02.03. – 08.03.92 New Delhi – Internationaler Frauentag

Für den Internationalen Frauentag folgt ziemlich schnell noch ein Eintrag aus meinem Reisetagebuch. Denn 1992 erlebte ich einen ganz speziellen Frauentag, mitten in Delhi unter indischen Frauen. Nach all der negativen Berichterstattung über Frauen in Indien besonders in den letzten Jahren, macht gerade dieses Erlebnis deutlich, dass es diese Problematik auch schon 1992 gegeben hat. Es hat auch immer Menschen gegeben, die sich der Frauenthemen angenommen haben. Die Probleme der indischen Frauen waren auch damals schon die Dominanz der Männer und Dorfvorsteher, die Gewalt gegen Frauen und der mangelnde Respekt vor den Rechten und dem Willen der Frauen.

Deutlich wird das auch durch folgende Entdeckung, die ich 1992 beim Lesen einer englischsprachigen Zeitung in Delhi machte: Eine Schlagzeile lautete „In der vergangenen Woche geschahen 4 Morde in Delhi“, die andere „4 Mitgift-Tote“. In letzterem Artikel kam kein Wort vor wie „Mord“ oder „Mörder“. Die Tatsache, dass da innerhalb von wenigen Tagen 4 Frau ermordet wurden, weil sie nicht genügend Mitgift in die Ehe einbrachten, wurde heruntergespielt. Die Täter aus dem 1. Artikel hatte man gefasst. Die aus dem 2. Artikel waren zwar bekannt, aber eine Strafverfolgung schien es nicht zu geben. Ich fragte mich automatisch, ob diese „Mitgifttoten“ keine Mordopfer waren, die Täter, die doch meistens bekannt waren und in der Familie zu finden, keine Mörder. Indien widerte mich schließlich an. Und nachdem Ulli und Jürgen wieder nach Deutschland geflogen waren, verspürte ich nur noch den Wunsch, das Land zu verlassen. Also nächste Station Nepal! Doch davon später mehr!

Delhi Fort

Delhi Fort

Aus meinem Reisetagebuch:

02.03.1992: Morgens stehen Ulli, Jürgen und ich früh im Bahnhof in Bharatpur und warten auf den Zug nach Delhi. Auf dem Bahnsteig lagert eine indische Großfamilie. Kleine Kinder liegen auf Decken und schlafen. Ein junges Mädchen mit einem Kleinkind auf dem Arm nähert sich uns, bleibt ganz ruhig vor uns stehen und guckt uns mit großen dunklen Augen an. Sie sieht nicht wirklich indisch aus. Sie ist sehr dunkelhäutig und hat schöne feine Gesichtszüge. Ich bin beeindruckt von ihrer Schönheit. Lange steht sie vor uns und schaut uns stumm aber irgendwie freundlich an. Bis ein junger Mann kommt, uns kurz ansieht und das Mädchen an der Hand von uns wegzieht. Ich schaue ihnen fasziniert nach. Die Beiden strahlen eine ruhige Würde aus. Ich bedauere, dass ich nicht mit ihnen sprechen kann und leider auch gar nicht den Versuch dazu mache.

Gegen Mittag sind wir in Delhi. Wir finden schnell ein Hotel in der Nähe des Bahnhofs. Die Gegend nennt sich Pahar Ganj und ist eine Mischung von bunten Kleiderläden und Souvenirshops. Viele der Hotels sind auf Rucksackreisende spezialisiert.

Wir tauchen ein in die bunten Lichter, den Lärm und die exotischen Gerüche dieser lebhaften Gegend. Ulli und Jürgen kaufen Souvenirs, denn sie wollen ja schon übermorgen zurück fliegen. Auch den nächsten Tag verbringen wir mit Einkaufen. Zuerst gehen wir zum Tourist Office, weil ich mich dort für den 03.03 um 11.00 Uhr mit Tony verabredet hatte. Wir warten eine Stunde, doch Tony kommt nicht. Schade! Auf dem GPO hoffe ich auf eine Nachricht von ihm. Doch außer ein paar Briefen von Zuhause ist nichts da.

