13. – 24.04.1992 Nepal: bunt und freundlich

Zurück in Pokhara erhole ich mich schnell von der Höhenkrankheit. Doch kaum bin ich in Kathmandu werde ich wieder krank. Mich hat ein böser Durchfall erwischt. Diesmal ist es wirklich etwas Ernsthaftes. Also bleibe ich in Kathmandu länger als geplant. Eine große Frage, die mich nun ein Jahr nach meinem großen Aufbruch beschäftigt, bewegt mich. Wie geht es weiter? Wie lange reicht mein Geld noch?

Von Nepal aus bleibt mir nichts anderes übrig als nach Indien zurück zu kehren. Ich bin mir nicht sicher, ob mir diese Idee gefällt. Aber mittlerweile habe ich so einige Backpacker getroffen, die von Indien in den höchsten Tönen schwärmen. Also war ich selbst daran schuld, dass Indien mich so sehr genervt hat? Hier, in Nepal, scheint alles so viel leichter, der Umgang mit den Menschen einfach. Ich habe mein Lächeln wiedergefunden, das ich in Indien schon fast verloren glaubte. Mit all diesen Erkenntnissen glaube ich, die Herausforderung Indien besser angehen zu können. Ich nehme mir fest vor, mehr Geduld zu zeigen und nicht so schnell auszurasten. Auch kann ich Indien nicht verlassen, ohne das märchenhafte Rajastan mit all seinen Palästen gesehen zu haben. Ich denke auch schon an neue Abenteuer. Der Karakorum Highway lockt. Diese Straße von Pakistan nach China ist ein alter Traum von mir. Aber zunächst heißt es: Auf nach Indien! Vorher noch ein Bericht über meine restlichen Tage in Nepal:

Aus meinem Reisetagebuch 1992:

13.04. – 15.04.1992 Zurück in Pokhara

Ich bekomme mein altes Zimmer. Die Wirtsleute begrüßen mich wie ein Familienmitglied. Mein erster Gang nach dem Duschen führt mich zur German Bakery. Köstlich, dieser Käsekuchen!! Dann lasse ich mich in der Apotheke wiegen. Ich habe 4 Kilogramm abgenommen!

Am Abend laden mich die Wirtsleute ein, mit ihnen auf der Dachterrasse ein wenig zu feiern. Es ist tibetisches Neujahr, was man mit einem Festmahl begeht. Ich bin der einzige Gast, der eingeladen wird. Ich fühle mich sehr geehrt, erzähle mit den Leuten und spiele mit den kleinen Kindern. In der lauen Luft lässt es sich gut sitzen. Der Duft von Curry und Holzfeuern. Im Rücken der Umriss des Machapuchhare und vor mir der Sonnenuntergang. Das Lachen der Kinder und die freundlichen Gesichter meiner Gastgeber. Kann ich noch glücklicher sein?

15.04. – 24.04.1992 Kathmandu

Am nächsten Tag schon fahre ich mit dem Bus wieder nach Kathmandu, wo ich in der Annapurna-Lodge ein freudiges Wiedersehen mit meinem zurück gelassenen Gepäck feiere. Es ist ein richtiges Fest für mich, eine, heiße Dusche zu nehmen und anschließend saubere Sachen anzuziehen!!

Der bunte Mast, der zum Holifest aufgestellt wurde, steht auch bei meiner Rückkehr noch

Der bunte Mast, der zum Holifest aufgestellt wurde, steht auch bei meiner Rückkehr noch

Es ist kurz vor Ostern. Das bedeutet, dass ich keinerlei Behörden aufsuchen kann. Die pakistanische Botschaft ist am Freitag geschlossen. Samstag ist der nepalesische Sonntag und Sonntag und Montag ist die Deutsche Botschaft geschlossen, wo ich gerne nachgefragt hätte, für wie gefährlich sie den Karakorum Highway und Pakistan halten.

Ich verbringe die Feiertage in Kathmandu mit dem Schreiben von Briefen und Postkarten. Ich habe so viel Post im GPO bekommen, dass ich richtig Arbeit damit habe, alle zu beantworten. Dass Geli nicht schreibt, bedrückt mich sehr. Aber Josef hat geschrieben. Er bittet mich, nach Lucknow zu fahren – wenn ich in der Gegend bin – und mich am Bahnhof zu erkundigen, was aus seiner Anzeige geworden ist. Ihm ist dort letztes Jahr seine Kamera gestohlen worden. Er braucht das Protokoll von der Anzeige, damit seine Versicherung zahlt. Ich gucke auf meiner Asienkarte nach: Lucknow liegt auf dem Weg von Varanasi nach Delhi. Varanasi ist die nächste Stadt in Indien, wohin eine Busverbindung besteht. Also fahre ich in ein paar Tagen nach Varanasi!

Am zweiten Tag lerne ich Heidi kennen, eine Deutsche aus Hannover! Sie wohnt auch in der Annapurna-Lodge. Endlich jemand, mit dem ich mehr als das übliche „woher“ und „wohin“ bereden kann!

