Lotosfüße – eine qualvolle Geschichte

Lotosfüße – die Legende

Einst lebte im China des 10. Jahrhunderts die Tänzerin Yao Niang. Sie hatte Füße, die so klein waren, dass die Männer ganz hingerissen von ihrer Schönheit waren. Sie wurde die Konkubine des Königs Li Houzhou (937 – 978), der damals in Kaifeng lebte, der Hauptstadt einer Dynastie, die man die südliche Tang nannte. Obwohl die Tänzerin die Füße bandagierte, konnte sie doch tanzen. Li Houzhou baute ihr der Legende nach eine kleine Bühne in Form einer Lotosblüte aus Gold, Edelsteinen und Seide. Auf dieser tanzte sie mit kleinen Schritten und ihren gebundenen Füßen. Ihre Schönheit und ihre kleinen Füße wurden sehr bewundert. So schaffte sie die Grundlage für eine Mode, die sich weit verbreitete und zu immer enger gebundenen Füßen führte, die euphemistisch als Lotosfüße bezeichnet wird.

Schuhe

Das chinesische Aschenputtel

In der Tang-Dynastie (618 – 907) wurde von dem chinesischen Gelehrten Duan Chengshi 段成式 (803-863) im heutigen Shandong eine Geschichte aufgeschrieben, die dem Märchen vom Aschenputtel verblüffend ähnelt.

Es handelt von einem Mädchen, das misshandelt und verachtet von der Stiefmutter zu einer Schönheit heranwächst. Die Fee ist in dieser Geschichte ein Fisch, der hilft und sie mit allem ausstattet, was sie braucht, um zu einem Fest zu gehen. Der Fisch ist in China ein bekanntes Symbol für Glück und Reichtum. Auf dem Fest begeistert sich der König für die Schönheit. Doch als sie von ihrer Stiefmutter erkannt wird, flieht sie und verliert ihren Schuh. Der König sucht mit dem Schuh nach ihr. Doch kein Fuß passt in den winzigen Schuh. Bis er endlich das Mädchen trifft.

Die Geschichte macht deutlich, welch einen hohen Stellenwert die kleinen Lotosfüße schon damals in China hatten.

Interessant ist auch, dass manche heutige Literaturwissenschaftler meinen, dass diese Geschichte, die in Europa erst im 16. Jh. aufgeschrieben wurde, das Märchen vom Aschenputtel inspiriert hat. Kulturaustausch über die Seidenstraße?

Dann werden die Füße gebunden - Lotosfüße

Chinesische Oper “Liberation”

Von der Song-Dynastie (Die „Nördliche regierte 960–1126 in Kaifeng, die „Südliche“ Sòng 1126–1279 in Hangzhou) an, war es üblich, den kleinen Mädchen die Füße zu binden. Man rechnete sich durch die Lotosfüße bessere Chancen für die Töchter auf eine gute Heirat aus. Natürlich verzichtete man auf dem Land nach Möglichkeit auf das Füße binden, da nur Frauen mit normal großen Füße in der Lage waren, auf dem Feld und bei der Arbeit zu helfen. Während der letzten, der Mandschu-Dynastie Qing, erlies man ein Verbot der Lotosfüße. Das setzte sich lange Zeit nicht durch.

Als Lotos- (auch Lotus-Füße) oder Lilienfüße (chinesisch 纏足, Pinyin chánzú) bezeichnete man die Füße der Frauen im Kaiserreich China, die durch extremes Einbinden und Knochenbrechen zugunsten eines etwa tausend Jahre lang anhaltenden Schönheitsideals deformiert wurden. Allerdings wurde lange Wert darauf gelegt, dass die Frauen trotz ihrer gebundenen Füße noch laufen konnten.

