Yangshuo 1987 und der Li-Fluss wie ein Tuschegemälde

Yangshuo

Von meinem Zimmer schaue ich direkt auf diesen Pavillon

Yangshuo 1987 empfängt mich mit Dauerregen und dann mit den willkommenen Worten “Cold? Hungry? Lonely? Come in!” Nach der Bootsfahrt auf dem Li-Fluss, die auch heute nicht anders verläuft, tauche ich in Yangshuo ganz tief ins Backpacker-Leben ein, obwohl ich mir beim Hotel etwas Luxus gönne.

Wenn ich heute diese Zeilen lese, dann denke ich auch an 2011, als ich wieder zurückkehrte nach Yangshuo. Heute ist der Ort noch größer, noch touristischer. McD und Pizza-Hut findet man überall. Doch auch heute möchte ich noch sagen: Yangshuo ist einen Besuch wert! Denn auch hier gilt: Ein paar Schritte weg von den Touristenstraßen, ein Fahrrad gemietet und schon ist man in einem ländlichen Südchina, das einfach wunderschön ist! Ich war übrigens im Sommer 1993 (strahlender Sonnenschein) und im Mai 2011 (strömender Regen) noch mal in Yangshuo. Ich glaube, damals, Yangshuo 1987, hab eich mich endgültig in China verliebt.

15.11.87 Fahrt auf dem Li-Fluss

Als ich heute früh meinen Rucksack packe, stelle ich fest, dass ich durch die vielen Souvenirs kaum noch Platz habe für meine Kleider. Was ich nicht unbedingt brauche und schmutzig oder kaputt ist, lasse ich auf dem Zimmer zurück. Nachdem ich meine Rechnung an der Rezeption bezahlt habe, setze ich mich auf eine Couch im Foyer und warte auf den Bus, der mich zum Bootsausflug bringen soll. Das Wetter hat sich nicht geändert seit gestern. Draussen ist wieder alles grau. Steter Nieselregen fällt. Ich hoffe nur, dass ich genauso viel Glück haben werde wie die ältere Dame, die mir gestern Abend erzählt hatte, dass auf dem Fluss und in Yangshuo die Sonne schien, als es in Guilin regnete.

Mit dem Bus werden noch weitere Gäste aus anderen Hotels abgeholt. Bei strömenden Regen fahren wir durch die faszinierende Landschaft der Kegelberge. Zwischen den eigenartigen Bergen gibt es viele Dörfer und Reisfelder. Kurz bevor wir am Schiffsanleger ankommen, treffen wir auf immer mehr Busse, bis der Verkehr schliesslich völlig zum Erliegen kommt. Nur langsam schiebt sich unser Bus vorwärts. Es ist erstaunlich, wie viele Touristen die Li-River-Fahrt machen wollen. Fliegende Händler kommen an die Busfenster und bieten ihre Waren, bunte Fächer, bestickte Schals und T-Shirts, an. In langer Kolonne fahren die Schiffe den Fluss hinunter. Endlich erreichen auch wir unser Boot.

Unsere Gruppe besteht aus einigen Schweden – wie könnte es auch anders sein! – und ein paar Auslandschinesen aus Amerika. Mit denen sitze ich an einem Tisch. Einer von ihnen hat mich besonders unter seine Fittiche genommen. Ich werde eingeladen, mit ihnen zusätzlich zu dem im Preis enthaltenen Mittagessen die Spezialitäten wie Schnecken, Fisch und Krebse, die sie bestellen, zu essen. Dabei werde ich auch gefragt, ob man eine Schildkröte bestellen solle. Ich mache freundlich aber bestimmt deutlich, dass ich keine Schildkröte essen würde, weil diese Tiere unter Schutz stehen. Ich habe schon die Befürchtung, dass ich meine Gastgeber beleidigt haben könnte, aber nach einer kurzen Verhandlung verzichten sie zu meiner Erleichterung auf die Schildkröte.

Li-Fluss

Li-Fluss 1987

Langsam fährt das flache Boot durch das Tal des Li-Rivers. Über Lautsprecher werden die Sehenswürdigkeiten erklärt, allerdings auf Chinesisch. Meine amerikanischen Freunde übersetzen für mich. Die bizarren Formen der Berge sollen aussehen wie Pferde oder Kamele. Wie Kragen liegen die tief hängenden Wolken um die Gipfeln. An den Ufern wächst hellgrüner, fedriger Bambus. Wasserbüffel stehen bis zum Bauch im seichten Uferwasser. Manchmal fahren wir an kleinen Dörfern vorbei, von denen nur die Strohdächer über dem dichten Bambus zu sehen sind. Eine alte klapprige Fähre überquert schwankend den Fluss. Vor und hinter uns befinden sich weitere Touristenboote auf dem Fluss. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse fotografiere ich immer wieder. Dann wird das Essen serviert. Der amerikanische Chinese nötigt mir jede Delikatesse und Leckerei auf. Schließlich bin ich vollkommen satt. Der Tisch sieht aus wie ein Schlachtfeld.

