China – Die Heizungsgrenze

Die Heizungsgrenze und ihre Folgen für den Reisenden

In China gibt es eine wichtige Grenze – die Heizungsgrenze. Die Grenze gibt es seit mehr als 60 Jahren. Auch wenn sie nun langsam fällt, sollte man diese Grenze als Reisender nicht unterschätzen.

Was bedeutet die Heizungsgrenze?

In China wird ein Großteil der Heizungen immer noch durch staatliche Fernwärme geregelt. Zumindest alle staatlichen Institutionen, ganze Wohnviertel, Schulen, Universitäten und Ministerien hängen an den Leitungen, die kuschelige Wärme und auch heißes Wasser bringen sollen. Damit das aber nicht zu verschwenderisch genutzt wird, sind die Zeiten, in denen es diese Wärme gibt, geregelt: Genau vom 15.11. bis zum 15.03. wird in China geheizt. Aber nur im Norden! Und zwar grob gesagt nördlich vom Yangtze-Fluss.

Offiziell verläuft die Grenze zwischen dem 32. und 34. nördlichen Breitengrad ungefähr entlang am Huaihe-Fluss und den zentralchinesischen Qinling-Bergen. Das bedeutet, in Peking wird staatlich geheizt, in Shanghai nicht. Das hatte die chinesische Regierung unter Zhou Enlai in den 1950er Jahren so festgelegt.

Heizungsgrenze: Winter in Peking. Seltener Schneefall hat 2009 die Stadt verwandelt. Da es Anfang NOvember ist, wird noch nicht geheizt

Nördlich der Heizungsgrenze:Winter in Peking. Seltener Schneefall hat 2009 die Stadt verwandelt. Da es Anfang November ist, wird noch nicht geheizt

Diese Regelung war sicherlich damals begründet, denn in jenen Jahren fehlte es an Vielem, die knappen Ressourcen reichten nicht, um in ganz China im Winter zentral zu heizen. Auch wenn so ein Fernwärmesystem effizient ist, wird es nach wie vor nicht überall ausgebaut. Moderne private Wohnhochhäuser entstehen häufig ganz ohne Heizung, auch im Norden. Da behilft man sich mit Klimaanlagen, die auch auf Heizen eingestellt werden können, oder mit privaten elektrischen Heizungen. In den großen Städten im Norden wie Peking kann man immer noch sehen, dass Kohlestaubbriketts ausgeliefert werden. Gerade in den alten Hutongvierteln wird mit diesen sehr umweltschädlichen und auch nicht besonders effizienten Kohleöfen geheizt und gekocht.

Isolierung der Wände und Fenster?

Da eine gute Isolierung der Hauswände sowie Thermopen-Fenster nicht sehr weit verbreitet sind, hilft in manchen Räumen auch die beste Heizung nicht. Dann greift der Chinese als praktisch veranlagter Mensch zur Zwiebelmethode: Viele Schichten Kleidung übereinander, eine warme Mütze, die auch die empfindlichen Ohren bedeckt, Schal und Handschuhe schützen vor der Kälte. In China gibt es traditionelle Regeln, die diese warme Verpackung zu bestimmten Zeiten vorschreiben.

So soll es in Shanghai geschehen sein, dass es vor Jahren im März eine Hitzewelle gegeben hatte. Doch die alten Leute, die sich wie vorgesehen in dicke Schichten gepackt hatten, zögerten, diese Kleidung abzulegen. Es gab einige Hitzetote, Leute, die warm verpackt umfielen vor Hitze. Erst als der Bürgermeister öffentlich die Anordnung erließ, dass man sich bitte schön sommerlich kleiden sollte, schälten sich die Menschen aus ihren wärmenden Schichten.

Südlich der Heizungsgrenze

Südlich der Heizungsgrenze kann es ziemlich kalt werden, doch das bringt die lokalen Regierungen nicht so schnell zum Umdenken. Schließlich kostet das alles Geld. Dass ein gutes Fernwärmesystem Energie spart, die Umwelt entlastet und letztlich auch Geld spart, hat sich noch nicht überall rumgesprochen.

Man schaue sich mal die aktuellen (28.12.14) Temperaturen in folgenden Städten an: Shanghai und Kunming. Da kann man sich vorstellen, dass auch dort eine Heizung gut täte!

