Lao She: Das Teehaus

Ein roter Samtvorhang, gespannte Erwartungen. Dann betritt ein Mann in seltsamer Tracht die Bühne. Mit lautem Klappern unterstreicht er seine rhythmischen Worte. Er rollt die Augen, spitzt den Mund, wirbelt seine Hände herum. Jede Silbe wird durch das Klappern neu betont. Doch was für Klappern sind das?! In jeder Hand hält er ein großes Ochsenschulterblatt. Daran sind Glöckchen befestigt. Wenn die Schulterblätter aneinander schlagen, klingeln sie aufgeregt mit. Bunte Bommel verzieren nicht nur dieses seltsame Instrument sondern auch den Mann selbst. Er wirkt wie eine Mischung aus Till Eulenspiegel und einem traditionell gekleideten Chinesen. Hingerissen folge ich seinen Bewegungen. Sein Chinesisch verstehe ich kaum, die Übersetzung, die hoch oben auf den Vorhang geworfen wird, hilft wenig, da die Falten halbe, ja ganze Worte verschlucken.

Xiang sheng

Xiangsheng

Diese vor allem in traditionellen Teehäusern in China gepflegte Form des Xiangsheng bringt mit Humor und spitzer Zunge Geschichten aus dem Leben auf die Bühne. Eigentlich gehört noch ein Partner dazu. Doch hier ist das Publikum der Partner. Es geht lebhaft und willig mit. Denn bestimmt mehr als die Hälfte der Zuschauer sind Chinesen.

Das Teehaus 1. Akt

Das Teehaus 1. Akt

So eingestimmt fühle ich mich schon ganz in einem chinesischen Teehaus. Das barocke Ambiente des Schauspielhaus unterstreicht dies Gefühl. So ist es ganz normal, dass sich mit dem Öffnen des Vorhanges, der Blick in ein traditionelles Teehaus öffnet. Was für ein Gewimmel in diesem Raum! Da sitzen die einen ruhig am Tisch, unterhalten sich, trinken Tee und spielen. Dazwischen sausen die Männer mit einem Angebot an Teewasser und Snacks hin und her. Männer kommen und gehen. Vielleicht soll das Durcheinander die politische Situation Ende des 19. Jahrhunderts widerspiegeln. Das Kaiserreich ist dem Untergang geweiht, Unruhe herrschen im Land. Der Wirt, der in diesem ersten Akt kaum auffällt, hängt ein Schild auf: “Hier wird nicht über Politik gesprochen!”.

In den zweiten Akt leitet wieder der Komödiant mit seinen Klappern ein. Nun finden wir uns 20 Jahre später in dem Wirtshaus kurz nach Gründung der Republik wieder. Das Chaos scheint noch schlimmer geworden zu sein. Doch es sind weniger Menschen im Teehaus. Dei Zeiten sind nicht besser geworden, nein, eher noch schlechter. Man spricht viel über die Ausländer, die anscheinend an allem schuld sind. Der Wirt will es allen recht machen und hat viel zu tun, um das Teehaus am Leben zu erhalten.

Das Teehaus 3. Akt

Das Teehaus 3. Akt

3. Akt: 1945: die Zeiten haben sich weiter geändert, weiter zum schlechten. Die Menschen hungern, die Situation in der Stadt scheint nicht mehr sicher zu sein. Der Wirt schickt seine Familie aufs Land. Nun bleibt er alleine zurück, zusammen mit zwei alten Freunden. Einst ging es ihnen allen gut. Jetzt sind sie alt und am Ende. Der alte Chang Si hat nicht einmal mehr genug, um einen Sarg für sich zu kaufen. Deshalb sammelt er das Papiergeld ein, das bei Beerdigungen den Ahnen mitgegeben wird. Wenigstens etwas. Bei einem bittersüßen Tanz um die Tische verstreuen sie die Papierschnipsel. Resigniert ziehen die alten Freunde schließlich von dannen. Der Wirt bleibt zurück, sieht den Schal, der liegengelassen wurde, nimmt ihn und geht mit einer deutlichen Handbewegung ab. Der Zuschauer weiß, dass er nun auch Schluss macht.

