19.02. – 02.03.92 Aufregendes Indien

Varanasi – Agra – Barathpur 

Indien! Nun war ich also einige Tage alleine in Indien unterwegs. Der Wechsel zwischen farbenfrohen und schönen Eindrücken und dem Anblick von Armut, die Begegnungen mit nervigen Rikscha-Fahrern und Bettlern zerren an allen meinen Sinnen und Nerven.

Die Paläste von Varanasi mit ihren filigranen Dekorationen und gleich daneben schrecklich entstellte Lepra-Kranke; die weiße Pracht des Taj Mahals und gleich daneben der Wegweiser zu einer Lepra-Kolonie; Unglaubliche, überraschende Natur und die halb verhunderten heiligen Kühe. Gegensätze, auf die man sich gar nicht so schnell einstellen kann, wie sie auf einen einstürmen.

Ja, Ihr mögt ungläubig gucken und an meinen Erinnerungen zweifeln: Ich habe sie wirklich gesehen – die Ganges-Delphine!!! Einen kurzen aber unvergesslichen Augenblick lang durfte ich sie sehen, im Ganges bei Varanasi.

Aus meinem Reisetagebuch:

Varanasi: Pracht und Elend 

Am frühen Morgen komme ich in Varanasi an. Ich habe kaum geschlafen, bin müde, ungewaschen und wegen der vielen Störungen in der Nacht ziemlich schlecht gelaunt. Ich fühle mich schmutzig und der Ventilator hat mir Kopfschmerzen und Husten beschert. Ich weiß genau, wo ich in Varanasi wohnen will, nämlich in der Yogi-Lodge in der Mitte der Altstadt. Andererseits weiß ich auch aus meinem Reiseführer, dass die Rikscha-Fahrer einen nur ungern dorthin bringen, weil sie da keine Provision bekommen.

VAR Paläste Ich nenne dem Rikscha-Fahrer also einen Platz in der Nähe der Altstadt und handele einen Preis für die Strecke aus. Ich sage ihm deutlich, dass er ein Trinkgeld bekommt, wenn er mich ohne Umwege dorthin bringt. Er nickt. Dann kommt ein junger Mann zu uns, der uns eine Unterkunft anbietet. Ich schüttele den Kopf. Das Hotel liegt mir viel zu weit außerhalb. Ich habe auch keine Lust auf weitere Diskussionen. Da wendet sich der Mann an meinen Fahrer und redet in Hindi auf ihn ein.

Der Fahrer fährt schließlich los und lässt den Mann mitten im Wort stehen. Er sagt zu mir, dass die Unterkunft von dem Mann nicht besonders gut ist. Ich bin beruhigt und lehne mich entspannt zurück. Ich habe mir natürlich vorher den Stadtplan von Varanasi in meinem Reiseführer angeguckt und weiß daher, wie ich mich orientieren kann. Zuerst ist der Weg auch klar, den der Rikscha-Fahrer fährt. Doch an einer Kreuzung, wo ich erwartet hatte, dass wir nach links fahren würden, biegt er nach rechts ab. Ich frage ihn, wohin er will. Er tut erstaunt: natürlich fahre er zu der Unterkunft, die uns der Mann am Bahnhof empfohlen habe. Ich bitte ihn, umzukehren. Er kümmert sich nicht darum und meint nur, dass die Unterkunft doch sehr gut sei und ich sie erst mal ausprobieren solle. Mir reißt der Geduldsfaden und ich fordere ihn mit lauter Stimme zum sofortigen Halt auf. Er stoppt und ich packe meinen Rucksack, gebe ihm das abgemachte Geld (ohne Trinkgeld natürlich) und gehe zurück in Richtung Stadt. Er läuft noch hinter mir her. Jetzt will er mich doch dahin bringen, wo ich hin wollte. Ich gehe gar nicht darauf ein und laufe stur weiter.

Hoffentlich bin ich auf dem richtigen Weg! An einer großen Kreuzung, auf die 6 Straßen münden, stehe ich zunächst ratlos rum und schaue auf meinen Plan. Ich bin mir fast sicher, dass die Altstadt ganz in der Nähe ist. Ein Mann fragt mich nach meinem Ziel. Ich bin heute nicht mehr in der Laune für das Spiel, möchte mich einfach nur in Ruhe orientieren. Der Mann ist hartnäckig und fasst mich am Ärmel. Er weiß ein gutes Hotel in der Nähe. Ich sage fast noch freundlich, dass er mich bitte in Ruhe lassen soll. Er bleibt hartnäckig. Nachdem ich ihn mehrfach gebeten habe zu gehen, reißt mir endgültig der Geduldsfaden: „Do you really want a kick in your ass?“ schnauze ich ihn an. Da guckt er mich erschrocken an und geht weg. Ich bedaure natürlich gleich meine Unhöflichkeit. Zu spät.

Entschlossen gehe ich in die Richtung, die mir am korrektesten erscheint. Schnell habe ich die Altstadt gefunden. An einem Haus finde ich sogar einen Wegweiser zur Yogi-Lodge. Durch die engen Gassen gehe ich den Pfeilen nach. In der Yogi-Lodge ist leider kein Bett mehr frei. Aber wenige Schritte davon entfernt gibt es ein anderes Guesthouse, wo ich ein kleines Zweibettzimmer bekomme, das wirklich sehr preiswert ist. Die Zimmer gruppieren sich um einen kleinen Hof herum. Es gibt eine saubere Gemeinschaftsdusche und einige Traveller, mit denen man sich gut unterhalten kann.