 

Aber: Mir ist zur Zeit meistens übel und Heidi muntert mich immer wieder auf. Eine Nacht verbringe ich überwiegend auf dem Klo. Ich bevorzuge die asiatische Hockvariante. Doch nachdem ich stundenlang gehockt und mich dem Durchfall hingegeben habe, bin ich sehr schwach und überlege, ob ich mir nicht ein Zimmer mit westlichem Klo mieten soll, sobald die Jungs von der Rezeption wach sind. Meistens muss ich sogar ohne Licht in völliger Dunkelheit das Klo aufsuchen, weil in Kathmandu nachts stundenweise der Strom abgestellt wird.

Am nächsten Tag gibt es kein Frühstück, weil das Personal wegen der schlechten Arbeitsbedingungen streikt. Ein paar der jungen Nepali suchen Verständnis bei Heidi und mir. Ich bin allerdings so auf mich und meine Übelkeit ausgerichtet, dass ich die Probleme der Jungs kaum wahrnehme. Abends ist der Streik vorbei. Doch meine Übelkeit und der Durchfall halten an. Heidi überredet mich, mit ihr am nächsten Tag zu einer tibetischen Klinik zu gehen und schwärmt von Puls- und Iris-Diagnose. Ich fühle mich so elend, dass ich willig mitgehe.

Der lange Fußweg bringt mir den kalten Angstschweiß auf die Stirn, denn weit und breit ist keine Toilette in Sicht. Der tibetische Arzt in seinem einfachen Sprechzimmer spricht kaum Englisch. Er lässt mich meine Symptome schildern. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass er mich überhaupt versteht. Er sagt, es ist alles ein Problem der Ernährung. Ich soll kein Fleisch essen. Auch Kartoffeln verbietet er mir. Dann bekomme ich noch eine Handvoll Medizin. Die „Tabletten“ sehen aus wie die großen Kugeln, die der Skarabäus in Ägypten dreht. Ich empfinde einen großen Ekel davor, diese Medizin einzunehmen.

Durbar Square in Kathmandu

Durbar Square in Kathmandu

Ich greife zur Selbsthilfe. Nachdem ich meine Reiseführer konsultiert habe, diagnostiziere ich an mir Giardia. Ich weiß zwar nicht genau, was das ist. Doch einige Symptome sprechen dafür. Außerdem bekommt man das, wenn man unreines Wasser trinkt. Ich habe mittlerweile herausgefunden, dass die Mikropur-Tabletten das Wasser erst nach 2 Stunden trinkbar machen. Ich habe in den Bergen immer nur 1 Stunde gewartet. Mein Reiseführer nennt auch ein Medikament, das helfen soll. In Deutschland würde ich es nur gegen Rezept bekommen. Doch hier kann ich es in der nächsten Apotheke für wenig Geld kaufen. Auf dem Beipackzettel wird davor gewarnt, während der Einnahme Alkohol zu trinken. Es wird auch Alkoholikern verschrieben, die einen Entzug machen wollen. Durch die Arznei bekommen sie sofort starke Schmerzen, sobald sie Alkohol zu sich nehmen. Drei Tage soll man die Pillen nehmen. Ich fühle mich sofort besser, nachdem ich die erste geschluckt habe.

Heidi, die sich in diesen Tagen so nett um mich gekümmert hat, lade ich am letzten Abend zu einem Essen im Hotel Yak & Yeti ein. Das ist ein berühmtes Luxus-Hotel, in dem schon alle bekannten Forscher und Bergsteiger gewohnt haben. Das Essen ist einfach toll. Wie schön, mal wieder an einem hübsch gedeckten Tisch mit Tischtuch und feinem Porzellan zu speisen! Ich genieße es, von netten Kellnern bedient zu werden. Heidi reist am Nachmittag weiter und ich will morgen nach Varanasi.

Es ist wieder nötig, ein Paket nach Hause zu schicken. Ich erleichtere mein Gepäck um 5 Kg und vertraue alles einer Agentur in Kathmandu zur Beförderung an. Ein letztes Mal suche ich in den Kästen mit Poste Restante Post nach Briefen für mich. Ich erwarte eigentlich nichts mehr. Doch da!! Ein Brief! Mit einem Absender aus Offenbach. Das ist merkwürdig. Den kenne ich ja gar nicht!! Dann gucke ich genauer hin: der Brief ist an einen Ulrich Hecker gerichtet. Das ist ein Ding! Noch ein Hecker in Kathmandu! Wie schade, dass ich heute Abend weiter fahre! Doch ich suche mir eine Postkarte und schreibe einen kurzen Text an Ulrich und stecke sie zu den anderen bei „H“. Wäre doch interessant, wenn er antworten würde!

Ich packe meinen Rucksack. Er ist ungewohnt schwer, wiegt fast das doppelte von dem, was ich in den letzten Wochen mit mir rumgeschleppt habe. Ich bin pünktlich am Busbahnhof. Es ist schwierig, in dem Gewühl aus Menschen und Bussen den richtigen zu finden. Der Bus nach Varanasi ist voller Backpacker. Ein Engländer hebt für mich meinen Rucksack aufs Dach des Busses. Ich bitte ihn, den Rucksack mit einer Kette, die ich noch gekauft habe, an den Stangen des Gepäckträgers festzubinden. Ich habe immer ein unsicheres Gefühl, wenn ich meinen Rucksack während solch langer Fahrten aus den Augen lasse.

