8. + 9.11.1987 Das alte Kunming: Bauernmarkt und Drachentor

„10km östlich von Kunming, auf der Strecke zum Steinwald, findet in dem Örtchen Xiaobanqiao jeden Sonntag ein großer Bauernmarkt statt. Ein empfehlenswerter Ausflug!“ So lautete der kurze Hinweis in meinem Reiseführer von 1986. Solche kleinen Notizen machen mich neugierig. Natürlich sind wir damals dahin gefahren! Ein beeindruckendes Abenteuer! Doch wenn ich heute den kleinen Ort google, Bilder suche, dann finde ich nur Fotos von Hochhäusern, von Fabriken. Ja, den Markt von Xiaobanqiao gibt es nicht mehr! Oder vielleicht findet ein solcher Markt jetzt in einer schönen, sauberen Markthalle statt. Jedenfalls ist es keine Sehenswürdigkeit mehr. Auch die Altstadt von Kunming gibt es heute nicht mehr.

Zu den Tempeln am Drachentor, die ich auch 2011 mit einer Touristengruppe besuchte, kann ich zum heutigen Zustand eigentlich kaum etwas sagen. Wir sind 2011 mit einer Seilbahn hochgefahren. Doch auf jeden Fall ist es eine der größten Sehenswürdigkeiten von Kunming mit entsprechend vielen Besuchern.

Am Drachentor

Am Drachentor

Ein Streit mit Anita veranschaulicht die Schwierigkeiten, die es unterwegs geben kann, wenn man sich so wenig kennt und die ganze Zeit zusammen ist. Mit Anita habe ich noch ca. 10 Jahre lang Kontakt gehabt. Doch es war eine Freundschaft, die von den gemeinsamen Erinnerungen lebte. Je weiter diese Reise zurück lag, desto deutlicher wurden unsere Unterschiede. Jetzt habe ich schon lange nichts mehr von ihr gehört.

Aus meinem Reisetagebuch 1987

08.11.87 Der Sonntagsmarkt von Xiaobanqiao

Wieder einmal stehen wir früh auf. Mit dem Bus fahren wir zum Busbahnhof, um den Bus nach Xiaobanqiao zu nehmen, wo heute der große Markt ist. John kann ein wenig Chinesisch sprechen und glücklicherweise den komplizierten Ortsnamen richtig aussprechen. Damit gelingt es uns, jemanden zu finden, der uns den richtigen Bus zeigt. Nach einer Weile fährt der überfüllte Bus los. Wir haben Stehplätze und können uns kaum festhalten. Aber es gibt keinen Platz zum Umfallen im Gedränge. Ich mache mir nur ein wenig Sorgen, dass ich die richtige Haltestelle zum Aussteigen verpassen könnte, denn ich kann nicht nach draussen sehen. Aber diese Sorge ist völlig unnötig, denn der Markt ist nicht zu übersehen. Die meisten Leute steigen hier aus. Entlang der Allee stehen viele Pferdewagen und warten darauf, dass ihre Bauern vom Markt zurückkehren. Die Pferde, die hochbeladene Wagen ziehen müssen, sind viel kleiner als unsere in Deutschland.

Dicht drängen sich die Menschen auf dem Markt. Langsam schiebt man sich gegenseitig vorwärts. Im Ganzen kann ich das Gelände gar nicht überblicken, denn es ist riesig. Mit schussbereiter Kamera gehen wir langsam mit dem Strom. Motive gibt es unzählige. Viele Menschen tragen ihre bunte Tracht. Für den Markttag haben sich die Frauen besonders herausgeputzt. Mir fällt das strahlend blaue Tuch auf, aus dem Kopftücher und Kittel bestehen. Kleine Kinder werden auf den Rücken ihrer Mütter in bunt bestickten Tragetüchern mitgeschleppt. John überragt alle anderen, so dass ich, wenn wir uns in der Menge aus den Augen verlieren, nur den Hals zu recken brauche. Nur Anita hat da ihre Schwierigkeiten, denn sie ist kaum grösser als die Chinesen.

