06.04.1991: Der große Aufbruch: Bedenken, Unsicherheiten und Glück

Aufbruch in Hannover bei schönstem Frühlingswetter

Aufbruch in Hannover bei schönstem Frühlingswetter

Am 06.04.1991 brach ich auf: 18 Monate Asien mit dem Rucksack waren das Ergebnis.

Am 06.04.1992 steckte ich mitten im Himalaya in Nepal und versuchte mich an einem Trekking um den Annapurna

Am 06.04.2014 schrieb ich meinen ersten Artikel zu meiner Großen Reise. Noch etwas zögerlich. War es wirklich eine gute Idee, meine Leser mit den alten Geschichten zu langweilen? Doch nun, ein Jahr später, gibt es einige Fans, denen das Verfolgen meiner Abenteuer richtig Spaß macht. Herzlichen Dank dafür!

Am 06.04.2015 will ich Euch nun auch die Dinge erzählen, die ich letztes Jahr verschwiegen habe. Von dem Theater, das dieser Reise voraus ging, von den Zweifeln während der ersten Tage unterwegs, von all meinen Unsicherheiten damals. Noch heute klingen mir die Worte meiner Mutter im Ohr, die sie mir kurz vor Abfahrt zuflüsterte: „Und wenn Du in drei Monaten merkst, dass das nichts war, wenn Du keine Lust mehr hast, dann kannst du jederzeit zurück kommen, dich ins Bett verkriechen und Dich von mir verwöhnen lassen, Wunden lecken, bis Du wieder bereit bist für das Leben in Deutschland!“ Übrigens war ich bei meinem Aufbruch 36 Jahre alt, hatte einen gutbezahlten Job und eine voll eingerichtete Wohnung.

Doch nach den ersten Unsicherheiten schalte ich in Moskau ganz in den Reisemodus und freue mich über das „unbegrenzte“ Reisen: Moskau, damals noch die Hauptstadt der UdSSR, zeigt erste Zeichen einer offener werdenden Gesellschaft, Eiscafes, Gallerien, Shopping Malls, dazu schönstes Frühlingswetter: Herrlich!

Aus meinem Reisetagebuch – und bitte immer dran denken, das war 1991, rund 1,5 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Vor der Reise

Die letzten 3 Monate vor meiner Abreise waren der reinste Alptraum:

Seitdem ich gekündigt hatte, gönnten mir meine lieben Kolleginnen nicht mehr das Schwarze unterm Nagel. Neid zerfraß sie, denn ich hatte nicht nur gekündigt, sondern mich für unabhängig von der Arbeitstretmühle erklärt. Ich wollte „aussteigen“ und die nächsten Monate oder möglicherweise sogar Jahre auf Reisen in Fernost verbringen! Der Golfkrieg machte sich auch bei uns, einem kleinen Reiseveranstalter, durch mangelnde Aufträge bemerkbar. Das war aber sicher nicht Grund genug, zum Chef zu laufen und zu behaupten: „Die Heckern tut nichts mehr, die hat keine Lust mehr!“ Als ich Anfang März noch eine schwere Grippe bekam, wäre ich beinahe nicht zum Arzt gegangen, nur damit keiner behaupten konnte, ich würde nur vorgeben, krank zu sein, ich hätte keine Lust mehr. Nachdem ich aber fast im Büro zusammengebrochen bin, war jeder vom Ernst meiner Krankheit überzeugt und ich konnte mich eine Woche ins Bett legen.

Na ja, der Golfkrieg hatte natürlich auch seinen Einfluss auf meine Gemütslage. Schließlich gab es sogar Leute, die den baldigen Ausbruch eines 3. Weltkrieges voraussagten. Meine lange geplante Reise schien auf der Kippe zu stehen.

Meine Freundin Geli brach bei der bloßen Erwähnung meiner Pläne in Tränen aus. Ich ging mit meinen Nerven auf dem Zahnfleisch.Mein guter Freund Stephan (Anm. 2015: Den habe ich übrigens 2003 geheiratet) schenkte mir zum Abschied seinen liebsten Glücksbringer, einen alten Flaschenöffner von der Union-Brauerei Dortmund.