Weiter geht’s durch die lebhaften Straßen Delhis mit ihrem Gewusel aus alten lauten Autos, LKWs und Kamelkarren. Auf einem Kleidermarkt finde ich einen Rock, der mir sofort gefällt. Er ist schwarz mit lauter kleinen Röschen. Eigentlich sieht er etwas kitschig aus, Geli würde einen Anfall kriegen, wenn sie ihn sähe. Doch Ulli und Jürgen finden ihn auch schön.

Am Abend kommt die Zeit des Abschieds. Bei einem leckeren indischen vegetarischen Essen reden wir noch mal über das Erlebte. Ich gebe Ulli meine vollen Filme mit und einige Sachen, die sie an meine Eltern weiterleiten soll.

Nachts um 3 ist es dann soweit. Ulli und Jürgen fahren zum Flughafen. Ich möchte gerne noch ein wenig schlafen, aber um 8 Uhr machen meine indischen Zimmernachbarn laut ihren Fernseher an. Ich verhandele mit dem Wirt, doch er will nicht von seinen Preisen runter. Deshalb packe ich meine Sachen und ziehe in ein anderes Hotel, wo ich ein sauberes Einzelzimmer mit Dusche bekomme. Es liegt etwas abseits und ist deshalb besonders ruhig. Ich gönne mir einen erholsamen Mittagsschlaf.

Ich fühle mich ein wenig unruhig. Was soll ich jetzt als nächstes tun? Ich habe gestern schon mal nach den Preisen für den Bus nach Kathmandu gefragt. Immer wieder treffe ich die gleichen Typen auf den Straßen von Pahar Ganj. Manche versuchen, mich von meinen Plänen abzubringen und wollen mir lieber ein Ticket nach Kashmir verkaufen. Mir gehen die Leute auf die Nerven. Eigentlich habe ich gar keine Lust, weiter zu fahren, egal wohin. Tony ist nicht gekommen, Ulli und Jürgen sind weiter gereist. Ich bin alleine und fühle mich einsam.

Da freut es mich besonders, als ich in einem der Traveller-Restaurants einen jungen Mann sehe, der eine Jacke mit der für Dali in China so typischen Batik aus kleinen weißen Punkten auf dunkelblauem Grund hat, sehe. Sofort spreche ich ihn an. Ja, er war vor ein paar Wochen mit seiner Freundin in Dali. Da kommt sie auch schon! Gleich entsteht ein angeregtes Gespräch mit den beiden über China und über Indien. Die Frau erzählt mir, dass am 08. März aus Anlass des Internationalen Frauentages eine Veranstaltung in der Nähe des Delhi Forts ist. Ich verspreche, dass ich hinkommen werde.

Als es Abend wird, gehe ich alleine durch die Straßen. Ein Händler spricht mich an: warum ich noch nicht bei ihm meine Fahrkarte nach Kathmandu gekauft hätte. Schließlich hätte ich vor 2 Tagen gesagt, dass ich nur bei ihm kaufen würde. Ich erinnere mich kaum an den Mann. Er geht hartnäckig an meiner Seite mit und redet beschwörend auf mich ein. Ich sage ihm, dass ich mich noch nicht entschieden hätte, wann ich fahren würde. Als er keine Ruhe gibt, fauche ich ihn an, dass ich sowieso nur bei jemand kaufen würde, der mir nicht auf die Nerven geht. Er gehe mir sehr auf die Nerven. Beleidigt zieht er sich zurück. Ich entschließe mich, mir endlich ein Ticket zu kaufen. Das spricht sich dann wahrscheinlich rum und dann habe ich meine Ruhe.