Der Lärm der Straßen ist weit weg. Die Gassen der Altstadt sind so eng, dass kein Auto hindurchkommt und sie leicht von einer heiligen Kuh komplett versperrt werden. In der Nacht wird es kühl. Ich schlafe sehr früh ein und werde um 4:00 Uhr morgens vom Ruf des Muezzins geweckt. Dann ziehen Inder in Prozessionen am Gasthaus vorbei und laut singend und betend zum Ganges hinunter. Ich schlafe bald wieder ein mit einem Glücksgefühl: ich bin immer noch unterwegs in fremden exotischen Städten!

Am Morgen führt mich mein erster Gang zum GPO. Das ist ein dunkles Büro in einem alten Gebäude. So viel Staub überall! Leider ist kein Brief von Ulli da. Ich werde sie wohl erst in Delhi treffen. Danach strolche ich durch die engen Gassen der Altstadt. Man kann sich leicht verlaufen. Aber jeder kennt den Weg zur Yogi-Lodge. Ich habe schnell herausgefunden, dass es besser ist, einen Ladeninhaber nach dem Weg zu fragen. Denn der kann seinen Laden nicht verlassen und mir hinterherlaufen. In einem Seidengeschäft kaufe ich mir eine Seidenbluse für wenig Geld. Ich komme an einem vom Rauch des Feuers schwarzen Teehaus vorbei und setze mich zum Tagebuch schreiben an einen der dunklen Holztische. Der Tee ist lecker und ich kann von meinem Platz aus das bunte Treiben auf der Straße ungestört beobachten.

Nachmittags lerne ich in meinem Guesthouse Tina und Thomas aus Deutschland kennen. Sie sind ganz begeistert von Varanasi und wollen sich abends ein Boot für eine Ruderpartie auf dem Ganges mieten. Als sie mich fragen, ob ich mitkommen möchte, schließe ich mich ihnen freudig an.

VAR Früher MorgenDurch ein Spalier von leprösen Bettlern gehen wir zum Bootsanleger hinunter. Ich versuche, mich vor dem ganzen Elend zu verschließen. Es würde mich sonst überwältigen. In einem nicht ganz vertrauenswürdig aussehenden Ruderboot sitzt Babaji, Väterchen, und wartet schon auf uns. Nachdem wir den Preis für die Fahrt ausgehandelt haben, steigen wir ein und Babaji rudert los. Er sieht ziemlich alt aus. Mit seinem fast zahnlosen Munde strahlend erzählt er uns, dass er schon 80 Jahre alt sei. Das glaube ich ihm dann doch nicht. Seinen Augen kann ich ansehen, dass er bis zur Halskrause voll mit Haschisch ist. Er erzählt uns von den Maharadschas, an deren prachtvollen Palästen wir vorbeifahren. Auf der anderen Seite des Ganges zanken sich wilde Hunde und Geier um einen Kadaver, der im Fluss treibt. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was das wohl ist. Es heißt, dass neugeborene Kinder, die sterben, nicht verbrannt werden, sondern in Tücher gehüllt in den Ganges geworfen werden.

An den Verbrennungsgats (Gat = Anlegestelle) lodern die Scheiterhaufen, auf denen die Toten verbrannt werden, die es sich leisten können, in Varanasi zu sterben. Babaji weist auf ein neues Krematorium am Ufer hin, wo die Verbrennung nicht mit Holz sondern mit Elektrizität und Gas erfolgt. Das ist eine sehr unwürdige Methode und wird nicht von vielen Menschen in Anspruch genommen. Wenn man in Varanasi stirbt und hier direkt am Ganges verbrannt wird, dann sind alle Sünden wie weggewaschen und man kann sicher sein, dass man im nächsten Leben glücklich und reich ist. Am besten ist die Verbrennung auf einem Scheiterhaufen aus Sandelholz. Das können sich nur die wenigsten leisten.

Die Sonne geht in einem Meer von roten und gelben Farben unter. Die Paläste der ehemaligen Maharadschas werden in goldenes Licht getaucht. Sie wirken fast so wie in den Zeiten, als es für jeden Maharadscha Ehrensache war, direkt am Ganges einen Palast zu haben mit einem eigenen Zugang zum Fluss.

Wir sind so angetan von dem tollen Sonnenuntergang, dass wir beschließen, am nächsten Morgen mit Babaji auch den Sonnenaufgang vom Ganges aus zu sehen. Schon zu der schrecklich frühen Zeit von 6:00 Uhr stehen wir am Ufer und warten auf Babaji. Endlich kommt er. Die Luft ist kühl und ein wenig dunstig. Kein Windhauch. Das fahle Licht der Sonne wirkt wie ein Weichzeichner. Die Paläste sehen aus wie aus Tausendundeiner Nacht. Im Fluss springen die Fische. Es ist noch ganz still. Nur am Ufer schlagen die Wäscher die Leintücher auf die Felsen, um sie zu reinigen.

