Reisen, als es noch kein Internet gab

„Wo war das Internet, als es noch keine Computer gab?“ Herrliche Frage aus Kindermund, die ich letztens im Hamburger Abendblatt fand. Ja, wie war das damals? Ich musste die Frage an meinen Vater weitergeben. Schließlich waren wir als Familie mit 3 kleinen Kindern schon Anfang der 1960er Jahre nach Finnland gereist.

Ferienhaus in Finnland 1964

Ferienhaus in Finnland 1963

Hier also mein kleines Interview mit meinem Vater (88):

Wie bist du auf die Idee gekommen, mit uns nach Finnland zu reisen?
Naja, wir waren ja schon in Dänemark gewesen. Und nun wollten wir einfach ein weiteres skandinavisches Land kennen lernen.

Mir wäre da nicht sofort Finnland eingefallen. War das nicht sehr ungewöhnlich damals?
Erstaunter Blick meines Vaters: „Nein, warum nicht Finnland?!“ Anscheinend hatte er sich weder damals noch heute Gedanken darüber gemacht. „Mit drei kleinen Kinderm?!“ Ich war 1963 gerade mal acht Jahre alt, meine Schwestern 6 und 3 Jahre. Nein, auch die drei kleinen Kinder wurden von meinem Vater nicht als eine besondere Herausforderung gesehen.

Wo hast du damals die notwendigen Informationen herbekommen?
Das Ferienhaus habe ich über eine Anzeige in der Tageszeitung gefunden. Die Zeiten für die Fähre konnte man über das Fremdenverkehrsamt von Finnland bekommen. Mehr brauchte ich nicht. „Landkarten gab es ja schon.“, schmunzelt mein Väterchen.
Die Fähre war damals eine ganz spezielle Erfahrung. Das Schiff war eigentlich ein Stückgut-Frachter. Unser Auto wurde per Kran in den Laderaum gehoben, Kabinen gab es nicht für die mehr als 24 Stunden dauernde Fahrt. Wir schliefen im Aufenthaltsraum auf den Sitzbänken.

Wie war das mit der Sprache? Konnten die Leute in Finnland Deutsch oder Englisch?
Der Penti (unser Vermieter in Finnland) reiste damals oft nach Deutschland. Er konnte sehr gut Deutsch sprechen.

Ja, daran erinnere ich mich auch noch. Aber wir haben nicht viel Kontakt zu den Einheimischen gehabt. Schließlich war das Finnland, ein recht dünn besiedeltes Land. Wir wohnten in einem Holzhäuschen an einem der finnischen Seen. Vor dem Haus ein See mit Badesteg und rundum Wald, nichts als Wald. Das Haus hatte weder Strom noch fließend Wasser. Das Wasser nahmen wir aus dem kristallklaren See. Licht machten wir mit einigen Petroleum-Lampen, gekocht haben wir auf einem kleinen Gaskocher. Es gab ein Plumpsklo und eine Sauna!

Doch ich erinnere mich, dass wir mal mit der Familie vom Penti zum Krebse fangen gegangen sind: Das war ein Fest! Krebse frisch aus den Reusen, ohne viel Schnickschnack gekocht und gleich gegessen! Einfach lecker! Und zwischendurch in die Sauna!

Dann gab es noch die Gelegenheiten, an denen uns die Mutter vom Penti frische Pfannkuchen mit selbst gepflückten Heidelbeeren machte. Meine Mutter war immer kurz vorm Infarkt, wenn sie uns und die weiße Tischdecke sah. Ein Schlachtfeld!

Meine Mutter, die eigentlich gar kein Talent dafür hatte, schreckte nie vor irgendeiner Sprache zurück. Sie hatte ihren ganzen Ehrgeiz darein gesetzt, Finnisch zu lernen. Diese Sprache hat es in sich! Sie ist mehr mit dem Ungarischen verwandt und für Menschen, die an germanische Sprachen gewöhnt sind, völlig ungewöhnlich und schwer zu erlernen. Aber das war meiner Mutter egal. Und so lernte ich entscheidende Wörter wie „Brot“ = „Leipä“ oder „Aurinko paistaa!“ = „Die Sonne scheint!“. Auch mein Vater erinnert sich stolz an ein wenig Finnisch: „muurahainen” = „Ameise”.

Was haben wir denn den ganzen Tag gemacht?
Schwimmen im See, rudern (ein kleines Boot gehörte zur Ausstattung), Pilze sammeln, Preiselbeeren sammeln…

Ohja, an das Pilze sammeln kann ich mich gut erinnern! Darin war meine Schwester allerdings besser als ich. Sie fand immer Pilze, Steinpilze, Maronen, Pfifferlinge. Wir haben uns sehr bio ernährt, damals. „Puolukka“ = „Preiselbeere“ ist auch so ein finnisches Wort, das ich nie vergessen werde.