Li Yu:   Die vollkommene Frau (1671):

Was sind die Übel des zu kleinen Fußes? Wenn sich eine Frau wegen ihrer zu kleinen Füße nur schwer bewegen kann und sich immer an Wänden und Mauern stützen muss, so geht das ja nur sie allein an. Wenn aber die Füße wegen der Bindung der Zehen schmutzig bleiben und die anderen sich die Nase zu kneifen und die Augenbrauen runzeln müssen, so geht das auch die Mitmenschen an.

Und was sind die guten Seiten des kleinen Fußes? Die kleinen Füße sind so schlank, dass man sie beinahe nicht sieht. Je mehr man sie ansieht, desto mehr Rührung überkommt einen: das ist ihr Nutzen bei Tage. Sie sind so zart, als hätten sie keine Knochen, und je mehr man sie liebkost, desto lieber streichelt man sie: das ist ihr Nutzen bei Nacht. …

Der Schöpfer hat doch den Menschen die Füße gegeben, damit sie gehen können. Früher sagte man von einem schönen Mädchen „aus jedem ihrer Schritte wachsen Lotosblumen“, oder „jeder ihrer Schritte ist wie Jade“ und drückte damit aus, dass ihre Füße zwar klein waren, aber dass sie doch laufen konnten. Und zwar war ihr Gang schön, und darum wurden sie so bewundert und geschätzt.

Sind aber die Füße so klein, dass sie nicht damit laufen können, so sind solche Frauen ja genauso wie jemand, dem man die Beine abgehackt hat. Darum darf es also diese Nachteile der zu kleinen Füße nicht geben.

Schuhe

Wie wichtig für viele Frauen die gebundenen Füße waren, welche Ideale sie selbst damit verbanden, liest man sehr gut in

Pearl S. Buck: Ostwind Westwind (1927)

Als der Gatte von seiner traditionell erzogenen Frau verlangt, dass sie ihre Lotosfüße aufbindet, reagiert die Erzählerin des Buches entsetzt:

Ich jedoch zog die Füße rasch unter den Sessel. Ich war entsetzt über seine Worte. Nicht schön? Immer war ich auf meine winzigen Füße stolz gewesen! Während meiner ganzen Kindheit hatte meine Mutter persönlich das Aufweichen im heißen Wasser und das jeden Tag fester werdende Wickeln des Verbandes beaufsichtigt, und wenn ich vor Schmerz weinte, erinnerte sie mich daran, dass eines Tages mein Gatte die Schönheit dieser Füße preisen werde.

Ich neigte nun den Kopf, um meine Tränen zu verbergen. Ich dachte an alle jene unruhigen Nächte und an die Tage, da ich nicht essen konnte und kein Verlangen hatte zu spielen, an die Stunden, da ich auf der Kante meines Bettes saß und meine armen Füße schwingen ließ, um ihnen die Last des Blutes zu erleichtern. Und jetzt, nachdem ich das alles erduldet und der Schmerz auch seit einem kurzen Jahr aufgehört hatte, musste ich erfahren, dass mein Gatte sie für hässlich hielt! “Ich kann nicht“, sagte ich mit erstickter Stimme. Ich stand auf und verließ, unfähig, meine Tränen zurückzuhalten, das Zimmer.

Nicht, dass ich mir gar so viel aus meinen Füßen gemacht hätte, aber wenn selbst meine Füße in ihren verführerisch bestickten Schuhe keine Gnade vor seinen Augen fanden, wie konnte ich je hoffen, sein Liebe zu gewinnen?

Schließlich gibt sie nach und erlaubt ihrem Gatten, die Füße aufzubinden. Das bedeutet einen fast genauso schlimmen Schmerz wie das Binden selbst. Doch schließlich ist das überstanden. Sie fängt an, freier zu laufen und dies zu genießen. Damit läutet sie die Annäherung zu ihrem westlich gebildeten Mann ein, was letztlich zu einer glücklichen Ehe führt.