Wenn man als Tourist mit einer organisierten Reise unterwegs ist, braucht man sich um die Kälte keine Gedanken machen. Die großen guten Hotels haben alle eine effektive Heizung, auch im Süden, und heißes Wasser gibt es rund um die Uhr. Doch heute noch gibt es Situationen und Orte, wo man mit den Auswirkungen der Heizungsgrenze und der Heizperiode konfrontiert wird.

Dick eingemummelte Menschen in Peking:

Peking 2009

Peking 2009

Hier einige Beispiele zum Thema „Ich und die chinesischen Heizungen“

Kalter Winter am Beijing Language Institute 1993

Peking – Sprachenuniversität – Anfang November 1993. Im Beijing Language Institut hatte man allerdings bereits Mitte Oktober mit dem Heizen angefangen – den empfindlichen Ausländern zuliebe! Doch was hilft die beste Heizung gegen kaum isolierte Wände und Fenster aus einfachstem Glas. Doppelverglasung? Thermopen-Fenster? Kaum bekannt damals. Die Fenster ließen sich darüberhinaus nur schlecht schließen. Wir verklebten die Ritzen mit Paketklebeband. Nicht schön aber wenigstens eine kleine Hilfe gegen eiskalte Winde im Zimmer. Natürlich hatten wir auch jeder trotz offiziellem Verbots unsere kleinen Heizlüfter, die einen fast vergeblichen Kampf gegen die Kälte führten.

Ich erinnere mich an einen Tag Anfang November 1993: Dick eingemummelt, mit Schal, Mütze und Handschuhen saß ich im Unterricht. Die letzten 20 Minuten murmelte ich Durchhalteparolen. Nein, aufgeben wollte ich nicht! Kaum läutete die Glocke zum Unterrichtsschluss, lief ich zu unserem Betreuungslehrer und klagte über Kälte, mangelnde Isolierung und Fenster, die sich nicht schließen ließen. Doch der zuckte mit den Achseln. Schließlich wurde hier schon seit Mitte Oktober geheizt. Dabei deutete er auf den glühend heißen Heizkörper in seinem Büro, über dem sich das Fenster befand. Zwischen den Fensterflügeln klaffte ein 20 Zentimeter breiter Spalt, durch den die heiße Luft direkt von der Heizung in die kalte Außenwelt entwich. Im Büro war es eiskalt.

Ich und einige Freunde am Beijing Language Institute. Dicke Kleidung und die Reste der Paketklebestreifen. 1993

Ich und einige Freunde im Klassenraum des Beijing Language Institutes 1993. Der Winter ist fast vorbei, die Klebestreifen an den Fenstern bringen nichts mehr. Aber die Kleidung zeigt, dass es immer noch kalt ist in den Klassenräumen.

Peking im Dezember 1988

Meine erste Reise nach Peking. Dezember 1988. Ich hatte Glück, ich wohnte in einem Backpackerhotel, das liebenswürdigerweise ganztägig heizte und auch jeden Abend heißes Wasser lieferte. Doch draußen herrschten Temperaturen um die Minus 15 Grad! Ich kaufte mir gleich zu Anfang auf dem Silkmarket seidene Ski-Unterwäsche, eine dicke Daunenjacke und Handschuhe. So ausgerüstet begab ich mich auf meine Sightseeing-Touren. Damals gab es noch sehr viel mehr von den alten Hutong-Vierteln. In den alten Häusern bestand manches Fenster noch aus dickem Papier. Kein fließend Wasser, keine Elektrizität. Zum Schlafen gab es breite Betten, auf denen die ganze Familie dicht aneinandergekuschelt unter dicken Decken schlief.

Heizung? Gar nicht dran zu denken! Damals machte ich erstmals Bekanntschaft mit den schrecklichen Kohlestaubbriketts, mit denen die Pekinger heizten und kochten. Diese aus billigster Kohle häufig selbst hergestellten Briketts verbreiteten überall in der Stadt ihren strengen Geruch. Die Luft war manchmal schwefelgelb und kaum zu atmen. Wenn ich abends in mein Hotelzimmer zurück kehrte und duschte, rann das Wasser schwarz vom Staub an mir runter. Das Wasser war hart, der Winter eiskalt und trocken. Meine Hände wurden rau und rissig. Da half dann auch die gute Handcreme nicht mehr. Als ich wieder zuhause in Hannover war, kaufte ich mir ein fettes Badeöl und weichte mich erstmal eine Weile in dem heißen köstlichen Wasser ein. Als ich das Wasser abließ, blieb ein breiter schwarzer Rand. Als hätte ich mich seit Wochen nicht mehr gewaschen!