Da erhebt sich vor uns aus dem Wasser ein dunkelgrauer Rücken mit einer kleinen Rückenflosse! Sie ist gleich wieder verschwunden. Dann ein zweiter! Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, dass es im Ganges Delfine geben soll. Ich hätte nie gedacht, dass ich sie selbst sehen würde! Ich bin hingerissen von diesem Erlebnis und gucke fast gar nicht auf die bunte Menge, die im Ganges badet.

So früh am Morgen sieht man nicht nur Badende sondern auch Menschen, die ganz ungeniert ihr morgendliches Geschäft verrichten. Ich habe selten so viele nackte Ärsche gesehen, wie in den letzten Tagen in Indien! Ein Bad im Ganges reinigt den Menschen von seinen Sünden und verhilft ihm zu einer besseren Wiedergeburt. In Varanasi ist das besonders Glück verheißend. Natürlich badet niemand nackt. Die Frauen tragen sogar ihren Sari. Unter großen Sonnenschirmen sitzen am Ufer die Saddhus, Heilige Männer, und Brahmanen und stehen den Menschen, die sich an sie wenden, mit ihrem Rat zur Seite.

Beschwingt und voll mit diesen Eindrücken gehen wir zum Guesthouse zurück. An einer Hauswand häuft sich der Müll. Oben drauf sitzt eine Ratte und putzt sich. Im ersten Impuls möchte ich mich aus meiner guten Laune heraus zu Tina und Thomas, die hinter mir gehen, umdrehen und rufen: „Schaut mal wie niedlich!“ Ich kann mich gerade noch stoppen. Wenn ich jetzt schon Ratten niedlich finde, bin ich entschieden zu lange unterwegs!

Am Nachmittag kaufe ich am Bahnhof meine Fahrkarte nach Agra. Wieder eine Nachtfahrt! Ich bin ein wenig frustriert, dass ich nicht weiß, wann, wo und ob ich überhaupt Ulli und Jürgen treffen werde. Auf dem Rückweg besichtige ich den Durga-Tempel, einen kleinen Tempel mit vielen frechen Affen. Ich fühle mich so überwältigt von all den bunten und gegensätzlichen Erfahrungen in Varanasi, dass ich es vorziehe, mich den Rest des Tages im Hof des Guesthouses zu erholen.

Während ich so in der Sonne sitze und an meinem Tagebuch schreibe, spüre ich bei heiterem Himmel einen leichten Sprühregen. Als ich nach oben schaue, sehe ich einen Affen, der mich hämisch anzugrinsen scheint und in aller Ruhe auf mich herab pinkelt. Bääh! Ich stehe auf und gehe mich duschen.

Agra: Ein Ort voller Zauber und Wunder

Noch ein Nachtzug in Indien! Anfangs ist der Zug recht leer und ich habe meine Ruhe. Doch dann steigen viele Leute zu und ich muss mein Bett verteidigen. Abends schaue ich noch eine Weile aus dem Fenster auf die Landschaft. Sie wirkt sehr vertraut, denn die Felder sind mit Raps bepflanzt, der jetzt leuchtend gelb blüht. Fast wie Zuhause in Niedersachsen! Ich wundere mich darüber, wie viele wilde Tiere ich sehe. Nicht nur die heiligen Kühe, Wasserbüffel und Ziegen, nein, auch Antilopen stehen manchmal auf den Wiesen und am Bahndamm. Bunte Vögel, die ich nicht identifizieren kann, bevölkern den Himmel.

Taj MahalAls ich in Agra ankomme, dämmert es gerade. Es ist ziemlich kalt und ich habe von der unruhigen Nacht Kopfschmerzen. Ich finde einen Rikscha-Fahrer, der sich bereit erklärt, mich zu dem Hotel meiner Wahl zu fahren. Doch kaum hat die Fahrt angefangen, geht die Diskussion los! Er weiß natürlich ein viel besseres Hotel! Ich lasse mich auf nichts ein und sage ihm im barschen Ton, dass ich aussteige, wenn er mich nicht auf dem direkten Weg dahin fährt, wo ich hin will. Widerwillig gibt er nach. Ich finde mich selbst furchtbar: immer diese Streitereien, bei denen ich manchmal auch fies fluche.

Endlich kommen wir an dem von mir ausgesuchten Guesthouse an. Ich bezahle. Dann muss ich den Wirt wach klingeln. Es ist noch nicht mal 6 Uhr! Der dicke verschlafene Inder, der mir öffnet, ist ganz erfreut, dass sich so früh schon ein Gast zeigt. Ich erhalte ein sauberes Zimmer auf dem Dach des Hauses. Nachdem ich meinen Rucksack abgelegt habe, trete ich auf die Dachterrasse vor meinem Zimmer.

Es ist einfach unglaublich! Nicht weit von hier liegt das Taj Mahal. Im ersten Morgenlicht wirkt es wie eine Erscheinung aus einem Märchen. Da scheint dieses zauberhafte Gebäude mit seinen Türmen und der weißen Kuppel zum Greifen nahe. Ich bin müde und lege mich aufs Bett, um mich ein wenig auszuruhen. Doch ich finde keine Ruhe. Ich stehe auf und setze mich auf die Terrasse, um an meinem Tagebuch zu schreiben. Wie gebannt schaue ich auf dieses perfekte Gebäude. Je heller es wird, desto mehr Vögel erwachen und füllen die Luft mit ihrem Gesang. Einige Affen turnen über die flachen Dächer der umliegenden Häuser. Ganz hoch oben kreisen Geier oder Raubvögel. Grüne Sittiche fliegen vorbei.