24.04. – 26.04.1992 Von Kathmandu nach Varanasi

Der erste Teil der Fahrt geht bei zunehmender Dunkelheit wieder die engen Kurven den steilen Abhang aus dem Kathmandu-Valley hinab. Ich bin froh, dass ich nicht sehen kann, wie nahe am Abgrund der Bus fährt und wie tief dieser Abgrund ist. Aber natürlich habe ich die Straße schon gesehen, als ich zum Chitwan-Nationalpark gefahren bin und meine Phantasie reicht aus, mir den Abgrund vorstellen zu können. Ich versuche, nicht daran zu denken und es gelingt mir dann auch, ein wenig zu schlafen. Am nächsten Tag sind wir schon aus den Bergen raus und in der Ebene Südnepals, wo es deutlich wärmer als in Kathmandu ist.

An der Grenze geht die Abfertigung flott vonstatten. Allerdings müssen wir in einen indischen Bus umsteigen, der etwas kleiner ist. Es warten mit uns Westlern viele Nepali und Inder auf die Weiterfahrt. Wir bekommen als erste Plätze im Bus. Das ärgert die Einheimischen natürlich. Ich bin müde und mag nicht protestieren. Ich finde diese ungerechte Behandlung der Nepali und Inder schlimm. Andererseits würde es niemandem helfen, wenn ich meinen Platz für einen Nepali frei machen würde. Denn dann würde der Platz eher an einen der wartenden Westler weitergegeben. Außerdem habe ich mit Sicherheit mehr bezahlt als die Einheimischen. Müde und schlecht gelaunt nehme ich meinen Platz ein, als die Fahrt weiter geht.

Dieser indische Bus ist nur wenig bequemer als der in Nepal. Zum wievielten Mal beschließe ich, nie wieder mehr als 5 Stunden Bus oder Eisenbahn zu fahren? Das ist reines Wunschdenken bei den Entfernungen in Indien und China. Am Mittag erreichen wir Gorakhpur. Schon seit ein paar Stunden habe ich gemerkt, dass der Busfahrer sich um den Motor, der manchmal merkwürdige Geräusche macht, sorgt. Hier in Gorakhpur entschließt er sich endlich, eine Werkstatt aufzusuchen. Diese liegt in der „Straße der LKW- und Buswerkstätten“ am Rande der Stadt. Außer den Werkstätten, die sich einige hundert Meter lang aneinander reihen, gibt es nichts zu sehen. Wir steigen müde aus, um uns die Beine zu vertreten. Alle Mauern und andere Flächen sind mit einem schwarzen Ölfilm überzogen. Also kann man sich nirgendwo hinsetzen. Es gibt kein Restaurant und keinen Kiosk weit und breit. Nur in den Werkstätten, in denen Autos und LKWs in verschiedenen Stadien der Schrottreife stehen, wird gehämmert und geschweißt. Keiner weiß, wann die Fahrt weiter geht. Deshalb traue ich mich nicht, mich weit zu entfernen und nach einem Restaurant oder einer Sehenswürdigkeit zu suchen. Ich verbringe die Zeit damit, in der sengenden Mittagshitze langsam auf und ab zu gehen, den Handwerkern bei ihrer Arbeit zuzusehen und mich mit meinen Mitreisenden zu unterhalten. Nach ungefähr zwei Stunden ist der Bus endlich repariert und wir fahren weiter.

Irgendwann macht sich das Gerücht breit, dass nicht mehr genügend Benzin bis Varanasi da ist. Der Busfahrer soll kein Geld zum Tanken haben. Ich lehne mich resigniert zurück. Ich war doch mit so viel Optimismus aufgebrochen! Ich wollte positiv auf Indien und die Inder zugehen! Diesmal wollte ich dies Indien nicht hassen, sondern ich wollte es schön finden, Toleranz und Freundlichkeit ausstrahlen. Keine 24 Stunden bin ich jetzt in Indien und schon völlig genervt.

Es wird spät werden, bevor wir Varanasi erreichen. Ich mag gar nicht mitten in der Nacht irgendwo ankommen. Dann ist man auf Hilfe angewiesen, um ein Hotel zu finden. Ich schaue in meinem Reiseführer nach: diesmal möchte ich am liebsten in der Nähe des Bahnhofs übernachten. Die staatlichen Tourist-Bungalows sind mir zu teuer. Aber gleich daneben gibt es ein preiswertes Hotel.

Schließlich bleibt unser Bus im Dunkeln wenige Kilometer vor Varanasi liegen: kein Benzin mehr! Es gibt tatsächlich Kanister, mit denen der Beifahrer los geschickt wird. Nach einer Stunde kommt er in einem Taxi mit ein wenig Benzin zurück. Um Mitternacht erreichen wir mit etlichen Stunden Verspätung endlich Varanasi.

Der Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Episode: 12.04.1992: Omre Manang Airport – Pokhara

Zur nächsten Etappe: Zurück in Indien

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