Eine Ecke des Marktes ist dem Viehhandel vorbehalten. Unübersehbar ist, dass dies reine Männersache ist. Bei den Kühen, Schafen und Pferden, die hier feilgeboten werden, stehen nur Männer. An einer anderen Stelle gibt es einen Flohmarkt. Wenn ich daran interessiert wäre, könnte ich alte Münzen, Bücher und ähnliches kaufen. Ein Medizinverkäufer hat drastische Fotos von Kranken auf einer Decke ausgebreitet, um zu zeigen, wogegen seine Mittel helfen. Daneben liegen Ginsengwurzeln, getrocknete Schlangen und Seepferdchen und andere Naturheilmittel. Reis, Gemüse und Saatgetreide gibt es auch. In einem Winkel stehen die großen einheimischen Bambuspfeifen zum Verkauf. Gleich nebenan können die Männer zwischen mehreren Tabaksorten wählen. Einen weiteren großen Teil des Marktes nehmen die Stände für Kinderkleidung und Stoffe ein.

Der Markt ist wie in Abteilungen aufgeteilt. In der Gasse, wo es Kleiderstände gibt, findet man keine anderen Angebote. Hinten ist die Abteilung für Möbel u.ä. Dort entdecke ich sogar einen Sargtischler, der schwarz lackierte Särge anbietet.

Ein Junge hat vor sich auf einem Zeitungsblatt tote Ratten ausgelegt. Sehr überzeugend wirbt er damit für die Wirksamkeit seines Rattengiftes. Wer seine Ratten lieber lebendig fängt, kann am Stand nebenan Fallen kaufen. Aus einem der Käfige blinzelt mich so ein nacktschwänziges Ungeheuer böse an. Ich gehe schnell weiter. Aber schon stehe ich vor dem nächsten Horror: Ein Zahnarzt ist gerade dabei, unter freiem Himmel einer jungen Patientin einen Zahn zu ziehen. Das Mädchen, das von zwei Männern festgehalten wird, schreit und windet sich auf dem Stuhl. Da sehe ich mir lieber noch eine Weile die Stände mit Getreide und Gemüse an.

Natürlich ist auch für das leibliche Wohl der Marktbesucher gesorgt. Auf einem großen Platz in der Mitte reiht sich Zeltrestaurant an Restaurant. Wir finden eines, das uns gefällt, und holen uns eine Schale Reis mit Gemüse. Auf wackligen Stühlen sitzen wir, essen und schauen uns die Leute an, die vorbeigehen. Um die Mittagszeit wird der Markt deutlich leerer. Nach vier Stunden voller neuer interessanter Eindrücke verlassen wir den Markt und fahren zurück.

Ich lasse Anita und John im Kunming-Hotel und fahre mit dem Bus in die Stadt. Durch die schöne Altstadt mit vielen alten Holzhäusern gehe ich zum Green-Lake-Hotel. Es ist Sonntag Nachmittag. Viele Ausflügler gehen am Green Lake spazieren. Im Hotel suche ich das CITS-Büro, das laut Stadtplan hier sein soll. Aber das ist es nicht mehr, denn der Stadtplan ist 5 Jahre alt. Der CITS ist schon vor Jahren ins Kunming-Hotel umgezogen. Also fahre ich mit dem Taxi zurück.

Im Schlafsaal treffe ich Anita. Wir gehen gemeinsam zum Lala-Café, einer bekannten Informationsbörse für Traveller. Bei einem Kaffee kommen wir ins Gespräch mit dem Wirt. Ich bestelle bei ihm nach langen Verhandlungen ein Hardsleeper-Ticket für Mittwoch nach Guilin. Der Wirt macht den Eindruck als sei er randvoll mit Drogen. Ich bin skeptisch, ob ich mein Ticket bekomme. Anita weiss noch nicht, wo sie nach Kunming hin will. Vielleicht werden wir uns bald trennen müssen.

In der Hoffnung auf eine weitere Kopfmassage gehen wir wieder zum Kreisverkehr. Lange stehen wir in dem kleinen Park neben der Kreuzung und schauen den alten Leuten zu, die vor großem Publikum Volkslieder singen oder kleine Theaterstücke spielen. Darüber vergessen wir die Zeit. Die blinden Masseure sind auch wieder da. Aber heute gibt es niemanden, der Englisch spricht. So wissen wir nicht, wie wir die Masseure ansprechen sollen. Schade!

Abends im Hotel muss ich leider feststellen, dass ich einen vollen Film verloren habe. Das muss beim Filme wechseln heute morgen auf dem Markt passiert sein. Auf dem Film waren hauptsächlich Fotos, die ich vom Zug aus gemacht habe. Sicher wären einige Fotos sowieso nichts gewesen. Aber ich bin erst einmal schrecklich enttäuscht und erhole mich nur mühsam. Leider es gibt keine Möglichkeit, den Film zurückzubekommen. Also, was soll’s!

