1987: Abenteuer von Chengdu nach Kunming

Das Lesen dieses alten Reiseberichts von 1987 macht mich sehr nachdenklich. Mehr noch als in Chengdu ist in Kunming die Veränderung von damals zu heute stark zu spüren. Ich war 2011 noch einmal kurz in Kunming. Und habe praktisch gar nichts mehr wiedererkannt. Wo war der Kreisverkehr, der mich damals so beeindruckte? Doch die Masseure gibt es noch. Auch das Kunming Hotel. Aber die Auswahl an Hotels und Hostels hat sich seitdem sehr vergrößert. Dann gab es noch diese prachtvollen Ehrentore: Die hatte es 1987 bestimmt noch nicht gegeben. Heute werden sie als aus der Ming-Zeit (1368 – 1644) stammend bezeichnet. Eines scheint sich aber (noch) nicht verändert zu haben. Die Bahnfahrt von Chengdu nach Kunming dauert immer noch mindestens 18 Stunden. Es ist noch kein Hochgeschwindigkeitszug auf der Strecke eingerichtet.

Kunming 2011

Kunming 2011

Diese zwei Tage in Chengdu und Kunming zeigen einen wichtigen Aspekt des Reisens. Es sind nicht nur die Sehenswürdigkeiten, die das Reisen ausmachen. Die kleinen Abenteuer ereignen sich eher nebenher, wenn man die Augen offen lässt und sich neugierig alles anschaut. So ist für mich immer der Besuch eines Kaufhauses, einer Shopping Mall genauso interessant und wichtig wie der Gang über einen Bauernmarkt. Ich habe mir den Spaß gemacht, diese schlichten Abenteuer dieser zwei Tage zu zählen und komme auf 7 alltägliche Unternehmungen, die auf jeden Fall die Bezeichnung “Abenteuer” verdient haben. Abenteuer laut Wikipedia “Es geht um das Verlassen des gewohnten Umfeldes und des sozialen Netzwerkes, um etwas Wagnishaltiges zu unternehmen, das interessant, faszinierend oder auch gefährlich zu sein verspricht und bei dem der Ausgang ungewiss ist”. Mehr zum Begriff “Abenteuer”

06.11.87 Chengdu

1. Abenteuer: Das Frühstück
Heute wollen wir also unser Frühstück selbst zubereiten! Dazu fehlen uns allerdings noch einige Zutaten. Deshalb stehe ich früh auf. Während Anita mit ihrem Tauchsieder die Eier kocht, mache ich mich auf, um Brot und Butter zu kaufen.

Das erste, nämlich das Brot, bekomme ich schnell und problemlos, denn es gibt eine Bäckerei im Hotel. Viele Chinesen stehen hier Schlange, um riesige Mengen an Kuchen und süssen Brötchen zu kaufen. Die Butter stellt ein wirkliches Problem dar. Ich frage an der Rezeption, wo ich möglicherweise Butter kaufen kann. Man ist ratlos. Schließlich schickt man mich zum Restaurant. Dort werden gerade die Tische zum Frühstück gedeckt. Ich muss die Kellnerin regelrecht dazu überreden, mir vier winzige Portionen Butter zu verkaufen. Unser Frühstück wird dann ein richtiges Festessen, bestehend aus Brot, Butter, hartgekochten Eiern, einem Apfel, Schokolade und Nescafé.

2. Abenteuer: Ein Paket verschicken
Danach kommt der Höhepunkt des Tages: Wir wollen ein Paket mit diversen dicken Pullovern und Souvenirs nach Hause schicken. Anita hat gestern sehr viel Zeit und Mühe darauf verwandt, einen Karton und Klebeband zu besorgen. Das war gar nicht so einfach. Denn, wie wir bereits öfters beobachten konnten, wird jedes Stückchen Papier und Karton eingesammelt und zu Sammelstellen gebracht. Dort bekommen die Leute ein wenig Geld dafür. Nun, wir haben glücklich unseren Karton, packen alles hinein und gehen zu der kleinen Post im Hotel.