Ich gehe hinüber zum Taj Mahal und verbringe Stunden dort. Ich kann es gar nicht fassen, dass dieses Gebäude mich so beeindruckt. Ich habe doch immer gesagt, dass mir das Taj Mahal zu kitschig und zu touristisch ist! Jetzt bin ich so überwältigt, dass ich kein einziges Foto mache. Ich kann mich gar nicht von dem Anblick der filigranen Türme und der kunstvollen Muster aus Halbedelsteinen trennen. Doch mein Magen knurrt und ich muss mir endlich ein Restaurant fürs Mittagessen suchen.

In den Gassen um mein Guesthouse dröhnt laute Disko-Musik. Warum muss denn alles immer so laut sein hier! Ich komme mit einem Juwelier ins Gespräch. Das ist ein sehr gebildeter Mensch, der viel über Agra zu erzählen weiß. Ich frage ihn nach der lauten Musik. Er erklärt mir, dass der Nachbar, der sein Gerät so laut aufdreht, sich dieses gerade erst gekauft hat, und deshalb jetzt mit der lauten Musik jedem zeigen will, was er sich alles leisten kann. Ich verstehe ihn nun zwar besser, aber der Lärm gefällt mir immer noch nicht.

Auf meinen Spaziergängen in der Nähe des Taj Mahal gelange ich auch auf die Rückseite, die Seite, die die Touristen nie zu sehen bekommen. Hier stehen einfache Hütten am Straßenrand. In einem offenen Stall werden Kühe gemolken. Am Ende des Weges steht ein Schild, das darauf hinweist, dass sich in ca. 100 m Entfernung eine Lepra-Kolonie befindet.

Am Abend sitze ich auf der Dachterrasse und beobachte, wie sich die Farbe des Taj Mahal im Licht der untergehenden Sonne ändert. Ich denke über die vielen Gegensätze nach, die mir das Reisen in Indien so schwer machen. Glück und Elend. Schönheit und Zerfall, Reichtum und Armut liegen hier so dicht beieinander! Ich fühle mich innerlich zerrissen. Ich verstehe, dass die Menschen in ihrem Elend versuchen, so viel Geld wie möglich aus mir „reichen“ Touristin herauszuholen. Aber mir geht das Drängen auf die Nerven.

Eigentlich will ich am nächsten Morgen zum Roten Fort von Agra, aber irgendetwas zieht mich magisch zum Taj Mahal. Ich setze mich in ein Restaurant zu einem üppigen Frühstück und überlege, was ich heute unternehmen will. Schnell wird es Mittag, und ich hänge immer noch rum. Es wird zu spät, um zum Fort zu fahren. Außerdem drängt mich immer noch ein merkwürdiges Gefühl zum Taj Mahal. Obwohl ich überhaupt nicht weiß, wo Ulli und Jürgen gerade sind, könnte ich heute schwören, dass sie in Agra sind. Ich glaube ja eigentlich nicht an Vorahnungen. Trotzdem gehe ich noch einmal zum Taj Mahal.

Agra Taj LadiesIch wandere durch die wunderschönen Gärten, sehe einem alten Mann zu, der Streifenhörnchen füttert. Leider hält er auch gleich die Hand auf, als ich die niedlichen Tierchen fotografiere. Endlich mache ich all die schönen Fotos, die man hier machen sollte. Taj Mahal von nahem und von weitem. Ich setze mich auf den Rasen und beobachte die vielen Besucher. Die Inder scheinen sich für den Besuch des Taj Mahal besonders herauszuputzen. Die Frauen tragen ihre schönsten Saris. Muslimische Frauen in ihren dunklen Gewändern besuchen mit ihren Männern und Kindern dieses Grab einer Sultanin. Es ist ein beliebter Ort für Verliebte und frisch Vermählte. Einer der wenigen Plätze, wo man indische Paare Hand in Hand sehen kann. Eine Gruppe englischer Ladies geht vorbei. Sie müssen einfach Engländerinnen sein mit ihren Hüten und ordentlichen Röcken!

Immer wieder denke ich, dass ich nun langsam zurück gehen sollte. Ich bilde mir das doch nur ein, dass Ulli und Jürgen hier sind!! Doch dann bleibe ich sitzen, spiele mit einem niedlichen indischen Kind und bitte den Vater, ein Foto von mir zu machen.

Es wird 17:00 Uhr, die Sonne steht schon ziemlich tief. Die Kuppel leuchtet golden im Abendlicht. Mit einem Seufzer stehe ich auf. Einmal noch um den Taj Mahal und dann zurück zum Guesthouse!! Langsam gehe ich los. Ich schaue mich um und lasse die Stimmung auf mich wirken. Es ist alles so ruhig und friedvoll!

Dann passiert es! Als ich um die letzte Ecke biege, kommen mir tatsächlich Ulli und Jürgen entgegen!!! Das ist ein freudiges Wiedersehen!!! Ich könnte heulen vor Freude!