09.11.87 Dragon’s Gate

Gestern Abend hatte ich noch eine richtige Auseinandersetzung mit Anita. Sie ist der Meinung, dass ich viel zu sehr an Museen und Tempeln interessiert sei und zu wenig am Menschen. Ich denke dagegen, dass beides zu diesem Land gehört. Ich kann nicht an den Tempeln vorbeigehen, die einen Teil des täglichen Lebens der Menschen hier einnehmen, und immer nur Strassen und Menschen gucken.

Unser Disput führt dazu, dass ich heute Anita weiter schlafen lasse und mich alleine auf den Weg zum Dragon Gate mache. Mit Dragon Gate wird ein steiler Bergabhang außerhalb von Kunming bezeichnet, wo es eine ganze Reihe alter Tempel gibt. Mit einem Stadtbus fahre ich zum Abfahrtsplatz des Busses zum Dragon Gate. Leider steige ich an der falschen Haltestelle aus und muss noch einige hundert Meter zu Fuss gehen. Mit der Hilfe eines jungen Mädchens, dem ich die entsprechenden Schriftzeichen aus meinem Reiseführer vors Gesicht halte, finde ich den richtigen Bus. Oje! Er ist voll besetzt. Ich mache mich schon auf eine längere Busfahrt im Stehen gefasst, da bedeutet mir die Schaffnerin, dass ich auf ihrem Sitz Platz nehmen soll. Das ist sehr erfreulich, denn abgesehen von der grösseren Bequemlichkeit habe ich so auch die Möglichkeit, mir das Leben auf den Strassen und die Landschaft anzusehen. Aber schon nach einer halben Stunde soll ich aussteigen. Hier ist der Haupteingang zu den Tempeln am Dragon Gate. Da ich nicht so gerne stundenlang bergauf gehe, steige ich gleich in den bereitstehenden Minibus, der zum obersten Tempel fährt.

Kunming

2011 genau an der gleichen Stelle, wo ich 1987 die Postkarten geschrieben habe

Es ist noch recht früh. Nebel steigt vom nahen Westsee hoch. Ein angenehm kühler Wind weht. Der oberste Tempel am Dragon Gate liegt in die steile Felswand eingehauen, ca. 100 Meter oberhalb des Sees. Die Aussicht auf den See und die Ebene, in der Kunming liegt, ist zwar nebelverhangen aber doch sehr schön und romantisch. Auf glitschigen Stufen geht es aufwärts. Ein paar Mal rutsche ich aus, dann habe ich keine Lust mehr. In einem Laden unterwegs kaufe ich mir eine süsse Limonade und setze mich auf eine steinerne Bank an einem Tisch, wo ich ein paar Postkarten schreiben will. Jetzt scheint die Sonne, der Nebel hat sich gelichtet. Der Blick auf den See und dichte Wälder auf dem Berg ist überwältigend. Ich schreibe konzentriert eine Postkarte nach der anderen. Als ich endlich zwischendurch mal hochschaue, stelle ich fest, dass meine bereits fertigen Postkarten in einer Gruppe Chinesen, die um mich herum stehen, von Hand zu Hand gehen. Einer schaut mir interessiert über die Schulter. Für meine Zuschauer ist es genauso spannend und interessant, mich beim Schreiben zu beobachten, wie es für mich ist, wenn ich Chinesen sehe, die ihre wunderschönen Schriftzeichen malen. Nach einer Weile wird mir die Neugier der Umstehenden doch zu lästig. Ich sammle meine Karten ein und gehe. Der Rückweg zu Fuß ist ein erholsamer Spaziergang durch den Wald, in dem an manchen Stellen Bambus in dicken, hellgrünen und gelben Büscheln wächst.

Beim Denkmal des Komponisten Nie Er (Anm.: Nie Er hat die Nationalhymne der VR China komponiert), einer überlebensgroßen Statue mitten im Wald, gibt es ein Restaurant, in dem ich Mittagspause mache. Für meinen Essensbon, den ich am Eingang erworben habe, erhalte ich eine Schale Reis mit fettem Fleisch. Ich esse nicht alles auf.