Den Rest der Fahrt verbringe ich auf dem vor dem nicht enden wollenden Regen geschützten Oberdeck. Auch bei unserer Ankunft in Yangshuo gießt es weiter in Strömen. Kaum sind wir an Land, fallen die Souvenirverkäufer über uns her. Ich orientiere mich kurz und gehe an ihnen vorbei zum Yangshuo-Hotel, dem besten Haus am Platze. Das Hotel besteht aus einer Anzahl zweistöckiger Gebäude, die um einen hübschen kleinen See mitten im Ort gruppiert sind. Mein Zimmer ist schön und preiswert. Von meinem Fenster aus habe ich einen wundervollen Blick auf einen der steilen Berge, der gekrönt ist von einem kleinen Aussichtspavillon. Die vom Fenster eingerahmte Landschaft wirkt wie eine chinesische Tuschezeichnung, die ich immer wieder freudig vom Bett aus betrachte. Dann genieße ich ein heißes Bad in dem sauberen Badezimmer.

Trotz des Regens ist mir nicht danach, den Rest des Tages im Bett zu verbringen. Ich mache mich auf, den Ort zu erkunden. Yangshuo scheint nur aus einer einzigen Strasse zu bestehen. Viele Souvenirläden und Restaurants mit englischen Namen säumen die Strasse. Die meisten der Touristen, die mit den Booten gekommen sind, sind bereits wieder mit dem Bus unterwegs zurück nach Guilin. Deshalb herrscht nicht viel Betrieb in den regennassen Strassen. Ich finde Susannah’s Café, wo ich mich nach den Möglichkeiten, mit Bus und Schiff nach Kanton zu kommen, erkundige. Susannah spricht sehr gut Englisch und gibt mir gerne Auskunft. Ich könnte Mittwoch fahren, so dass ich am Donnerstag in Kanton wäre. Mein Visum ist noch bis Freitag gültig und am Samstag geht mein Flugzeug von Hongkong nach Frankfurt. In Hongkong habe ich ausserdem bereits für die letzten zwei Nächte ein Zimmer reserviert. Heute ist Sonntag. Auf diese Weise hätte ich sowohl in Yangshuo als auch in Kanton genügend Zeit. Es passt alles ganz gut zusammen. Ich bestelle meine Fahrkarte für den Bus mit Aircondition. Leider ist Susannah’s Café nicht beheizt. Deshalb gehe ich weiter, um eine gemütlichere Bleibe für den Rest des Tages zu finden. Durch das schlechte Wetter ist auch die Luft merklich abgekühlt.

Da entdecke ich ein Restaurant, vor dem auf einer großen Tafel als Spezialität des Hauses Joghurt mit Müsli und Banane angepriesen wird. Im Fenster hängt ausserdem ein Plakat: „Cold? Hungry? Lonely? Come in!“ Ich fühle mich sofort angesprochen und trete ein. Innen finde ich alle Tische von Travellern besetzt. Es ist warm von den vielen Menschen. Kerzen auf den Tischen verbreiten eine gemütliche Atmosphäre. Wunderbar! Manche Leute habe ich schon in Chengdu oder Kunming gesehen. Eine herzliche Begrüssung gibt mir das Gefühl, nach Hause zu kommen. Das Essen ist gut und preiswert. Ganz zu schweigen von den englischsprachigen Speisekarten, die u.a. auch Bratkartoffeln und Rührei anbieten. Ich trinke einen guten Kaffee und anschließend ein Bier. Langsam merke ich, wie ich warm werde. Meine Erkältung macht mich noch ganz fertig. Ich spreche mit einer Gruppe Holländer und erinnere mich, dass Anita etwas von einer Gruppe erzählt hatte, von der sie in Xian gehört hatte, dass die in Golmud auf dem Weg nach Tibet hängen geblieben ist. Es stellt sich heraus, dass es sich um die gleichen Holländer handelt. Sie haben es wegen der Unruhen nicht geschafft, nach Tibet zu kommen. Es ist doch erstaunlich, wie sich solche Nachrichten über Hunderte von Kilometern verbreiten!

Mehr Fotos vom Li-Fluss: Wo China ein Gemälde ist

3 Kommentare

  • Thomas

    Leider wird es in Guilin und Yangshuo immer voller, was die Besucherzahlen angeht, besonders seit ASEAN Mitgliederländer für 6 Tage in Guilin visumfrei einreisen können.
    Und jetzt hat ja auch noch im Januar der Schnellzugbahnhof in Yangshuo bzw. XingPing aufgemacht.
    Auch wenn die Landschaft wunderschön ist, lohnt sich ein Besuch nicht wirklich mehr.
    Aber es gibt in Guangxi zum Glück noch genug lohnenswerte Ausflugsziele, die nicht überlaufen sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.