Gemeinsam gehen wir langsam hinaus und suchen uns ein Restaurant fürs Abendessen. Ulli und Jürgen hatten sich schon gedacht, dass sie mich hier treffen würden und hatten bereits in meinem Guesthouse nach mir gefragt.

Ulli und Jürgen sind Vegetarier. Das ist in Indien glücklicherweise kein Problem. Beim Essen in einem der vielen kleinen Restaurants in der Nähe des Taj erzählen wir uns das neueste von Zuhause und unterwegs.

Die Beiden überreden mich, am nächsten Tag zu ihnen zu ziehen. Von ihrem Guesthouse haben wir zwar keinen Blick auf das Taj Mahal, aber es gibt einen Garten und eine überdachte Terrasse, auf der wir zusammen beim Gesang der Vögel frühstücken. Anschließend wollen wir zusammen nach Fatehpur Sikri, wo es einen alten Palast und eine berühmte Moschee gibt.

Zurück in Agra erkundigen wir uns nach Zügen nach Bharatpur, unserem nächsten Ziel. Ich gewöhne mich schon daran, dass wir in Indien nie genaue Auskünfte bekommen. Anscheinend gibt es nachmittags einen Expresszug. Wir wollen morgen weiter. Also: mal sehen!

Dieser schöne aber anstrengende Tag endet in einem Restaurant bei einem leckeren Essen, das uns von einem kleinen Jungen serviert wird. Sein Vater ist der Wirt und er ist ganz stolz darauf, dass sein kleiner Sohn schon so gut helfen kann. Er verschwendet keinen Gedanken an Kinderarbeit. Natürlich geht der Kleine auch zur Schule. Aber er soll das Restaurant mal erben, also muss er frühzeitig lernen, wie man dort arbeitet. Beim schiefen aber lauten Klang einer Hochzeitsband gehen wir zurück zum Guesthouse.

Agra Fort PavillionAm nächsten Morgen stehen wir schon vor 6:00 Uhr auf und fahren gleich mit einer Rikscha zum Red Fort. Wir sind fast alleine dort.. Die Luft ist noch kühl, über dem Fluss liegen leichte Nebelschwaden. Wir finden schnell den Pavillon, von dem aus der Maharadscha auf das Grab seiner geliebten Frau sehen konnte, auf das Taj Mahal. Es ist wie im Märchen. Hier die filigranen Säulen des Pavillons und dort über dem Dunst das Taj Mahal! Die Kuppeln und Türme scheinen zu schweben. Gleich dahinter steigt gelb und rund die Sonne auf. So viel Schönheit ist fast unerträglich! Dreck und Elend Indiens scheinen weit weg. Hier gibt es nur   noch Schönheit und Ruhe. Einzig ein paar grüne Alexandersittiche krächzen auf den Mauern über uns.

Obwohl uns nun schon verschiedene Leute gesagt haben, dass der Agra Fort-Bahnhof geschlossen sei, gehen wir anschließend dorthin, um unsere Fahrkarten für nachmittags nach Bharatpur zu kaufen. Natürlich ist der Bahnhof offen und wir kriegen im Handumdrehen unsere Fahrkarten für den Superfast-Express.

Glücklich über unseren erfolgreichen Einkauf setzen wir uns ins nächste Taxi und fahren auf die andere Flussseite zum Baby-Taj. Irgendwie scheint in Indien immer Rush Hour zu sein. Endlose scheinende Minuten stehen wir auf der Brücke im Stau. Natürlich wollen uns wieder viele vieles verkaufen. Wir lassen uns auf nichts ein. Ich steige aus und schaue von der Brücke auf den Fluss. Am flachen kiesigen Ufer haben Wäscher gewaschene Laken und Saris zum Trocknen ausgebreitet. Das Wasser sieht gar nicht so trübe aus, wie ich es von einem indischen Fluss erwartet hätte. Ich glaube sogar, im flachen Wasser eine große Schildkröte entdecken zu können, die sich ganz langsam treiben lässt. Doch Ulli und Jürgen sehen sie nicht.

Der Baby-Taj ist der Vorgängerbau des Taj Mahal. Er ist nicht so groß und auch nicht von so vielen Touristen besucht wie das Taj Mahal. In den vielen blühenden Buschen singen die Vögel. Es ist ein friedlicher und schöner Platz. Wir genießen die Ruhe sehr. Kein Rikscha-Fahrer, kein Mensch, der uns etwas verkaufen will!

Natur pur: Bharatpur

Dann gehen wir zurück zum Guesthouse und holen unser Gepäck. Wir müssen ein wenig auf den Zug warten und haben unsere Freude daran, einen Affen zu beobachten, der herausgefunden hat, wie der Hahn für das Kühlwasser funktioniert. Er öffnet ihn und hängt dann kopfüber an dem Rohr, um zu trinken. Sehr zum Ärger eines Bahnbeamten, der den Hahn dann wieder mit einer langen Schnur zudrehen muss. Unser Zug nach Bharatpur ist dann weder super, noch schnell und schon gar nicht Express.

