Abenteuer Terrakotta-Armee

Xi’an 1987

Warum bin ich eigentlich nach China gereist? Warum wollte ich damals unbedingt nach China? Es ging eigentlich und im Wesentlichen um die Terrakotta-Armee, diese unglaubliche Menge von lebensgroßen Krieger aus Ton, die Bauern 1974 zufällig beim Brunnenbau entdeckten. Das faszinierte mich und meine Archäologenseele jubelte beim Gedanken daran, dies Wunderwerk selbst und persönlich zu sehen. Der Ausflug zur Terrakotta-Armee wurde mein erstes großes Abenteuer in China. Mit allem, was dazu gehört: Keine Ahnung, wo ich war, wie lange das dauerte, wie das funktionierte, was ich wann machen sollte. Und natürlich konnte ich nicht ein einziges Wort Chinesisch!

Damals war die Terrakotta-Armee schon eine wichtige Sehenswürdigkeit mit vielen Besuchern. Ich habe übrigens keine Fotos von der Tonarmee damals. Fotografieren war strengstens verboten, die Taschen und Rucksäcke wurden gefilzt und jeder Fotoapparat musste abgegeben werden. Ich hab mir 1987 einige fertige Dias gekauft, damit ich überhaupt etwas vorzeigen kann. Denn ich hatte natürlich vor, im Freundeskreis und auch öffentlich Vorträge über meine China-Reise zu halten.

Terrakotta-Armee

Terrakotta-Armee 2011

Mittlerweile bin ich vier Mal bei der Terrakotta-Armee gewesen, habe nun auch einen großen Vorrat an digitalen Fotos und wäre auch nicht traurig, wenn ich noch mal zur Terrakotta-Armee reisen würde. Xi’an ohne die Tonarmee des ersten Kaisers von China kann ich mir einfach nicht vorstellen. 

In der Zwischenzeit hat sich einiges geändert. Man hat noch mehr Krieger ausgegraben, neue Erkenntnisse über ihre Herstellung und über den ersten Kaiser von China Qin Shi Huang gewonnen. Davon später mehr! Hier erstmal mein

Reisebericht aus 1987 

23.10.87 Xi’an

Zum Höhepunkt des Tages! Natürlich will ich sofort die berühmte Tonarmee des ersten Kaisers von China sehen. Das Ausgrabungsgelände liegt einige Kilometer ausserhalb von Xian. Im Hotel hatte mir ein Westler gesagt, dass vom Bahnhof aus Minibusse zu der Tonarmee fahren. Ich solle nach „Bing Ma Yong“ fragen. 兵马佣 „Bing Ma Yong“ heisst „Soldat und Pferd Figur“, die chinesische Umschreibung für die Tonarmee.

Am Bahnhof stehen Hunderte von Bussen. Taxen und Rikschas warten. Tausende von Menschen laufen herum. Wie soll ich da den richtigen Bus finden? Ich spreche Chinesen an einer Bushaltestelle an: „Bing Ma Yong?“ Einer weist auf die andere Straßenseite. Als ich zögere, geht er mir voraus, winkt mir freundlich lächelnd zu, ihm zu folgen. Er bringt mich zu einem Minibus, in dem schon ein paar Leute sitzen, alles Chinesen. Ich frage wieder „Bing Ma Yong?“ Alle nicken erfreut. Hier bin ich richtig! Nur spricht leider niemand Englisch. Egal! Da muss ich durch!

Ein junger Bursche knöpft mir das Fahrgeld ab. 10 Yuan. Ist das nun zuviel oder doch der richtige Preis? Ich bin da etwas misstrauisch, habe das Gefühl, übers Ohr gehauen zu werden. Doch wie soll ich mich, ohne Chinesisch zu können, beschweren? 10 Yuan sind nicht viel Geld, ca. 5,- DM. Für die Chinesen ist das viel, für mich allerdings ist es immer noch sehr billig.

Der Busfahrer wartet, bis auch der letzte Platz besetzt ist. Dann fährt er los. Ein junger Mann erzählt über Mikrofon etwas auf Chinesisch. Der Reiseleiter! Alle schauen mich neugierig an. Ob die merkwürdige Westlerin wohl etwas versteht? Sie versteht rein gar nichts und fragt sich mal wieder, worauf sie sich da wohl eingelassen hat. Ich sitze in einem Bus mit fast unbekanntem Ziel, ich weiß nicht, wie lange die Fahrt dauern wird und wie ich wieder zurück nach Xian kommen soll. Ausserdem knurrt mir jetzt schon sehr vernehmlich der Magen.