Und das Erkunden der Gegend gehörte in unseren Ferien dazu: Finnland hatte nicht viel an besonderen geschichtlichen Sehenswürdigkeiten zu bieten, jedenfalls nicht mitten im finnischen Urwald. Doch meine Eltern folgten gerne jedem interessant aussehenden Wegweiser, was uns nicht nur einmal zur örtlichen Müllkippe führte.

Was hat Dir an Finnland besonders gefallen?
Die endlose Seenlandschaft, die Einsamkeit mitten im Wald, das warme Wasser der Seen.

Nun mal ehrlich: Haben wir Kinder damals sehr genervt?
Nein, überhaupt nicht! Ihr habt zwar manchmal etwas gequängelt, aber meistens wart Ihr ruhig und lieb!

Wenn ich mich so zurück erinnere, muss ich auch fest stellen, dass uns die Unbequemlichkeiten der langen Anreise nicht besonders auffielen. Meine Mutter wusste uns bei Laune zu halten. Manchmal waren die langen Wanderungen durch die Wälder auf der Suche nach Pilzen etwas anstrengend. Aber das waren wohl eher die Wanderungen, auf denen wir nicht so viele Pilze fanden.

Langweilig wurde uns auch nie. Im See baden, erste Schwimmversuche machen: das war spannend. Mit dem Vater im Boot auf den See hinaus fahren und angeln, war aufregend, vor allem, wenn man dann genügend Fische für das Abendessen fing. Wenn mein Vater auf den hügeligen Lehmstraßen im Wald Gas gab, juchzten wir alle vor Spaß. „Finnische Achterbahn“ nannten wir das.

Wohlgemerkt: Fernseher oder Radio gab es nicht im finnischen Urwald.

Tja, und Internet natürlich auch nicht…

Juni 2015: Da gibt es eine schöne Blogparade “Die Ferien meiner Kindheit” von Lars Friedrich, zu der ich gerne diesen Artikel anmelde.

14 Kommentare

  • Pingback: Die Ferien meiner Kindheit - Reisen-Fotografie.de

  • Meine Güte – 1963 war ich noch gar nicht geboren. Ein tolle Idee mit dem Interview! Irgendwie ist das heute mit Internet alles viel einfacher geworden. Aber damals ging es ja auch, Dank Tageszeitung und Landkarte. Besonders Klasse, finde ich übrigens die Sache mit dem PKW, der per Kran verladen wurde. 😉

    LG Thomas

    • bambooblog

      Manchmal wundere ich mich selbst, dass ich schon soo alt bin! 😉 Und ich bin immer noch kein Freund von GPS und Co.

      • Ich habe das nieeee gesagt, so, das, mit dem alt – 😉

        Ich liebe GPS – vor allem in Urlaub in den teilweise riesigen Städten. Das möchte ich nicht missen, eher würde ich auf Internet im Urlaub verzichten, aber nicht auf mein Navi.

        LG Thomas

      • bambooblog

        Nein, nein, das hast Du nicht gesagt! 🙂 Ich stecke nur gerade in ner Krise, weil ich in 4 Wochen nulle. 😉
        LG Ulrike
        Alles ist gut!

      • Denk immer dran, jeder ist so jung wie er sich fühlt. 😉 Und wenn Du dich so jung und frisch fühlst, wie Deine Berichte rüber kommen – dann ist doch alles gut!

        LG Thomas

  • Betrachterauge

    Eine tolle Idee, vielen Dank für den Artikel 🙂

  • Wie schön, da will man direkt nach Finnland fahren! Ich finde die finno-ugrischen Sprachen zusammen mit dem Baskischen als letzte Überbleibsel nicht indoeuropäischer Sprachen in Europa ja total spannend! Da bricht die Sprachwissenschaftlerin und der Archäologie-Fan in mir durch 🙂

    • bambooblog

      Tja, Sprachen sind einfach großartig! DAnke für das Wort “!ndoeuropäisch”. Das ist mir heute partout nicht eingefallen.

  • Toll. … und heute hat Finnland eine super Mobil-Abdeckung bis ganz im hinteren Eck des Polarkreises. 😉
    … aber die Seen, die Wälder und die unendliche scheinende Natur sind immer noch von wunderbarer Schönheit.
    Ich will wieder hin! 🙂

    Danke für deine Geschichte und dem Interview mit deinem Vater!

    • bambooblog

      Je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr möchte ich auch wieder mal nach Finnland. Nokia kommt ja aus Finnland.

  • Ich reise auch heute noch ohne Internet. 😛

    Danke fürs teilen deiner Reise. Vielleicht sollte ich meinen Papa auch mal interviewen. Mit meiner Mama habe ich es ja schon gemacht.
    Liebe Grüße nach HH aus dem wilden Süden 😀

    • bambooblog

      Danke, liebe Mayumi! Ich finde es immer spannend, wie das früher so war. ich gehöre ja zu den Menschen, die das Leben vor dem Internet noch erlebt haben 😉 Grüße zurück aus dem hohen Norden – Ulrike

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