Fahrradtransporter mit Kohlestaubbriketts 2009

Kohlestaubbriketts gehören auch heute noch zu einem ziemlich alltäglichen Anblick im Winter

Ein Kohlestaubbrikett wird in den Ofen gesetzt 2009

So werden die Kohlestaubbriketts eingesetzt

Südlich des Yangtze habe ich mich im Winter eher nicht aufgehalten. Deshalb habe ich auch wenig Erfahrungen damit. Doch einmal war ich im November in Lijiang, am Rande des Osthimalayas auf 2.500 m Höhe. Es war nachts fürchterlich kalt und es gab keine Heizung. Ich zitterte unter meinen zwei Bettdecken, hatte die ganze Nacht meinen Pullover an.

Und noch eine Erfahrung aus Peking aus jüngerer Zeit: 2009 wohnte ich Anfang November in einem wunderschönen, aber sehr einfachen Hutonghotel. Isolierverglasung? Heizung? Es war ja schließlich erst Anfang November! Es gab einen heftigen Wintereinbruch mit Schneefällen, die ein wahres Chaos anrichteten. Zunächst wurde nicht geheizt, also die Klimaanlage ließ sich nicht auf Heizen einstellen. Doch es gab in meinem Hotelchen heißes Wasser rund um die Uhr. Die feuchte Kälte setzte mir bei meinen Touren sehr zu. Meine Füße fühlten sich nach zwei Stunden wie reine Eisklumpen an. Da habe ich die Dusche genommen und mit dem heißen Wasserstrahl meine Füße aufgetaut. Ja, ich weiß, das ist nicht besonders umweltfreundlich. Aber da ging es mir wie vielen Menschen in Asien: Erst kommen die ganz persönlichen Nöte dran und dann die Umwelt.

Kalt: Im Hostel in Peking

Im Hostel in Peking

Seit Jahren gibt es auch im Süden Chinas Proteste gegen die strikte Heizungsregelung. Doch es fehlt an der nötigen Infrastruktur und man hat dringendere Probleme zu regeln. Es bleibt spannend!

Weitere Wintereindrücke aus China

Der zugefrorene See beim Sommerpalast 1988

Der See beim Sommerpalast friert im Winter oft zu. 1988 wurde er als gigantische Eislaufbahn genutzt

Auf der Stadtmauer von Xi'an im Winter

Auf der Stadtmauer von Xi’an im Winter

China im Winter

China im Winter: Cuandixia bei Peking

Wie man den Winter in Shanghai (südlich der Heizungsgrenze und doch ziemlich feuchtkalt) übersteht und welche bunten und phantasievollen Mittel dazu zur Verfügung stehen, erfahrt Ihr in diesem wunderbaren Artikel von Shaoshi: So übersteht man den Winter in Shanghai, Der Artikel gibt auch die Antwort darauf, wie die süßen Haushündchen vor dem Schietwetter geschützt werden. Unbedingt lesenswert!

Fahrräder im Schnee

Fahrräder im Schnee

Schneeballschlacht

Schneeballschlacht

Schnee in den Hutongs

Schnee in den Hutongs

23 Kommentare

  • Pingback: Eintauchen in die Vergangenheit: Die Xicheng Hutongs

  • Pingback: China Nachrichten 23.01.16 – Bambooblog Hamburg

  • Pingback: So übersteht man den Winter in Shanghai | Shaoshi in Shanghai

  • Thomas

    Das mit dem 15.11. ist so nicht ganz richtig.
    So wird z.B. in Yanbian im NordOsten schon teilweise Mitte Oktober geheizt, aber spätestens Anfang November.
    Mitte November liegt dort oft schon Schnee und bei Temperaturen um die -20/-30°C braucht man viel früher als in Beijing die Heizung.
    2014 wurde z.B. schon im Kreis Antu Anfang Oktober geheizt, weil es so kalt war.
    Auch habe ich es schon erlebt, daß noch im April die Heizungen liefen, weil draußen noch alles gefroren war.

    • bambooblog

      Hallo Thomas, danke für Deinen Hinweis. Es gibt wohl etliche Ausnahmen und spezielle Regelungen, nur leider in Südchina nicht, weil es dort einfach keine Fernwärme gibt.