Das waren die wichtigsten Dinge, die ich mitnahm: Das Zugticket lugt unter meinem Brustbeutel raus, Pass und Portemonnaie durften nicht fehlen - natürlich. Ich verfügte damals schon über ein elektronisches Notizbuch, vor allem für die Adressen meiner Freunde

Das waren die wichtigsten Dinge, die ich mitnahm: Das Zugticket lugt unter meinem Brustbeutel raus, Pass und Portemonnaie durften nicht fehlen – natürlich. Ich verfügte damals schon über ein elektronisches Notizbuch, vor allem für die Adressen meiner Freunde

Nebenbei musste ich Berge von Verwaltungskram erledigen: die Wohnung kündigen (mein Vermieter kam Wochen nach der Kündigung auf die Idee, dass ich die Fristen nicht eingehalten hätte. Dem hab’ ich was erzählt!) Meine gesammelten Versicherungen kündigen. Auch hier gab es Probleme mit Fristen etc., Visa beantragen, neue Versicherungen abschließen (welche Auslandskrankenversicherung ist am preiswertesten?!)… Mein Hausrat musste verkauft, verschenkt, verpackt und eingelagert oder weggeschmissen werden. Wochenlang war ich bei verschiedenen Ärzten für einen gründlichen Gesundheitsscheck.

Zum Schluss war meine Wohnung leer und ich am Ende meiner Kräfte. Ich wohnte die letzte Woche bei Geli, die ein paar Tage verreist war. In diesen Tagen war ich entweder am heulen oder betrunken. Aber mein Rucksack war gepackt.

Dieser Rucksack! Ich hatte viel zu viel in ihn hineingequetscht. Dreimal hatte ich alles sorgfältig ein- und wieder ausgepackt. Ich war mir mittlerweile bei jedem Stück sicher, dass ich das auch wirklich brauchte: 2 schwere Jeans, 1 leichte Hose, 2 Pullover, 1 Sweatshirt, 1 Strickjacke… vieles war austauschbar, wie ich später merkte. Der Rucksack wog weit über 20 Kg. Doch was soll’s? Ich entschied mich, erst mal alles mitzunehmen, denn in Russland musste ich mit winterlichen Temperaturen rechnen und damit, dass ich während der langen Zugfahrt nichts waschen kann. In China würde es dann bald warm sein.

Es geht los!

Der Zug fährt an. Ein letztes Winken. Ein Foto von der Familie auf dem Bahnsteig. Dann sitze ich im Zug und fahre. Ich bin unterwegs. Ich bin wirklich unterwegs! Mein Rucksack ist nun alles, was ich habe. Draußen Gärten mit blühenden Tulpen und Narzissen. Ein Wald, der Boden bedeckt mit Buschwindröschen. Auf den Feldern sehe ich in der sinkenden Abendsonne Rehe, Hasen, Fasane und sogar einen Kranich. Alles leuchtet golden. Es ist fast zu viel.

Ich fahre durch die ehemalige DDR. Die Grenze mit ihrem früheren Minenstreifen ist noch deutlich zu erkennen. Es scheint sich nicht viel verändert zu haben. Auch in Berlin kann man die Mauer noch gut vom Zug aus erkennen. Ich fahre durch bis zum Ostbahnhof. Keine Grenzabfertigung mehr, kein Mindestumtausch. Was für ein Gegensatz zu meinen früheren Besuchen in Ostberlin! Nur der Ostbahnhof, der Berliner Hauptbahnhof, wirkt noch ganz wie zu DDR-Zeiten: öde und trostlos. Das Mitropa-Cafe bietet keine gemütliche Überbrückung der Wartezeit, bis mein Zug nach Moskau abfährt.

Also bin ich ganz früh auf dem Bahnsteig. Bis Mitternacht, wenn mein Zug kommt, habe ich noch mehr als eine Stunde Zeit. Ich kann mich schon mal im Warten üben. Denn aus Warten besteht das Reisen in der Hauptsache, wie ich immer wieder merken werde. Warten auf zugigen Bahnhöfen, warten auf den nächsten Bus…

Eine Gruppe junger Leute verabschiedet einen Freund mit Gitarrenspiel und Liedern. Einige Russen schleppen Paket um Paket auf den Bahnsteig. Videogeräte, Fernseher, Computer. Es ist dunkel, kalter Wind zieht durch den Bahnhof.

Am gegenüberliegenden Bahnsteig steht der Zug, der gerade aus Moskau angekommen ist. Er wird weiter nach Köln fahren, also auch über Hannover… Ich starre den Zug wie gebannt an. 20 Minuten, bis er weiterfährt. 20 Minuten Zeit zu überlegen, ob ich nicht umkehre, heim zu Muttern. 20 Minuten, um darüber nachzudenken, ob ich diese lange Reise überhaupt will. Ungewisse Zukunft, fremde Menschen, keine Freunde, ungewohntes Essen, unbequeme Betten sollen jetzt mein Alltag sein. Ich hatte mal eine schöne, gemütliche Wohnung, viele Freunde… 20 Minuten voller Zweifel, Unsicherheit, Angst vor dem Neuen, Unbekannten.

Aber nein, so schnell gebe ich nicht auf!

