02. – 07.06.1992 Pakistan, auch nicht einfach

Mein Reisebericht von 1992 führt nun nach Pakistan. Endlich lasse ich Indien hinter mir. Jetzt noch schnell durch Pakistan und dann bin ich wieder in China. Denke ich so. Wird auch so. Aber mir gefällt Pakistan so gut, dass ich schnell bereue, ein Visum nur für 3 Wochen zu haben. Wichtigster Helfer für diese Zeit ist mein Lonely Planet Reiseführer „Karakorum Highway“. Der bietet mir Adressen von Hotels, genaue Beschreibungen, wie das an der Grenze so abläuft und mehr. Und dann die pakistanischen Männer! Alle sehr höflich, keiner nervt, keiner guckt mich lüstern an. Keiner kuschelt sich im Bus an meine Schulter. Ich fühle mich wieder frei, das Reisen scheint trotz Hitze leichter zu sein. Doch keine Rose ohne Dornen. In Rawalpindi habe ich eines der schlimmsten Erlebnisse während meiner großen Reise. Lest selbst:

Vor dem Eingang zum Museum in Taxila

Vor dem Eingang zum Museum in Taxila

Reisetagebuch 1992:

Lahore

Am nächsten Tag will ich nach Lahore fahren. An der Grenze zwischen Indien und Pakistan ist ständig mit Anschlägen zu rechnen. Der Zug fährt auch nicht durch, sondern man muss nahe der eigentlichen Grenze in einem schwer bewachten Bahnhof umsteigen. Ich bin froh, dass mir der Karakorum-Reiseführer von Lonely Planet alles genau beschreibt. Beim Umsteigen wird mein Gepäck so gründlich kontrolliert wie bei der Einreise nach Japan. Außer mir sind noch einige junge Männer mit Rucksack hier. Da wir separat von den Einheimischen abgefertigt werden, fühlen wir uns schnell als Gruppe. Die Inder und Pakistani, die nach Pakistan einreisen wollen, müssen noch sehr viel strengere Kontrollen als wir erdulden.

Nach mehr als einer Stunde Wartezeit geht die Fahrt mit dem pakistanischen Zug weiter. Ich unterhalte mich mit den Jungens über Weiterfahrt und Übernachtungsmöglichkeiten. Nach einigem Überlegen entschließe ich mich auch, wie sie im Hostel der Salvation Army zu übernachten. Die Schlafsäle dort sollen ganz besonders sauber und preiswert zu sein. Wenn meine Eltern wüssten, dass ich bei der Heilsarmee wohne! Ich bin etwas skeptisch, ob es wirklich so gut sein wird. Viele wollen dann nach Karachi weiter. Ich habe ja auch Lust, mir zum Beispiel Mohenjo Daro, diese uralte Stadt, anzusehen. Doch ich habe gehört, dass man das Ausgrabungsgelände nur in Begleitung eines bewaffneten Soldaten und mit Sondergenehmigung besichtigen darf. Das schreckt mich davon ab.

Hinzu kommt bei mir die Befürchtung, dass das Reisen für mich als Frau und alleine schwierig wird. Ich will möglichst schnell in die Berge. Außerdem läuft mein Visum am 17.06. ab. Das heißt, dass ich nur knapp drei Wochen Zeit habe, um die chinesische Grenze zu erreichen.

An der Grenze begleiten Soldaten hoch zu Ross den langsam fahrenden Zug. Auch das trägt nicht dazu bei, mir ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Denn es macht mir umso mehr bewusst, dass ich in ein Krisengebiet reise. Auch das Gebiet an der chinesischen Grenze ist unruhig. Schon in Delhi habe ich gehört, dass es in Gilgit, das heißt auf halben Weg nach China, zu Schiessereien gekommen ist. Um Gilgit führt leider kein Weg drumrum.

Als der Zug endlich in Lahore einfährt, fällt mir als erstes auf, dass sich keine Slums an den Gleisen befinden. Keine Wellblechhütten. Wir teilen uns ein Taxi, das uns über saubere Straßen ohne großes Theater zum Hostel der Salvation Army bringt und nach Taxameter abrechnet. Das Hostel befindet sich in einem großen alten Haus, zu dem auch ein Garten mit hohen Bäumen und blühenden Bougainvilleen gehört.

