Die Große Mauer bei Huanghuacheng

黄花城 – Huánghuāchéng – Das Dorf der Gelben Blumen

Bei Huanghuacheng gibt es einen der schönsten Abschnitte der Großen Mauer nördlich von Peking. Ich kenne die Große Mauer von mehreren Gelegenheiten und an verschiedenen Stellen. In Badaling war ich 1993 und 2011 (Mutianyu 1988, 1991 und 1993) . Nach wie vor halte ich Badaling für eine der interessantesten. Dort gab es einst einen wichtigen Durchgang zwischen Peking und dem “wilden” Norden. Man kann Befestigungsanlagen sehen, die es anderswo nicht gibt. Doch die leichte Erreichbareit durch eine Autobahn und einen Bahnhof machen Badaling auch zu einem der beliebtesten Abschnitte. An Wochenenden und Feiertagen sollte man nicht hierher fahren. Es sei denn, man möchte das einzigartige chinesische Gefühl der Massen kennen lernen.

Gelbe Blumen auf dem weg nach Huanghuacheng

Gelbe Blumen auf dem Weg nach Huanghuacheng

Die Große Mauer bei Mutianyu ist weiter entfernt und deshalb nicht ganz so überlaufen wie Badaling. Mutianyu ist etwas schwieriger zu erreichen. Man muss außerdem eine beschwerliche Strecke hinaufsteigen, um vom Eingang bis zur Großen Mauer zu kommen. Es gibt aber auch eine Seilbahn. Um wieder runterzukommen, bietet sich eine schöne Sommerrodelbahn an.

Gerade habe ich gelesen, dass man plant, bei Mutianyu oben auf der Mauer eine riesige Anzeigetafel aufzustellen. Das ist gut gemeint, denn man möchte die Leute dazu bringen, ihre Namen nicht direkt auf die Mauer zu schmieren oder zu ritzen sondern eben so aufschreiben, dass dies dann auf der Tafel erscheint: “Ulrike was here!” Äh, ja, gefällt mir nicht, möchte ich an dieser Stelle kurz sagen.

Nun war ich also Anfang September auf der Großen Mauer bei Huanghuacheng. Ich genoss den Service eines Wagens mit Fahrer. Bereits die Anfahrt war sehr schön. Bei herrlichstem Sonnenschein ging es aus Peking hinaus. Schnell waren wir raus aus der eigentlichen Stadt und fuhren durch Dörfer und sehr ländliches Gebiet. Bald ging es hinein in die Berge. Und schon sah ich die Große Mauer auf den Bergrücken. Ach, herrlich! Die Straße war neu und mit großen Bäumen rechts und links. Dazwischen blühten gelbe Blumen. Sind es genau diese, von denen die Große Mauer bzw. das Dorf in der Nähe seinen Namen her hat?

An einer Stelle kamen wir der Großen  Mauer ganz nahe. Die Straße führt durch einen Engpass, der durch den steilen Abhang westlich und einen See/Fluss östlich gebildet wird. Die Große Mauer taucht hier wörtlich in den See ein und reicht somit bis direkt an die Straße. Der Fahrer ließ mich aussteigen. Frische Luft! Sonnenschein! Hoch oben zog ein Raubvogel seine Kreise. War das schön hier! In Sichtweite waren einige wenig frequentierte Souvenirshops und Restaurants zu sehen. Ein Zeichen schien mir den Weg zu weisen.

Etwas fiel mir gleich auf: Hier sah es nicht wirklich touristisch aus. Wo waren die Eintrittskartenhäuschen? Die öffentlichen Toiletten? Ich fand nur welche, die wie die alten einfachen dörflichen Klos aussahen. Einfach aber doch sauber, Typ Loch im Boden. Lag das alles daran, dass diese Stelle noch nicht wirklich für Touristen erschlossen war?

Mit einem etwas unsicheren Gefühl ging ich weiter in die Richtung, die mir die nette Souvenir- und Wasserverkäuferin wies. Ich querte die kleine Staumauer am See, immer mit Blick auf die Große Mauer, die sich den Berg hinaufzog und sehr wild aussah. Der Weg war ein besserer Trampelpfad. War ich hier wirklich richtig? Doch ganz alleine war ich nicht. Junge Leute überholten mich fröhlich, andere kamen mir entgegen. Ganz oben konnte ich Menschen auf der Großen Mauer sehen.

Also ging ich weiter. Mein verstauchter Knöchel meldete sich mit einem stechenden Schmerz, wenn ich mal daneben trat. Das machte mich noch unsicherer. Schritt für Schritt tastete ich mich weiter. Der Pfad wurde immer schmale. War ich irgendwo falsch abgebogen? Mit Schaudern dachte ich an den Rückweg. Aber immer wieder blieb ich für einen Moment stehen, schaute über die grünen Berge und lauschte den Vögeln und Zikaden. Herrlich! Ich erreichte die Große Mauer und ging eine kurze Strecke direkt am Fuß des grauen Steinwalls. Wie sollte ich da rauf kommen?

