Backpacker – die andere Seite

Backpacker: das war immer eine Auszeichnung. Wenn man mich eine Backpackerin nannte, fühlte ich mich zu einer besonderen Gruppe zugehörig. Backpacker: Das ist jemand, der frei und unabhängig mit seinem Rucksack die Welt erkundet. Das ist ein Begriff eng verbunden mit dem des Weltenbummlers und des Globetrotters. Das fand ich immer gut und erstrebenswert. Mein Mann schien den Anblick anderer Rucksackreisender in Hannover zu fürchten: “Du schaust denen hinterher mit so viel Sehnsucht im Blick, dass ich Angst habe, dass Du gleich wieder losreist.”, sagte er einmal zu mir.

Doch 2015 hat es einige Schlagzeilen gegeben, die mich und mein Bild vom Backpacker schwer erschüttert haben:


Fullmoon Party in Thailand
Auf Reisedepeschen.de konnte ich lesen, wie sehr die Fullmoon-Parties auf Koh Phangan ausgeartet sind. Tausende “Backpacker” vergnügen sich an den Vollmondnächten am Strand, trinken, nehmen Drogen und hinterlassen ein Schlachtfeld. Ich hab mich schon 1992 von diesen Parties fern gehalten. Und auch von Alkohol und Drogen. Manche aber scheinen solche Parties für völlig normal zu halten, wenn man als Backpacker unterwegs ist. Bis zu 10.000 Leute sollen sich da an manchen Vollmondfesten treffen. Das Internet ist voller Empfehlungen und den Daten für die Party. Doch kann das wirklich schön sein, sich zusammen mit Tausenden von anderen volllaufen zu lassen? Meine Meinung zum Alkohol unterwegs. Hier geht es zu dem Artikel von den Reisedepeschen: Der Wahnsinn unter dem Vollmond.

Was ich in diesem Zusammenhang auch nicht verstehe: Suchen nicht gerade die Backpacker das authentische Leben vor Ort, die Orte abseits der Touristenrouten? Wie lässt sich das damit vereinbaren, dass sie am Strand von Koh Phangan eine Menschendichte suchen, die so ähnlich ist wie der Strand in Rimini oder Lloret de Mar im Hochsommer?

Backpacker als Bettler
Ein weiterer Mensch, der sich anscheinend unter die Backpacker zählt, machte in China negative Schlagzeilen: Ein Pole, der am Bahnhof von Guangzhou bettelte, um sich angeblich eine Fahrkarte nach Kunming und die Weiterreise finanzieren zu können. Da habe ich eine ganz entschiedene Meinung zu: Wer kein Geld hat, wer während der Reise feststellt, dass er nicht genug Geld zur Weiterreise hat, der muss zu Hause bleiben. Oder vielleicht unterwegs arbeiten. Aber Betteln geht gar nicht!!! Ich hab unterwegs mal einen Backpacker getroffen, der damit angab, dass er nur noch 100 USDollar hätte und sich durchschnorren wollte. Ich habe mich von ihm ferngehalten. Wenn man als Reisender in China oder anderswo in Not gerät, weil man z.B. bestohlen wurde, so gibt es überall Konsulate und Botschaften, die einem natürlich nicht die Weiterreise finanzieren, aber dabei helfen, nach Hause zu kommen oder sich Geld von Zuhause schicken zu lassen. Mehr zu dem Backpacker am Bahnhof von Guangzhou