Der Aufenthaltsraum, in den man als erstes tritt, ist voller westlicher junger Leute. Ich bekomme ein Bett in einem 4-Bett-Zimmer. Schon als ich den Raum betrete, schlägt mir der Duft von Scheuermittel entgegen. Das dazugehörige Badezimmer strahlt in einem unglaublich sauberen Glanz. Ich lasse meinen Rucksack hier und gehe erst mal die Gegend erkunden.

Gleich um die Ecke entdecke ich ein Milchgeschäft. Auch hier sind die Kacheln und Fliesen strahlend sauber. Es gibt Käse!!!! Ich kaufe Milch, Butter und Käse. In der Bäckerei nebenan verkauft man mir ein frisches Weißbrot. Mit meinen Schätzen gehe ich zurück zum Hostel. Ich falle geradezu über die Milch und die anderen Köstlichkeiten her. Wann habe ich das letzte Mal etwas so Gutes gegessen??? Es ist auch so schön, mit all den anderen am großen Tisch zu sitzen und Pläne zu machen. Leider will keiner von den anderen zum Karakorum-Highway.

Der Genuss der Milch, die ich fast in einem Zug ausgetrunken habe, rächt sich wenig später. Mein Magen ist wohl Milch nicht mehr gewöhnt. Vielleicht war sie auch zu kalt. Ich bekomme einen Durchfall, wie ich ihn schon lange nicht mehr gehabt habe. Dadurch wird die Nacht für mich sehr unruhig.

Am nächsten Morgen geht es mir wieder gut und ich gehe zu einer Busfirma, die mir jemand empfohlen hat. Dort kaufe ich meine Fahrkarte für den Aircon-Bus nach Rawalpindi für den gleichen Nachmittag. Dann möchte ich mir das Museum ansehen, das berühmt ist für seine Ausstellung von Skulpturen der Ghandara-Kultur. Als ich es endlich finde, ist es leider geschlossen. Jetzt bereue ich es fast, dass ich schon die Fahrkarte habe. Von einem freundlichen jungen Mann erfahre ich, dass es morgen wieder geöffnet sein soll. Ich wundere mich ein wenig über die nette Art dieses Mannes und auch all der anderen Pakistanis. Keiner belästigt mich, keiner glubscht mich lüstern an.

Rawalpindi

Die Fahrt mit dem komfortablen, modernen Bus ist wundervoll. Es sind nur ein paar Stunden, die der Bus über eine gute Autobahn bis Rawalpindi braucht. Rawalpindi und Islamabad sind Zwillingsstädte. Rawalpindi die alte Stadt und Islamabad die neue auf dem Reisbrett entstandene Großstadt. Ich ziehe Rawalpindi vor, weil es lebendiger erscheint und es dort auch einige preiswerte Hotels gibt. Ein richtiges Backpacker Hostel scheint es nicht zu geben.

Ich finde schnell ein kleines Hotel mitten in der lebhaften Altstadt von Rawalpindi. Gleich merke ich, dass es sich um ein reines Pakistani-Hotel handelt. Nur Männer in ihren langen Gewändern überall! Alle gucken mich erstaunt an, weil ich als Frau alleine unterwegs bin und auch noch in einem Hotel übernachten will!

Das Einzelzimmer, das ich bekomme, liegt im 2. Stock. Es hat keine Fenster und riecht ein wenig muffig. Aber es ist vor allem ruhig, kein Geräusch der Straße dringt zu mir hinein. Ich kann richtig gut schlafen in dieser Nacht.

Ich bin sehr gespannt auf die Briefe, die in Islamabad hoffentlich auf mich warten. Mit einem der bunten Busse fahre ich los. Der Bus hat eine altmodisch wirkende runde Form. Die Fenster sind alle offen. Jede freie Fläche ist mit Plastikblumen und arabischen Sprüchen geschmückt. Hier wird darauf geachtet, dass ich vorne im Frauenabteil sitze. Alle Männer sind sehr höflich und freundlich zu mir.

