Von Xi’an nach Chengdu – damals 1987

Wie sehr hat sich das Reisen in den letzten 30 Jahren verändert! Vor allem in China. Je größer der Abstand zu meiner ersten China-Reise wird, desto bewusster wird mir das. Chengdu hatte damals eine ausgedehnte Altstadt, die heute praktisch nicht mehr existiert. Ich hatte eine tolle Zeit in Chengdu. Hatte später geradezu Angst davor, dorthin zurück zu kehren. 1993, als ich für ein paar Tage nach Chengdu zurück kehrte, fand ich meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Überall war man am Abreißen. An allen Ecken wurden neue Hochhäuser gebaut. Doch 2013 habe ich mich damit versöhnt. Chengdu ist immer noch eine tolle Stadt. Ich möchte sagen, die entspannteste Stadt in China. (Anmerkung: die meisten Fotos für diesen Beitrag stammen von späteren Reise nach Xi’an und Chengdu):

25.10.87

Noch einmal miete ich mir ein Fahrrad. Mein Ziel ist die große Wildganspagode, eine buddhistische Anlage aus der frühen Qing-Dynastie. Sie liegt weit im Süden der Stadt. Auf dem Stadtplan sieht es ganz nahe aus. Ich fahre aus dem Zentrum durch die Stadtmauer hinaus und immer geradeaus. Dabei komme ich durch endlose moderne Wohnsiedlungen. Überall herrscht großer Betrieb. Eigentlich müsste ich die Pagode, die ein hoher Turm ist, schon von weitem sehen können. Aber sie versteckt sich im smogartigen Dunst, der über der ganzen Stadt liegt.

Endlich erreiche ich den Eingang. Wie immer gibt es einen besonderen Ticketschalter für Ausländer. Ich bin erstaunt über die große Menge Chinesen, die den Tempel besichtigt, obwohl eigentlich nicht viel mehr als die Pagode übrig ist. Von den weiten Tempelanlagen sind nur wenige Gebäude erhalten und ein Garten um die Pagode herum. Einige wenige Chinesen zünden vor der Pagode Räucherstäbchen an und verbeugen sich betend. Ganze Familien mit fein herausgeputzten Kindern gehen in den Gartenanlagen spazieren. Ich bummele einmal um die Pagode herum und setze mich dann auf eine Steinbank, um „Leute zu gucken“, eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Schon nach kurzer Zeit spricht mich ein junger Chinese an. Er freut sich, dass er jemanden gefunden hat, mit dem er sein Englisch üben kann. Er erzählt mir, dass heute am Sonntag viele Studenten vom nahegelegenen Fremdspracheninstitut zur Wildganspagode kommen, um mit den ausländischen Touristen Englisch zu sprechen.

Ich meinerseits bitte ihn, mir mit chinesischen Schriftzeichen aufzuschreiben, wie die ABC-Bücher für die chinesischen Erstklässler heissen. Meine Mutter sammelt solche Schulbücher. Mittlerweile hat sich eine Menschenmenge um uns gesammelt. Der junge Mann übersetzt meine Bitte für seine Landsleute. Daraufhin entspannt sich eine heftige Diskussion, was nun das beste Buch ist. Man schreibt mir einige Titel auf. Schließlich löse ich mich von der Gruppe und fahre langsam in die Stadt zurück.

Große Wildganspagode 2011

Große Wildganspagode 2011

Unterwegs komme ich an einem Straßenmarkt vorbei. Ah, da muss ich hin! Mein Fahrrad parke ich, denn die Strasse ist viel zu voll zum fahren. Es macht Spass, sich durch das bunte Treiben zu schieben und zu schauen, was alles angeboten wird. Es gibt viel Gemüse, Tomaten, Kohl, Bohnen und Mandarinen, aber wenig Äpfel. Daneben gibt es auch ein paar Stände mit lecker aussehenden Brötchen. Ich kaufe drei Brötchen. Ein freundlich lachender Chinese, der leider überhaupt kein Englisch kann, versucht, mich bei meiner Wahl zu beraten. Als ich später eines probiere, merke ich, dass das, was ich für Brötchen hielt, eher Kuchen ist, der mit einer schrecklich süssen Creme gefüllt ist.