In einem kleinen Laden, bei dem ich gestern ganz ruhig und kurz den Preis für die Fahrkarte genannt bekommen hatte, möchte ich nun kaufen. Doch jetzt stellt sich heraus, dass der Inhaber aus Kashmir ist. Natürlich versucht auch er, mich davon zu überzeugen, wie schön und sicher doch Kashmir sei. Allerdings habe ich vor Kurzem eine Frau gesprochen, die gesagt hatte, dass ihr letzte Woche in Srinagar die Kugeln um den Kopf geflogen seien. Da will ich ganz bestimmt nicht hin! Schließlich begreift das auch der nette Mann. Er gibt mir mein Busticket nach Kathmandu und beschreibt mir genau, wie ich zur Abfahrtstelle komme.

Nun muss ich schleunigst zur Nepalesischen Botschaft, damit ich noch rechtzeitig mein Visum bekomme. Die Botschaft liegt in einem ganz modernen Stadtteil von Delhi, macht aber selbst keinen sehr neuen Eindruck. In einem kleinen düsteren Büro bekomme ich glücklicherweise innerhalb von kürzester Zeit meinen Stempel im Pass. Ich fühle mich wie befreit, als ich ans Sonnenlicht trete.

Genau gegenüber entdecke ich ein Naturhistorisches Museum. Innen ist es zwar auch dunkel, aber die Ausstellungen sind modern und gut beleuchtet. Wie immer fühle ich mich in einem Museum fast wie Zuhause. Ich gehe in aller Ruhe von Schaubild zu Schaubild. Wie schön, dass die Erklärungen alle auch in Englisch vorhanden sind!

Abends sitze ich zufrieden in einem Restaurant im Pahar Ganj und schaue durch die Fensterscheiben auf das lebhafte Treiben draußen. Frauen in bunten Saris gehen einkaufen. Ein Händler schiebt seinen Karren vorbei. Manchmal bewegt sich gemächlich eine Heilige Kuh durch das Gedränge. Eine Ziege versucht vergeblich, ein paar Plastiktüten zu fressen. An den Ecken stapelt sich der Dreck. In einem Hauseingang bügeln zwei kleine Jungen mit einem mittelalterlich anmutenden Bügeleisen einige Tücher glatt. Traveller mit zottigen Haaren und bunten Hosen wirken wie Paradiesvögel dazwischen.

Mich deprimiert dieser Blick auf die Straße, denn ich sitze hier gemütlich, kann mir alles zu Essen kaufen, was ich möchte. Draußen sieht mancher aus, als ob er gleich vor Hunger umfällt. Der Händler wirft mir einen Blick zu, der irgendwie verzweifelt und gleichzeitig resigniert aussieht. Dazu kommt, dass die Männer überhaupt keine Scham empfinden, wenn sie sich an der nächsten Häuserwand erleichtern. Wenn man nur früh genug aufsteht, dann kann man reichlich nackte Ärsche sehen. Statt Klopapier benutzen sie Wasser, das sie in speziellen Vasen mit sich tragen.

Jede Nacht ziehen die Hochzeitsparaden am Hotel vorbei und durch die Gassen. Das ist jedes Mal ein farbenprächtiges und lautes Ereignis. Ich komme kaum zum Schlafen.

Am nächsten Morgen stolpere ich, als ich aus dem Hotel trete, beinahe über ein winziges, rundes, rosa Ferkel. Heute kann ich nur Glück haben!! Es ist Samstag und Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan. Von den Moscheen tönt der Ruf der Muezzins. Ich mache mich auf den Weg zum Delhi Fort. Es ist noch früh. Die Veranstaltung zum Frauentag fängt erst nachmittags an.

Internationaler Frauentag

Das Delhi-Fort ist ein schönes Gebäude aus der Zeit der Maharadschas. Hohe rote Mauern umschließen Gärten und Paläste. Unzählige Tauben fliegen um das Dach eines Pavillons. Die Schönheit der Gebäude gibt mir eine Ruhepause zwischen all den Eindrücken von Armut und Verzweiflung in Indien.

Dann trete ich vor das mächtige Tor. Ich weiß zwar ungefähr, wo jetzt die Veranstaltung sein soll. Aber angesichts der großen Kreuzung und der vielen dicht befahrenen Straßen werde ich unsicher. Ich frage einen Verkehrspolizisten. Der weiß überhaupt nicht, wovon ich rede, auch wenn er Englisch spricht und mich gut versteht. Ich gehe langsam um die Kreuzung herum. Schließlich finde ich hinter einem hohen Zaun einen Platz, auf dem sich mehrere hundert Frauen versammelt haben. Sie werden argwöhnisch von einer Handvoll Polizisten beäugt.

