14.11.87 Guilin: Der Regen hört nicht auf

Guilin und Regen scheint auf immer für mich zusammen zu gehören. Nun bin ich schon ziemlich oft dort gewesen, aber eigentlich hat es fast immer geregnet. Meistens fahre ich aber weiter nach Yangshuo – heute.

Die Schilfrohrflötenhöhle ist außerdem eine Sehenswürdigkeit, die ich nicht jedem empfehlen mag. Sie ist sehr kitschig, bunt angestrahlte Stalagmiten mag nicht jeder. Aber wenn es regnet, ist es eine trockene Alternative

Guilin 2011

Guilin 2011

Aus meinem Reisetagebuch von 1987

14.11.87 Die Schilfrohrflötenhöhle

Morgens werde ich durch das stete Rauschen des Regens geweckt. Im Hotelrestaurant sitze ich bei meinem Western Breakfast und schaue trübe aus dem Fenster. Guilin präsentiert sich grau in grau. Der Regen kommt zwar nicht als Wolkenbruch vom Himmel aber mit einer Gleichmäßigkeit, die keine Hoffnung aufkommen lässt, dass er heute noch aufhört. Anhand meines Reiseführers überlege ich, was ich an einem Regentag in China unternehmen kann. Berge und Parks kommen nicht in Frage. Es gibt in den Bergen aber große Tropfsteinhöhlen, von denen die Schilfrohrflötenhöhle die grösste und schönste sein soll. Das ist ein nicht ganz so feuchter Besichtigungspunkt, den ich mir heute ansehen will.

Außerdem überlege ich mir beim Anblick des grauen Guilins und des stetig fallenden Regens, dass ich nicht mehr lange in Guilin bleiben will. Rudi hat mir mit seinen Berichten über Yangshuo einen Floh ins Ohr gesetzt. Yangshuo soll bei Rucksackreisenden sehr beliebt sein. Das heisst, dass es dort preiswerte Hotels und Restaurants mit englischsprachiger Speisekarte gibt. An der Hotelrezeption bestelle ich eine Fahrkarte für das Schiff morgen nach Yangshuo. Dann lasse ich mir noch erklären, wie ich mit den öffentlichen Bussen zur Schilfrohrflötenhöhle komme.

Und schon bin ich auf dem Weg. Erst fährt der Bus lange durch die Vororte von Guilin. Dann geht es durch lichte Laubwälder in die Landschaft der Kegelberge. Bei schönem Wetter könnte man hier sicher gut spazieren gehen.

In der Höhle schließe ich mich erst einer chinesischen Gruppe an, da viele der bizarren Tropfsteingebilde nur von den Taschenlampen der Führer angestrahlt werden. Überall sind märchenhafte Figuren und ganze Paläste aus Tropfstein zu sehen. In einer riesigen, hohen Halle liegt ein flacher, spiegelglatter Teich. Ich verstehe aus Gebärden und Ton des Führers, dass er meint, dass die Stalagmiten, die sich im Wasser spiegeln, aussehen wie die Skyline von Manhattan. Dann finde ich eine amerikanische Gruppe, deren Reiseleiter ich gut verstehen kann. Ich schliesse mich der Gruppe, die anscheinend nichts dagegen hat, an. Bei Gelegenheit frage ich den Führer, ob er etwas von den Felszeichnungen aus der Tang-Dynastie weiss, von denen ich gelesen habe. Ja, gehört habe er wohl davon, aber in den 15 Jahren, die er hier schon arbeite, habe er sie nicht gefunden. Also verzichte ich gleich auf den Versuch, die Zeichnungen selbst zu suchen. Der Gesamteindruck der Höhle ist überwältigend.

Es regnet leider immer noch, als ich blinzelnd wieder ans Tageslicht trete. Während ich auf meinen Bus zurück nach Guilin warte, spricht mich an der Haltestelle ein Chinese an. Er stellt sich als Arzt aus Shanghai vor. Er ist hier auf einer Urlaubsreise in Verbindung mit dem Besuch eines Kongresses. Im Bus hält er mir einen Sitzplatz frei und lässt nicht zu, dass ich mein Ticket selbst bezahle. Er empfiehlt mir sehr, die Fahrt auf dem Li-River zu machen und meint, dass morgen die Sonne wieder scheinen würde. Leider muss ich schon bald aussteigen. Ich bedauere sehr, dass die Kontakte zu Chinesen während meiner Reise immer nur sehr kurz und flüchtig sein können.

Im Hotel angekommen, fehlt mir die Lust, noch mehr zu unternehmen. Bei dem Wetter lohnt es sich kaum, den 7-Sterne-Park zu besuchen. Um die Lage zu peilen, nehme ich meinen Fotoapparat und fahre mit dem Lift zum 12. Stock des Hotels hinauf. Von der Terrasse hätte ich einen tollen Blick auf Guilin und Umgebung, wenn da nicht der Regen wäre. Ich strenge mich an, trotzdem ein paar gute Aufnahmen zu machen. Die grauen Nebelschleier geben den kaum sichtbaren Bergen einen romantischen Touch. Der Horizont verschwindet im Dunst. Auf einem nahegelegenen Sportplatz wird trotz des ständigen Nieselregens Fussball gespielt.

Ich setze mich ins Foyer des Hotels, schreibe Tagebuch und beobachte die amerikanischen und deutschen Touristengruppen, die nach und nach von ihren Ausflügen zurückkehren. An der Rezeption bekomme ich endlich mein Bootsticket für morgen. Nach meinen Erfahrungen in Kunming war ich etwas skeptisch gewesen.

Der Regen lässt schließlich etwas nach. Das nutze ich, um noch einmal in die Stadt zu gehen. Mitten im Zentrum gibt es ein großes, neues Kaufhaus, ein Gebäude mit glitzernder Glasfassade. Sogar Rolltreppen befinden sich in seinem Inneren. Kinder finden, dass das ein wunderbares Spielzeug ist, und fahren mit der Rolltreppe immer wieder auf und ab. Die kleinen privaten Restaurants haben schon geöffnet. Die Wirtsleute stehen vor den Türen und warten auf Kundschaft. Neben ihnen ist meist ein ganzer Zoo aufgebaut. Da schwimmen Schildkröten, Krebse und Fische in bunten mit Flusswasser gefüllten Plastikschüsseln. Alle Tiere sind lebendig, da das Essen ganz frisch serviert werden soll. Mir tun die Tiere leid. Ich gehe absichtlich immer weiter, weil ich ein Restaurant ohne Tiere suche. Schon bin ich am Lala-Café. Diesmal esse ich Schweinefleisch süßsauer, keine glitschigen Spiegeleier!

Im Hotel zurück trinke ich ein Bier, unterhalte mich noch kurz mit einem Engländer, der gerade erst in China angekommen ist. Da fühle ich mich als Chinakenner und bin froh, dass ich ihm aus dem Schatz meiner Erfahrungen einiges erzählen kann. Aber eigentlich bin ich todmüde und glücklich, als ich endlich ins Bett sinken kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.