7. – 17.06.1992 Karakorum Highway, Hunzavalley – ein Traum!

Hunza Ulrike

Am Karakorum Highway 1992

Der Karakorum Highway – Traumziel, seit ich 1987 zum ersten Mal davon hörte. Das Hunza-Tal: für mich mythisches Shangri La. Alexander der Große, Reinold Messner, buddhistische Pilger und die Händler der Seidenstraße, jeder Schritt scheint neue große Namen aufzutun. Der Nanga Parbat (8.126m) ist einer der beeindruckenden Schneeberge, die ich eher im Vorbeifahren sehe. Dann die tollen Menschen, denen ich unterwegs begegne! Es sind kaum Westler in meine Richtung unterwegs, die meisten kommen mir aus China entgegen. Ich genieße es allerdings sehr, dass ich mit den einheimischen Männern eindringliche Gespräche führen kann, ohne dass mir einer gleich an die Wäsche will. Die Frauen im Hunza-Valley sind unverschleiert. Welch eine erholsame Freiheit, ihnen in die Augen zu schauen!

Jeder Tag bietet neue Highlights, spektakuläre Landschaften, freundliche Menschen. Ich stehe völlig begeistert frühmorgens vor meinem Zimmer und schaue hinüber zum Gletscher, auf dem die ersten Sonnenstrahlen blitzen. Kann es wirklich sein, dass ich, die eigentlich gar nicht so abenteuerlustige Ulrike, tatsächlich hier mitten in diesem grandiosen Gebirge stehe? „Kneif mich mal!“, hätte ich am liebsten jedem zugerufen, dem ich begegnete. Schnell bereue ich es, das mein Visum nur bis zum 17.06. gültig ist. Doch da ist es für eine Verlängerung zu spät. Im Hunza-Valley gibt es keine entsprechende Behörde. Naja, und ich höre es ganz deutlich: China ruft nach mir!

Lest selbst von meinen Abenteuern in meinem Reisetagebuch 1992:

Mansehra: Hier beginnt der Karakorum Highway

Meine nächste Station auf dem Weg in die Berge ist Mansehra. Unterwegs dorthin in einem komfortablen Minibus sehe ich die ersten schneebedeckten Berge. Am Straßenrand ziehen Büffel und Fettschwanzschafe entlang. Die grauen Wasserbüffel sehen witzig aus mit einem Büschel weißen Haares zwischen den krummen Hörnern. Auch die Fettschwanzschafe mit ihren dicken auf den Boden hängenden Schwänzen sehen seltsam und fremd aus.

In Mansehra folgt mir ein junger Mann und fragt mich, ob er mir den Weg zeigen kann. Da ich mal wieder einen ausgesprochen freundlichen Tag habe und auch nicht ganz sicher bin, wo das Hotel liegt, das in meinem Reiseführer als einziges angepriesen wird, lasse ich ihn mitkommen. Er spricht ein gutes Englisch und fragt mich wissbegierig, woher ich komme. Im Hotel bekomme ich mein Zimmer und lade den Jungen zu einem Tee im Hotelrestaurant ein. Irgendwie scheint er das als eindeutige Einladung aufzufassen und ist ganz verblüfft, als ich ihn dann sehr bestimmt wegschicke. Der Hotelwirt schmunzelt hinter seinem Tresen.

Ich schaue mir den Ort an, der sich nicht besonders groß an der Hauptstraße entlang zieht. Ein ehemaliger Sikh-Tempel mit einer wunderschönen Stuckfassade ist heute eine Polizeistation. Mich beeindrucken am meisten die fernen Gipfel des Himalayas, die man von hier aus deutlich sehen kann. In einem kleinen Laden kaufe ich mir ein paar Süßigkeiten. Die bestehen fast ausschließlich aus Zucker. Ich kann immer nur ein Stück auf einmal essen, dann muss ich mich mindestens eine halbe Stunde von der Süße erholen. Merkwürdigerweise aber schmecken mir sie.