Ich bin völlig bewegt und aufgewühlt. Jubel braust auf, als die Schauspieler zur Verbeugung auf die Bühne treten. Das Klatschen scheint kein Ende zu nehmen. Das war wirklich ein tolles Erlebnis!

Immer wieder bin ich fasziniert von der Ausdruckskraft und Eindringlichkeit chinesischen Theaters. Die Sprache und der Umgang der chinesischen Schauspieler mit ihrer Sprache ist etwas ganz besonderes. Gestik und Mimik sind überlegt und werden ganz bewusst eingesetzt. Deshalb ist es nicht wirklich schwierig, sich ein chinesisches Theaterstück anzuschauen, auch wenn man die Sprache nicht spricht.

Das Teehaus

Das Teehaus

Ich habe ein älteres Hamburger Ehepaar befragt, was sie von der Aufführung halten. Sie sind völlig begeistert, obwohl sie gar kein Chinesisch verstehen und auch überhaupt keinen Bezug zu China haben. “Wir wollten mal etwas ganz anderes sehen,” sagt die Frau, Ihr Mann nickt und beklagt nur ein wenig seinen schmerzenden Nacken vom vielen Hochgucken auf die “Übertitel”.

Zum Schluss wurde ich noch kurz interviewt von der jungen Redakteurin Juan Ju der Deutschen Welle. Sie erwischte mich, als ich gerade noch völlig aufgewühlt von dem Stück mir die Augen wischte und die “Augen feucht waren”, wie sie so nett in ihrem Bericht schreibt. Seitdem weiß ich auch, dass die Deutsche Welle eine chinesisch sprachige Seite hat. Und da ich genau wissen wollte, was sie da über mich und meine Worte geschrieben hatte, habe ich mein Chinesisch ausgekramt und den Artikel gelesen. Sehr schöner Artikel übrigens. Wenn Ihr selbst mal gucken wollt: Hier geht es zu dem Artikel der Deutschen Welle: 汉堡再“开张” 德“茶客” 红了

Lao She:老舍
Dieser bedeutende moderne chinesische Schiftsteller lebte von 1899 bis 1966 überwiegend in Peking. Er wurde unter dem Namen Shū Qìngchūn (舒慶春) in einer armen Familie geboren; der ethnischen Abstammung nach war er Mandschu. Er benutzte neben Lao She auch das Pseudonym Shu Sheyu..
Sein bekanntestes Werk ist auf Deutsch unter dem Namen “Rikscha Kuli” bekannt. Sehr lesenswert!

Beijing People’s Art Theatre: Es wurde 1952 gegründet und war schon vor 35 Jahren mit dem Teehaus in Hamburg
Mehr zu dem Theater:Beijing People’s Art Theatre

Peking und Lao She:
Unweit des Platz des Himmlischen Friedens gibt es das Lao She Teehaus (老舍茶馆), ein Teehaus ganz im Stil des alten Chinas. Hier kann man bei kleinen Snacks und Tee typisch chinesische Kurzaufführungen sehen, wie o.g. Xiangsheng, kurze Ausschnitte aus der Peking-Oper oder typische Komödien. Sehr empfehlenswert!
Die Seite des Teehauses gibt es nur in Chinesisch: Lao She Teehaus. Die Seite ist ganz hübsch gemacht und lohnt einen Besuch, auch wenn man kein Chinesisch kann.
Das ehemalige Wohnhaus von Lao She: In Peking kann man den Wohnhof von Lao She besichtigen. Es ist ein traditionelles Hofhaus mit zwei Höfen. Hier wohnte Lao She von 1949 an und schrieb zahlreiche seiner Werke.
Wohnhaus von Laoshe

 

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