Chengdu 1987 (2): Alles wird zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang

Nachdem wir den Ausflug nach Jiuzhaigou gut überstanden haben, gönnen wir uns ein wenig Luxus in Chengdu: Ein großes Badezimmer mit Badewanne, ein Frühstück mit Spiegeleiern, ein Besuch bei „unserem“ Restaurant. Aber auch neue Herausforderungen warten auf uns. Jetzt bekommt Ihr Einblicke, wie das damals so lief, wenn man Fahrkarten kaufen wollte und Geld wechseln. Auf dem Schwarzmarkt! Ich bin froh, dass es diese sog. FEC (Foreign Exchange Certificate) als spezielles Geld für Ausländer bzw. zum Bezahlungen ausländischer Ware nicht mehr gibt. Die Zeit der FEC endete 1993, als ich gerade in Peking studierte. Jede einfachste Unternehmung wird zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Lest selbst!

Aus meinem Reisetagebuch 1987: 

04.11.87 Chengdu: Unterwegs trotz Bauchschmerzen

Nach all den Anstrengungen der letzten Tage wollen wir den heutigen Tag etwas ruhiger angehen lassen. Ich habe schliesslich Urlaub! Als erstes baden wir ausgiebig. Dann gönnen wir uns im Hotelrestaurant ein Western Breakfast. Auf diese Weise bekommen wir wenigstens Spiegeleier, wenn auch keine Bratkartoffeln. Anschliessend fragen wir den CITS wegen Fahrkarten nach Kunming. Vor dem 08. November sei nichts zu machen, lautet die Auskunft. Das ist mir ein wenig spät. Anita hat Durchfall und bleibt auf unserem Zimmer. Ich aber bin wieder viel zu unruhig für einen ganz faulen Tag.

In der Nähe des Wenshu-Tempels 1987

In der Nähe des Wenshu-Tempels 1987

Mich treibt mein Tatendrang, einen weiteren Tempel zu besichtigen. Ausserdem will ich meine Sandale, die mir in Hongkong gerissen ist, endlich nähen lassen. Abenteuerlustig gehe ich los. In der Altstadt finde ich schnell einen Schuster, der seine kleine Werkstatt direkt auf dem Fussweg aufgebaut hat. Er schaut sich meinen Schuh an und näht ihn an dann mit seiner antiken Nähmaschine. Dabei haben sich schnell wieder sehr viele Schaulustige um uns gescharrt. Neugierig sehen sie zu, ob der Schuster auch alles richtig macht. Die Reparatur ist schnell, gut und preiswert. Glücklich über meine geflickte Sandale gehe ich weiter. Mein Ziel ist der Wuhu Si, der Tempel des Herzogs von Wu.

Schuster in Chengdu

Schuster in Chengdu

Plötzlich bekomme ich von einer Sekunde zur anderen Magenkrämpfe. Mit kaltem Schweiss auf der Stirn schaffe ich gerade noch den Weg zurück zum Jinjiang-Hotel. Anita staunt nicht schlecht, dass ich so schnell zurück bin und ohne viele Worte an ihr vorbei aufs Klo stürme. Ich nehme eine Tablette und warte eine Weile, ob die Krämpfe wiederkehren. Als sich auch nach einer halben Stunde nichts mehr tut, breche ich erneut auf. Nur ein paar Mal wird mir noch schlecht. An einer belebten Kreuzung fühle ich mich dem Verkehr nicht gewachsen und gehe lieber einen kleinen Umweg, als dass ich die Strassen an dieser Stelle überquere.

Der Tempel des Herzogs von Wu ist ruhig und schön mit vielen kleinen Gärten und hohen alten Bäumen. Ich habe leider nicht genug Ausdauer, um alle Ecken und Winkel des Parks zu erkunden, deshalb will ich mir eine Motorradrikscha nehmen, um zum Provinzmuseum zu fahren. An dem Rikscha-Stand wird lange überlegt, wo ich wohl hin will. Leider finde ich das entsprechende Wort nicht sofort in meinem Reiseführer: „Bowuguan“. Ich spreche es immer wieder neu aus, beschreibe den Weg, zeige es auf einem kleinen Plan in meinem Buch. Endlich scheint einer verstanden zu haben. Der junge Mann lädt seine zwei kleinen Kinder in die Rikscha, die mich neugierig anstarren und an einer Mandarine lutschen, dann geht es mit viel Geknatter los.