Das Gedränge in der Post ist groß. Jedes Paket muss samt Inhalt von einer Beamtin inspiziert werden, bevor es endgültig verschlossen werden kann. Dann müssen Formulare, Formulare, Formulare ausgefüllt werden, zur Abwechslung mal auf Französisch. Wir geraten ordentlich ins Schwitzen. Die ganze Prozedur dauert mehr als eine Stunde. Endlich sind wir fertig. Nun wird es aber Zeit, schnellstens zum Bahnhof zu kommen, damit wir unseren Zug nach Kunming nicht verpassen! Wir stürzen los, holen unsere Rucksäcke und Taschen, nehmen ein Taxi und sind gerade noch rechtzeitig auf dem Bahnhof.

3. Abenteuer: Der Bahnhof von Chengdu
Dort herrscht wieder die übliche Hektik: Menschen drängen in alle Richtungen. Doch das Chaos ist geordnet. Wir finden fast automatisch den richtigen Ausgang, über dem die Nummer unseres Zuges angeschlagen ist. In einer Reihe mit Hunderten von Chinesen warten wir darauf, dass wir auf den Bahnsteig gelassen werden. Ich habe Bedenken wegen meiner Schwarzmarkt-Tickets. Es sind eindeutig Fahrscheine für Chinesen. Touristenfahrkarten sehen ganz anders aus. Um ehrlich zu sein, muss ich zugeben, dass ich doch nicht ganz sicher bin, ob die Fahrkarten wirklich die richtigen sind oder ob sie eventuell gar gefälscht sind! An der Tür zum Bahnsteig werden unsere Fahrkarten zum ersten Mal kontrolliert. Das ist der entscheidende Augenblick! Unsere Fahrkarten werden gelocht und wir können ungehindert passieren. Ich atme auf.

4. Abenteuer: Hardsleeper von Chengdu nach Kunming
Hardsleeper besteht aus zum Gang hin offenen Abteilen mit sechs Betten. Auf dem untersten sitzt man, während die oberen heruntergeklappt sind, so dass man sich auch tagsüber hinlegen kann. Die oberste Liege befindet sich in schwindelerregender Höhe und wird über eine Art Hühnerleiter erreicht. Anita macht das nichts aus, aber ich bin froh, dass ich ein unteres Bett habe. Auf den Betten liegen sorgfältig zusammengefaltete Decken und ein Kissen. Am Abend werden Laken gebracht und die Schaffnerin hilft beim Betten machen. Aus Lautsprechern im Gang tönt Musik. Glücklicherweise aber nicht chinesische Oper, wie es noch in meinem Reiseführer steht, sondern meist Volksmusik oder Schlager, die von den Chinesen eifrig mitgesungen werden. Unsere Mitreisenden sind sehr nett, nur leider können sie kein Englisch sprechen.

Zur Abendessenszeit kommt jemand durch den Wagen, der Pappschachteln mit Reis und Gemüse verkauft. Das Gericht ist kalt und merkwürdig gewürzt, so dass mir der Appetit vergeht. Wie alle anderen schmeissen wir unsere Schachteln aus dem Fenster. Mir gefällt das gar nicht, doch was soll ich tun?

Gegen Abend ziehen die Chinesen einer nach dem anderen zu den Waschbecken am Ende des Ganges, um sich soweit wie möglich zu waschen und Zähne zu putzen. Anschliessend werden die feuchten Handtücher säuberlich auf eine Leine im Gang gehängt. Hin und wieder geht eine Schaffnerin durch den Wagen und zupft mal hier mal da an den Handtüchern, um sie in eine möglichst gerade Linie zu ziehen. Regelmässig wird auch der Boden des Wagens gewischt. Man spuckt nicht einfach auf den Boden sondern nur zum Fenster hinaus. Nur Obstkerne und Nussschalen werden auf den Fussboden geschmissen. Aber der wird gleich wieder gefegt. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Gegen 22:00 Uhr kehrt endlich Ruhe ein. Die Musik wird ausgeschaltet, das Licht geht bis auf eine Notbeleuchtung aus. Ein Chinese singt im Nachbarbett   weiter. Trotzdem schlafe ich bald ein, sanft geschaukelt durch die Bewegung des Zuges.