Irgendwie habe ich wohl etwas falsch verstanden, jedenfalls fährt der Bus nicht dahin, wo ich in Islamabad hin wollte. Also steige ich an einer lebhaften Kreuzung in ein Sammeltaxi um. Im Taxi sitze ich vorne neben dem Fahrer. In Pakistan gilt Linksverkehr, also sitzt der Fahrer rechts von mir. Der Schaltknüppel befindet sich zwischen uns. Für ein paar Stationen bin ich die einzige Frau im Taxi. Hinten sitzen die Männer etwas unbequem. Mir gefällt die Fahrt. Dann steigt eine schmale Frau im Sari zu uns. Natürlich nach vorne! Ich rutsche mehr in die Mitte. Ich bin viel zu groß für diesen kleinen Wagen! Doch die Frau passt trotzdem noch neben mich. Ich versuche, nicht zu dicht an den Fahrer ranzurücken. Doch es lässt sich nicht vermeiden, dass der Schaltknüppel zwischen meine Knie gerät. Ich trage Jeans. Der Fahrer muss bei jedem Schalten zwischen meine Beine greifen. Das macht er allerdings ganz behutsam. Seine Hand berührt mich kaum. Mir ist das sehr peinlich. Ich versuche, den Fahrer nicht anzugucken, um ihn nicht noch zu anderen Dingen zu ermutigen. Doch der Mann grinst nur. Er spricht kein Wort Englisch, aber seine Worte klingen beruhigend. Er scheint diese Fahrt wirklich zu genießen. Ich fühle mich seltsam sicher und nehme das ganze einfach als einen großen Spaß. Schließlich erreichen wir das moderne Zentrum von Islamabad und ich steige mit einem Grinsen aus. Der Fahrer winkt fröhlich und ist weg.

Islamabad ist völlig anders als andere indische oder pakistanische Städte. Mit hohen Bäumen bestandene Alleen mit ordentlicher Asphaltdecke und modernen Betonhäusern prägen das Bild. Slumhütten oder Bettler sind nicht in Sicht. Der Platz, in dessen Nähe das Postoffice liegt, wirkt sehr europäisch, mit Bänken und einem Springbrunnen. Das GPO ist leider eine Enttäuschung für mich. Nur ein Brief meiner Eltern – sonst nichts! Da ich nicht wieder hierher kommen werde, stelle ich einen Nachsendeantrag. Ich möchte, dass man mir meine Post nach Urumqi nachschickt. Ich setze mich in ein kleines Café am Platz und studiere den Stadtplan, den ich an einem Kiosk erworben habe

Ein Museum mitten im Wald

Da das Museum, das ich gerne besichtigen möchte, ziemlich weit weg liegt, nehme ich mir ausnahmsweise mal ein Taxi dorthin. Die Straße führt hinauf auf einen bewaldeten Berg. Wald! Mit richtigen hohen Bäumen, die wie europäische Kiefern und Laubbäume aussehen! Ich steige vor dem Museum aus, das sehr still und dunkel an einem Platz im Wald liegt. Kaum ist das Taxi weggefahren, beschleicht mich das Gefühl, dass das Museum geschlossen ist. Kein Mensch ist zu sehen. Ich rüttele an der Tür. Mist! Tatsächlich zu! Was mache ich jetzt?! Wieder ein Museum, das ich mir nicht ansehen kann! Ich gehe langsam um das Gebäude herum und gucke, ob ich irgendwo ein Schild mit den Öffnungszeiten finde. Da ruft mich ein Mann: er ist der Museumswächter und er sagt mir freundlich, dass er das Museum für mich öffnen wird.