Im Zug nach Moskau finde ich schnell Kontakt zu Tatjana, einer Russin aus Baku. Sie spricht kein Wort Deutsch, ich nur wenig Russisch. Trotzdem verstehen wir uns gleich sehr gut. Das Abenteuer beginnt. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und fährt hinaus in die Dunkelheit. Schnell bin ich eingeschlafen. Doch schon weckt mich ein Grenzsoldat. Passkontrolle an der polnischen Grenze. Mitten in der Nacht.

Der nächste Morgen ist grau und trübe. Antiklimax zu meiner Abfahrt gestern. Tatjana jammert, dass sie sich die Schulter beim Schlafen verrenkt hat. Polens Landschaft ist in winterlichen Nebel gehüllt, nur vereinzelt deuten grüne Knospen an den Bäumen den nahen Frühling an. Im Nachbarabteil sitzen einige junge Leute, die auch nach Beijing wollen. Schon bald sind wir eine fröhliche Gruppe voller Spannung auf das große Abenteuer.

Nachmittags beobachten wir gemeinsam das Umspuren an der russischen Grenze in Brest. Die Schienenbreite ist in der UdSSR eine andere als in Deutschland und Polen, deshalb werden andere Räder unter unsere Waggons geschoben. Hinter der Grenze in Russland ist kein Hauch von Frühling mehr zu sehen. Das Gras ist noch gelb vom Frost und vom mittlerweile geschmolzenen Schnee niedergedrückt.

Die Aufregung, bald in Moskau anzukommen, lässt mich in dieser Nacht kaum schlafen. Wir werden früh von der Unruhe auf dem Gang geweckt. Nebelschleier hindern die Sonne am Scheinen. Winter. Zwischen dunklen Tannen leuchten Schneefelder. Weiße, nackte Birken mischen sich in die dichten Nadelwälder. Manchmal ein Dorf aus niedrigen Holzhäusern, geduckt hinter hohen Holzzäunen. Eine russische Kirche mit Zwiebeltürmen. Dann künden ausgedehnte Siedlungen von kleinen Ferienhäusern, den Datschen, das nahe Moskau an.

Im Kiewer Bahnhof in Moskau empfängt uns ein Vertreter von Intourist, dem staatlichen Reisebüro der UdSSR. Er sorgt für unseren Taxitransfer zum Hotel Belgrad. Es ist ein komisches Gefühl, nach 3 Monaten wieder in Moskau zu sein, diesmal selbst als Tourist und nicht wie Silvester als Reiseleiterin. Damals hatte ich übrigens im gleichen Hotel gewohnt.

In Moskau werden wir in den zwei Tagen, bis morgen Abend die Transsibirische Eisenbahn abfährt, ein volles Besichtigungsprogramm haben. Deshalb stellt sich uns auch gleich unsere Reiseleiterin Irina vor, die uns bis Irkutsk begleiten wird. Neue strenge Bestimmungen hatten es praktisch unmöglich gemacht, eine Fahrkarte für den Zug ohne Programm etc. zu bekommen. Selbst die Möglichkeit, über Budapest oder Prag ein Ticket zu kaufen, gab es als Folge des Mauerfalls und der Wiedervereinigung nicht mehr. Man war mehr oder weniger gezwungen, eine nicht ganz billige Pauschalreise zu buchen. Hier in Moskau ist die Sammelstelle für alle, die diese Reise gebucht haben, mit Besichtigungen in Moskau und Vollpension während der Fahrt durch die UdSSR. Aus ganz Europa kommen die überwiegend sehr jungen Leute, aus Frankreich, Großbritannien, Schweden, Österreich… Als wir am nächsten Tag abfahren, sind wir rund 30 Leute, fast ein ganzer Wagen voll.

Aber noch sind wir in Moskau. Das Wetter hat sich gebessert. Ich drücke mich vor meiner 3. Metro-Besichtigung und gehe mit Olaf auf die Arbat. Das ist Moskaus wunderschöne Flaniermeile mit Jugendstilhäusern rechts und links, Straßencafes und Souvenirhändlern. Sogar eine Band, die gekonnt Jazz spielt, finden wir. Wie verzaubert gehe ich bis zum Roten Platz. Wachablösung vor dem Lenin-Mausoleum. Warmer Sonnenschein, Musik, ein Eis im Straßencafe. Ich gewöhne mich langsam an den Gedanken, dass es nun eine Weile so weitergehen wird. Ferien, Urlaub nicht nur 3 Wochen lang, sondern auf unabsehbare Zeit. Meine Finanzen sind für mindestens ein Jahr geregelt. Keine Verpflichtungen. Vor allem jetzt am Anfang die Bequemlichkeiten einer Pauschalreise. Keine Sorgen – noch nicht – um die nächste Unterkunft, das nächste Fahrtziel, die nächste Fahrkarte, das nächste Essen. Ich lausche der Musik, ich sehe die Menschen vorbeihasten, ich habe Urlaub. Ich bin frei! Ich bin so glücklich, dass ich heulen könnte