Als ich im Hotel zurück bin, ist der Wirt ganz aufgeregt: zwei Australierinnen seien auch abgestiegen. Ob ich die nicht kennen lernen möchte?? Na klar möchte ich das! Ich klopfe bei den beiden an der Zimmertür und verabrede mich mit ihnen zum Abendessen im Hotel. Auch sie haben von den Unruhen in Gilgit gehört. Sie sind aber der Überzeugung, dass die Ausgangsperre aufgehoben wurde. Unser Wirt meint, dass die Fahrt nach Gilgit und die Weiterfahrt auf dem Karakorum Highway zur Zeit nicht möglich seien. Ich finde diese Ungewissheit etwas anstrengend. Eigentlich wollte ich auch gerne noch vor Gilgit in Chilas die alten Steinzeichnungen sehen. Gilgit selbst ist eine sehenswerte Stadt. Aber im Moment kann ich gar nicht sagen, ob ich diese Orte überhaupt sehen kann. Und was ist, wenn ich auf diesem Weg gar nicht nach China komme? Doch die meiste Zeit schiebe ich diese Gedanken von mir und konzentriere mich auf die wunderschöne Landschaft und die vielen Eindrücke in dieser bunten faszinierenden Umgebung.

Fahrt nach Karimabad

Am nächsten Morgen fahre ich schon früh mit dem Bus weiter. Hier fängt also der Karakorum Highway an! Schnell windet sich die schmale Straße in die Berge hinauf. Das Tal wird immer enger, die Berge höher. Die Luft wird zunehmend kühler. Herrlich!!! Entlang des Indus kommen wir immer höher. Da der Weg nach Chilas immer wieder von Räubern frequentiert wird und in Gilgit immer noch Ausgangsperre herrscht, endet die Busfahrt für mich am Nachmittag in Besham. Das ist ein kleiner Ort an einer Brücke über den Fluss. Durchgang für all die LKWs, die auf dem Karakorum Highway unterwegs sind. Die Straße ist gesäumt von Reparaturwerkstätten.

Ich bekomme ein Zimmer in einem Guesthouse, das in meinem Reiseführer als sauber beschrieben wird. Es ist eine einzige Katastrophe. Ich habe zwar eine eigene Dusche, aber die starrt vor Dreck. Ich versuche gerade, wenigstens das Waschbecken zu reinigen, als ich von der Straße höre, wie jemand nach mir ruft. Als ich verwundert aus dem Fenster schaue, sehe ich die beiden Australierinnen von gestern. Sie haben irgendwie herausgefunden, dass ich hier wohne und wollen mich nun überreden, mit ihnen über Nacht nach Gilgit zu fahren.

Ich habe ja gar keine Lust, die Nacht in einem Bus zu verbringen, auch wenn es sich um einen komfortablen Minibus handelt. Die Australierinnen haben erfahren, dass die Ausgangssperre vormittags in Gilgit aufgehoben ist. Also muss man bis 12:00 Uhr da sein, um überhaupt reinzukommen. Das ist von Besham aus nur mit einer Nachtfahrt zu schaffen.

Da ich mein schmuddeliges Zimmer nicht besonders reizvoll finde, lasse ich mich dann doch gerne überreden, packe meine Sachen zusammen und gehe mit den Mädchen. Der Wirt guckt verwundert, als ich so einfach verschwinde. Aber ich verlange mein Geld, das ich schon bezahlt habe, nicht zurück. Also kann er zufrieden sein.

Nachdem wir die Stunden bis zur Abfahrt des Minibusses mit Essen und Erzählen verbracht haben, finden wir unsere Plätze auf der hintersten Bank eines Ford Transits. Mit uns fahren ein paar Geschäftsleute und eine pakistanische Familie.

Kaum fahren wir in die zunehmende Dämmerung los, schaltet der Fahrer sein Autoradio an. Pakistanische Musik dröhnt aus den hinteren Lautsprechern. Ein Gespräch mit den Mitreisenden ist nicht mehr möglich, von Schlafen ganz zu schweigen. Nachdem ich das wirklich lange ausgehalten habe, bitte ich den pakistanischen Familienvater, der vor mir sitzt, den Fahrer zu fragen, ob er nicht das Radio etwas leiser drehen könne. Das Resultat ist, dass der Fahrer das Radio aus macht, der Familienvater ganz zufrieden lächelt und die Australierinnen mich böse angucken und sagen, dass mein Verhalten sehr rassistisch sei. Ich verstehe sie nicht ganz. Aber sie sind böse mit mir, weil ich nicht tolerant genug gewesen bin. Wenn Toleranz hier bedeutet, dass ich alles klaglos über mich ergehen lasse, dann bin ich eben intolerant!