07.11.1987 Kunming

Am Nachmittag werden wir Kunming erreichen. Bis dahin bleibt nicht viel mehr zu tun, als aus dem Fenster zu schauen und sich zu unterhalten. Die Landschaft ist eintönig: kahle, gelbe Berge, tief eingeschnittene Täler. Jeder nur mögliche Fleck wird für Ackerbau genutzt. Ich schreibe an meinem Tagebuch, döse und mache hin und wieder ein Foto. Eine Unterhaltung mit den freundlich lächelnden Chinesen ist leider kaum möglich.

5. Abenteuer: Ein Bett finden
Als wir in Kunming ankommen, scheint die Sonne. Es herrschen sommerliche Temperaturen. Mit unseren dicken Rucksäcken drängeln wir uns in einen vollbesetzten Bus. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen in so einen Bus hineinpassen! Beim Kunming-Hotel steigen wir aus. Dort wollen wir im Schlafsaal übernachten. Doch der liegt im 14. Stock des neuen Gebäudes und der Lift ist natürlich gerade defekt. An der Rezeption kann uns niemand sagen, ob im Schlafsaal noch Betten frei sind. Wir sind erschöpft von der langen Bahnfahrt. Die Rucksäcke scheinen Zentner zu wiegen. Wir warten eine Weile in der Hoffnung, dass der Lift bald wieder funktioniert. Als ich schliesslich vorschlage, zu Fuss die 14 Stockwerke hinaufzulaufen, kommt es beinahe zum Streit mit Anita. Ihr geht es heute wirklich nicht gut.

Ich habe gehört, dass es im alten Gebäude des Kunming-Hotels auch einen Schlafsaal geben soll. Also werde ich es dort versuchen. Mit dem dumpfen Gefühl, heute sowieso alles falsch zu machen, gehe ich alleine hinüber. Jeder Schlafsaal scheint seine eigene Rezeption zu haben. Die Mädchen im alten Hotel sind ausgesucht uninteressiert und ungehalten über jede Störung. Aber es gelingt mir, zwei Betten zu bekommen. Als ich zu Anita zurückkomme, geht der Lift natürlich wieder. Aber nun bleiben wir im alten Hotel. Der Schlafsaal hat 17 Betten, die zum grössten Teil belegt sind. Die Bettwäsche ist leicht angegraut aber sauber. Die meisten Mitbewohner scheinen Schweden zu sein. Aber jetzt am frühen Nachmittag ist kaum einer da.

Wir müssen uns erst einmal erholen. In der Nähe des Hotels gibt es ein Eiscafé, das in meinem Reiseführer gepriesen wird. Dort trinken wir einen Kaffee und es geht uns gleich viel besser. Im nahegelegenen Gardenia-Hotel besichtigen wir den dortigen Schlafsaal. Hier ist alles sauber, das Personal sehr lieb und freundlich. Die Atmosphäre gefällt uns sofort. Nur leider ist der Schlafsaal völlig leer. Das Gardenia-Hotel ist unter Travellern nicht so bekannt wie das Kunming-Hotel. Vielleicht ziehen wir morgen trotzdem um!