2017: Beg-packing wird zum Trend: Betteln unterwegs

Meine Meinung zum Beg-Packing: Unterwegs in Not

Nackt auf dem Kota Kinabalu
Eine andere Nachricht, die mich wirklich wütend gemacht hat, war die von den vier Touristen, die sich auf dem Berg Kota Kinabalu in Malaysia nackt fotografiert haben. Naja, wenn die Leute so dumm sind, ist es nur gerecht, wenn sie entsprechend von den Behörden in Malaysia bestraft werden (mehr dazu auf welt.de). Als Folge dieser Entweihung eines Heiligen Berges, einer heiligen Stätte, erlebten die Einheimischen kurze Zeit später ein Erdbeben mit 18 Toten im Gebiet des Kota Kinabalu. Sie gaben den Touristen die Schuld.  Es sollte doch zum Reisen dazu gehören, dass man die Einheimischen mit ihren Sitten und religiösen Vorstellungen respektiert. Aber die Unsitte, sich nackt an bedeutenden Sehenswürdigkeiten zu fotografieren, scheint zur Zeit in zu sein. Bei den Backpackern. Da wird auch keine Rücksicht darauf genommen, ob es sich um heilige Stätten oder uralte Tempel handelt, zum Beispiel in Angkor Wat. Dort wurden auch schon Touristen dabei erwischt, wie sie blank zogen. Nein, das geht gar nicht! Das geht in Asien nicht, das geht auch in Europa nicht. Wenn hier jemand sich nackig im Hamburger Michel fotografieren wollte, dann bekäme der auch Ärger ohne Ende.

Schlimm finde ich, dass es Menschen gibt, die meinen, dass man gerade in Ländern wie Malaysia, wo es strenge Moralvorstellungen und Bekleidungsvorschriften gibt, sozusagen als Erzieher und Aufklärer wirken muss. Mit Nacktfotos zum Beispiel. Da gibt es einen Kanadier: Emil Kaminski, der übrigens auch zu den nackten Touristen auf dem heiligen Berg gehörte, versteht die Aufregung nicht. Er findet es toll, sich nackig vor Sehenswürdigkeiten zu fotografieren. Seine Meinung dazu: “Vor 100 Jahren haben die Leute sich aufgeregt über nackte Knöchel, dann nackte Knie, nackte Bäuche und jetzt nackte Busen. Die Leute müssen ihre archaischen sozialen Normen mal auf einen neuen Stand bringen. Wir verstehen unsere Fotos inzwischen auch als ein Zeichen gegen Taliban-ähnliches Verhalten.” Ich könnte kotzen bei so viel Arroganz und Ignoranz. mehr

Fazit:
Kann ich mich angesichts solcher Nachrichten noch mit Freude oder gar Stolz eine Backpackerin nennen? Auf jeden Fall distanziere ich mich von den o.g. Verhaltensweisen. Die höchste Maxime für Backpacker sollte Respekt vor dem besuchten Land und dessen Einwohnern sein.

Take nothing but pictures.

Leave nothing but footprints.

Kill nothing but time

Hier geht es zu einem sehr eindringlichen Artikel von Simon vom Blog “Um die Weltreise” : mehr.
Simon spricht mir ganz aus dem Herzen, wenn er schreibt, dass es keinen Sinn macht, immer nur aufs Geld zu gucken, wenn man reist.

13 Kommentare

  • Thomas

    Ob jetzt Ballermann oder die Fullmoon Parties in Thailand – warum verreise ich eigentlich?
    Um mich zu betrinken?
    Das kann ich auch billiger zu hause.
    Verstanden habe ich diese Leute nie und werde es auch nie.
    Nur leider bringen sie andere Reisende mit in Verruf.
    Respekt und Anstand gegenüber anderen Kulturen sind für solche Menschen leider ein Fremdwort.
    Aber anscheinend ist so etwas cool heutzutage.
    Und was den Polen in Guangzhou betrifft – so etwas habe ich leider erst vor ein paar Tagen in Nanning erlebt.
    Eine chinesische Bekannte hat über couchsurfing ein Paar aus der Ukraine aufgenommen.
    Die beiden haben dann in Nanning in der Innenstadt um Geld gebettelt, weil sie absolut abgebrannt waren.
    Haben sich von meiner Bekannten ein Schild auf chinesisch schreiben lassen, das sie durch Asien reisen und kein Geld mehr haben.
    Was man von so einer Aktion hält, sollte jeder für sich entscheiden.

