Juden in China (1): Von der Seidenstraße bis nach Kaifeng

Juden in China? Vielen ist gar nicht bewusst, dass es sehr früh Juden nach China verschlagen hat. Einer der ersten Berichte aus Europäischer Sicht ist der Folgende:

Barrows Reisen in China

Das erste Volk, welches, so viel wir wissen, eine Reise nach China machte, war eine Kolonie Juden, die nach den Urkunden, welche ihre Nachkommen haben, und die, wie ich von einigen Missionären hörte, durch die Chinesische Geschichte in Ansehung der Zeit bestätigt werden, sich hier niederließ und kurz nach dem Alexanders Zug ein Verkehr mit Indien zustande gebracht hatte. Auch ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass dies kühne und fleißige Volk das erste war, welches den Seidenwurm, und die Kunst ihn zu warten, entweder aus Persien oder aus der Nachbarschaft in sein neues Land mitbrachte.

Sir John Barrow (19.06.1764 – 23.11.1848) war einige Jahre als Mitglied der ersten britischen Gesandschaft in China. Das war zum Ende des 18. Jahrhunderts. Er lernte chinesisch und wurde von der Britischen Regierung gerne als Berater zu China-Themen herangezogen.

Barrows Reise durch China (1804)

Barrows Reise durch China (1804)

Dies ist eine interessante Geschichte. Auch wenn ich nicht wirklich glaube, dass Juden bereits um 300 v. Chr. bis nach China gelangten, so ist es doch nicht unwahrscheinlich, dass sich bei den Truppen von Alexander dem Großen (356 – 323 v. Chr.) auch Juden befunden haben. Schließlich waren die Juden von Anfang an großartige Händler und das Reisen gewohnt.

Seidenstraße

Die Seidenstraße, also der Landweg vom Mittelmeerraum bis nach Zentral- und Ostchina, war teilweise schon lange vor unserer Zeitrechnung eine beliebte Handelsroute. Man darf sich diese Straße nur nicht als eine Art Autobahn zwischen Stadt A und Stadt B vorstellen. Es gab viele Möglichkeiten, nach Osten zu reisen. Dabei mussten hohe Gebirgspässe und schreckliche Wüsten durchquert werden. Die meisten Händler legten mit ihren Waren nur Teilstrecken zurück.

Mit Pferden und Kamelen wurden die Waren über schwieriges Terrain befördert. Noch heute zeugen Reste der Karawansereien in Zentralasien von den Zeiten der Handelskarawanen. Die Wüsten waren eine der Herausforderungen, die von den Händlern gemeistert werden mussten. Zum Beispiel die Kisilkum-Wüste, eine 200.000 qkm große Kies- und Sandwüste in Zentralasien. Heiß, trocken, staubig. Quer durch ging nicht, also mussten lange Umwege zurück gelegt werden. So auch die Taklamakan-Wüste im Westen Chinas, wo sich eine nördliche und eine südliche Route der Seidenstraße herausbildete. Dazwischen liegen die Berge des Pamir, Kunjerab, Tianshan und mehr. Teilweise um die 7.000m hoch. Hochebenen auf 3.000 und 4.000 m Höhe zerrten an den Nerven und an der Gesundheit. Pässe, die über 5.000 m hoch waren, galt es zu überwinden.

Die schneebedeckten Gipfel des Pamir-Gebirges

Die schneebedeckten Gipfel des Pamir-Gebirges

Älteste Berichte über den Verlauf der Handelswege nach China, die erst später den Namen „Seidenstraße“ erhielten, stammen aus der griechisch-römischen Antike. Den Verlauf der Nordroute, die nördlich des Tarimbeckens (das entspricht ungefähr der Taklamakan-Wüste) verlief, hat Herodot um 430 v. Chr. detailliert beschrieben, wobei er die Stationen der Route mit den Namen der dort ansässigen Völker bezeichnete. Nach seiner Beschreibung verlief die Nordroute von der Mündung des Don zunächst nach Norden, ehe sie dann nach Osten abbog zu dem Gebiet der Parther und von dort weiter über einen Karawanenpfad nördlich des Tianshan, der in der westlichen chinesischen Provinz Gansu endete. Eine ähnlich zusammenhängende Beschreibung der Südroute ist nicht erhalten. Alle Routen der Seidenstraße sind das Ergebnis einer sich über mehrere Jahrhunderte erstreckenden Entwicklung.

Es wurde gehandelt mit allem, was die Strapazen einigermaßen sinnvoll erscheinen ließ: Gold, Silber, seltene und kostbare Gewürze. Ab dem 2. Jh. n. Chr. kam die Seide hinzu. Die Römer waren so begeistert von den leuchtendbunten Seidenstoffen, dass sie irgendwann sogar für bestimmte Bevölkerungsschichten das Tragen von Seide verboten, da der Seidenhandel für ein Abfließen des Staatsvermögens sorgte (Das erinnert mich an die Opiumkriege, über die ich im 2. Teil berichten werde).