Auf Travelchinaguide.com habe ich die folgende Legende zu diesem Abschnitt der Großen Mauer gefunden:

On a cliff by the wall are two big Chinese characters ‘jin tang’ which means being very firm and strong. In fact, there is a legend about the origin of these characters. In the Ming Dynasty, the Emperor ordered a general named Cai Kai to build the wall here. But it took many years to accomplish the construction. So the emperor became very angry while at the same time some traitorous ministers scolded that Cai Kai had spent too much money in building it. As a result, Cai Kai was beheaded. Later, the emperor asked ministers to check the construction. They found that the it was strongly fortified. The emperor realized that he had treated Cai Kai unjustly. Then he ordered craftsman to carve these two Chinese characters. So the wall is also called the Jintang Great Wall; the lake under it is called Jintang Lake.

Mein Knöchel schmerzte immer mehr. Irgendwann drehte ich um. So konnte ich nicht weiter! Langsam tastete ich mich den Weg hinunter. In einem kleinen Imbiss weiter unten trank ich ein Wasser und schaute auf den See und die Mauer. Irgendwo auf der anderen Seite musste der offizielle Zugang zur Großen Mauer liegen. Hier genoss ich die Ruhe und Idylle. Die Ruhe war gar nicht so groß, denn über allem lag der laute Gesang der Zikaden. Dann hatte ich noch eine ganz besondere Begegnung: Die elegante Eidechse

Als ich wieder an der Straße war, setzte ich mich für ein paar Minuten zu der Souvenirverkäuferin. Wie schön, dass ich Chinesisch kann! Die Frau erklärte mir mit einem freudigen Lachen: jaja, der offizielle Eingang liege dahinten! Aber hier sei die schönste Stelle: “Deine Freunde lieben diesen Weg, diesen Teil der Großen Mauer!” Meine Freunde? Anscheinend meinte sie all die jungen Westler, die lieber hier mühsam auf die “wilde” Mauer kraxelten als den renovierten und besser begehbaren Teil zu erkunden.

Ich war erschöpft und hatte jetzt mehr Spaß daran, mich mit der Frau zu unterhalten als noch nach dem Eingang zu suchen. Wer weiß, ob der renovierte Teil mit meinem verstauchten Fuß wirklich einfacher zu ersteigen gewesen wäre! Die Große Mauer zeichnet sich an allen Stellen durch hohe unregelmäßige Stufen und steile Aufstiege aus. Nichts für Gehbehinderte!

Schließlich kam mein Wagen und es ging zum nächsten Punkt, den ich mir für diesen Ausflug gewünscht hatte: Der Seelenweg bei den Ming-Gräbern. Ein Weg für die Seele Huanghuacheng

9 Kommentare

  • Pingback: Die elegante Eidechse – Bambooblog Hamburg

  • Wunderschöne Fotos habe eine starke Krippe muss im Bett bleiben lieber Gruß Gislinde

  • Japan hatte das Meer als Mauer. Und als Waffe gegen die Mongolen, den “Göttlichen Wind.”

  • linni2014

    Achja, nach Huangcheng und Badaling “muss” ich auch unbedingt mal hin! 🙂 Dein Bericht macht definitiv Lust darauf. Was für ein Pech, dass Dein Knöchel nicht mitgespielt hat.

    Kleine Ergänzung zu Mutianyu, wo ich gerade zum 2. Mal und sicher nicht zum letzten Mal war: man kann hoch- und runterlaufen, muss es aber nicht. Stattdessen kann man zunächst mit einem Bus ein Stück den Berg hochfahren, dann mit einer Kabinenbahn (“cable car”) oder einem Sessellift weiter nach oben, runter später genauso oder mit einer Sommerrodelbahn.

    Was die Maßnahme gegen Graffitis etc. angeht: in einem der Wachtürme befinden sich derzeit zwei etwa Din-A-1 große Rahmen an der Wand, in die Papier eingespannt ist und sich die Besucher verewigen können, sieht so aus, als wenn das von Zeit zu Zeit ausgetauscht wird. Auf mich wirkte das wie ein großes Gästebuch, von außen sieht man es nicht, auch im Wachturm selbst nur, wenn man direkt davor steht. Wenn es gegen Vandalismus hilft (und das scheint es, mir ist sonst nichts aufgefallen), eigentlich eine gute, nicht verschandelnde Maßnahme. Mehr ist da hoffentlich nicht notwendig!

    • Ulrike

      Danke für Deinen hilfreichen Kommentar! Ja, bei Mutianyu und auch bei Badaling kann man mit ner Seilbahn hoch. Ich hab Mutianyu noch erlebt, als es keine Seilbahn gab. 1988

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