Da! Der Bus hält auf einem großen Parkplatz. Das kann doch noch nicht die Tonarmee sein! Ein Mitreisender zeigt mir durch Zeichensprache, dass wir 40 Minuten Aufenthalt haben. Ich steige mit den anderen aus und gehe immer hinter ihnen her. Eine Chinesin aus unserer Gruppe trägt einen leuchtendroten Anorak. Die versuche ich im Auge zu behalten, damit ich die Gruppe immer wiederfinden kann. Ich habe es noch nicht gelernt, die Chinesen an ihren Gesichtern zu unterscheiden.

Unser Zwischenstopp gilt dem Banpo-Dorf, wie ich schnell herausfinde. Ich habe darüber schon in meinem Reiseführer gelesen. In Banpo hat man ein Dorf aus der Steinzeit ausgegraben mit Befestigungsanlagen, Hausgruben und einigen Gräbern. Das ist für mich besonders interessant. Die Ausgrabungsfläche, also das gesamte neolithische Dorf, ist überdacht. Aber auf den ausgestellten Stücken liegt fingerdick der Staub. Die Beleuchtung ist trübe. Schade! Insgesamt ist die Anlage, die aus mehreren Museumsgebäuden im traditionellen chinesischen Stil besteht, die sich um die große Halle gruppieren, aber sehenswert.

Als ich zum Parkplatz zurückkomme, sind mittlerweile 20 Minibusse da, die alle mehr oder weniger gleich aussehen. Meine Dame in Rot habe ich aus den Augen verloren. Ich gehe von Bus zu Bus und hoffe auf ein bekanntes Gesicht. Da spricht mich jemand an und winkt mich zu meinem Bus. Schliesslich sehe ich auch den roten Anorak. Hier bin ich richtig! Als der Bus wieder losfährt, lehne ich mich entspannt ins Polster zurück. Anscheinend habe ich eine richtige Besichtigungstour gebucht. Ich habe es geschafft, ohne Chinesisch zu können, meine Pläne heute in die Tat umzusetzen! Es ist zwar manchmal ein etwas unheimliches Gefühl, dieses bereits beschriebene Gefühl des ausgeliefert sein. Aber es ist auch ungemein befriedigend, wenn man es „trotzdem“ schafft.

Schon hält der Bus wieder. Mitten in einem Dorf vor einer hässlichen Halle. Niemand sagt mir, wie lange wir hier halten werden. Aber mit international verständlichen Zeichen wird mir deutlich gemacht, dass es etwas zum Essen gibt. Neugierig schließe ich mich meinen Mitreisenden an. Es geht vor allem darum, sie nicht aus den Augen zu verlieren, da ja keine Zeit abgemacht ist. Vor dem Eingang zur Halle sitzen Frauen in weißen Kitteln und Hauben, bei denen man gegen ein geringes Entgelt eine Blechmarke kauft. Es gibt unterschiedliche Blechmarken je nachdem, was man essen möchte. Weil ich die Zeichen auf der Tafel neben dem Eingang, die Speisekarte, nicht lesen kann, zeige ich einfach auf ein paar Zeichen. Ich bezahle, erhalte meine Blechmarke und folge den anderen zur Essenausgabe. Dort tausche ich meine Marke gegen eine Schüssel Reis mit Gemüse.

Ich sehe mich nach einem Sitzplatz um. Die riesige Halle ist voll mit runden Tischen, an denen bis zu 12 Personen sitzen können. Auf den Tischen stehen Gefäße mit Holzessstäbchen und Papierservietten. Ich setze mich zu einem freundlich nickenden älteren Ehepaar. Beim Anblick der sicher gut gespülten, aber doch teilweise etwas angekaut wirkenden Stäbchen merke ich mir den Kauf von eigenen Stäbchen gleich vor. Ich habe Hunger. Also hilft nichts: ich muss jetzt mit diesen Stäbchen essen.

Bei meinen ungeschickten Versuchen bekomme ich gleich einen Krampf in meiner rechten Hand. Das eine Stäbchen gleitet mir immer wieder durch die Finger. Die mit großen Augen zusehenden Chinesen rundherum amüsieren sich köstlich. Schließlich gebe ich auf. Das Essen hat gut geschmeckt, sofern ich es in meinen Mund befördern konnte. Der ältere Chinese spricht mir in gebrochenem Englisch seine Anerkennung für meine stümperhaften Versuche aus.

Kurz darauf fahren wir an dem riesigen Grabhügel von Qin Shi Huang, dem ersten Kaiser von China, vorbei. Dann erreichen wir endlich das Ausgrabungsgelände der Terrakotta-Armee. Hier trenne ich mich von der Gruppe. Um die Rückfahrt will ich mir noch keine Gedanken machen.

