Reiseleiter in China

Reiseleiterin in Xi'an

Reiseleiterin in Xi’an

„Reiseleiter ist ein Job, den ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche!“ sagte ich nach einer (für die Reiseleiter) katastrophalen Silvesterreise nach Moskau 1990. Die Reisenden hatten kaum etwas gemerkt, aber wir Reiseleiter hatten jede Menge Probleme hinter den Kulissen geregelt. Zu dem bei der Landung herrschenden Schneesturm kamen 650 Gäste, die jede Stunde neue Herausforderungen stellten. Kein Salz auf dem Tisch? Den Reiseleiter fragen! Kein Klopapier auf dem Zimmer? Den Reiseleiter fragen! Und mehr. Hinzu kamen so „Kleinigkeiten“ wie nicht genügend Tickets für den Zirkus, ein Teilnehmer, der bei der Metro-Besichtigung verloren ging und es nicht für nötig hielt, sich zurückzumelden. Die Pässe von rund 290 Reisenden nach Düsseldorf waren kurzfristig verloren gegangen, der Rückflug schien überbucht, ich hatte einen fürchterlichen Wodka-Kater und vieles mehr. Doch davon ein anderes Mal!

Ja, ich hatte mir geschworen, nie wieder als Reiseleiter unterwegs zu sein, und habe es dann doch gemacht! Warum eigentlich? Vielleicht weil ich ein ausgeprägtes Helfersyndrom habe, oder weil ich froh war, mein Wissen zu teilen, oder auch, weil ich es genoß, im Mittelpunkt von lauter Unwissenden zu stehen.

Obwohl, so unwissend sind Gruppentouris nicht. Sie wissen gerne auch manches etwas besser als der Reiseleiter. Aber ohne Reiseleiter wollen sie auch nicht unterwegs sein.

Die Aufgaben eines Reiseleiters*, der eine Rundreise begleitet, sind vielfältig. Er ist die „Mutter“ und der „Vater“ der Gruppe, hat alle Widrigkeiten von den „Kindern“ fernzuhalten. Er spricht die Landessprache, sorgt dafür, dass alle pünktlich am Bus sind, dass niemand verloren geht, dass alle ausreichend zu essen bekommen, und dass immer eine Toilette in der Nähe ist, wenn nötig.

Zitate
GeBeCo:
„…Reiseleiter sind der Schlüssel zu Ihrem Reiseerlebnis. Als Begleiter, Organisationstalente und Kulturvermittler lassen sie Sie Ihr Reiseland mit allen Facetten erleben. …“

Studiosus:
„Studiosus-Gäste möchten ihr Reiseziel mit allen Sinnen erleben und erwarten einen fachlich wie persönlich kompetenten Studiosus-Reiseleiter, der “sein Land” hervorragend kennt, mit Begeisterung führt und als aktiver Vermittler zwischen den Kulturen agiert.“

Diesen Anspruch hat jeder Reiseveranstalter an seine Reiseleiter, der Rundreisen oder Studienreisen organisiert.

Diese Ansprüche lassen sich nur schwer perfekt erfüllen. Auch ein Reiseleiter ist ein Mensch, der nicht alles weiß, der manchmal müde ist und der nicht permanent geduldig und freundlich sein kann. Obwohl, die meisten geben sich größte Mühe. Ich kann mich an Zeiten nach Beendigung einer Rundreise, die ich begleitet habe, erinnern, in der ich Tage brauchte, bis dieses festsitzende Lächeln wieder einem normalen Gesichtsausdruck wich.

Ein ständiger Reiseleiter, der zwei oder drei Wochen eine Gruppe begleitet, wird gerne als ständig ansprechbar angesehen. Zum Beispiel kann man ihn ja auch mal um 1 Uhr nachts um Hilfe bitten, wenn die Klospülung nicht funktioniert – selbst erlebt!

Wie ist das also in China?

Neben dem ständigen Reiseleiter gibt es meistens in den einzelnen Städten oder Regionen örtliche Reiseführer. Eigentlich kann man das gut verstehen: In einem solch riesigen Land kann man nicht alles wissen. Manche Gruppis verstehen das aber nicht, denn das kostet ja auch Geld.

Doch in China ist das genau geregelt. Jeder Reiseleiter, der fachliche Führungen zu Sehenswürdigkeiten vor Ort leisten möchte, braucht eine spezielle Lizenz, ausgestellt von der örtlichen Tourismusbehörde. So kann es sein, dass jemand, der in Suzhou und Tongli Reiseleiter ist, nicht im knapp 100 Kilometer entfernten Wuzhen führen darf.