Ich zucke mit den Achseln und freue mich, dass ich für kurze Zeit genug Ruhe habe, um ein wenig zu schlafen. Dann kommt die nächste Störung. Mitten in der stockdunklen Nacht müssen wir an einer Straßensperre anhalten. Schwerbewaffnete Soldaten kontrollieren alle Autos und lassen uns nicht weiter fahren. Wegen der vielen Raubüberfälle in dieser Gegend dürfen die Wagen nur im Konvoi fahren. Wir müssen also warten, bis genügend Wagen und LKWs zusammen sind. Unser Fahrer und ein Mitreisender reden und diskutieren mit den Soldaten. Schließlich können wir weiter fahren. Doch nur unter der Bedingung, dass ein Soldat vorne mitfährt. Wir rücken ein wenig zusammen, dann steigt der mit einer Maschinenpistole bewaffnete Soldat zu uns. Langsam und vorsichtig fährt unser Fahrer durch die dunkle Nacht. Ich bin beunruhigt und kann kaum noch schlafen. Ich starre auf die dunklen Umrisse des Soldaten mit seiner Maschinenpistole vorne. Irgendwann steigt er aus und verschwindet im Dunkeln.

Frühmorgens wird es ganz langsam hell über den Bergen. Das Panorama der 6000er um uns und das graue Tal des Indus unter uns sind ein atemberaubender Anblick. Irgendeiner der glitzernden Schneeberge muss der Nanga Parbat sein. Ich habe keine Ahnung und schaue nur aufgeregt und mit großen Augen auf das weite Tal, in dem tief unten die grauen Fluten des Indus fließen. Wir halten gegen 5 Uhr kurz vor Gilgit an, da die Ausgangssperre erst ab 6:00 Uhr aufgehoben wird.

Um 6 Uhr fahren wir langsam ein paar hundert Meter weiter, bis wir zu einer weiteren Straßensperre kommen. Wieder mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten! Wir müssen aussteigen. Die Männer werden alle durchsucht. Einem uralten weißbärtigem Mann wird ein winziges Taschenmesserchen abgenommen. Die pakistanischen Frauen stehen daneben und schauen wartend zu. Ich überlege, wie einfach es doch wäre, diese Frauen mit allen möglichen Waffen auszustatten. Die weiten Gewänder und Umhänge würden alles so verdecken, dass man nichts sieht. Und die pakistanischen Soldaten trauen sich nicht, sie anzufassen! Ich mache mir ein wenig Sorgen um mein Messer, das sich tief in meinem Gepäck befindet. Doch auch wir Ausländerinnen und unsere Rucksäcke werden nicht durchsucht. Wir müssen nur unsere Pässe und Visa vorzeigen. Dazu werden wir einzeln gefragt, wo wir hin wollen. Auch das ist schließlich vorbei und wir fahren nach Gilgit hinein.

Gilgit liegt auf einem Plateau aus grauem Geröll oberhalb des Indus. Ringsum sind grüne Felder und Obstbaumplantagen. Im Ort selbst stehen an jeder Ecke Soldaten, die sich hinter hohen Sandsackmauern verbergen. Außer ihnen ist kaum ein Mensch auf der Straße zu sehen. Ich frühstücke mit den Australierinnen, die noch nicht so recht wissen, ob sie bleiben sollen oder nicht. Ich habe keine Lust, den Nachmittag im Hotel zu verbringen und auf Schritt und Tritt von Soldaten begleitet zu werden. Da ab 12:00 Uhr wieder Ausgangssperre ist, und auch nicht abzusehen ist, wie lange das noch so sein wird, gibt es kaum Möglichkeiten, etwas in Gilgit zu unternehmen. Also fahre ich etwas enttäuscht mit dem nächsten Sammeltaxi weiter nach Karimabad im Hunza-Tal.

Karimabad: Das Hunza Valley

Karimabad liegt am oberen Ende des Hunza Valleys, von dem ich schon so viel schönes gelesen habe. Karimabad soll auch der Traveller Hangout hier sein. Es locken mich die Aussicht auf andere Westler  und die Möglichkeit, in klarer frischer Luft zu wandern. Mit den Australierinnen, die immer noch sauer auf mich sind, mag ich nicht weiter zusammen sein.