Was macht einen Juden aus?

Jüdische, armenische und syrische Zwischenhändler dominierten den Handel über den Landweg. Das wirft die Frage auf, was ist das Besondere der jüdischen Händler? Wie gelang es ihnen, unterwegs an ihrem Glauben festzuhalten? Was macht einen Juden aus? Es gibt einige sehr traditionsreiche Essensvorschriften, die sicherlich unterwegs kaum einzuhalten waren. Auf Schweinefleisch konnte leicht verzichtet werden, aber koscheres Essen? Sabbat feiern?

Die Glanzzeit des Seidenstraßenhandels war die Tang-Dynastie, die von 618 bis 907 dauerte und deren Hauptstadt Chang’an, das heutige Xi’an, war. In Xi’an hat man eine alte Stele mit einer Inschrift gefunden, die von der Ankunft der ersten Christen, den Nestorianern, berichtet. Leider gibt es aus dieser frühen Zeit keine chinesischen Quellen, die auch über die Juden berichten. Doch man kann davon ausgehen, dass jüdische Händler schon früh nach Xi’an kamen. Wenn sich ein jüdischer Händler in China niederlassen wollte, so musste er sich mühsam sein religiöses Umfeld selbst gestalten. Manche ließen ihre Familien nachkommen. So bildeten sich in den Orten unterwegs kleine Gemeinschaften, die manchmal nur aus ein oder zwei Familien bestanden.

Die meisten kehrten entweder nach einiger Zeit zurück oder sie heirateten eine einheimische Frau. Das ergab eine weitere Herausforderung für die jüdischen Kaufleute. Denn aus Tradition wurde die Religion immer von den Müttern auf die Kinder übertragen. Chinesische Mütter konnten dieser Aufgabe verständlicherweise nicht nachkommen. Auch das trug nicht gerade dazu bei, dass sich die jüdische Religion in China ausbreitete. Um eine Gemeinde zu gründen, wurden zudem zehn jüdische Männer benötigt. Erst wenn diese zusammen sind, kann eine Synagoge gebaut werden und ein Gottesdienst gehalten werden.

Figur aus der Tang-Zeit, der Blütezeit der Seidenstraße, in der viele fremdländische Händler nach China kamen.

Figur aus der Tang-Zeit, der Blütezeit der Seidenstraße, in der viele fremdländische Händler nach China kamen.

Im 11. und 12. Jahrhundert kam es schließlich doch zur Bildung einer größeren jüdischen Gemeinschaft in Kaifeng, das damals die Hauptstadt der Nördlichen Song-Dynastie war. Übrigens: Die Entfernung von Jerusalem nach Kaifeng beträgt 7.157 Kilometer Luftlinie(!).

Kaifeng

Während der Nördlichen Song-Dynastie (960 – 1126 n. Chr.) war Kaifeng Hauptstadt des Reiches. Kaifeng war eine Metropole damals mit etlichen Hundertausend Einwohnern. Manche sagen sogar, dass es mehr als eine Million waren. Die Stadt war von einer stattlichen Stadtmauer umgeben. Der Kaiserpalast lag im Zentrum.

Die jüdischen Händler in Kaifeng waren wohlhabende und angesehene Kaufleute. Sie hatten die gleichen Rechte wie die Chinesen. Es war selbstverständlich, dass sie nach ihren Sitten und Bräuchen leben konnten.

1163 kauften sie sich ein Grundstück im Zentrum der Stadt und erhielten die Genehmigung, dort eine Synagoge zu bauen. Man kann davon ausgehen, dass sie schon vorher dort siedelten.

Während der mongolische Yuan-Dynastie (1279 – 1368) erlebten sie einen weiteren Aufschwung. Mitglieder der Kaifenger jüdischen Gemeinde wurden kaiserliche Beamte oder dienten sogar in der Armee. 1279 rekonstruierte und vergrößerte die Gemeinde mit besonderer offizieller Erlaubnis die Synagoge.

Es gab zu dieser Zeit kleine jüdische Gemeinden in Ningxia, Ningbo und Yangzhou, aber die Kaifenger Gemeinde mit 500 Familien und über 4.000 Menschen war das religiöse Zentrum des Judentums. Das ging in den nächsten Jahrhunderten gut. Die Synagoge, die wie andere chinesische Tempel den einen oder anderen Brand überstand, wurde immer wieder renoviert. Es gibt Berichte über kostbare Tora-Rollen der Synagoge. Die Gemeinde blühte.

Mit der zunehmenden Abschottung Chinas vom Rest der Welt im 14. und 15. Jahrhundert rissen auch die Verbindungen zur jüdischen Heimat ab. Es fehlte der spirituelle Nachschub. Trotzdem hielt man weiter an den alten Traditionen fest.

