Hamburg – barrierefrei (2) ?

Neulich habe ich mit meinem Vater einen Ausflug zu den Landungsbrücken gemacht. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, wenn mein Vater nicht auf einen Rollstuhl angewiesen wäre. Der Ausflug gestaltete sich schwierig.

An den LandungsbrückenDazu müsst Ihr wissen, dass mein Vater (88) seit einem Schlaganfall 2011 linksseitig gelähmt ist und in einem Pflegeheim in Hamburg-Horn wohnt. Er liebt seinen elektrischen Rollstuhl und cruised mit dem ganz souverän in der Gegend rum. Doch weitere Ausflüge und vor allem das Nutzen der U-Bahn traut er sich nicht zu. Und das nicht ohne Grund. Er ist geistig noch fit und rege, aber seine Wahrnehmungsfähigkeit für alles, was links von ihm ist, ist beeinträchtigt. Hinzu kommt, dass er sich nicht lange konzentrieren kann. Das strengt ihn sehr an. Meistens hat er keine Lust, größere Ausflüge zu unternehmen.

Aber irgendwann war es so weit: Er wollte die Elbe sehen und einen Ausflug dorthin machen. Ich hatte frei und stellte mich für die Begleitung zur Verfügung. Ich freute mich einfach, dass er sich endlich dazu aufraffte. Das Wetter war sonnig und ohne viel Wind. Genau richtig!

Nun hört sich das alles ganz einfach an: Die U-Bahn-Station Horner Rennbahn verfügt über einen Aufzug und ist somit „barrierefrei“. Doch dann die nächste Überlegung: Die Station „Landungsbrücken“, die zu Hamburgs beliebtester Sehenswürdigkeit führt, ist nicht barrierefrei!!! Einfach unglaublich!

Naja, erstmal ging es wirklich los! Erste Herausforderung: Der Aufzug an der Horner Rennbahn ist sehr klein. Wenn mein Vater drin ist, stößt er mit seinen Füßen an der Wand an. Es ist kaum Platz zum drehen. Und Drehen muss man den Rollstuhl, denn der Ausgang ist dann in einem 90°-Winkel vom Eingang. Das kannten wir schon, denn wir sind schon einige wenige Male mit der U-Bahn nach Billstedt gefahren. Es ist jedes Mal eine schweißtreibende Angelegenheit, meinen Vater wieder rauszubekommen. Hin, her, Füße einquetschen, der Aufzug ist minutenlang blockiert, bis mein Vater endlich draußen ist. So ein eRolli ist auch nicht einfach mal kurz mit der Hand zu manövrieren. Dazu ist er zu schwer.

Nachdem wir das geschafft hatten, kam die nächste Hürde: das Hineinkommen in die U-Bahn. Dazu gibt es auf dem Bahnsteig eine erhöhte Fläche, die durch ein Schachbrettmuster gekennzeichnet ist. Ein gleiches Schachbrettmuster findet man auf den passenden Türen der U-Bahn. Zwischen Bahnsteig und Türkante bleibt aber immer noch ein schmaler Abgrund, der überwunden werden muss. Warum es die U-Bahnen nicht schaffen, so anzuhalten, dass der Einstieg optimal ist, weiß ich nicht. Man weiß nie genau, wo die Tür sein wird. Also steht man in der Mitte des Schachbrettmusters und muss dann entweder nach links oder rechts manövrieren. Dann mit Schwung hinein in die Bahn! Immer der kurze Angstmoment: Kommen die kleinen Vorderräder problemlos über den Abgrund? In der Horner Rennbahn klappte das.

An der Horner Rennbahn

An der Horner Rennbahn

Aber beim Umsteigen am Berliner Tor kam es zum befürchteten Albtraum. Auch hier kam die U-Bahn nicht so zum Stehen, dass mein Vater gerade reinfahren konnte. Er musste etwas nach rechts, kam in einem leichten spitzen Winkel zur Tür und schwupps! hing er mit einem Rad in der Lücke zwischen Bahn und Bahnsteig. Mein Herz stand still. Doch es gab gleich drei liebe junge Männer, die zu uns sprangen und meinen Vater aus dem Abgrund in die Bahn hoben.

Damit war ich eigentlich schon völlig geschafft, als wir am Baumwall ankamen. Kurz ging mir der Gedanke durch den Kopf: „Was mache ich, wenn der Aufzug am Baumwall kaputt ist?!“ Aber er war nicht kaputt und wir kamen gut auf der Straßenebene an.

Da die Uferpromenade noch weitgehend im Bau ist, folgte nun der Gang bis zu den Landungsbrücken unterhalb der Hochbahn, links Baustelle, rechts Straße. Irgendwie nicht schön.

Endlich hatten wir einen Aufgang auf die Promenade gefunden und sind Richtung Baumwall zurück gegangen, bis uns die Baustelle stoppte. Eine steile Treppe, die auch einer Familie mit Kinderwagen nicht unerhebliche Schwierigkeiten bereitete, verhinderte die Weiterfahrt.