Vor das Erreichen aller wichtigen Sehenswürdigkeiten haben die Chinesen den Spiessrutenlauf durch die Souvenirmärkte gesetzt. Ich schaue nicht rechts nicht links, zeige mich unbeeindruckt von nachgemachten Tonfiguren und bestickten Tüchern. Am Eingang werde ich gleich mit einer chinesischen Besonderheit konfrontiert: den separaten Eingängen für Chinesen und Ausländer. Ich stehe versehentlich erst am Chinesenschalter an. Empört senden die Leute mich zum Ausländerschalter.

Diese Unterscheidung ist nicht einfach ein besonderer Service sondern bedeutet vor allem, dass man als Ausländer einen erheblich höheren Eintrittspreis bezahlt. Hier ist der Eintritt für mich ca. 10 mal höher als für die Chinesen. Nunja, die Chinesen verfügen auch über sehr viel geringere Einkünfte als wir. Wenn dann ausserdem die Anlage so gut instand gehalten wird wie diese, bin ich auch nicht böse drum. Nachdem ich nun den Ausländerschalter gefunden habe und bezahlt habe, muss ich meine Tasche abgeben, wobei man es besonders auf den Fotoapparat abgesehen hat. Denn Fotografieren ist strengstens verboten.

Endlich bin ich in der großen, nein riesigen Halle, die das Ausgrabungsgelände der Terrakotta-Armee überdeckt. Von einem Balkon über der Ausgrabungsfläche kann man auf sie hinabschauen. Der Anblick ist einfach überwältigend! Eine weite Fläche mit Hunderten von tönernen Kriegern. Jeder ist anders gestaltet, jeder steht da wie neu. Pferdegespanne gibt es dazwischen. An manchen Stellen liegen die Krieger noch zerbrochen über- und nebeneinander, so wie sie gefunden worden sind. Jedes Detail der Kleidung und der Frisuren ist deutlich zu erkennen. Ich bin völlig erschlagen von diesen Eindrücken. Wie im Traum gehe ich einmal rundherum, gehe aus dem Gebäude und wieder hinein. Ich kann es gar nicht fassen, dass ich wirklich und tatsächlich hier bin!

Welch eine Arbeit und Mühe es gewesen sein muss, diese Armee aus 7000 lebensgroßen Soldaten als Grabwächter aufzubauen! Alles vor mehr als 2000 Jahren! Und die Arbeit, dies jetzt so sorgfältig wieder auszugraben! Man ist sich ausserdem sicher, dass noch weitere Figuren unter der Erde liegen. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis man alles freigelegt hat. Das Grab des Kaisers übrigens gräbt man nicht aus, um angeblich zukünftigen Generationen von Archäologen, die über mehr Wissen verfügen werden als wir heute, die Möglichkeit dazu zu geben. Dabei soll dort unter dem hohen Hügel ein ganzer Palast mit unvorstellbaren Reichtümern warten.

Um die Halle gruppieren sich einige Museumsgebäude. In einem sind einzelne Krieger ausgestellt, so dass man sie sich ganz von Nahem ansehen kann. In einem anderen ist eine Kutsche aus Bronze, die man auch hier ausgegraben hat, zu sehen. Für dieses Museum muss man allerdings extra Eintritt zahlen.

Ich finde einen Verkaufsstand für Sonderbriefmarken. Die chinesischen Briefmarken sind lauter kleine Kunstwerke mit Darstellungen aus der Pekingoper, mit Tuschezeichnungen, Blumen und Tieren. Schliesslich trenne ich mich mühsam von dem Gelände und gehe stur geradeaus blickend durch den Souvenirmarkt zum Busparkplatz. Ich frage nach dem Bus nach Xian. Jeder Bus scheint dorthin zu fahren. Ich steige also einfach in irgendeinen ein. Der Preis für diesen Bus, der offensichtlich ein Linienbus ist, ist gering. Ein Chinese, der etwas Englisch spricht, sagt mir unterwegs, dass der Bus gar nicht bis Xian fährt. Oje! Aber ich denke mir, dass die Chinesen mich nicht irgendwo alleine stehen lassen. Und richtig: als der Bus seine Endstation in einer kleinen Stadt erreicht hat, wird mir sofort der Anschlussbus nach Xian gezeigt. Viele Leute steigen mit mir zusammen um.

Gegen 19:00 Uhr bin ich wieder zurück am Renmin-Hotel, wo schon der Hotelbus wartet. Als ich endlich in meinem Hotel bin, ist wieder die Essenszeit vorbei. Auch an diesen Abend schlafe ich mit knurrendem Magen ein…

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