Der ständige Reiseleiter in China ist also im Wesentlichen für die Organisation zuständig. Er hilft beim Einchecken ins Hotel, passt auf, dass niemand verloren geht, vermittelt und übersetzt. Sind die richtigen Busse da? Gibt es für alle Zugtickets? Was passiert, wenn mal irgendetwas nicht klappt? Der Zug fährt nicht? Also muss ein Bus organisiert werden. Jemand aus der Gruppe ist krank, braucht gar einen Arzt? Der Reiseleiter hilft, geht mit zum Arzt oder besorgt Medizin. Ein Teilnehmer ist Vegetarier? Der Reiseleiter sorgt für ausreichend Gemüse auf dem Tisch. Er hält den Kontakt zu der chinesischen Reiseagentur. Und ist dafür verantwortlich, dass sich niemand auf der Rundreise langweilt oder sich alleine fühlt.

Der örtliche Reiseleiter kennt sich aus. Er weiß zu jedem Tempel, zu jedem Baum, zu jeder Fliege etwas zu erzählen. Er unterhält mit seinem geschichtlichen und kulturellen Wissen, erzählt mal einen Witz, mal eine nachdenkliche Anekdote. Mit dem ständigen Reiseleiter bildet er ein Team, das alle Fragen und Nöte der Gruppis abdeckt.

Der Reiseleiter kennt sich in Geologie und erklärt, warum Chinesen bizarre Steine so lieben.

Der Reiseleiter kennt sich in Geologie aus und erklärt, warum Chinesen bizarre Steine so lieben.

Natürlich ist das, was ich da geschrieben habe, eine Idealvorstellung. Nicht immer klappt das so wie beschrieben. Auch ein Reiseleiter ist mal schlecht drauf, müde, ungeduldig. Und die Gruppis machen es ihm auch nicht gerade leicht. Sie erwarten einen immer lächelnden munteren Reiseleiter, der für die dümmsten Fragen zur Verfügung steht.

Der ständige Reiseleiter wohnt in China meistens im gleichen Hotel wie die Gruppe. Nicht immer hat er ein genauso schönes Zimmer. In vielen Hotels gibt es spezielle Reiseleiter-Zimmer, Mehrbettzimmer im Keller oder sonstwie nicht sehr komfortable Zimmer. Damit werden Kosten gespart. Der örtliche Reiseleiter kann abends, wenn er Glück hat, nach Hause gehen. Doch meistens haben diese eine Lizenz für einen größeren Bereich und sind auch ein paar Tage weit entfernt von ihrem Heimatort.

Wochenende? Feiertage? Das gibt es für den ständigen Reiseleiter nicht. Meistens hat er im Anschluß an eine Reise ein paar Tage frei. Doch manche Reiseleiter arbeiten als Honorarkräfte und werden nur für ihren Einsatz bezahlt. Dann sind sie froh, wenn sie gleich die nächste Gruppe in Empfang nehmen dürfen.

Übrigens haben die meisten chinesischen Reiseleiter Germanistik studiert. Also sind ihre Sprachkenntnisse ihre Grundkompetenz. Alles andere lernen sie in möglichen Weiterbildungen durch die Reiseveranstalter oder die Agenturen vor Ort. Häufig ist es den Reiseleitern selbst überlassen, wie viel sie lernen und wissen.

Trinkgelder

Die Reiseleiter in China erhalten in der Regel ein Grundgehalt. Doch hat es sich wie überall in der Welt auch in China eingebürgert, dass Reiseleiter ein Trinkgeld erhalten. Das ist ein Thema, über das es immer auch zu Diskussionen zwischen Reiseteilnehmer und Reiseveranstalter kommt.

Trinkgelder in den Reisepreis einzuschließen, ist problematisch. Ein Grund, warum das bei den meisten Reiseveranstaltern nicht gemacht wird, ist, dass die Abrechnung über die örtlichen Agenturen schwierig ist. Es ist auch nicht auszuschließen, dass auf dem Weg vom Reiseveranstalter über die Agentur bis zum Reiseleiter ein Teil des Geldes irgendwo hängen bleibt. Auch wird von machen Veranstaltern darauf hingewiesen, dass sich der Reisepreis dadurch erhöhen würde und somit ein Wettbewerbsnachteil gegenüber Veranstaltern, die das Trinkgeld nicht einschließen, entstehe.