Aber mein Vater konnte alles sehen: Die Elbphilharmonie, die Rickmer Rickmers, die Cap San Diego, die Elbe, die Landungsbrücken. Er schwelgte in Erinnerungen, kannte er doch die Landungsbrücken noch aus Zeiten, wo hier die Fähre nach England oder auch so manches Kreuzfahrtschiff angelegt hatte.

Ich war glücklich, dass ich den Ausflug gewagt hatte. Doch auf die eigentliche untere Ebene der Anleger traute ich mich nicht. Die Brücken schienen unendlich steil zu sein. Zögernd fragte ich meinen Vater, ob er Wert darauf lege, sein wohlverdientes Bier unten direkt an der Elbe zu trinken. Er winkte ab. Das sei nicht nötig. Und wir fanden dann auch einen Imbiss, an dem wir ein Bier mit Blick auf die Elbe genießen konnten.

Schließlich gingen wir zurück zur Haltestelle Baumwall, wieder unter der Hochbahn, ohne Aussicht. Der Aufzug funktionierte und wir standen auf dem Bahnsteig. Als die Bahn kam, stellte ich fest, dass der Spalt zwischen Bahn und Bahnsteig ziemlich breit war. Was sollte ich tun? Ich ließ die Bahn fahren und überlegte. Ein netter älterer Herr kam uns zur Hilfe. Ich versuchte es mit Handbetrieb. Doch der Rollstuhl ließ sich kaum bewegen. Der ältere Herr war sehr freundlich und munterte uns auf: „Das schaffen wir schon!“. Als die nächste Bahn kam, richteten wir den Rollstuhl in einem rechten Winkel zur Tür aus. Dann gab mein Vater „Gas“ und mit Schwung ging es hinein in den Wagen! Jetzt hatte er den Bogen raus und so klappte auch das Umsteigen am Berliner Tor reibungslos. Dann noch die Quälerei mit dem Aufzug an der Horner Rennbahn, die diesmal etwas länger dauerte, weil wir den richtigen Bogen einfach nicht fanden und etliche Male hin und zurück manövrieren mussten, um wieder rauszukommen.

Doch, es war ein schöner Ausflug! Und wir waren beide stolz darauf, dass wir das unbeschadet geschafft hatten. Für das nächste Mal habe ich meinem Vater das Versprechen abgenommen, dass wir dann einen Schieberollstuhl nehmen. Das ist für meinen Vater ein großes Zugeständnis, denn er liebt seinen eRolli und die damit verbundene Kontrolle über seine Wege sehr.

Fazit: Die Hamburger U-Bahn ist nicht gemacht für Menschen mit einem elektrischen Rollstuhl. Insgesamt haben es Leute mit Rollstuhl und sicherlich auch Familien mit Kinderwagen nicht leicht, die passenden Wege zu überwinden.

Dass ausgerechnet die Landungsbrücken keinen Aufzug haben, ist ein Skandal in meinen Augen.

Siehe auch:  Hamburg-barrierefrei?

Danke an meinen lieben Vater, der mir die Erlaubnis gegeben hat, seine Fotos zu veröffentlichen.

9 Kommentare

  • Ute

    Aber ich finde es auf jeden Fall klasse, dass ihr es gemacht und geschafft habt!

    • bambooblog

      Danke, liebe Ute. Ja, ich bin jetzt sowas wie die “Familienheldin”. Und ich freue mich schon auf den nächsten Ausflug mit meinem Vater. Da werden mich solche Herausforderungen nicht von abbringen.

  • Ich freue mich, dass ihr es geschafft habt, Ulrike! Der Umbau der Station Landungsbrücken – wie auch ein barrierefreier Bahnhof Sternschanze – ist offenbar aufgrund der Tatsache, dass beide unter Denkmalschutz stehen, so schwierig. Man hat ja deshalb sogar schon einmal angedacht, komplett neu zu bauen …
    (Damit ist momentan deinem Vater leider gar nicht geholfen und das ist für ihn – wie auch für viele andere – sehr schade).

    LG Michèle

    • bambooblog

      Tja, ja, bis das mal fertig ist, können wir nicht warten. 🙁 Aber mich stört auch die Gedankenlosigkeit, mit der der HVV Stationen “barrierefrei” macht. Der Aufzug an der Horner Rennbahn ist wirklich eine Katastrophe. Und dass die U-Bahnen nicht exakt an der richtigen Stelle halten, ist ärgerlich. Das geht nämlich. In China oder Japan klappt sowas wudnerbar.

  • Es liegt an den Barrieren in den Köpfen, die aus Zahlen (Geld) errichtet sind.

  • Pingback: Hamburg – barrierefrei? - Bambooblog Hamburg

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