Hach! Schön! Ich habe die Ausstellungsräume ganz für mich alleine. Keine nervigen Schulklassen, die lärmend von Vitrine zu Vitrine laufen, kein Mensch, der mir die Sicht auf die wunderbaren Ausstellungsstücke versperrt. Das Museum zeigt einen Überblick über die Geschichte Pakistans. Die ausgestellten Keramiken, Holzgegenstände und Statuen machen deutlich, dass Pakistan im Einflussbereich vieler Kulturen liegt. Die griechisch anmutenden Buddhas der Ghandara-Kultur beeindrucken mich am meisten. Sie sind wunderschön mit ihren ernsten Gesichtern und der gelassenen Haltung. Doch es gibt auch russisch aussehende Lackdosen und Keramik, deren Muster an China denken lassen. Auf mich wirken Museen wie Kirchen: ich werde ganz ruhig und fühle mich sehr zufrieden und glücklich. Es ist wirklich ein besonderes Erlebnis, hier ganz alleine zu sein!

Schließlich trete ich wieder in den warmen Schein der Sonne. Ich gehe zu Fuß zurück hinunter in die Stadt. Die Straße ist zwar kein Wanderweg, aber kaum befahren. Ich freue mich an dem Gezwitscher der Vögel in den hohen Bäumen. Die Nadelbäume duften und spenden einen frischen Schatten. Wie lange war ich schon nicht mehr in einem richtigen Wald?? Ich fühle eine Sehnsucht in mir, die mir sagt, dass es Zeit für mich wird, aus den staubigen lauten Städten des Indischen Subkontinents rauszukommen. Ich bin voller gespannter Erwartung auf den Karakorum Highway.

An der Hauptstraße angekommen, passiere ich den Campingplatz, der hier der Treffpunkt der Westler ist, die mit ihren Autos von Afghanistan kommen und nach Indien weiter fahren, jedenfalls war er das seit den 70er Jahren. Da in Afghanistan zur Zeit Krieg herrscht, ist der Campingplatz fast leer. Ich halte mich nicht lange auf und suche die Haltestelle für den Bus nach Rawalpindi. Ich bin unsicher, was die richtige Richtung betrifft. Da ich mittlerweile einiges Vertrauen in die pakistanischen Männer entwickelt habe, frage ich einen ordentlich aussehenden jungen Mann nach dem Weg. Er antwortet freundlich und geht die paar Schritte mit mir zum Bus. Er fragt in einem guten Englisch nach meinem Woher und Wohin.

Im Bus verliere ich ihn aus den Augen. Ich kann nicht sagen, ob er mit im Bus sitzt. Ich habe wieder einen Platz im Frauenabteil. In Rawalpindi gehe ich direkt zu meinem Hotel. Der freundliche dicke Wirt gibt mir meinen Schlüssel. Ich werfe einen Blick in das kleine Hotelrestaurant. Ob vielleicht andere Westler da sind?? Nein, leider nicht.

Als ich meine Zimmertür öffne, bemerke ich ein paar junge Männer, die auf dem Flur stehen und reden. Da sich der Lichtschalter auf der anderen Seite des Zimmers befindet, lasse ich die Tür offen, damit ich sehe, wo ich hingehe. Ich schalte das Licht ein und drehe mich um, um die Tür zu schließen. Da steht ein, wie mir scheint, riesiger junger Pakistani zwischen mir und der Tür. Er schaut mich mit großen, dunklen Augen an und grinst. „What do you want?!“ rufe ich und weiß im selben Augenblick und als er langsam die Tür von innen schließt, was er will. “Get out! Get out!“ schreie ich laut und weise mit meiner rechten Hand deutlich zur Tür. Er guckt erschrocken und ist mit einem Satz draußen. Ich setze mich auf mein Bett. Was war das?? Ich bin überzeugt, dass ich nur knapp einer Vergewaltigung entgangen bin.

