der Kirche. Der Pastor soll schon fast 90 Jahre alt sein. Natürlich hat auch hier während der Kulturrevolution kein Gottesdienst stattgefunden. Aber jetzt kommen auch wieder junge Leute in die Kirche. Allerdings solle ich mich von den jungen Männern fernhalten. Das sagt mir diese Frau, und ich grübele darüber nach, was sie damit gemeint hat, mit den jungen Männern…?!

Dali 2011
2011 hatte ich das Glück, in Verbindung mit einer Gruppenreise, die ich begleitete, noch einmal nach Dali zu kommen. Natürlich ist auch Dali in den letzten 20 Jahren gewachsen und ein attraktiver Touristenmagnet geworden. Es gibt viele kleine Gasthäuser und Souvenirläden. In den Restaurants an der „Foreigner-Street“ kann man von Pizza über Bratkartoffeln bis zu chinesischen und tibetischen Spezialitäten alles essen. Und wenn man dann in die ruhigen autofreien Nebengassen abseits der Touristenstraßen geht, dann scheint es immer noch das alte Dali zu geben, das ich 1991 gesehen habe. In den Dörfern der Umgebung sind die alten Häuser liebevoll renoviert. Außerdem gibt es Jim’s Tibetan Hotel. Ob es der gleiche Jim ist wie 1991, weiß ich nicht, aber das Guesthouse sieht klasse aus und wäre sicherlich meine erste Wahl, sollte ich jemals wieder nach Dali kommen.

Bei dem kleinen China-Reiseveranstalter feel China gibt es eine tolle Aktiv-Reise, die u.a. eine Tour rundum den Erhai-See führt, mit Übernachtung in den Dörfern. Eine außergewöhnliche Reise, die ich gerne mal mitmachen würde! Außerdem gibt es dort einen schönen Blogbeitrag über Dali.

3 Pagoden im Regen 2011

3 Pagoden im Regen 2011

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 12. – 25.10.1991: Ferien im tropischen Xishuangbanna 

Zur nächsten Etappe: Lijiang

4 Kommentare

  • Hallo Ulrike, jetzt habe ich die hübschen bestickten Kindertragen auch gesehen! Bin jetzt den zweiten Tag in Dali und schon ganz hingerissen. LG Linni

  • Was deine Geschichte(n) so spannend macht, sind die kleinen Anekdoten, die Menschen, denen du begegnet bist. Jimmy, die alte Frau, der Pfarrer, denen du mit deinen Worten für uns LeserInnen Leben einhauchst. Ich kenne Reiseerzählungen, die explizit den Weg von A nach B beschreiben und denen du dann als LeserIn ab dem zweiten Abschnitt nicht mehr folgst. Bei dir lese ich jeden Satz.

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