Das Ideal der Lotosfüße

Die ideale, angestrebte Länge eines solchen Lotosfußes war 10 Zentimeter. Doch die meisten erreichten dies nicht. Meistens ergab sich nach Abschluss der qualvollen Prozedur eine Länge von 13 bis 15 cm, was immer noch sehr kurz ist, wenn man bedenkt, dass ein normaler Frauenfuß (meiner zum Beispiel) rund 25 cm misst. Während der Qing-Dynastie, der Dynastie der Mandschu-Kaiser, versuchte man vergeblich, den Brauch des Füße Bindens zu verbieten. Die Mandschu stammen von einem sibirischen Nomadenvolk ab und das Füße Binden gehörte nicht zu ihren Traditionen.

Doch die Mandschu-Frauen, für die dies Verbot ganz besonders galt, fanden die kleinen Füße so attraktiv, dass sie sich spezielle Schuhe anfertigen ließen. Diese standen auf kleinen zierlichen Klötzen, so dass man die “großen” Füße der Mandschu-Frau unter den langen Gewändern nicht sehen konnte. Im Übersee-Museum in Bremen gibt es eine umfangreiche Sammlung an chinesischen Schühchen.

Schuh einer Mandschu-Dame

Lotosfüße heute

Diese Tradition der Lotosfüße stirbt aus. Und das ist gut so! Man trifft nur noch selten hochbetagte Frauen, die sich mühsam auf winzigen Füßen vorwärts bewegen. Ich habe sie noch gesehen in den Altstadtvierteln Pekings. Obwohl das Füße Binden schon zum Ende der Qing-Dynastie verboten wurde, hielt sich die Tradition bis in die 1930er Jahre. Nachdem dann so langsam diese Sitte ausstarb, kamen auf die Frauen mit Lotosfüßen neue Qualen während der Anfänge der Volksrepublik hinzu. Sie wurden geächtet und gezwungen, unter großen Schmerzen ihre Füße aufzubinden.

Der Fotograf Jo Farrell hat tatsächlich auf seinen Reisen in neun Jahren noch 50 Frauen mit gebundenen Füßen, den Lotosfüßen, gefunden und befragt.

The photographer Jo Farrell tracked down 50 surviving women whose feet had been bound. Many could no longer walk, and kept their disfigurement hidden. Her images reveal the survivors’ strength, determination – and hope

http://www.theguardian.com/artanddesign/2015/jun/15/the-last-women-in-china-with-bound-feet

Ein Artikel voller bewegender Geschichten und eindrucksvoller Fotos.

Die Oper “Liberation”

Ich wurde auf meiner Reise in die Provinz Shanxi an diese Sitte des Füßebindens erinnert. Denn im Zentrum unseres ersten Gala-Abends in Taiyuan stand die Aufführung von Teilen einer modernen chinesischen Oper. Die Oper heisst „Liberation“ (Befreiung) und hat die Lotosfüße zum Thema. Ich fürchte, die alte Tradition des Füßebindens wird in der Oper wenig kritisch dargestellt. Die Mädchen mit ihren winzigen Füßen (sie tanzen auf Zehenspitzen in kleinen Schühchen) sehen wunderschön aus, die Musik ist mitreißend. Ich war am Anfang so entsetzt, dass ich unsere Reiseleiterin verwirrt fragte, ob da nicht das Füßebinden verherrlicht wird. „Nein, nein!“, meinte sie erschrocken und bat mich, bis zum Ende zu warten. Ja, es kam zum Beispiel noch eine Sängerin auf die Bühne, die als „alte Frau“ ihr Leid besang, das sie durch die Lotusfüße erfahren hat. Leider habe ich im Internet gar nichts über diese Oper gefunden.

Macht Euch Euer eigenen Bild mit den folgenden Impressionen von der Show:

am Anfang wird gezeigt, wie schön und beweglich ungebundene Füße sind.

Am Anfang wird gezeigt, wie schön und beweglich ungebundene Füße sind.