Ich nehme meinen Tagesrucksack und flüchte hinaus auf die belebte Straße. Was soll ich jetzt tun? Mein Zimmer erscheint mir nicht mehr sicher. Aber soll ich mir wirklich für eine Nacht ein anderes Zimmer nehmen??? Ich komme an einem Buchladen vorbei, der auch gebrauchte Bücher in englischer Sprache anbietet. Ich trete in den dunklen Raum. Überall hohe Stapel Bücher, manche dick mit Staub bedeckt. Plötzlich fange ich an zu weinen. Der Buchhändler, ein großer junger Mann, nähert sich mir vorsichtig und fragt freundlich, was denn los sei. Er bietet mir einen Stuhl und eine Tasse Tee an. Ich weiß nicht so recht, ob ich ihm trauen kann. Doch der Mann betrachtet mich nur ruhig aus einiger Entfernung. Als ich aufhöre zu schluchzen, kommt er näher. Ich erzähle ihm kurz, was passiert ist, und frage ihn, was ich denn jetzt machen soll. Er ist ganz empört und entschuldigt sich für seinen Landsmann. Er rät mir, mich auf jeden Fall beim Hotelinhaber zu beschweren. Mir tut es gut, so in Ruhe mit einem sehr netten Pakistani zu sprechen. Es sind eben doch nicht alle Verbrecher! Nachdem ich mir ein Buch über Yogananda, einen indischen Guru, gekauft habe, verabschiede ich mich von dem freundlichen Mann.

Im Hotel zurück beschwere ich mich mit lauter Stimme an der Rezeption. Dem Wirt ist das sichtlich peinlich. Er sagt mir zu, dass er den Mann suchen werde. Ich gehe noch mal hinaus. Ein neues Zimmer zu suchen, ist mir aber zu viel Mühe. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass man im Hotel alles tun wird, damit so etwas nicht gleich wieder passiert. Als ich nach dem Essen zurückkomme, erklärt mir der Wirt, dass man den Übeltäter gefunden hätte. Es sei ein Gast des Hotels, der sich im Stockwerk geirrt hätte und der sich nun entschuldigt. Ich bekomme den Mann nicht zu Gesicht. Und ich glaube die Geschichte auch nicht.

Taxila die antike Stadt

Am nächsten Morgen fahre ich früh mit einem dieser wunderschönen bunten Busse nach Taxila, das ich am späten Vormittag erreiche. Auf dem Weg zur hiesigen Jugendherberge, wo ich gerne wohnen möchte, sehe ich viele Frauen in weiten hellblauen Umhängen. Von den Frauen ist nichts zu sehen. Nur eine mit einem gestickten Gitter versehene kleine Fläche gibt den Frauen die Möglichkeit, selbst etwas zu sehen. Ich finde diese wandelnden Zelte etwas unheimlich.

Als ich die Jugendherberge, die so ideal direkt gegenüber vom Museum liegt, erreiche, teilt mir ein Mann unwirsch mit, dass die Jugendherberge geschlossen sei. Ich kann ihn kaum verstehen und glaube ihm auch nicht so richtig. Ich frage ihn, ob ich meinen schweren Rucksack hier lassen kann, damit ich mir in Ruhe eine Unterkunft suchen kann. Das geht. Eine pakistanische Frau, die unser Gespräch gehört hat, sagt, dass die Jugendherberge von einer Frauengruppe gemietet ist. Wenn ich nichts anderes finden würde, solle ich die Gruppe fragen. Vielleicht haben die noch ein Bett frei.

Dann gehe ich hinüber zum Tourist-Bungalow nebenan. Der ältere Mann an der Rezeption scheint mir etwas zu erfreut über mein Erscheinen. Ich gebe vor, ihn nicht zu verstehen, als er mir bei einer Tasse Tee ein paar eindeutige Angebote macht. Hier kann ich also nicht übernachten! Aber bei unserer Unterhaltung kann ich ein paar Informationen bekommen. Der Mann ist eigentlich ganz freundlich. Er erzählt, dass in Gilgit immer noch Militär ist und Ausgangssperre herrscht. Ich frage mich, wie lange das noch so sein wird, denn um Gilgit führt auf dem Karakorum- Highway zum Hunza-Valley kein Weg vorbei.