Der in meinen Augen wichtigste Grund, Trinkgeld direkt und persönlich zu geben, ist es, dass man so individuell die Leistung des Reiseleiters belohnen kann. Ist der Reiseleiter schlecht, mürrisch oder uninformiert, dann gibt man eben nicht so viel. So schafft man Anreize für gute Leistung. Ein guter Reiseleiter kann richtig viel verdienen.

Der ständige und der örtliche Reiseleiter bilden optimalerweise ein gutes Team

Der ständige und der örtliche Reiseleiter bilden optimalerweise ein gutes Team

Eine andere Herausforderung ist es für den ständigen Reiseleiter in China, die Trinkgelder für die örtlichen Reiseleiter, die Busfahrer und die Kofferträger im Hotel zu organisieren. Da es auf einer Rundreise durch China zu häufigen Ortswechseln kommt, gilt es alle paar Tage Abschied zu nehmen und … Trinkgeld zu zahlen. Häufig schlägt der ständige Reiseleiter am Anfang einer Reise vor, einen bestimmten Betrag in eine gemeinsame Kasse einzuzahlen. Daraus werden dann die o.g. Personen bedacht. Das entlastet die Teilnehmer, die nicht dauernd nach ihrem Portemonnaie suchen müssen. Es sieht nur manchmal so aus, als „fordere“ der Reiseleiter das Geld. Das stimmt nicht. Und auch der Reiseleiter hat keine Lust auf diese immer wieder kehrenden Diskussionen.

Welch große Bedeutung das Trinkgeld auch als Anerkennung bedeutet, schildert diese kleine Geschichte, die eine Reiseteilnehmerin an einer China-Rundreise dem Reiseveranstalter mitteilte: In einer Gruppe, die eine klassische zweiwöchige China-Rundreise machte, hatte ein Teilnehmer die anderen aufgehetzt mit den Worten „In China gibt man kein Trinkgeld!“ Die Teilnehmer ließen sich davon überzeugen und gaben nichts. Die Reiseleiterin, die zu einer der Teilnehmerinnen ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hatte, fragte diese unter Tränen heimlich am Flughafen: „War ich wirklich so schlimm? Warum hat man mir kein Trinkgeld gegeben?“ Die Teilnehmerin gab ihr beschämt, was sie gerade noch in der Tasche hatte. In Deutschland angekommen packte sie ein großes Päckchen für die Reiseleiterin und schrieb ihr einen langen Brief, in dem sie sich für das Verhalten ihrer Mitreisenden entschuldigte.

Freundschaftsläden

Eine weitere Einkommensquelle und ein Diskussionspunkt sind die Besuche in sog. Freundschaftsläden. Diese Läden, die früher den Intershops der DDR – also Westware gegen Devisen – entsprachen, haben meistens einen Vertrag mit der Agentur bzw. der Tourismusbehörde vor Ort. Der Reiseleiter bringt die Reisenden dorthin und erhält eine Provision. Das soll es übrigens auch in anderen Ländern geben. Reisen, die diese Läden nicht ansteuern, sind in der Regel teurer. Aber man kommt meistens nicht um zwei oder drei Besuche herum. Außerdem bekommt der Reiseleiter richtig Ärger und könnte seine Lizenz verlieren, wenn er die vorgeschriebenen Besuche nicht macht.

Für die Reiseteilnehmer bieten die Läden auch einen gewissen Mehrwert. Man erfährt etwas über Süßwasserperlenzucht, Jade, Seide und Tee. Oder auch noch anderes. Ich war 2011 mit einer Gruppe unterwegs, die sich völlig begeistert auf jede solche Veranstaltung stürzte. Keiner meckerte. Ich war erstaunt, hatte ich doch schon so einige Beschwerden über den häufigen Besuch der Freundschaftsläden gelesen. Ich glaube, man muss sich einfach offen drauf einlassen, schauen, ob man nicht zumindest etwas Neues lernen kann. Niemand muss in einem Freundschaftsladen etwas kaufen!