Als wir endlich in Bharatpur ankommen, taucht die Abendsonne alles in ein goldenes Licht. Indien könnte so schön sein, wenn da nicht die Rikscha-Fahrer wären! Wir erkundigen uns, wie viel die Rikscha-Fahrt zum Tourist-Bungalow kostet. Da wollen wir wohnen, denn Ulli und Jürgen haben die Erfahrung gemacht, dass diese staatlichen Hotels preiswert und sehr ordentlich sind.

Bara RikschahMit unserem Gepäck brauchen wir zwei Rikschas. Das ist kein Problem, eine lange Reihe von ihnen wartet vor dem Bahnhof auf Kunden. Wir handeln einen Preis aus, der nur unwesentlich über dem liegt, den uns der Bahnhofsvorsteher gesagt hat. Die Tourist-Bungalows liegen etwas außerhalb einige hundert Meter vom Eingang zum Keoladeo-Nationalpark, den wir besuchen wollen, entfernt. Kaum sind wir losgefahren, erzählt uns der eine Rikscha-Fahrer, dass er ein viel besseres Hotel wisse, das günstiger ist und näher zum Nationalpark liegt. Als wir ihm sagen, dass wir nur zum Tourist-Bungalow wollen, sagt er uns, dass dieser nicht gut ist. Ich finde den Mann lästig. Ulli ist da ruhiger. Wir sagen nichts mehr. Aber dann versucht er, von der Straße abzubiegen. Ich sage sehr energisch, dass wir zum Tourist-Bungalow wollen. Der Mann gibt keine Ruhe: das Hotel sei voll, dort sei eine Hochzeit mit viel Lärm. Ich reagiere nur noch mit „Tourist-Bungalow!!“.

Endlich erreichen wir das Hotel. Wir fragen an der Rezeption nach: natürlich ist ein Dreibettzimmer für uns frei. Von einer Hochzeit ist weit und breit nichts zu sehen. Jürgen geht zurück zu den Rikscha-Fahrern, um zu bezahlen. Ich rufe ihm noch nach, dass er kein Trinkgeld zahlen soll. Ich bin völlig abgenervt von den Rikscha-Fahrern. Das Zimmer ist ganz nett, nur muss ich auf einer Matratze auf dem Boden schlafen. Die Dusche ist sauber, aber immer, wenn ich dusche, habe ich das Gefühl, als komme mit dem Wasser auch Strom aus der Dusche. Trotzdem gefällt es uns. Nur das Essen taugt nichts. Das betont besonders Ulli, die mir sehr mäkelig erscheint. Sie klagt häufig über Magenprobleme und Kopfschmerzen.

Den ersten Tag in Bharatpur wollen wir für einige organisatorische Dinge nutzen, besonders wollen wir unsere Briefe zur Post bringen. Da wir uns über die Rikscha-Fahrer gestern geärgert haben, dränge ich darauf, zu Fuß in die Stadt zu gehen. Auf dem Weg zum Postamt können wir uns die Stadtmauer und den alten Maharadscha-Palast ansehen.

Der Weg führt ungefähr eine halbe Stunde an der Straße entlang. Natürlich gibt es keinen Bürgersteig. Wir teilen uns den Wegesrand mit Lasten-tragenden Männern, Frauen und den heiligen Kühen. In der Mitte der Straße preschen die Autos, LKWs und Busse an uns vorbei. Da scheint es keine Regeln zu geben. Der Größere und Stärkere hat Recht und der Rest sieht zu, dass er ausweicht.

Schließlich erreichen wir die Altstadt. Alles wirkt sehr einfach, fast primitiv auf mich. In den Läden werden Süßigkeiten verkauft und Brot in alten Öfen gebacken. Unter den Veranden scharren Schweine und Hühner im Dreck. Wir gehen durch ein altes Tor, das mit Elefanten bemalt ist, in das Innerste der Altstadt. Hier wird es ruhig um uns. Autos können in den engen Straßen nicht fahren. Der Palast liegt auf einem Hügel inmitten einfacher Lehmhäuser. Neugierig nähern wir uns dem Gebäude. Eine große Tür steht offen. Als wir eintreten, hören wir im Hintergrund Stimmen, aber sehen nur ein paar kleine Ziegen.

Im Inneren des Palastes ist es dunkel und staubig. Alles macht einen unbewohnten Eindruck. Doch als wir den Stimmen nachgehen, finden wir in einem ehemaligen Saal ein Büro mit einigen Männern, die erstaunt von ihrer Arbeit aufgucken, als sie uns sehen. Einer weist uns mit einem Kopfnicken in den inneren Hof, als wir ihn fragen, ob wir uns den Palast ansehen dürfen. Vorbei an mit Bindfaden verschnürten und in bunte Tücher gehüllte Aktenbündel gehen wir durch die verfallenen Zimmer. Die Fenster zeigen noch das alte wunderschöne Steingitter. Aber durch manches wachsen blühende Büsche. Einer der Männer folgt uns und zeigt uns das obere Stockwerk. Mir scheinen die Böden und Stufen nicht besonders sicher. Von oben haben wir allerdings einen schönen Blick direkt in die Höfe der Lehmhäuser ringsum. Auf einem flachen Bett schläft dort ein Bauer in der Sonne. Hühner und Ziegen scharren im Boden nach Futter. Es wirkt sehr idyllisch. In den wenigen Strahlen der Sonne, die in die hohen Zimmer dringen, tanzt der Staub. Als wir den Mann nach dem Museum fragen, das es hier auch geben soll, deutet er auf ein Dach in der Nähe. Doch es ist geschlossen, schließlich ist heute Montag.