Im Getümmel treffe ich auch die Amerikaner wieder. Wir sind die einzigen Westler. In der Mitte der Menschen ist ein wenig Platz, wo in den nächsten zwei Stunden verschiedene Theatergruppen eine Vorstellung gehen. In ihren Stücken geht es um die Probleme der Frauen, um die Armut, die vielen Kinder und um die Behörden, die sich um nichts kümmern. Der Amerikaner kennt die eine Gruppe und erzählt, dass es sich um Studenten und junge Akademiker handelt, die mit ihrem Straßentheater versuchen, die Bevölkerung über Familienplanung und Gleichberechtigung aufzuklären. Weil dabei viel Kritik an Behörden und Regierung geübt wird, sind die jungen Leute schon im Gefängnis gewesen.

Ich verstehe kein Wort. Es ist alles auf Hindi. Doch die zornig hochgestreckte Faust, die weinende Frau vor einem böse guckenden Beamten sind leicht zu verstehen. Ich freue mich auch an den bunten Saris der Frauen und den niedlichen Babies, die manche auf dem Arm tragen. Alle schauen sie gebannt auf die Vorstellung. In den Pausen singen sie gemeinsam. Leider ist kaum eine Verständigung mit dem Publikum möglich, da niemand Englisch spricht. Ich amüsiere mich über die Polizisten, die ratlos blickend am Rand stehen, schwer mit Maschinenpistolen bewaffnet. Aber es passiert nichts. Man merkt nur, dass sich die Frauen mit den kleinen Theaterstücken identifizieren. Vielleicht bleibt ja davon auch etwas bei den Polizisten hängen.

Abends sitze ich in meinem Hotelzimmer und packe. Morgen geht es weiter nach Kathmandu. Dieser Tag ist ein besonders schöner gewesen. Ich bin ganz erfüllt von all den interessanten Eindrücken.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991: Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: 19.02. – 02.03.1991 Aufregendes Indien

Zu meinen Erfahrungen in Indien gibt es auch noch diese Artikel:
Als Frau alleine durch Indien?
Indiens Frauen

Jedem, der mehr über Indien wissen will, empfehle ich das Buch “Indien verdrängte Wahrheit”

5 Kommentare

  • Pingback: 19.02. – 02.03.92 Aufregendes Indien – Bambooblog Hamburg

  • Betrachterauge

    Ich weiß, dass Indien kein Traumland für Frauen ist. Aber ich frage mich mittlerweile, ob alles, was man in der Presse darüber liest, wahr ist. Leider glaube ich heutzutage keinen Medien und versuche, mir meine eigene Meinung zu bilden oder auf Leute hören, deren ich vertraue.

    Dennoch nie im Leben alleine nach Indien als Frau, so steht fest.

  • Es ist schon traurig, dass sich in den Jahren nichts an den Rechten der Frauen in Indien geändert hat. Mir vermittelt sich der Eindruck, dass nur auf Druck der ausländischen Presse die Täter verfolgt werden. Indien fasziniert mich, aber ich möchte nie dorthin reisen. Eine liebe Freundin von mir ist Inderin und selbst sie hat damit Probleme wie die Frauen behandelt werden. Sie hat ihr Land vor vielen Jahren verlassen und fühlt sich jetzt sicher.
    LG Tina

    • bambooblog

      Danke für Deine Worte! Es gibt kaum ein Unrechtsbewusstsein der Männer in Indien Frauen gegenüber. Aber es gibt auch reichlich westliche Frauen, die Indien idealisieren und von diesen dunklen Seiten nichts wissen wollen. Manchmal überlege ich, ob ich nicht doch wieder mal Indien reise.Einfach selbst gucken, ob sich wirklich nichts geändert hat. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.