In dem Sammeltaxi bin ich die einzige Westlerin. Die Männer, die mit mir fahren, sind alle sehr nett und höflich. Bei einer Pause kann ich mich sehr angenehm mit ihnen unterhalten. Die Landschaft ist spektakulär: hohe, schneebedeckte Berge. Darüber der strahlend blaue Himmel. Nach einer letzten Kurve öffnet sich das Hunza-Valley vor uns: ein breites Plateau, das von einem Fluss tief durchschnitten wird. Weite grüne Felder und viele Obstbäume. Oberhalb der Felder schroffe graue Felswände.

Ich steige in Ganesh aus, denn Karimabad kann man nur über eine unbefestigte Nebenstraße erreichen. Jeep-Taxis bieten sich an, die zwei Kilometer den steilen Weg hinaufzufahren. Ich verzichte. Aber ich merke schnell, dass wir uns hier auf mehr als 2000m Höhe befinden. Mein Rucksack scheint Zentner zu wiegen. Ich schnappe nach Luft. Nach der Hälfte des Weges gebe ich auf und suche mir ein Zimmer in einer der einfachen Lodges, die entlang des Weges gebaut sind. Am Abend unterhalte ich mich sehr nett mit ein paar Amerikanern beim Essen. Sie kommen gerade aus China. Ach, wie sehr ich mich auf China freue! Einer erzählt, dass er Hepatitis hat und sich noch recht schwach fühlt. Da mir die Unterkunft nicht besonders gut gefällt, ist für mich das dann ausschlaggebend, dass ich mir gleich noch an diesem Tag eine andere Unterkunft suche.

In der Hunza Lodge, die auch im Reiseführer gelobt wird, bekomme ich ein dunkles Zimmer mit eigener Dusche für wenig Geld. Die Zimmer sind an den Hang gebaut. Direkt vor den Zimmern befindet sich eine Terrasse. Die Luft ist frisch und es wird in der Nacht richtig kalt. Ich kuschele mich in meine Decken und freue mich, dass ich nicht mehr schwitzen muss. Um 7:00 Uhr bin ich wach. Ich fühle mich frisch und ausgeruht. Als ich noch ganz ungewaschen zu einem ersten Luft schnappen vor meine Zimmertür trete, stehe ich überwältigt vor dem Panorama der Berge. Diese Seite des Tales liegt noch völlig im Schatten. Doch drüben auf der anderen Seite leuchtet die Sonne rot auf einem Gletscher. Weit unter mir ist das graue Band des Hunza-Flusses zu sehen. Vögel singen. Dies muss das Paradies sein, denke ich überschwänglich. Ich bin so fasziniert, dass ich kaum merke, wie mir die Kälte in den Pullover dringt. Schließlich gehe ich aber doch wieder hinein und wärme mich mit einer heißen Dusche auf.

Auch im Restaurant beim Frühstück kann ich den Blick kaum von der fantastischen Landschaft lassen. Hier sind wir so hoch über dem eigentlichen Tal, dass sich uns ein spektakuläres Panorama bietet. Natürlich lässt mir diese wunderbare Landschaft keine Ruhe. Bald bin ich unterwegs und wandere entlang der Bewässerungskanäle, die für die vielen grünen Felder sorgen. Die Frauen, die mir begegnen, sind alle unverschleiert. Sie grüßen mich freundlich. Zwischen den Pappeln liegen weißgetünchten Lehmhäuser. Eine große Schule. Dann komme ich zum Altit Fort, einem Dorf mit einer kleinen Befestigungsanlage.

Ich habe Glück: ein kleiner Junge öffnet mir gegen ein Bakschisch die alte Tür, damit ich den Turm hinaufklettern kann. Atemlos stehe ich oben und schaue auf das Tal. Tief unten gibt es eine Brücke über den Hunza-Fluss: der Karakorum Highway! Eigentlich darf man von oben nicht in die Höfe des Dorfes hinein fotografieren, damit die Privatsphäre der Bewohner ungestört bleibt. Aber ich tue es trotzdem, als ich mich einen Augenblick unbeobachtet fühle.

Dann mache ich mich auf den Rückweg. Ich kürze ab und gerate in eine tiefe, mit dichtem Wald bewachsene Schlucht. Der Weg wird immer steiler. Ich hangele mich von Baum zu Baum. Aber dann ist auch das geschafft. Jetzt stehe ich wieder am Karakorum Highway. Die Straße wird nur von einigen LKWs befahren. Es scheint zur Zeit Schwierigkeiten mit China zu geben, so dass nicht der rege Verkehr herrscht, für den die Straße gebaut wurde.