Ich habe noch viel Zeit, bis mein Zug nach Chengdu fährt. Also fahre ich noch einmal zum Provinzmuseum, wo ich dann die Stadtmauer besichtige. Auf der Mauer, die mindestens 8 Meter breit ist, kann man wunderbar spazieren gehen. Der Blick über die Stadt ist grandios. Es gibt kaum Hochhäuser. Ich kann direkt in die kleinen Hinterhöfe der Altstadt sehen. Obgleich Sonntag ist, sind kaum Menschen auf der Mauer. In einem der renovierten Wachtürme ist ein kleines Museum untergebracht. Hier sehe ich noch einmal Stücke, die in Banpo ausgegraben wurden und andere steinzeitliche Fundstücke aus der Umgebung von Xian.

Im Restaurant des Renmin-Hotel leiste ich mir ein üppiges spätes Mittagessen. Dann nehme ich ein Taxi zum Bahnhof. Ich habe noch eine Stunde Zeit, bis mein Zug fährt. Am Bahnhofsvorplatz wird gebaut. Überall lagern Reisende mit ihrem Gepäck. Manche sehen aus, als ob sie schon tagelang dort campieren. Ich werde neugierig beäugt. Sicher sind es viele Leute vom Lande, die vielleicht in ihrem ganzen Leben noch keinen Europäer gesehen haben. Langsam gehe ich in den Bahnhof. Einer offiziell aussehenden Chinesin (Uniform und Namensschildchen) zeige ich meine Fahrkarte. Sie führt mich zum 1. Klasse Wartesaal. Nach dem Lärm, der Hitze und dem Durcheinander vor dem Bahnhof ist der Wartesaal eine wahre Oase: weiche Sessel mit Spitzenschondeckchen, leise Musik, Klimaanlage, Tee. Ich gebe zu, die Privilegien, die ich als reisende Europäerin habe, zu geniessen. Nach kurzer Zeit fordert mich eine freundliche Schaffnerin auf, zum Zug zu gehen, der schon auf dem Bahnsteig steht.

Als erster Klasse-Fahrgast habe ich den Vorzug vor allen anderen meinen Schlafwagen suchen zu können. Neben jedem Wagen stehen die Schaffnerinnen und warten auf die Gäste. Ich habe kein Problem, meinen Wagen und mein Abteil zu finden. Meine Fahrkarte wird mir abgenommen, dafür erhalte ich eine Plastikmarke. Auf diese Weise hat die Schaffnerin immer den Überblick, wer in welcher Stadt aussteigt. Das Softsleeper-Abteil hat vier Betten, zwei unten, zwei oben, die mit weissen bestickten Laken und Kissen ausgestattet sind. Am Fenster hängt eine weisse Tüllgardine. Es gibt eine Thermoskanne mit heissem Wasser und Porzellanteetassen. Meine Mitreisenden sind ein Überseechinese aus Taiwan mit seinem Bruder und seiner kleinen Nichte. Das kleine Mädchen ist sehr scheu und ruhig. Zwei Abteile weiter sind zwei Schweden, die bis Chongqing am Yangtze-Fluss fahren. Das liegt weit hinter Chengdu, das wir morgen Mittag erreichen werden. Wir unterhalten uns, dabei vergeht der Abend sehr schnell. Das Abendessen, das man bei einem vorbeikommenden Kellner kaufen kann, besteht aus einer Schachtel mit Reis und etwas Fleisch und Gemüse. Mit der Beseitigung der Reste habe ich Probleme, weil ich keinen Abfalleimer finde. Ich gebe das Päckchen der erstaunten Schaffnerin und kann wenig später beobachten, wie sie es aus dem Fenster des fahrenden Zuges wirft.

26.10.87

Auf dem bestickten Kopfkissen habe ich gut geschlafen, sanft geschüttelt von den Bewegungen des Zuges. Im Speisewagen esse ich das übliche chinesische Frühstück: eine Nudelsuppe. Die ist nicht so ganz mein Fall. Ich sehne mich nach Spiegeleiern und Toast.