Zur nächsten Etappe: 09.04. – 16.04.91 Abenteuer Transsib

17 Kommentare

  • Bei deinen Geschichten will ich am liebsten noch heute Abend die Kündigung einreichen und in den nächsten Zug steigen. Man spürt richtig die Aufregung, die du empfunden haben musst. Ich hoffe, wir können auch in wenigen Jahren einmal solche Geschichten erzählen.

    • Ulrike

      Hallo Saskia, das wird bdestimmt! Ich bin ja schließlich schon 60 Jahre alt. Da ist es normal, dass schon so einiges erlebt hat
      LG
      Ulrike

  • Ein toller Bericht. Ich musste so schmunzeln bei dem Satz: “In diesen Tagen war ich entweder am Heulen oder betrunken.” Genau so war mein Zustand vor 3 Jahren, als wir kurz vor der Abreise nach USA waren. Ständig kamen Freunde mit einer Flasche Sekt vorbei, um Good bye zu sagen… ich fühlte mich im Dauerkoma.
    Aber der Weg ins Ungewisse, das Erforschen einer neuen Kultur, frei zu sein von dem deutschen Alltag und Zwängen… ist etwas Wunderbares.

    Da man nie weiß, wo es uns noch hin verschlägt, lese ich deine Beiträge immer wieder gerne. Danke für deinen tollen Einblick in eine ganz andere Kultur.

    • bambooblog

      Danke für deinen Kommentar! Ich hab lange überlegt, ob ich diesen Satz wirklich so schreiben sollte, wie er genauso in meinem privaten Tagebuch steht. Aber so war das damals. Dauerkoma trifft es sehr gut. Dieser Wirbel von unterschiedlichsten starken Gefühlen, der einem das Gehirn vernebelt… Schön, dass das jemand versteht! Ich freue mich sehr, dass Dir meine Geschichten gefallen.

  • mei-mei

    An den Aufbruch kann ich mich noch gut erinnern, schließlich stand ich mit den Eltern zusammen auf dem Bahnsteig. Wenige Tage vorher hatte ich noch jede Menge Hausrat und Klamotten zur Heilsarmee transportiert. Mit sehr gemischten Gefühlen sahen wir dem abfahrenden Zug nach. Aber wir haben immer daran geglaubt, dass alles gut geht. Und so war es dann auch! Die Erfahrungen dieser Reise sind unbedingt ein Buch wert!

  • Du solltest wirklich ein Buch schreiben, liebe Ulrike. Ungeschminkt, ehrlich und frei 🙂

    • bambooblog

      Danke, Mayumi! Deine lieben Worte geben mir den Schwung für den heutigen Tag, den ich gerade gebraucht habe!
      Mal sehen! eine Idee für ein Buch habe ich schon. Immer ganz ehrlich. Ich kann keine erfundenen Geschichten schreiben. 😉

  • Schade, dass die Kollegen so missgünstig waren. Ich finde es bewundernswert, wenn jemand so etwas wagt!

    • bambooblog

      Danke! Manche würden gerne, aber trauen sich nicht. Ihnen bleibt dann die Hamstertretmühle Arbeit. Das verstehe ich sogar, wenn sie neidisch sind. doch es war schlimm, wie aus meinem freiwilligen Entschluss fast eine Flucht wurde.

      • Ich würde auch oft am liebsten aussteigen, aber ich traue mich auch nicht 😉

      • bambooblog

        Wenn Du es wirklich willst, dann wirst Du Dich auch trauen!

      • Naja, ich hab halt auch ein Kätzchen und zwei 80-jährige, nicht mehr so fitte Eltern im Haus, seufz. Aber auf Dauer werd ich in meinem Job eh nicht bleiben können, mal sehen.

      • bambooblog

        Dann sind eben zur Zeit diese Dinge wichtiger. Kann ich gut nachvollziehen. Habe meine alten Vater hier und kann auch nicht so, wie ich will.

  • Wow, die Transsibirische. Von der träume ich schon lange ! Mein potentieller Reisebegleiter ist noch nicht wirklich überzeugt. Er murmelt zu dem Thema immer “Birken, Birken, Birken” *grins*

    • bambooblog

      Hmm, ob ihm mein Bericht von damals, den ich demnächst veröffentliche, eine Entscheidungshilfe sein kann? Denn irgendwie hat er ja recht: Birken bis zum Horizont!

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