Ich gehe über die Straße an dem Denkmal für die Arbeiter am Karakorum-Highway, die beim Bau gestorben sind, vorbei in das alte Ganesh hinein. Von außen sehen die Häuser kalt und abweisend aus. Sie sind aus Stein gebaut und ihre wenigen Fenster gehen nach innen. Enge Pfade führen durch den kleinen Ort. Kein Mensch ist zu sehen. Manchmal bin ich nicht sicher, ob ich nicht in einen privaten Hof geraten bin. In der Mitte des Dorfes öffnen sich die Pfade zu einem kleinen Platz. Ringsum alte Häuser. Einige sind mit prachtvoll geschnitzten Holzveranden und Säulen versehen. Ein kleiner Junge spricht mich in einem guten Englisch an. Die Veranden führen zu kleinen Moscheen, die ungefähr 150 Jahre alt sind. Ganz stolz erzählt der Junge, dass fast jede Familie hier eine Moschee besitzt, und zeigt mir seine Moschee. In dem dunklen fensterlosen Raum kann ich kaum etwas sehen. Ich will dem Jungen ein kleines Bakschisch geben. Doch das lehnt er mit einer stolzen Geste ab. Beeindruckt gehe ich zur Straße zurück. Ein paar Kinder spielen an einem Teich und rufen lachend etwas hinter mir her. Ich winke ausgelassen.

Die zwei Kilometer hinauf zur Lodge schaffe ich nur mühsam. Die Höhe macht mir zu schaffen. Doch dann sitze ich wieder in dem Restaurant mit dem wunderbaren Panorama und bin einfach nur glücklich. Erstaunt höre ich von einem Engländer, dass man besser nicht nach Ganesh hineingehen soll. Denn dort werfen die Kinder mit Steinen nach Ausländern. Ich erzähle stolz von meinen positiven Erfahrungen in Ganesh. Ich schwebe auf kleinen rosa Wolken. Indien mit all seinen hässlichen Seiten scheint schon unendlich lange zurückzuliegen.

Einen Tag verbringe ich mit Schlafen und Ausruhen. Ich gehe nur ein paar Schritte zum Polo-Feld, das hier in der Heimat des Polo-Spiels zu jedem Dorf gehört, und zu den Geschäften. Ich brauche unbedingt neue Socken. Natürlich gibt es so was nur für Männer. Aber ich finde doch ein schönes Paar graue Socken. Dann sitze ich auf einer Bank vor meinem Zimmer und versuche in dieser schönen friedvollen Umgebung zu meditieren. Doch wie kann ich hier die Augen schließen und die Schönheit nicht sehen?!!

Viele der Traveller unternehmen Wanderungen zu den Gletschern oberhalb von Karimabad. Ich überlege kurz, ob ich mitgehen soll. Aber eigentlich habe ich keine Lust, mich in dieser Höhe so anzustrengen. Ich wandere ein paar Stunden entlang der Kanäle und freue mich an der frischen Luft, den Vögeln und den freundlichen Menschen. Manchmal folgen mir ganze Horden von kleinen Kindern. Winzige Ziegen knabbern an den Büschen. Alle Menschen grüßen mich. Eine Frau ergreift zu meinem Schrecken meine Hand und führt sie zu ihrer Stirn und ihrem Mund. Sie küsst meine Hand! Ich bin ganz erschrocken, weil ich auch nicht verstehe, was sie sagt. Ich habe das Gefühl, dass sie mit dieser Begrüßung jemand besonders ehren möchte. Mir ist das nur peinlich, weil ich mich dieser Respektsbezeugung nicht würdig fühle.

Gulmit

Langsam wird es Zeit für mich, weiter zu fahren. Denn mein Visum läuft in drei Tagen aus. Eigentlich schade, denn ich habe das Gefühl, dass ich gerne noch länger im Hunza-Valley und in Pakistan bleiben möchte.