Bald merke ich, dass wir in die falsche Richtung fahren. Es geht über eine endlos scheinende Baustelle, auf der wir ordentlich durchgerüttelt werden. Hastig suche ich in meinem Buch nach Verständigungsmöglichkeiten. Da finde ich endlich das Zeichen für „Museum“. Ich halte dem Mann das Buch unter die Nase. Er versteht und fängt an zu schimpfen. Ich schimpfe auf Deutsch zurück. Die Verständigung ist perfekt. Zum Schluss grinst er mich an, wendet die Rikscha und kehrt um. Da es langsam dunkel wird und ich mich auch nicht besonders gut fühle, will ich jetzt nur noch zum Hotel zurück. Es dauert wieder eine Weile, bis ich mich verständlich machen kann. Aber schließlich werde ich vor dem Hotel abgesetzt.

Ich komme gerade rechtzeitig, um mit Anita noch einmal zum Wenshu-Tempel zu gehen, wo wir um 17:00 Uhr die Andacht verfolgen möchten. Wir haben beide das Gefühl, dass wir irgendwie unsere Dankbarkeit zeigen müssen, dass wir die halsbrecherischen Busfahrten der letzten Tage so gut überstanden haben. Unterwegs gehen wir noch zum Advanced Ticket Booking Office, um Fahrkarten nach Kunming zu bekommen. Aber wir haben wieder kein Glück. Ein hilfsbereiter Chinese sagt uns auf Englisch (!), dass wir uns morgens so gegen 6:00 Uhr früh anstellen müssten, um die Fahrkarten zu bekommen. Da der Schalter erst um 8:00 Uhr öffnet, haben wir dazu wenig Lust.

Vor dem Eingang des Wenshu-Tempels kaufen wir ein dickes Bündel Räucherstäbchen. Dann gehen wir feierlich von einem Gebäude zum anderen und zünden die Stäbchen an. Eine freundliche Chinesin hilft uns dabei und erklärt uns auf Englisch, wie wir es richtig machen: man nimmt immer drei Stäbchen und zündet sie an den vorhandenen Kerzen an. Dann steckt man sie unter Verbeugungen in die mit Sand gefüllten Bronzekessel. Nachdem wir überall unsere Räucherstäbchen angezündet haben, bleiben etliche übrig, die wir auf einen Altar legen.

Buddhistische Devotionalien in einem Geschäft beim Wenshu Tempel

Buddhistische Devotionalien in einem Geschäft beim Wenshu Tempel

Mittlerweile haben alle Touristen die Anlage verlassen. Nur einige alte Frauen sitzen noch auf den Bänken im Hof und warten auf den Beginn der Meditation. Um 17:30 Uhr fängt sie an. Es handelt sich um eine Art buddhistischer Gottesdienst. Die Gläubigen sind fast ausschließlich die älteren Frauen. In der ersten Reihe beim Altar hocken die Mönche in ihren braunen Gewändern. Die Zeremonie besteht aus monotonen Gesängen und Verbeugungen. Wir halten uns im Hintergrund. Trotzdem sehen ein paar Frauen immer wieder ärgerlich zu uns herüber.