Politik und Kritik

Reisende nach China möchten mit dem Reiseleiter gerne auch mal die Politik des Landes diskutieren. Stichworte Menschenrechte und Tibet. Wenn dann ein Reiseleiter sich nicht auf die Diskussion einlässt oder die Kritik an seinem Land zurückweist, dann gilt er schnell als „gleichgeschaltet“ und „unkritisch“. Das stimmt so nicht! Ein chinesischer Reiseleiter ist Chinese und damit auch Patriot. Was unter Chinesen durchaus möglich ist und gerne gemacht wird, geht mit „Fremden“ gar nicht: Die Kritik an der Regierung und an politischen Mängeln Chinas. Der Reiseleiter erzählt gerne von den Errungenschaften und Leistungen seines Landes und seiner Menschen. Er ist stolz darauf, Chinese zu sein. Er würde auch niemals auf Deutschland zeigen und eine Diskussion zum Thema „Massentierhaltung“ anfangen. Würden wir Deutsche uns gerne auf solche Punkte reduziert sehen? Ein chinesischer Reiseleiter wird immer höflich und freundlich solchen Diskussionen aus dem Weg gehen. Er ist stolz darauf, sein schönes China den Reisenden zeigen zu können.

Reiseleiter auf Individualreisen und Kleinstgruppen

Wer nach China reist, hat häufig Bedenken, sich zurecht zu finden, da er die Sprache nicht spricht. Deshalb werden auch bei kleinen Gruppen oder Paaren, die eine organisierte Reise durch China planen, örtliche Reiseleiter gewünscht. Nein, ein ständiger Reiseleiter ist dann auch nicht nötig, denn der organisatorische Aufwand ist ja nicht ganz so hoch wie bei einer Gruppe. Also übernimmt der örtliche Reiseleiter, der den Gast schon vom Bahnhof oder Flughafen abholt, in seiner Stadt das Rundum-Paket: Hilfe beim Checkin ins Hotel, beim Geldtauschen und beim Aussuchen der Mahlzeiten. Er ist Dolmetscher und Organisator, und zugleich auch derjenige, der für Kunst, Architektur, Natur und Geschichte zuständig ist. Ein solcher Reiseleiter ist sehr zu empfehlen, wenn man Zeit und Mühen sparen will. Schließlich möchte man in der kurzen Zeit seines Urlaubs nicht überwiegend mit dem Organisieren von Fahr- und Eintrittskarten beschäftigt sein.

Fazit:

Reiseleiter ist kein einfacher Job. Und in China meiner Meinung nach noch ein wenig komplizierter als anderswo.

Was der Reiseleiter noch so macht:

* Wenn ich vom „Reiseleiter“ spreche, meine ich in jedem Fall sowohl männliche als aus weibliche Reiseleiter

Wie heißt das wichtigste Utensil für unterwegs auf Chinesisch? Die Antwort findet Ihr hier:: Der Reiseführer

7 Kommentare

  • Das ist schon ein Job, eine Aufgabe, die den ganzen Menschen fordert, mit allem Drum und Dran… Danke für diese höchst interessanten Einblicke in das Wirken und Leben von Reiseleitern/innen.

  • Wieder ein informativer Beitrag von dir, der (mir) China näher bringt. Zum Glück bin ich in Japan immer meine eigene Reiseleiterin. 😉

    • bambooblog

      Für denjenigen, der einen Reiseleiter hat, ist es gut und bequem. In die Lage, selbst die Rolle des Reiseleiters zu übernehmen, kommt man schnell, wenn man z.B. Freunden die eigene Stadt zeigt.
      Danke für Deinen Kommentar! LG Ulrike

  • Da hast nun ganz alte Zeiten bei mir wachgerufen, und ich kann Dir zustimmen, ich wünsche diesen Job niemandem. Vor 40 Jahren war ich als Reiseleiterin in Lloret de Mar,Spanien, nicht lange aber zu lange, ich kann heute noch Abende mit Gruselgeschichten über diese Zeit füllen, jetzt kann ich auch darüber lachen. Zeitweilig habe ich Sightseeing in Berlin gemacht, das war schon besser, nur 3-4 Stunden Busfahrt, das kann man schaffen, trotzdem nicht meine Berufung.Und dass es in China besonders schwierig ist, glaube ich Dir gerne. lg Marlies

    • bambooblog

      Lloret de Mar vor 40 Jahren stelle ich mir auch nicht einfach vor. Vor allem die Massen an Teenagern! Mein größter Alptraum war vor 23 Jahren die Moskau-Reise. Ich habe eine Woche gebraucht, bis ich nicht mehr glaubte, dass der Schneesturm alleine meine Schuld war…
      aber es gibt ja glücklicherweise Menschen, die mit Begeisterung Reiseleiter sind.

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