05. – 10.01.92 Unterwegs in Bangkok: Eine zwiespältige Erfahrung

Die letzten Tage mit Geli vergehen wie im Flug. Der Abschied von meiner Freundin fällt schwer. Doch nach der ganzen Anspannung, es möglichst gut für Geli zu machen, ist es fast eine Erleichterung, wieder alleine zu reisen.

Per Zufall treffe ich einen alten Freund wieder, der jedes Jahr im Winter mehrere Monate in Thailand verbringt. Wir verbringen einige interessante Tage in Bangkok, überlegen, ob wir eine Weile zusammen reisen wollen. Doch mich reizt es immer mehr, nach Koh Phangan zu fahren, um mich 10 Tage auf Meditationretreat zu begeben. Ich habe keine Ahnung, was mich da erwartet, aber es wird bestimmt eine neue Erfahrung sein.

Bangkok und die Kao San Road bieten viele Möglichkeiten, neue Leute kennen zu lernen. Da gibt es kaum ein Mal, wo ich alleine essen gehen muss. Doch dann passiert etwas, was mich wieder zum Rückzug bringt.

Die Israelin
An einem Mittag gehe ich mit meinem Freund und einer Frau aus Israel – Sarah – essen. Wir unterhalten uns sehr gut. Sarah ist genauso alt wie ich, auch Single und als Frau alleine unterwegs. Sie arbeitet in Tel Aviv in einem Reisebüro. Da haben wir schon viele Gemeinsamkeiten. Ich freue mich sehr und hoffe auf interessanten Gesprächsstoff.

Doch dann fragt sie mich, was ich von der Lage in Israel halte. Wohlgemerkt: SIE fragt MICH! Ich antworte, dass ich das ganze Theater dort nicht verstehen kann. Sie meint, dass die Palästinenser alle ein Messer bei sich tragen, damit sie bei Gelegenheit Israelis abstechen können. Ich antworte vorsichtig, dass man das so pauschal nicht sehen könne. Sie widerspricht mir heftig und fragt mich nach meiner Meinung dazu. Ich sage nach Überlegen und ganz vorsichtig, dass das, was die Israelis mit den Palästinensern machen, auch nicht immer gut ist.

Da schaut sie mich mit einem bösen Blick an und sagt: „You as a German are not in a position to critizise us Israelis!“ Ich habe genug. Dazu sage ich nichts mehr, aber ich stehe auf, zahle mein Essen und gehe mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen!“ Mein Freund versucht noch zu vermitteln. Ich sage ihm, dass ich solche Diskussionen nicht möchte und dass ich mich mit Sarah nicht mehr unterhalten will. Das habe ich nicht nötig! Ich bin sehr ärgerlich, finde es aber gut, dass ich nicht meinem ersten Impuls, Sarah fürchterlich zu beschimpfen, nachgegeben habe.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 29.12. – 04.01.1991 Silvester in Thailand

 

 

9 Kommentare

  • Pingback: 11.01. – 25.01.92 Meditationsretreat auf Koh Phangan

  • Es ist manchmal schon irre, was man im Ausland erlebt. Etwa als wir in Taiwan für Adolf Hitler gelobt wurden (er hat ja schließlich gegen die Kommunisten gekämpft!). Oder vor einem Jahr in Singapur, als uns auf der Strasse ein älterer Holländer anquatschte, um uns laut mitzuteilen, dass sein Onkel von den Nazis getötet worden sei. In beiden Fällen sind wir möglichst schnell höflich weitergegangen.

    Soll man sich heute noch im Ausland als Deutscher verstecken? Seit einigen Jahren haben wir auf dem Tagesrucksack eine kleine deutsche Flagge (damit wir nicht ständig mit Amerikanern verwechselt werden) und haben damit (Ausnahme der genannte Holländer) nur gute Erfahrungen gemacht, auch wenn wir zu Autos und Fußball nichts Besonderes beitragen können.

    • bambooblog

      Als Deutscher ist man fast überall gerne gesehen und respektiert. Manchmal aus den falschen Gründen. Das ist aber häufig ein Zeichen mangelnder Bildung, z.B. wenn die Einheimischen glauben, dass Hitler noch lebt (mir so passiert in Pakistan). Ich selbst sehe mich eher als Europäerin oder Weltenbürger.

  • Oh mann, echt übel. Ich hab mich mal in einem Chatroom eigentlich nett unterhalten, dann sagte der Typ zum Abschied “It was nice talking to a Nazi”. Ich war am Boden zerstört.

  • Ein alter und sehr netter Ägypter den wir kennen, hat zur Lage im Nahen Osten einmal folgendes gesagt: “Du kannst dir nicht vorstellen welcher Hass dort herrscht. Auf beiden Seiten. Ich bin froh nicht mehr in Ägypten zu leben.” Der Mann hat in Deutschland studiert, ist Dipl. Ing. und lebt seit locker 50 Jahren hier.

    Eine Amerikanerin jüdischen Glaubens – mit deutschem Nachnamen -, die ich vor Jahren in Düsseldorf traf, hat im Verlauf des Gesprächs Streit mit mir angefangen. Erst hat sie die japanischen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg angesprochen, dann die der Deutschen. Auf meine Frage wie lange ihre Vorfahren schon in den USA lebten, hat sie “Etwa 150 Jahre” gesagt. Ich konterte, dass sie nun also auch eine Mörderin sei, da sie die “Erbschuld” an den Massakern weißer Siedler / Soldaten an den amerikanischen Ureinwohnern mit sich trage. Sie wurde kreidebleich und ist wortlos gegangen. Wer Schuld sucht, der findet sie überall. Auch vor der eigenen Tür.

    • bambooblog

      Verbrechen werden nicht besser, wenn andere sie auch begehen. Ich bin unterwegs damals oft als Deutsche angefeindet worden, weil gerade Irgendwelche Neo-Nazis Schlagzeilen machten. Da hatte ich eben solche Ereignisse auf Lager, um gegebenenfalls Kontra zu geben. Menschen können Monster sein. Und sie können anscheinend nicht aus der Geschichte und auch nicht von den Fehlern anderer lernen. LG Ulrike

  • Oh, eine solche Erfahrung habe ich auch schon mal gemacht! Als ich mir als Deutsche erlaubte, in wohlgesetzten Worten Kritik an der Politik Israels zu üben, wurde ich gar übelst beschimpft. Ich hab’s dann so wie du gemacht, und mich freundlich zurück gezogen.

    • bambooblog

      Das ist ja interessant! Danke für deinen Kommentar! Ich hab noch einige schlechte Erfahrungen mit Israelis unterwegs gemacht. Aber da traue ich mich gar nicht drüber zu schreiben. Hatte schon mit diesem hier überlegt, ob ich das so schreiben kann. Aber das Leben ist eben nicht immer nur glatt und gerade. LG Ulrike

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