Fasziniert stehe ich da, lausche den Gebeten und versuche, ein Gefühl von Gottesdienst in mir aufkommen zu lassen. Nur kann ich mich nicht überwinden, an den Verbeugungen teilzunehmen. Anita dagegen reiht sich bald in die Reihe der Frauen ein und macht die Verbeugungen mit. Da fangen die Mönche an, feierlich um den Altar zu wandeln. Plötzlich stehe ich im Weg. Ich weiss nicht wohin, versuche auszuweichen. Von den Frauen werde ich mit bösen Gesichtern zurückgescheucht. Fluchtartig verlasse ich die Halle. Ich bin enttäuscht, total frustriert. Der Hof ist menschenleer. Ich setze mich auf eine Bank und heule los. Deutlich fühle ich meine Erschöpfung. Die Hilflosigkeit, mit der man in China so vielen unverständlichen Ereignissen gegenübersteht, überwältigt mich. Schliesslich wollte ich ja diesmal nicht staunender Tourist sondern Teilnehmer an einem Gottesdienst sein. Doch ich bin und bleibe Tourist und werde auch als solcher erkannt. Woher hätten die Frauen auch wissen können, was ich wollte, wo ich doch nicht in der Lage war, die einfachen Riten zu befolgen? Ich heule und kann gar nicht mehr aufhören. Anita hat sich nicht vertreiben lassen. Als sie endlich aus der Halle kommt, weil die Meditation beendet ist, habe ich mich etwas beruhigt. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

Gemeinsam gehen wir durch das nächtliche Chengdu zu „unserem“ Restaurant. Seit Tagen haben wir uns darauf gefreut, hier Eier mit Tomaten zu essen. Bei leckerem Essen und dem guten Tsingtao-Bier geht es uns schnell wieder gut. Vergessen sind Durchfall und Frust.

Zum Abschluss des Tages nehmen wir noch ein Bad im Hotel. Unsere Kleidung, die wir in die Wäscherei des Hotels gegeben haben, ist frisch und sauber. Als wir schon im Bett liegen, klopft es. Der Pfälzer will wieder Fete mit uns haben. Wir reagieren nicht auf seine Fragen und rühren uns nicht. Dann ruft er uns an. Das Klingeln hört lange nicht auf. Und das mitten in der Nacht!

05.11.87 Schwarzmarkt: Geld tauschen, Fahrkarte kaufen

Pünktlich um 8:00 Uhr stehen wir wieder beim CITS. Wir wollen noch einmal unser Glück mit den Fahrkarten versuchen. Doch vor dem 8.11. werden wir keine Fahrkarten bekommen. Gut, bleiben wir noch ein paar Tage! Aber dann stellt sich heraus, dass CITS uns nur Softsleeper verkaufen will. Da wir aber auf Hardsleeper bestehen, scheitern unsere Verhandlungen. Wir gehen weiter zum Advanced Ticket Booking Office. Hier sind wir natürlich zu spät dran. Anita fährt mit dem Bus in die Stadt, um Verpackungsmaterial für ein Paket zu finden, das sie nach Hause schicken will. Ich will in der Zwischenzeit versuchen, Fahrkarten direkt am Bahnhof zu bekommen.

Ich bin noch nicht weit gekommen, da spricht mich ein Chinese auf Englisch an. Ob ich vom Ticket Office käme? Ich antworte „Ja!“. Daraufhin lässt er sich über die Schwierigkeiten aus, hier in Chengdu Fahrkarten zu bekommen. Dann fragt er mich, was für Fahrkarten ich denn brauche. Er hätte gute Verbindungen und könne uns eventuell helfen. Ich antworte dreist: „Ich möchte zwei Karten mit Plätzen im Hardsleeper für morgen nach Kunming.“ Er überlegt eine Weile und macht noch einmal deutlich: es ist nicht einfach, Fahrkarten zu bekommen. Er erzählt etwas von einem Bruder, der eigentlich selbst fahren wollte. Doch der könne auch später fahren. Wir handeln zäh um den Preis. Schliesslich sind wir uns einig. Er möchte 10 Yuan FEC Anzahlung, den Rest später in Renminbi. Ich muss erst noch Geld besorgen. Wir verabreden uns in einer halben Stunde vor dem Postamt. Er gibt mir sogar einen Zettel, mit dessen Hilfe ich nach dem Weg dorthin fragen kann.