Lotosfüße 2Lotosfüße 3

Dann werden die Füße gebunden

Dann werden die Füße gebunden

Wie ein Wirbelwind treffen die Soldaten ein und "befreien" die Frauen (und China)

Wie ein Wirbelwind treffen die Soldaten ein und “befreien” die Frauen (und China)

Eine alte Dame tritt auf und beklagt in einem Lied ihr Leiden durch die Lotusfüße

Eine alte Dame tritt auf und beklagt in einem Lied ihr Leiden durch die Lotosfüße

Abschlussbild: Die Mädchen tanzen immer noch in kleinsten Schuhe...

Abschlussbild: Die Mädchen tanzen immer noch in kleinsten Schuhen… auf Lotosfüßen

12 Kommentare

  • Pingback: Unterwegs in Shanxi – als VIP

  • Furchtbar! Was ein fehl geleiteter Schönheitswahn Menschen, vor allem Frauen, antun kann…
    In Pearl S. Buck’s “Das Mädchen Orchidee” wird das Füße einbinden auch erwähnt. Tsu Hsi, die letzte chinesische Kaiserin, von der dieser Roman handelt, hatte, wenn ich mich recht entsinne, keine eingebundenen Füße…

  • Hallo Ulrike,
    Danke für diesen interessanten Beitrag.
    Ich bin dem Link zum Artikel gefolgt und habe die Fotos gesehen. Schlimm. Das habe ich nicht gewusst. Ich habe zwar über Lotosfüße gelesen, aber noch keine Fotos gesehen. Jetzt ja.
    Dir ein schönes WE wünsche ich,
    liebe Grüße, Caro

    • Ulrike

      Ich mal im Überseemuseum in Bremen eine Ausstellung über die Sitte des Füßebindens gesehen. Auch in China gibt es Museen zu dem Thema. Da sieht man dann nicht nur die kleinen Schühchen sondern auch ziemlich schlimme Fotos und Modelle von den verkrüppelten Füßen.
      Liebe Caro, ich wünsche Dir auch ein schönes Wochenende . Ulrike

  • Puh, ich bin einmal dem Link zum Artikel über Jo Farrells Buch gefolgt: Ein Foto Von “Lotusfüßen” habe ich noch nie gesehen. Die Vorstellung allein behagt mir schon nicht. Das Foto ist heftig. Da sind ja wirklich alle Zehen zusammengewachsen? Was muss das für ein Schmerz gewesen sein… Furchtbar, aber ein interessantes Thema. Ich muss mich da einmal einlesen. Wünsche dir ein schönes Wochenende! Jutta

    • Ulrike

      Hallo Jutta! Die Zehen sind nicht zusammengewachsen, sondern mit Gewalt unter den Fuß gebogen. Dabei werden die Zehenknochen gebrochen. Es muss wirklich sehr schlimm gewesen sein. Es dauert Jahre, bis es nicht mehr wehtut. Ich begreife nicht, wie Mütter ihren Kindern so etwas antun können. LG Ulrike

  • Ulrike

    Mich hat in meiner Jugend das Buch von Pearl S. Buck sehr beeindruckt. So sehr, dass ich, als ich es jetzt noch einmal gelesen habe, mich gewundert habe, dass das Füßebinden nur einen ganz kleinen Teil des Buches einnimmt. Ja, es ist schlimm, was Mütter ihrne tüchtern antun, damit die töchter besser verheiratet werden können: Auch die Beschneidung gehört dazu. Und die ist leider ganz und gar nicht ausgerottet.

  • In dem Buch “Snowflower and the Secret Fan” von Lisa See wird die grausame Prozedur sehr eindringlich beschrieben. Mir hat das Buch überhaupt sehr gut gefallen. Gut sein soll auch eine Graphic Novel zum Thema namens “Lotusfüsse” von Li Kunwu, das werde ich mir demnächst mal kaufen.

  • Als ich als Teenager von dieser (Un)Sitte erfahren haben, löste sie kalte Wut bei mir aus. Erschreckend dabei, dass es patriarchal geprägte Frauen waren, die ihre Töchter und Enkelinnen verstümmelten. Für die Lust von Mann, dessen Hirn vermutlich schon von Geburt an abgebunden war.

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