Als ich wieder in meinem Abteil sitze, kommt eine junge Frau vorbei. Als sie sieht, dass eine Westlerin da sitzt, bleibt sie in der Tür stehen und spricht mich auf Englisch an: „Where are you going?“ Als ich antworte: „Chengdu“, setzt sie sich zu mir. An ihrem Akzent merke ich schnell, dass sie auch Deutsche ist. Sie heisst Anita, ist ungefähr in meinem Alter (Anfang 30) und auch alleine unterwegs. Schon nach kurzer Zeit beschliessen wir, unser Zimmer in Chengdu miteinander zu teilen. Damit entfällt der teure Einzelzimmerzuschlag. Ausserdem bin ich froh, jemanden gefunden zu haben, mit dem ich ein paar Tage zusammen reisen werde. Sie erzählt, dass sie mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Beijing gefahren ist. Von ihrem ersparten Geld kann sie eine Weile unterwegs sein. Ich beneide sie sehr, denn ich habe „nur“ 5 Wochen Urlaub. Anita hat eine Fahrkarte für Hardsleeper. Sie sagt, sie hätte mich nur angesprochen, weil ich gar nicht nach 1. Klasse ausgesehen hätte sondern eben auch nach Rucksackreisender.

Um 12:00 Uhr erreichen wir endlich Chengdu, die Hauptstadt von Sichuan. Ich stehe auf dem Bahnsteig und warte im Gedränge auf Anita. Da kommt sie und hat zwei Schweden, Lars und Christina, im Schlepptau. Dank meines guten Reiseführers, Hilfe in allen Lebenslagen in China, finden wir gleich den richtigen Bus in die Stadt.

Im Rongcheng-Hotel, wo ich übernachten wollte, sagt uns das nette Mädchen an der Rezeption, dass das Hotel leider ausgebucht sei. Aber sie zeigt uns den Weg zu einem nahegelegenen Hotel, dem Teachers-Hotel, das nur wenige Schritte weiter mitten in der Altstadt liegt. Vorbei an alten, schiefen Holzhäusern gehen wir zum Teachers-Hotel, das anscheinend normalerweise nur Chinesen aufnimmt. Glücklicherweise kann Anita ein wenig Chinesisch sprechen. Nach mühsamen Verhandlungen bekommen wir ein Vierbettzimmer im 4. Stock. Wir sind ziemlich erschöpft von der Rucksackschlepperei, als wir über lange Gänge und etliche Treppen unser Zimmer erreichen. Es gibt natürlich auch hier eine Frau, die das große Schlüsselbund bedient. Als wir tatsächlich zu viert in das Zimmer wollen, nämlich Lars auch, erhebt sie Protest. Es geht doch nicht, dass sich drei Frauen und ein Mann das Zimmer teilen! Christina und Lars behaupten, dass sie verheiraten seien und dass eine Trennung für sie nicht in frage komme. Auch Anita und ich versuchen die Frau davon zu überzeugen, dass wir nicht von unseren Freunden getrennt werden möchten. Endlich gibt die Frau nach und lässt Lars mit ins Zimmer.

Im Handumdrehen sieht das Zimmer aus wie eine Wäscherei. Quer durch den Raum, der gerade vier Betten, einer Kommode und einem Waschschüsselständer Platz bietet, ist eine Wäscheleine gespannt. Wie praktisch! Da kann man die nassen Handtücher nach dem Duschen und die frisch gewaschenen Socken aufhängen, was wir natürlich auch gleich tun. Mit dem Duschen müssen wir allerdings noch bis zum Abend warten, denn erst dann gibt es heisses Wasser. Der Nachmittag vergeht mit Wäsche waschen und allgemeinem rumlümmeln sehr schnell.

Die letzten Reste der Altstadt von Chengdu 2013

Die letzten Reste der Altstadt von Chengdu 2013

Später erkunden wir zu Fuß die Altstadt, die natürlich wenig mit den berühmten Altstädten von Düsseldorf oder Heidelberg gemeinsam hat. Keine Kneipen! Ein kleines Restaurant finden wir nach langem Suchen, in dem wir sehr gut essen. Tomaten mit Rührei, chinesisch mit Knoblauch und Ingwer gewürzt, dazu Reis und Gemüse. Als wir nach dem Essen noch lange bei einem Bier sitzen und uns unterhalten, haben wir bald die Geduld unserer Wirtsleute erschöpft. Man will früh Feierabend machen und ausserdem ist ein Restaurant in China nur zum Essen da. Deshalb gehen wir zum Abschluss des Tages noch auf ein Bier in die Bar des Jinjiang-Hotels, dem derzeitigen Traveller-Treffpunkt (lt. Lonely Planet 1986) in Chengdu.

Mehr zu Chengdu: Chengdu

Mehr zu meiner ersten Reise 1987: Reiseberichte 1987

Zur nächsten Etappe: Chengdu: Smog und Pandas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.