Wir gehen langsam den Hügel hinunter. An einem Stand kaufen wir uns eine Limonade. Dann erreichen wir die andere Seite der Innenstadt an einem weiteren Stadttor. Dort zeigen ein kleiner Panzer und eine Kanone, wie wehrhaft man einst war. Ein Rikscha-Fahrer nähert sich uns und spricht uns an, wohin wir wollen, und sagt, er könne uns preiswert überall hinfahren. Doch wir können das Postamt schon sehen und lehnen ab. Langsam fährt er hinter uns her. Am Postamt sagt er, dass er auf uns warten würde, da wir dann sicher eine Rikscha brauchen werden. Wir sagen ihm in aller Deutlichkeit, dass er nicht auf uns warten solle.

In dem Postamt scheint man bei unserem Anblick aus der Mittagslethargie aufzuwachen. Nein, nur mit Briefmarken kaufen kommen wir hier nicht raus! Der dicke freundlich lächelnde Posthauptmann lädt uns zu einem Tee ein. Alle anderen stehen um uns herum, als der nette Mann uns eindringlich nach unserem Woher und Wohin befragt und ihnen alles übersetzt. Nach einer Stunde dürfen wir endlich gehen. Natürlich haben wir auch Photos von allen gemacht und versprechen, sie nach Indien zu schicken, wenn sie entwickelt sind.

Als wir aus dem Postamt treten, steht der Rikscha-Fahrer immer noch da und wartet auf uns. Er bietet auch gleich seine Dienste an. Wir lehnen erneut in bestimmten Ton ab. Wir wollen jetzt essen in einem Restaurant, das auf der anderen Straßenseite liegt. Er sagt natürlich sofort, dass das Restaurant nichts taugt. Wir gehen unbeirrt hinüber, er folgt uns. Ich sage ihm noch mal in ernstem Ton, dass wir keinen Fahrer brauchen und dass er nicht warten soll.

Ich bin völlig sauer über seine Hartnäckigkeit. Jürgen lächelt nur in seiner ruhigen geduldigen Art. Beim Essen diskutieren wir über die penetranten Rikscha-Fahrer. Schließlich einigen wir uns darauf, dass wir die Rikscha in Anspruch nehmen, wenn der Mann noch da ist, wenn wir aufbrechen wollen.

Natürlich steht er noch da, jetzt aber zusammen mit einem zweiten Fahrer. Wir bräuchten zwei Rikschas, da wir zu dritt seien. OK, doch dann verlangt er einen völlig überhöhten Preis pro Rikscha. Schließlich hätte er lange auf uns gewartet. Mir platzt die Hutschnur: ich sage ihm, dass er nicht hätte zu warten brauchen, dass wir es überhaupt nicht einsehen, dass wir uns von ihm erpressen lassen. Nach kurzer Verständigung mit Ulli und Jürgen machen wir uns zu Fuß auf den Rückweg. Der Rikscha-Fahrer beschimpft uns noch ein wenig. Doch bald sind wir in die engen Gassen der Altstadt eingetaucht.

Keine Autos in den Straßen, nur freundlich staunende Frauen und Kinder. Mitten drin ein Mann, der frisch gepressten Apfelsaft verkauft. Ulli ist gleich Feuer und Flamme. Sie möchte gerne ein Glas Apfelsaft. Ich warne sie leise. Sie klagt die meiste Zeit über Magenprobleme. Da ist ein Saft aus dieser etwas schmuddelig aussehenden Presse nicht ratsam. Doch meine Bedenken werden von ihr und Jürgen beiseite gewunken. Der strahlende Verkäufer, der glücklich über den Umsatz ist, schiebt einige ungeschälte Äpfel und Möhren durch die Presse. Ulli und Jürgen trinken mit Begeisterung und belächeln mich, weil ich nichts trinken möchte.

Bara FrauenAn der nächsten Straßenecke begegnen wir einer Prozession von Frauen. Sie habe alle rote Saris an und tragen kugelige Tongefäße auf dem Kopf. Eine kleine Band trötet dazu auf der Trompete und schlägt die Trommel. Die Frauen sehen wunderschön aus, wie Prinzessinnen aus Tausendundeiner Nacht.

Als wir dann schon fast zurück am Hotel sind, ist anscheinend gerade die Schule zu Ende. Rikschas fahren hochbeladen mit Jungen und Mädchen in Schuluniform an uns vorbei. Manch ein Fahrer hat 10 kleine Kinder zu fahren. Ulli und ich zücken unsere Kameras. Eine von uns winkt den Kindern zu, die andere fotografiert. Die Kinder und wir haben sehr viel Spaß dabei. Ich freue mich nun wirklich, dass wir zu Fuß gehen. Nur habe ich immer noch ein schlechtes Gewissen, weil wir den Rikscha-Fahrer um seinen Verdienst gebracht haben.