6. Abenteuer: Der Einkauf in einem Kaufhaus in Kunming
Dann brechen wir zu einem kleinen Schaufensterbummel auf. Die Luft ist mild, die Strassen sind voller Menschen. Das Zentrum von Kunming ist ein riesiger Kreisverkehr, an dem es ein großes Kaufhaus gibt. Wir gehen hinein – eigentlich nur, um mal zu gucken. Was es hier alles gibt! Die große Auswahl erstaunt uns.Toll sind die Abteilungen für Bettwäsche und Bekleidung mit ihren bunten Farben. Und die niedlichen Kinderkleider! Ich werde für den Nachwuchs meiner Freundin Mecki, die im Dezember Drillinge erwartet, drei gleiche Babyanzüge kaufen. Natürlich solche mit einem Schlitz am Popo. Das ist die chinesische Art, Windeln zu sparen. Sorgfältig wähle ich aus. Die Verkäuferin ist ganz konzentriert bei der Sache und legt mir immer neue, schönere Strampelhöschen vor. Ich habe sehr viel Spass beim Aussuchen, genau wie die chinesischen Hausfrauen, die sich um uns gescharrt haben. Passend zu den Babykleidern kaufe ich noch drei rote Häschen-Mützen, wie sie jetzt im chinesischen Jahr des Hasen von vielen chinesischen Kindern getragen werden. Auch die Spielzeugabteilung ist ein Erlebnis. Es gibt viel Blechspielzeug zum Aufziehen, von dem wir uns einiges vorführen lassen. Dabei geraten wir in einen richtigen Kaufrausch. Alles ist so anders als zuhause in Deutschland und so bunt!

Als wir endlich wieder heraus kommen, wird es schon dunkel. Wir suchen vergeblich nach einem noch geöffneten Restaurant, das uns gefällt. Aber die Restaurants sind entweder riesige Kantinenhallen (die staatlichen) und sehen wenig verlockend aus oder aber sie sind voll. Wir begnügen uns mit köstlichen süßen Brötchen, für die Kunming bekannt ist.

7. Abenteuer: Kopfmassage
Am Kreisverkehr fallen uns die blinden Masseure auf, die in einem Park in der Nähe stehen. Mit einem Schemel vor sich warten sie auf Kundschaft. Ein großes Plakat kündet auf Chinesisch und Englisch von den Wohltaten einer Massage. Ein junges Mädchen spricht uns auf Englisch an, als wir neugierig näher kommen. Wir sollten es doch mal ausprobieren! Wir lassen uns gerne zu einer Kopfmassage überreden. Es ist herrlich wohltuend, die erfahrenen Finger des Masseurs zu spüren, besonders weil ich schon seit Tagen häufig Kopfschmerzen habe. Entspannt schliesse ich die Augen. Als ich sie wieder öffne, sehe ich eine große Menschenmenge vor mir. Wir bieten den Chinesen wieder einmal eine große Gaudi: Westler, die sich den Kopf massieren lassen!

Masseure im Stadtzentrum von Kunming

Masseure im Stadtzentrum von Kunming 2011

Fröhlich aber kaputt und noch etwas hungrig gehen wir zurück ins Hotel. Der Schlafsaal ist jetzt voll belegt. Vor den staunenden Augen unserer Mitbewohner packen wir unsere Einkäufe aus. Dann wird das Spielzeug aufgezogen, ein grüner Blechfrosch hüpft durchs Zimmer, die gelbe Ente schlägt aufgeregt mit den Flügeln. Aufsehen erregen auch die süssen Strampelanzüge für den Nachwuchs meiner Freundin. Anita hat eine große grüne Blechlokomotive gekauft. Leider funktioniert sie nur mit Batterien, die wir vergessen haben zu kaufen. Aber mit ihrer bunten Bemalung ist sie ein wunderschöner Anblick.

Wir entscheiden uns, doch in diesem Schlafsaal zu bleiben, da hier die Kontakte und der Informationsfluss besser sind. Wir verabreden uns mit dem Engländer John, morgen zu einem kleinen Ort in der Nähe von Kunming zu fahren, wo sonntags immer ein großer Bauernmarkt stattfindet.

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