Karakorum Highway – Handelsstraße seit Jahrtausenden

Alter Weg

Alter Weg

Ich gehe schon früh hinunter zur Straße. In einem kleinen Restaurant lasse ich meinen Rucksack in der Obhut des freundlichen Wirtes und gehe über die Brücke, wo der Karakorum-Highway den Hunza-Fluss überquert. Von weitem mache ich ein Foto davon. Als ich an der Brücke ankomme, tritt mir ein Soldat in den Weg. Ich dürfe keine Fotos von der Brücke machen, sagt er mir eindringlich. Dass ich das schon längst gemacht habe, hat er glücklicherweise nicht bemerkt. Freundlich winkend gehe ich weiter. Einige hundert Meter weiter liegen die Sacred Rocks etwas oberhalb der modernen Straße. Hier sind Tausende von Felszeichnungen zu sehen, die die Reisenden in der Vergangenheit hinterlassen haben. Am häufigsten sind Zeichnungen von Steinböcken mit großen Hörnern zu sehen – das berühmte Marco Polo-Schaf. Ich spüre deutlich den Hauch der Vergangenheit und fühle mich mit den Reisenden der Jahrtausende zeitlos verbunden. Die ältesten Zeichnungen sollen mehr als 2000 Jahre alt sein. Sicher war das Reisen damals sehr viel mühsamer als heute.

Zurück in Ganesh muss ich noch mehr als eine Stunde warten, bis endlich ein Sammeltaxi kommt. Einer der Fahrer, der seinen Jeep als Taxi hinauf nach Karimabad fährt, setzt sich zu einer Unterhaltung zu mir. Ich trinke einen Tee mit ihm. Der Mann erzählt von den Problemen, die die Taxi-Fahrer haben. Denn es gibt viel mehr Taxis als Touristen, die eins mieten. Manchmal vergeht ein Tag, ohne dass er eine Tour hat. Es erzählt auch ganz stolz von den 5 Söhnen, die er hat. Doch er macht sich auch Sorgen, dass diese nicht alle eine Arbeit hier finden werden. Dann sagt er aber, dass er gerne noch mehr Söhne haben möchte. Ich frage ihn, wie diese denn dann Arbeit finden sollen. Ob es nicht sinnvoller wäre, weniger Söhne zu haben? Wir diskutieren ein wenig hin und her. Als ich mich von ihm verabschiede, um in mein Sammeltaxi zu steigen, habe ich das Gefühl, dass er wenigstens drüber nachdenken wird, nicht so viele Kinder in die Welt zu setzen.

Im Sammeltaxi nach Gulmit sitzt neben mir ein großer blonder Mann in einem pakistanischen Gewand. Er spricht sehr gut Englisch. Immer wieder schaue ich mir fasziniert seine europäisch wirkenden Gesichtszüge an. Ist er nun Engländer oder Pakistani? Er erzählt, dass er viele englische Expeditionen zu den hohen Bergen Tibets und Pakistans als Führer begleitet hat. Sein Name ist Karim. Er ist Pakistani. Ich habe hier in den Bergen schon viele Menschen gesehen, die blonde oder rote Haare haben und europäische Gesichtszüge. Es heißt, dass sie die Nachfahren der Griechen von Alexander dem Großen sind.

In Gulmit möchte ich mir gerne das Heimatmuseum angucken. Da es schon früher Nachmittag ist, muss ich hier übernachten. Ich nehme mir ein kleines ordentliches Zimmer in den Tourist Cottages, die direkt an der Straße liegen. Das Museum ist leider geschlossen, als ich an der alten Holztür rüttele. Also wandere ich weiter hinauf in die Berge. In Kurven zieht sich der Weg entlang von kleinen Feldern den Berg hinauf. Überall blühen wilde rosa Heckenrosen. Ein paar kleine Jungens folgen mir. Einer will mir unbedingt die Gegend zeigen, natürlich nicht, ohne Geld dafür zu fordern. Ich möchte das nicht. Irgendwann geben die Jungens schimpfend auf.

Ich merke die Höhe: manchmal muss ich um Luft ringen und mein Kopf schmerzt. Als ich eine Pause einlege und auf die grandiose Berglandschaft gucke, kommen drei kleine Mädchen. Eines hat rote Haare. Die kleine Dunkelhaarige spricht ein paar Worte Englisch. Sie erzählt, dass sie schon  zur Schule gehen  und dass sie dort Lieder gelernt haben. Sie hocken sich zu mir und singen. Ist das nicht herrlich?Gilgit Mädchen

Völlig beeindruckt verabschiede ich mich von den Mädchen, die gar kein Bakschisch fordern, und steige wieder hinunter zum Dorf. Rings um einen großen Platz, auf dem wohl manchmal die traditionellen Polo-Spiele statt finden, stehen die braungrauen Steinhäuser. Eine Henne mit ihren Küken scharrt im Dreck. Wieder sind nur wenige Menschen zu sehen.