Ich verdränge erst mal die Gedanken an Schießereien und gehe hinüber zum Museum. Natürlich stellen sie hier nicht die schönsten der Gandhara-Statuen aus, die man in den zahlreichen ehemaligen buddhistischen Klöstern ringsum gefunden hat. Die sind in den Museen von Lahore und Delhi. Trotzdem bin ich beeindruckt von der kleinen Ausstellung. Ein Modell zeigt das Gebiet mit all seinen Sehenswürdigkeiten. Alexander der Große ist bis hierher gekommen. Die Überreste einiger alter bakhtrisch-griechischer Städte sind die ältesten Ruinen. Für ein paar Jahrhunderte danach war das Gebiet um Taxila buddhistisch und man hat die Ruinen von einigen sehr alten Klöstern gefunden.Taxila

Ganz inspiriert von dem Museum gehe ich hinaus in die Landschaft. Ich habe nur einen ungefähren Plan von den Ausgrabungsstätten in meinem Reiseführer. Doch es gelingt mir, die Ruinen von Bir Mound, Sirkap und Janlian zu finden. Ich bin fast alleine, nur ein paar Ausgräber und Wächter begegnen mir. Die Anlagen sind sehr gepflegt. Es ist heiß. Ich habe mir mein Kopftuch umgebunden. In der Luft flattern Lerchen und singen. Im Norden kann ich die ersten Berge des Himalaya sehen. Ich mache Halt an einer Bude, wo man Coca Cola verkauft. Zwei nette ältere Männer versuchen mit ihren paar Wörtern Englisch ein Gespräch mit mir. Ich trinke in aller Ruhe meine Cola und freue mich an der Natur ringsum.

Ein paar Schritte führen mich zu einem muslimischen Friedhof. Die Grabsteine sind kunstvoll mit Kalligrafien in arabischer Schrift versehen. Dazwischen wächst Gestrüpp. Ich gucke genauer hin: diese üppig wuchernden Pflanzen sind Marihuana-Pflanzen! Dann hält ein VW-Bus neben mir. Die Franzosen fragen mich, ob sie mich eine Strecke mitnehmen können. Ich freue mich über die flotte Fahrt in dem bequemen und sauberen Auto. Die Franzosen erzählen in schlechtem Englisch, dass sie für eine französische Organisation in einem afghanischen Flüchtlingscamp bei Peschawar arbeiten.

Ein unvergesslicher Abend

Zurück in der Jugendherberge frage ich die jungen Frauen dort, ob sie ein Bett für mich hätten. Sie laden mich strahlend ein, nicht nur bei ihnen zu schlafen, sondern auch das Abendessen mit ihnen zu teilen. Ich bin ganz glücklich darüber. Sie sind noch mit einigen Workshops beschäftigt. Ich setze mich an einen Tisch und beobachte das Geschehen im Nebenraum. Eine etwas ältere Frau, die Hose und Kleid trägt, spricht sehr gut Englisch und erklärt mir zu meiner Verblüffung, dass sie katholische Nonne ist. Die Gruppe ist hier, um gemeinsam zu lernen, wie man mit kleinen Theaterstücken und traditionellen Tänzen die Dorffrauen über Familienplanung etc. aufklären kann.

Nun schaue ich mir die spielenden Frauen noch interessierter an. Beim Abendessen stellt sich mir auch noch eine weitere Frau vor. Sie sagt, dass sie aus einer wohlhabenden Familie in Islamabad kommt. Sie ist ausgebildete Ballett-Tänzerin. Aber sie kann leider nicht öffentlich tanzen, da solche Vergnügungen in Pakistan verboten sind. Die jungen Frauen, die sie zu Familienhelferinnen ausbildet, sind alle zwischen 17 und 20 Jahre alt. Sie sind fröhliche junge Menschen, die in zauberhafte bunte Gewänder gekleidet sind. Ich habe den Vorzug, sie alle ohne Schleier sehen zu können.

Der einzige Mann, der in dieser Zeit den Raum betritt, ist der Ehemann der Tänzerin. Er bringt eine kleine Stereo-Anlage und verschwindet gleich wieder. Die Mädchen ziehen die Vorhänge vor den Fenstern zu. Die Tänzerin erklärt, dass sie gerne alle tanzen wollen zu Disko-Musik. Das darf niemand sehen und auch ich solle darüber schweigen. Dann geht die Party richtig los. Ausgelassen tanzen die Mädchen zum Klang pakistanischer Disko-Musik. Die gibt es nämlich! Aber tanzen darf man eigentlich nicht dazu. Die Mädchen fragen mich natürlich immer wieder danach, woher ich komme, was ich mache, wie es in Deutschland ist… Spät gehen wir alle schlafen.