Von Obst, das wir unterwegs noch gekauft haben, machen wir uns einen leckeren Obstsalat als Abendessen. Vom Fenster aus können wir eine Gruppe Touristen beobachten, die sich auf ihre Fotosafari vorbereiten. Alle hantieren im Hof des Hotels mit ihren Kameras und ihren Stativen.

Ulli mault am nächsten Morgen, denn wir stehen ganz früh auf, um zum Keoladeo-Nationalpark zu gehen. Der Park ist bekannt für die vielen seltenen Vögel, die auf ihren Wanderungen hier Station machen. Ein wenig fröstelnd in der Kühle des Morgens gehen wir in das Gelände. Wir verzichten auf einen Führer, wollen in Ruhe und alleine die Natur genießen. Schon auf den ersten Metern laufen uns drei Schakale über den Weg. Wir sind so überrascht, dass wir nicht dazu kommen, sie zu fotografieren. Schnell sind sie im lichten Wald verschwunden.

Das Gebiet des Nationalparks ist überwiegend sumpfig. Nach dem Monsun steht jedes Jahr alles unter Wasser. Die Wege sind extra erhöht, damit man dann trockenen Fußes hindurch kann. Wir haben Glück, jetzt ist Trockenzeit und das Gelände ist nur zum Teil mit Wasser bedeckt. Einige offenen Wiesen sind sogar sehr trocken und staubig. Wir sehen viele bunte Vögel, die ich aber nicht mit Namen nennen kann. Ibisse, Störche und Königsfischer sind darunter. Auf den freien Flächen weidet ein Hirte seine mageren weißen Rinder. Das ist eigentlich nicht erlaubt, da es sich ja um ein Naturschutzgebiet handelt.

Im trockenen Gras liegt das bleiche Skelett einer Antilope. Nicht weit davon sehen wir auf einem Baum Unmengen von Geiern. Bald erkennen wir auch, worauf sie lauern: im Gras liegt eine verendete Antilope. Einige Geier sitzen schon drum herum und zerren an dem Fleisch. Sie sind so gierig, dass sie kaum zur Kenntnis nehmen, dass wir uns ihnen nähern.

Bara NP GeierUlli und ich versuchen noch einmal den Trick von gestern. Sie geht langsam mit der gezückten Kamera auf die Tiere zu, während ich laut rufend und mit ausgebreiteten Armen auf sie zustürme und sie erschrecke. Sie schütteln unwillig mit den Flügeln, die eine beeindruckende Spannweite haben, und hüpfen ein paar Meter weg. Schnell sind sie zurück am Kadaver und fressen. Als Ulli sie dann ein wenig aufschreckt, kann ich ein paar tolle Fotos von den ausgebreiteten Flügeln machen.

Je weiter wir in den Nationalpark hinein gehen, desto mehr Teiche und Sümpfe sehen wir. Die Bäume sind häufig ganz weiß von den Reihern und Ibissen. Im Wasser tummeln sich Schildkröten. Da die Trockenzeit sich ihrem Höhepunkt nähert, gibt es nur wenig Mücken und Fliegen. Nach und nach wird es richtig heiß in der Sonne. Ulli klagt über Kopfschmerzen.

Vielleicht sollte sie besser zum Hotel zurückfahren. Doch als wir zu einer Stelle kommen, wo einige Rikscha-Fahrer auf Kunden warten, mag sie sich keine nehmen. Jürgen und ich sind uns einig, dass wir zu Fuß zurückgehen wollen. Also ist Ulli böse auf uns und zockelt im Abstand von 20 Metern hinter uns her.

Müde und voller schöner Eindrücke kehren wir mittags ins Hotel zurück. Den Rest des Tages verbringen wir im Zimmer und im Restaurant. Ulli geht es nicht gut. Sie hat Migräne von der Sonne und klagt auch wieder über Magenprobleme. Deshalb erklären wir den nächsten Tag zum „Krankentag“. Wir gehen zum Frühstück ein paar Meter hinüber zu einem Guesthouse, das Zelte als Unterkünfte anbietet. Ulli isst nicht viel und hält sich an eine Diät aus Cola. In Indien gibt es leider nur Pepsi-Cola, weil sich Coca Cola angeblich damit schwer tut, sein Rezept preiszugeben, und deshalb keine Lizenz in Indien bekommt. In diesem Guesthouse treffen wir ein nettes älteres Ehepaar. Die Frau ist Inderin, die lange in Deutschland gelebt hat und nun mit ihrem deutschen Mann in den Bergen von Nordindien lebt. Sie erzählt von ihrem Leben, dass sie sich von dem Geld, das sie in Deutschland verdient hat, ein kleines Haus in den Bergen Nordindiens gekauft haben. Nun leben sie von einer kleinen Rente, die ihnen in Indien ein gutes Leben ermöglicht.

Da sich Ulli immer noch nicht besser fühlt, gehen Jürgen und ich ohne sie zum Bahnhof und kaufen für morgen unsere Fahrkarten nach Delhi. Die Stimmung in dem warmen Licht der Nachmittagssonne ist wunderschön. Hier auf dem Land scheint die Armut nicht ganz so groß und allgegenwärtig wie in den Großstädten. Lachende und spielende Kinder überall.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 09. – 18.02.92 Indien – ich komme!

Zur nächsten Etappe: 08.03.1992 Delhi – Internationaler Frauentag

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