    • Ulrike

      Oh, Thomas, das mit dem ukrainischen Paar ist ja schrecklich! Und ich habe geglaubt, dass das mit dem Typen in Guangzhou ein Einzelfall ist! Ich würde denen jedenfalls kein Schild schreiben! Nur den Weg zum nächsten Konsulat zeigen…
      Beste Grüße
      Ulrike

      • Thomas

        Ich habe beide kennengelernt und sie waren wirklich nett und freundlich.
        Meine Bekannte war über die Aktion auch zwiegespalten und konnte nicht verstehen, wie man, gerade als Europäer, mit so wenig Geld in Asien herumreisen kann.
        Da Chinesen, wie du ja selber weißt, sehr hilfsbereit aind, hat sie geholfen, aber fand diese ganze Aktion doch sehr komisch.
        Ich habe mir auch mal den Bericht über den Polen durchgelesen, kann darüber nur den Kopf schütteln.
        Für 200 Yuan bekommt man übrigens nur einen Sitzplatz in der 2ten Klasse bei einer Fahrzeit von über 24 Stunden.

      • Ulrike

        Wenn man über wenig Geld verfügt, dann muss man eben Hardseat fahren. Ich habe da wirklich kein Verständnis.Auch für die Ukrainer nicht
        Helfen würde ich denen allenfalls mit der Adresse des nächsten kOnsulats

  • Da stimme ich dir voll und ganz zu! Respekt ist ein Muss!

  • Dein Fazit kann ich nur unterstreichen! Aber dass es auf der Welt genügend Dumpfbacken gibt, erschreckt mich auch immer wieder, obwohl ich altersmäßig eigentlich daran gewöhnt sein müsste. Meine Quintessenz: Werte nicht Gruppen (Backpacker, Hippies, Joungsters, Grufties… usw.) sondern schau dir den einzelnen Menschen an und entscheide dann.

  • Das ist schon wirklich der Hammer. Besonders dieses hanebüchene Argument dieses Kanadiers. Respekt sollte eigentlich überall selbstverständlich sein und ich frage mich wirklich, welchen Pseudokick einem solche Aktionen geben sollen. Daheim vor bekannten Leuten würde sich auch kein Mensch so benehmen – aber im Urlaub ist dann? Ich kann dir nur zustimmen, es ist ein absolutes NoGo.

  • Erstmal ein frohes neues Jahr liebe Ulrike.
    Und dann: Ich bin absolut bei dir. Wenn ich in einem anderen Land zu Gast bin gelten für mich auch die dortigen Regeln, selbst wenn die eine oder andere Vorschrift mir komisch / altmodisch vorkommt. Wem es nicht passt, der kann gern wieder zurück reisen.
    Ich finde es das Mindeste dem Land und den Leuten den nötigen Respekt aufzubringen.
    Für mich gehört da auch dazu wenigstens 2,3 wichtige Wörter in Landessprache zu beherrschen, immer höflich zu sein und nichts kaputt zu machen.
    Dein letztes Zitat trifft es sehr gut.
    Ich kann es im Urlaub selbst nicht ertragen, wenn sich manche Touristen aufführen, als wären sie irgendwelche Götter. Als wären sie besser, zivilisierter.
    Wer nicht versteht dass das Leben überall anders tickt, hat aus dem Reisen ja gar nichts gelernt und den Sinn nicht verstanden.
    Liebe Grüße Janine

    • Ulrike

      Liebe Janine, so ist es! Ja, und wenigsten Danke und bitte in der Landessprache ist das mindeste. und es macht Spaß, in Deutschland ausländische Besucher mit einem Guten Tag in ihrer Landessprache zu überraschen. ich kann da mit solchen Wörtern in Sprachen wie Finnisch oder Koreanisch aufwarten.
      Alles gute für 2016! Ulrike

  • Egal, ob Backpacker/in oder “normale/r” Tourist/in: Sich den Sitten und Gepflogenheiten des besuchten Landes anzupassen, und diese zu respektieren, sollte das oberste Gebot auf Reisen sein. Das zweitoberste: Auf gar keinem Fall die Sau raus lassen, nur weil man fern von zuhause ist. 😉

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