Abbottabad – endlich in den Bergen

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen verabschiede ich mich von den Mädchen. Sie winken mir fröhlich nach, als ich mit meinem schweren Gepäck hinunter zum Busbahnhof gehe.

Als ich in den Bus steige, strengt sich der Schaffner sehr an, dass ich rechts und links von mir eine Frau sitzen habe. Ich beobachte amüsiert seine Bemühungen. Ein paar Leute müssen sich andere Plätze suchen, nur damit ich alleinreisende Frau nicht zu dicht an einem Mann sitze. Gefährde ich die Männer oder sie mich??? Nachdem dieses „Problem“ vorerst zufriedenstellend gelöst ist, geht die Fahrt auf guten Straßen durch ein fruchtbares Gebiet.

Dann – ich traue meinen Augen kaum – steigt eine große, grell geschminkte Frau zu. Sie trägt leuchtendrote Pluderhosen mit einem genauso roten Kleid darüber. Kein Schal oder Schleier bedeckt das kurze dunkle Haar. Sie setzt sich neben mich, als der Schaffner gerade mal nicht guckt. Ich werfe einen kurzen Blick auf diese so exotisch aussehende Person. Ihre Hände sind ungewöhnlich groß und ihre Unterarme stark behaart. Das ist doch keine Frau, oder?? Ich kann kaum den Blick von ihr lösen. Ich habe schon in Indien von Eunuchen gehört, die bunt in Frauengewändern gekleidet, eine wichtige Aufgabe bei verschiedenen Festen haben. Doch ist das hier so jemand? Als der Schaffner merkt, wer da neben mir sitzt, redet er aufgeregt auf ihn/sie ein. Schließlich steigt der Mann an der nächsten Haltestelle aus. Hoffentlich nicht wegen mir! Der Schaffner lacht mich an und entschuldigt sich für diese Person. (Später habe ich in einer Dokumentation im Fernsehen gesehen, dass es in Pakistan Homosexuelle gibt, die in Wohngemeinschaften zusammenleben und eine ähnliche Funktion wie die Eunuchen in Indien haben. Ihr Erscheinen und ihre Tänze z. B. nach einer Geburt sind sehr glücksverheißend für die Zukunft des Kindes. Ansonsten aber sind sie aus der Gesellschaft ausgestoßen und werden in der Regel verachtet.)

Abbottabad, mein Ziel für heute, war einst ein Ort, wo die Engländer während der Kolonialzeit die heißen Sommer verbrachten. Daher auch der Name: „Stadt des Abbott“. Die Stadt liegt in den ersten Ausläufern des Himalayas. Die Berge ringsum sind mit dichtem Wald bedeckt. Aber sie erinnern eher noch an deutsche Mittelgebirge nicht an die schneebedeckten Riesen des Himalaya. Eine alte Kirche mit einem geknickten Kreuz auf dem Turm dominiert den hinteren Teil der Stadt.

Ich finde ein einfaches Zimmer in einem kleinen Hotel mitten in der pakistanischen Altstadt. Gleich gehe ich hinaus, um mir ein wenig Brot zum Essen zu kaufen. Restaurants scheint es hier nicht zu geben. Außerdem bin ich weit und breit die einzige Westlerin. Obwohl ich ein Kopftuch trage, komme ich mir fast unbekleidet vor. Ich trage ein weites, langes T-Shirt und Jeans. Die wenigen pakistanischen Frauen, die ich auf der Straße sehe, tragen alle Pluderhosen und mindestens einen großen weißen Schal, der auch den halben Oberkörper bedeckt. Der Bäcker, der mir ein frisches Fladenbrot verkauft, fragt mich gleich, ob ich Muslima sei. Als ich mit „nein“ antworte, wendet er sich enttäuscht ab und würdigt mich keines Blickes mehr. Ich kaufe mir ein paar von diesen wunderbaren gelben Mangos. Überall werde ich angestarrt. Fast wie in China!

Zur ersten Etappe meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe: Meine letzten Abenteuer in Indien

Zur nächsten Etappe7. – 17.06.1992 Karakorum Highway, Hunzavalley – ein Traum!

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