Chinesische Familiennamen

In der Ming-Zeit (1368 – 1644) erhielten die Juden von Kaifeng durch einen kaiserlichen Erlass chinesische Familiennamen:

Ai (Adam), Shi (Stein), Gao, Jin (Gold), Li (Levi), Zhang, Zhao

Man sollte aber nicht meinen, dass nun jeder Chinese mit dem Namen Li jüdische Vorfahren hat.

1642 geschah das eigentlich Unvorstellbare. Es kam zu Unruhen. Die kaiserliche Armee belagerte Kaifeng, wo sich Rebellen festgesetzt hatten. Die Stadt schien uneinnehmbar. Schließlich griff man zu einem verzweifelten Mittel: Man leitete die Wasser des Gelben Flusses in die Stadt. Mehrere Hundertausend Menschen ertranken in den Fluten. Es war das Ende der Stadt. Obwohl der Kangxi-Kaiser der neuen Qing-Dynastie den Wiederaufbau befahl, konnte sich Kaifeng nicht mehr von der Katastrophe erholen.

Auch die jüdische Gemeinde erreichte nie wieder ihren vorherigen Wohlstand. Die Überlebenden bauten trotzdem eine neue Synagoge und restaurierten ihre alten Schriften.

Anfang des 18. Jahrhunderts berichtete der Jesuit Gonzani von einer kleinen, aber blühenden jüdischen Gemeinde in Kaifeng, die den Sabbat und die jüdischen Feste achtete und ihre Söhne von klein auf die hebräische Schrift und Sprache erlernen ließ. Aber die äußeren Bedingungen wurden immer schwieriger. 1725 verbannte der Kaiser alle christlichen Missionare aus China. Die jüdische Gemeinde verlor dadurch einen letzten Zugang zu Informationen aus dem Ausland und war mehr isoliert als je zuvor.

Die Überschwemmungen durch den Gelben Fluss blieben eine ständige Bedrohung für Kaifeng. Als es 1860 wieder zu der Zerstörung der Synagoge durch die Fluten kam, wurde sie nicht wieder aufgebaut.

Wie entwickelten sich die Kaifenger Juden?

Abgesehen von dem historischen Auf und Ab gab es für die jüdischen Händler weit weg von Zuhause einige Herausforderungen.

Sicherlich führte der Mangel an jüdischen Frauen dazu, dass die Ehe mit einer Chinesin üblich wurde. Schließlich kam es zu einer weitgehenden Assimilation, so dass heute die jüdischen Bewohner Kaifengs nicht mehr von den Chinesen zu unterscheiden sind. Darüberhinaus war es zunehmend schwierig, jüdische Traditionen und Regeln aufrecht zu erhalten. Denn üblicherweise wurden diese von den Müttern auf die Kinder weitergegeben.

Trotzdem erhielten sich einige Traditionen: z.B. dass man kein Schweinefleisch aß. Qu Yinan, eine junge chinesische Frau aus Kaifeng, erzählt 2015, dass ihre Familie kein Schweinefleisch oder auch keine Muscheln aß. Der Großvater habe immer eine Kopfbedeckung getragen.

Die Situation aktuell:

Heute glaubt man, dass es noch ungefähr 1000 Nachfahren der Kaifenger Juden gibt. Doch die Zahl ist umstritten. Die meisten leben nicht mehr nach jüdischen Regeln. Es gibt Menschen, die kein Schweinefleisch essen und die dies auf ihre jüdischen Wurzeln zurück führen. Das rückt sie in die Nähe der muslimischen Minderheit der Hui. Diese sind eine große und offiziell anerkannte nationale Minderheit in China. Nun möchten auch die Juden als Minderheit anerkannt werden, was aber wegen der geringen Mitgliederzahl und der Vielfalt kaum durchsetzbar ist.

Juden in China Kaifeng 1992

Kaifeng 1992, als ich dort war

Junge Kaifenger entdecken ihre Wurzel neu. Daraus entsteht der Wunsch vieler, nach Israel zu reisen. Wenn sie einigermaßen überzeugend nachweisen können, dass sie jüdische Vorfahren haben, können sie als Jude anerkannt werden und ggf. die israelische Staatsangehörigkeit erhalten. Das ist aber mangels überzeugender Nachweise recht schwierig.

Es heißt, dass Kaifeng die jüdische Vergangenheit als einen Pluspunkt für den Tourismus sieht. Schwierig. Heute findet man kaum noch Spuren der jüdischen Gemeinde. Es gibt keine Synagoge mehr in Kaifeng.

Und die Vertreter der Stadt Kaifeng auf der ITB 2016 wussten nichts von Juden in ihrer Stadt.

Update September 2016:

Neue Nachrichten aus Kaifeng zeichnen ein eher düsteres Bild der Situation. Zunehmend stehen die Kaifenger Juden unter Beobachtung, letzte Spuren der jüdischen Vergangenheit werden eliminiert. mehr

Mehr zu Juden in China auf meinem Blog:
Das Jewish Refugee Museum in Shanghai
Juden in China (2) – Die Bagdad-Juden
Juden in China (3) – Das 20. Jahrhundert

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