    • Jetzt sitze ich an meinem Schreibtisch im Arbeitszimmer und habe die obligatorischen kalten Füße- trotz Heizung…lese den Blog und finde mal wieder, ich habe hier in `schland Luxusprobleme… Naja, erstmal nen heißen Tee…und dann weitermachen…

  • Ein gutes Thema, das ich auch für nächste Woche geplant habe (da kann ich dann ja verlinken :-D).

    Die Fenster-Situation scheint sich ja bis heute nicht groß geändert zu haben. Jetzt verstehe ich auch die Kleberückstände an den Fensterrahmen unserer alten Wohnung 😉

    • bambooblog

      Ich war schon ganz gespannt auf Deinen Kommentar zu diesem Artikel! Nun freue ich mich auf Deine Sicht der Dinge. Irgendwie hatte ich geglaubt, dass langsam alles besser wird. z.B. die Fenster. Anscheinend aber doch nicht! 😉

  • Wieder was gelernt über China. Auch, wenn ich Winter mag, so friere ich ungern.

  • Sehr interessant! Auch die Anekdote über die Hitzewelle und das mangelnde Selbstverständnis, sich der Temperatur entsprechend zu kleiden und keiner Anordnung zu folgen. Das ist schon krass. Ein Einzelfall? Ich meine, es geht hier nur um Kleidung und das persönliche Wohlbefinden. War das eine Art Lähmung, Unfähigkeit, eine eigene Entscheidung zu treffen oder Angst, vor vermeintlichen Konsequenzen für “Ungehorsam”? Das kann man sich nur schwer vorstellen. Sonnige Grüße, Jutta

    • bambooblog

      Hallo Jutta,
      dieser Vorfall war schon lange her, als ich davon 1993 hörte. Damals war wohl ein allgemeiner Gehorsam vorhanden. Die Anfangszeiten der Kommunisten und die Kulturrevolution haben Eigeninitiative nicht gefördert. Und manche ältere Menschen haben das so verinnerlicht, dass sie sich nur langsam ändern.
      LG
      Ulrike

  • Wieder etwas Interessantes dazu gelernt. Von einer Heizungsgrenze wusste ich bis dato noch gar nichts.
    Danke, liebe Ulrike!

    • bambooblog

      Die Heizungsgrenze scheint tatsächlich wenigen bekannt zu sein. Der durchschnittliche Tourist reist in der Regel nicht im Winter in China. LG – Ulrike

  • Brrrr! Davon wusste ich nichts! Ich sehe deine Beiträge jetzt übrigens wieder im WordPress-Reader 🙂

  • Tja, eine gewaltige Aufgabe. China dreimal so groß wie Europa und dreimal so viele Menschen und alle wollen es warm haben. Gut, dass China diese angeblichen “Geisterstädte” für mindestens 500 Millionen Menschen gebaut hat, die in ein paar Monaten dann von Russland alle mit Gas versorgt werden können.

    Bye, bye USA, bye, bye Erdöl aus Saudi Arabien, bye, bye Fiat-Money.

  • Das habe ich nicht gewußt, dass es in China diese Unterschiede gibt. Wenn ich in meiner warmen Stube sitze, geht es mir doch sehr gut. Schön, dass du mich daran erinnert hast.
    Ich wünsche dir einen guten Start in das neue Jahr.
    LG Tina

    • bambooblog

      Ja, Tina, so ist das! Auch heute hat es in China (und auch anderswo) nicht jeder warm und kuschelig. Aber man weiß sich zu helfen.
      Ich wünsche Dir auch einen guten, kuscheligen, Start ins neue Jahr!
      Ulrike

  • Nicht zu vergessen, dass im Süden Chinas oft eine feuchte Kälte herrscht, die durchgeht bis auf die Knochen. Als ich vor zwei Jahren in Shanghai war, erzählte unsere Reiseleiterin, dass in ihrer Studienzeit selbst hartgesottene Kommilitonen aus der Mandschurei im Shanghaier Winter das Bibbern gelernt hätten und sich nach ihren -30° zu Hause sehnten..

    • bambooblog

      Das ist eine interessante Geschichte! Wer weiß, was mir entgangen ist, weil ich jetzt nicht gerade in Shanghai bin. Naja, ich warte eben auf besseres Wetter! LG Ulrike

      • Da schließe ich mich an! Die feuchte Kälte geht einem durch und durch. Ich empfinde so einen “milden” Winter in Shanghai auch nicht viel angenehmer als in Deutschland.

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