Ich bin ganz nervös. In der halben Stunde muss ich zurück zum Hotel, bei den jungen Männer, die davor stehen und Geld tauschen, die entsprechende Summe in Renminbi holen. Das ist natürlich verboten. Aber jeder macht es. Die Chinesen profitieren davon, weil sie mit den FEC im Freundschaftsladen importierte Waren wie Kühlschränke, Waschmaschinen, Fernseher und Fahrräder kaufen können. Doch natürlich steht gerade jetzt niemand vor dem Hotel. Endlich werde ich angesprochen. Ich brauche nur zu sagen, dass ich 100 Yuan FEC tauschen möchte, bekomme 150 Yuan Renminbi in die Hand gedrückt und kann die in einer ruhigen Ecke zählen, während der junge Mann wie unbeteiligt in der Nähe steht. Unauffällig wechselt dann der 100 Yuan FEC-Schein den Besitzer.

Ich sause zurück zur Post. Hoffentlich kommt der Mann mit den Fahrkarten auch! Und wie soll ich feststellen, ob es auch die richtigen sind? Da steht er plötzlich hinter mir. Wir gehen ein paar Schritte in eine schmale, aber belebte Strasse hinein. Er schaut sich ein paar Mal um und gibt mir dann ein winziges, in Zeitungspapier gewickeltes Päckchen. Er versteht, dass ich die Tickets prüfen muss. Währenddessen geht er 10 Schritte abseits und schaut mir aus der Ferne zu. Ich komme mir vor, als ob ich Rauschgift kaufen möchte. Ich vergleiche die Schriftzeichen auf den Karten mit denen für Kunming in meinem Reiseführer. Ja, die stimmen! Auch das korrekte Datum, die Zugnummer und die Abfahrtzeit steht darauf zusammen mit der Wagen- und Bettnummer. Ich bin zufrieden. Dem Mann gebe ich das vorher genau abgezählte Geld. Nun ist er mit der Summe nicht mehr einverstanden. Er fängt wieder an zu handeln. Die Tränen stehen ihm in den Augen, als er mir erzählt, was für ein Verlustgeschäft er mache. Ich kann nur mühsam mein Lachen zurückhalten. Schließlich steht der originale Preis auf den Tickets, so dass ich sehen kann, welch einen Gewinn er macht. Endlich gehen wir freundschaftlich auseinander. Ich bin glücklich, dass alles so gut geklappt hat.

In der Post will ich einige Briefmarken kaufen. Aber auch das ist wieder nicht so einfach. Das Mädchen hinter dem Schalter sagt erst „Mei you!“ und weist mich zu einem anderen Schalter. Dort bin ich aber völlig verkehrt, denn das ist der Paketschalter. Ich denke, dass mich das Mädchen nicht richtig verstanden hat, und gehe zurück. Dort halte ich ihr in meinem kleinen Sprachführer das Wort für Briefmarke unter die Nase und erzähle, dass ich gerne besonders schöne haben möchte. Jetzt habe ich den Eindruck, dass sie Mittagspause machen möchte und deshalb nichts von mir wissen will. Ein anderes Mädchen sucht endlich für mich ein paar Marken in einem Umschlag zusammen.

Ich kehre freudestrahlend zum Hotel zurück. Anita freut sich mit mir über die Fahrkarten, denn damit brauchen wir nicht noch länger in Chengdu zu bleiben, obwohl die Stadt wirklich schön ist. Nur die gelbe Smogwolke über der Stadt ist schrecklich. Seit ich in Chengdu bin, bin ich erkältet. Ich glaube aber, dass mein ständiger Husten und Schnupfen auf die „dicke“ Luft zurückzuführen ist, da ich sonst keine anderen Symptome habe.

Für eine weitere Nacht ist uns das Doppelzimmer mit Bad zu teuer. Der Umzug in ein preiswertes Dreibettzimmer ohne Bad bewerkstelligt sich problemlos. Nur sollen wir zuerst in ein Zimmer mit einem älteren Mann, der uns jetzt am Mittag noch im gestreiften Schlafanzug die Tür öffnet. Wir stellen uns prüde und sagen, dass wir nur mit einer Frau das Zimmer teilen möchten. Ohne viel Aufhebens bekommen wir ein anderes Zimmer.