Ich rüttele noch mal an der Tür des Museums. Da kommt von nebenan ein Mann und öffnet mir. Ich trete in dieses alte traditionelle Haus. Nur einige kleine Fenster lassen ein wenig Licht in die Zimmer. Auf Tischen und an den Wänden befinden sich rostige Schwerter und alte Haushaltgegenstände. Aus einer Ecke starren mich die Glasaugen eines ausgestopften Schneeleoparden an. Einige weiße Knochen bezeichnet der Mann als Drachenknochen! Sehr interessant!

Abends sitze ich im Tourist Cottage mit einem gut aussehenden Belgier am Tisch. Er erzählt von China. Schade, dass die netten Männer immer in die „falsche“ Richtung unterwegs sind! Ich würde gern mal eine Zeitlang mit einem so netten und gutaussehenden Mann reisen! Wir tauschen Bücher aus. Ich hatte außer dieser ätzenden Lebensgeschichte von Yogananda nichts mehr zu lesen. Der Belgier ist ganz begeistert, als ich ihm das Buch im Tausch für einen dicken Krimi anbiete.

Sust: Grenze zu China

Die Fahrt am nächsten Tag geht durch immer unwirtlicher erscheinendes Gelände. Die Gipfel der Berge sind zum Greifen nahe. An manchen Stellen liegen dicke Steinbrocken auf der Straße. Ein Gletscher, der laut meinem Reiseführer vor ein paar Jahren noch bis zur Straße reichte, hat sich hinter dicke Steinwälle verzogen und ist kaum zu sehen. Nur an windgeschützten Plätzen am Fluss gibt es Vegetation in Form von ein paar Grasbüscheln und dünnen Bäumen.

In Sust steige ich in der berühmten Mountain Refuge ab. Das ist ein Treffpunkt für alle Traveller, die von China kommen oder nach China wollen. Jetzt am Mittag bin ich noch ganz alleine. Ich gehe hinunter zur Grenzstation. Ein Schlagbaum versperrt die Weiterfahrt. Auch wenn hier noch gar nicht die eigentliche Grenze nach China ist, so ist Sust doch die letzte Siedlung vor dem Khunjerab Pass. Deshalb ist hier auch die Grenzabfertigung. In einem kleinen Büro kaufe ich mir meine Fahrkarte für morgen nach Pirali, dem chinesischen Grenzposten hinter dem Pass. In der Nähe gibt es sogar ein richtiges Hotel für die Pauschaltouristen, die im Rahmen ihrer Studienreise manchmal mit dem Bus hier ankommen.

Es liegt eine eigenartige Atmosphäre über dem Ort, der nur aus ein paar Häusern besteht. Einige hundert Meter weiter hinter einem Bergrücken gibt es ein altes Dorf. Kurz überlege ich, ob ich dorthin wandern soll. Doch ich fühle mich von der Höhe erschöpft und antriebslos. Die Berge wirken düster und feindlich. Entlang eines schmalen Flusses wachsen ein paar Bäume. Ich frage mich, wovon die Menschen hier leben. An der Grenzstation gibt es das einzige Leben weit und breit. Hier scheint wirklich das Ende der Welt zu liegen! Eine Herde Schafe fällt mir  dadurch auf, dass die Tiere sehr klein sind. Dafür sind sie besonders niedlich.Hunza Ziegen

Als ich in der Lodge zurück bin, sind nun doch einige Westler eingetroffen. Auch die Australierinnen sind da. Sie haben ihren Ärger über mich vergessen und gesellen sich gerne zu mir, als ich mich auf die Veranda in die Sonne setze. Die Strahlen wärmen nur wenig. Mir scheinen die Zeiten, wo ich mich vor Hitze kaum bewegen konnte, ganz unwirklich. Abends essen wir alle zusammen in dem Restaurant. Hier gibt es ein sog. Rumour-Book. Jeder kann seine Tipps und seine Erfahrungen hinein schreiben. Ich lese die vielen Einträge über China und ärgere mich über die negativen Eintragungen. Ich freue mich schon so sehr auf China, dass ich im Moment nichts Schlechtes über dieses Land hören mag.

Zum Anfang meiner Großen Reise: 06.04.1991 Es geht los!

Zur vorangegangenen Etappe:02. – 07.06.1992 Pakistan, auch nicht einfach

Zur nächsten Etappe: Endlich China!

Das Hunza-Tal heute mit spektakulären Fotos: Hunza

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