Weiter unten am Weg liegt wieder ein Tempel mit schönen Hallen, Gärten und Teichen. Die Berge mit ihren gelbgrünen Bambuswäldern und dem bunten Herbstlaub bilden den Hintergrund. Eine Gruppe ungefähr 10 Jahre alter Kinder macht sich den Spaß, mir in einem Abstand von ein paar Metern auf Schritt und Tritt zu folgen. Sie kichern und zeigen mit den Fingern auf mich. Wenn ich mich umdrehe und auf sie zugehe, laufen sie lachend und schreiend weg. Endlich ruft ihre Lehrerin zur Ordnung. Jetzt kehren Ruhe und Frieden in diesem wie verzaubert wirkenden Tempel ein.

Der unterste Tempel am Dragon Gate wird gerade renoviert. Hier wimmelt es nur so von chinesischen Touristen. Aus Lautsprechern tönt Volksmusik. Der Duft von Weihrauch zieht durch die Palmen, denn unter den Touristen sind auch viele gläubige Buddhisten. Im Hauptraum des Tempels beten einige Mönche. Auf den Altären liegen Opfergaben: Apfelsinen, Kuchen, Räucherstäbchen. Eine alte Frau spendet unter vielen Verbeugungen ein Fläschchen Öl für die Lampen des Tempels. Eine andere zeigt ihrem kleinen Sohn, wie man sich ordentlich vor dem Altar verneigt. Ich freue mich an dem bunten Treiben.

Als ich gerade den Tempel verlassen will, spricht mich ein Chinese an. Er möchte sein Englisch mit mir üben und bittet mich in einen kleinen Sanitätsraum zum Tee. Er ist Arzt und betreut zusammen mit einer Krankenschwester die Sanitätsstation des Tempels. Seine Hauptaufgabe besteht im Verkauf von Medikamenten. Der grüne Tee schmeckt köstlich. Ich nutze die Gelegenheit und frage den Arzt nach einem Mittel gegen meine Erkältung, die mich schon seit Tagen plagt. Er fragt mich eingehend nach meinen Symptomen und empfiehlt mir dann eine traditionelle chinesische Medizin.

Plötzlich betreten einige uniformierte Männer den kleinen Raum. Der Arzt nimmt sofort Haltung an und salutiert. Einer der Männer ist der medizinische Direktor des städtischen Krankenhauses von Kunming, ein anderer der politische Direktor. Sie sind alle sehr freundlich. Das Englisch des ersten Direktors geht über ein „German and Chinese are Friends!“ leider nicht hinaus. Sie nötigen mich, eine Tasse Tee nach der anderen zu trinken. Der Stationsarzt übersetzt. Wir tauschen Komplimente aus. Ich bekomme endlich meine Medizin, dann zeigt er mir noch meine Bushaltestelle. Aber bevor ich gehen kann, muss ich mich im Gästebuch des Tempels verewigen.

In Hochstimmung über mein nettes Abenteuer fahre ich nach Kunming zurück. Von der Busstation aus gehe ich zu Fuß weiter. Dabei komme ich am Provinzmuseum vorbei. Museen und Tempel – meine Leidenschaft! Ich gehe natürlich hinein. In dem Museum gibt es eine interessante Sammlung mit Schmuck, Trachten und Kunsthandwerk der nationalen Minderheiten in der Provinz Yunnan. Ich freue mich, dass ich nach der Enttäuschung mit dem Museum in Chengdu endlich wieder eins besichtigen kann.

Danach finde ich mehr durch Zufall als absichtlich den International Bookshop. Außer Taschenbüchern in englischer und französischer Sprache gibt es auch eine gute, preiswerte Auswahl an Musikkassetten mit traditioneller chinesischer Musik. Das sind schöne Andenken in handlichem Format. Ich suche mir einige aus, auf denen alte Musikinstrumente aufgenommen sind.

Zu den Reiseberichten von 1987: China 1987

2 Kommentare

  • Auf offener Straße ohne jegliche Betäubung einen Zahn gezogen bekommen – wie furchtbar gruselig… Ich hatte unlängst eine ausgesprochen schmerzhafte Wurzelentzündung, und kann das Weh und das Elend des Mädchens ungemein gut nachvollziehen…
    Leider ist es so, dass manchmal lange Freundschaften zerbrechen, weil man sich schlicht und ergreifend auseinander entwickelt. Mir ging das vor ziemlich genau vier Jahren mit einem sehr guten Freund so, es schmerzt heute immer noch ein wenig.
    Herzliche Grüße!

    • Ulrike

      Ich kann so einem Openair-Zahnarzt auch nicht zugucken. Freunde sind ein schwieriges Thema, vor allem die von unterwegs….

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