Nach einer kurzen Ruhepause gehen wir zum Provinzmuseum. Eine schnurgerade, breite Strasse führt vom Hotel dorthin. Viele Strassen sehen aus, als würde in den nächsten Jahren mit einem starken Anstieg des Verkehrs gerechnet. Für die Lkws, Busse, Taxen und wenigen Pkws stehen vier Fahrspuren zur Verfügung. Daneben gibt es jeweils einen breiten Extra-Fahrstreifen für die Fahrräder. Das Überqueren einer solchen Strasse wird auch an den Ampeln zum Abenteuer. Denn trotz „Rot“ darf rechts abgebogen werden. Es gibt auch immer wieder Leute, die sich an keine Verkehrsregel halten.

Nach einigen hundert Metern sehen wir einen Straßenmarkt. Jeder Händler hat seinen eigenen überdachten Marktstand, wo er Gemüse, Kartoffeln, Gewürze etc. anbietet. Geflügel wird lebend nach Gewicht verkauft. Die Hühner werden kopfüber mit den zusammengebundenen Füssen an die Waage gehängt und anschließend ohne große Umstände in den Einkaufskorb des Käufers getan. Wir sehen viel Ungewohntes für unser westliches Gemüt. Manchmal bleiben wir lange stehen und rätseln über den unbekannten Gewürzen. Ich erkenne Chili-Pfefferschoten, Sternanis, Ingwer und vieles mehr. Wir genießen den Lärm, die fremden Gerüche und die freundlich lächelnden Chinesen. Auch die Smogwolke über der Stadt wirkt heute nicht so schwer und dick wie sonst. Die Sonne scheint leuchtend und warm.

Es reizt uns, auch einmal etwas auf einem solchen Markt zu kaufen. Deshalb beschliessen wir, uns morgen unser Frühstück selbst zuzubereiten. Dazu benötigen wir vor allem Eier, die wir mit Anitas Tauchsieder kochen können. Die erste Marktfrau will uns gleich ein ganzes Dutzend verkaufen. Auf weniger lässt sie sich nicht ein. Aber schon bietet uns ihre Nachbarin zwei Eier an, die wir gerne kaufen. Ich habe das Gefühl, dass sich die Chinesen mal wieder köstlich über die „verrückten“ Ausländer amüsieren. Vorsichtig wickeln wir die Eier in mein Halstuch. Wir freuen uns über unseren Erfolg und gehen zurück zur Hauptstrasse. Unterwegs versuchen wir noch, Butter zu bekommen, aber die ist hier gänzlich unbekannt.

An einem Stand essen wir gebackene Süßkartoffeln, die mir allerdings nicht sehr gut schmecken. Auch ein Beutelchen getrocknete Chilis kaufe ich mir. Jeder Handel ist ein neues Erlebnis, weil ich jedes Mal Verständigungsschwierigkeiten habe. Auf dem Rückweg zur Hauptstrasse sehen wir einen Stand, an dem lange Schlangen, die bereits gehäutet sind, zum Kauf angeboten werden.

Die Hauptstraße führt laut Stadtplan durch das Universitätsviertel. Hier können wir die Straßenkehrerinnen, die eigentlich überall sind, beobachten. Sie tragen einen blauen Kittel, ein weisse Kappe und einen Mundschutz. Mit ihren Reisigbesen wirbeln sie mehr den Staub auf, als dass sie ihn wegkehren. Eine Großbaustelle verstärkt die Staubwolke. Schier endlos gehen wir die Strasse entlang, bis wir endlich das Museum finden. Aber das ist leider geschlossen. Also spazieren wir zurück. Vor einem Hochhaus bleiben wir stehen, um herauszufinden, worum es sich bei dem Gebäude handelt. Wir setzen unseren ganzen Ehrgeiz darein, mit Hilfe unseres kleinen Sprachführers die chinesischen Schriftzeichen zu entziffern. Wir erkennen die Zeichen für Schule und für Universität, naheliegend, da wir uns im Univiertel befinden. Aber damit sind wir mit unserem „Chinesisch“ am Ende. Ich spreche einen älteren Chinesen an, der gerade mit seiner Frau das Gebäude verlässt. Er trägt einen schwarzen Anzug und eine Brille, und ist damit als potentieller Intellektueller zu erkennen. Er kann tatsächlich Englisch und erklärt uns, dass es sich um eine Betriebs- und Volkswirtschaftsuniversität handelt.

Dann fragt er uns, ob wir mit ihnen auf einen Freien Markt gehen möchten. Diesmal fahren wir mit dem Bus zu dem Markt, wo wir vorhin erst waren. Der Chinese erzählt uns, dass er Arzt ist und auch schon mal auf einem Kongress in München war. Wir freuen uns, dass er so nett ist, uns einiges von den unbekannten Gewürzen zu erklären. Leider stößt er dabei mit einer jungen Frau zusammen, die ihn mit einem klebrigen Cremekuchen bekleckert. Verärgert verlässt der Arzt mit seiner Frau den Markt und lässt uns etwas ratlos zurück.

In „unserem“ Restaurant begrüsst man uns wie alte Stammgäste. Noch einmal bestellen wir zum Abschied Rühreier mit Tomaten. Herrlich! Durch die Galerien der Strassenhändler gehen wir zum Jinjiang-Hotel zurück. Die Rollbilder, die angeboten werden, sind wunderschön. Die Motive sind Fische, Blumen oder alte chinesische Götter und Berühmtheiten. In Reihen aufgehängt und jetzt im Dunkeln mit Lampen angestrahlt, wirken sie wie eine Galerie auf dem Montmartre in Paris. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und kaufe zwei Bilder. Ein paar Seidenmalereien habe ich bereits gestern erstanden. Handeln ist dabei Pflicht. Und das fällt mir bei den ohnehin schon niedrigen Preisen sehr schwer. Die Auswahl ist überwältigend groß. Nur schade, dass die schönsten wegen ihrer Grösse nicht in meinen Rucksack passen!

An einer Straßenecke sitzt ein blinder Musikant, der auf seiner Erhu, einem alten chinesischen Streichinstrument, spielt. Als seine Zuhörer merken, dass wir stehen bleiben, um seiner Musik zu lauschen, bilden sie gleich einen Kreis um uns. Wir scheinen mehr Aufsehen zu erregen als der Musikant. Einer beugt sich zu dem Spieler und erzählt ihm offensichtlich, dass zwei Westler zuhören. Er lacht erfreut und nickt uns zu. Wir geben ein wenig Geld in die bereit stehende Sammelbüchse und entziehen uns der Menschenmenge. Wie schön, dass es auch in China Straßenmusik gibt und die alten Musikinstrumente noch nicht aus dem täglichen Leben verschwunden sind!

Im Jinjiang-Hotel fahren wir spontan mit dem Lift zum 12. Stock, wo sich die Hotel-Disco befindet. Die müssen wir gesehen haben! Neben den vielen eleganten und hübsch zurechtgemachten Chinesinnen, die die Diskothek besuchen, komme ich mir mit meinen alten Jeans und den ausgelatschten Turnschuhen plump und hässlich vor. Die Disco ist voll, Westler sind in der Minderheit.

An einem der Tische finden wir unseren Pfälzer Metzger wieder, der uns zu sich einlädt. Bei ihm sind noch zwei Deutsche und einige junge Chinesen, die sehr gut deutsch sprechen. Die beiden chinesischen Mädchen allerdings sind sehr zurückhaltend und sprechen am liebsten überhaupt nicht. Der eine Chinese erzählt mir, dass die Diskothek im Jinjiang-Hotel sehr gut sei und man hier auch viel lockerer drauf sei als z.B. sogar in Shanghai. Es gibt keine Einschränkungen für die Einheimischen, die Diskothek aufzusuchen. Auch wir werden zum Tanz aufgefordert. Auf der Tanzfläche tanzt dann aber jeder für sich alleine. Einmal gehe ich zum DJ und bestelle die neusten Songs von „Modern Talking“. Ich habe die Musik jetzt schon so oft in den Geschäften und auf der Strasse gehört, dass sie für mich auf immer mit dieser ersten China-Reise verbunden bleiben wird, obwohl ich sie sonst nicht so gerne höre. Als der Metzger zu später Stunde aufdringlich wird, verabschieden wir uns und gehen ins Bett.

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