Yangshuo 1987 – ein Backpackerparadies

Yangshuo 1987 scheint ein Backpackerparadies zu sein. Ich genieße die Annehmlichkeiten wie Kaffee, warme Räume und nette Gesellschaft. Mein Glück ist perfekt, als ich Rudi wieder treffe. Ich muss gestehen, dass ich hier die Variante meines Tagebuches wiedergebe, die ich damals für meine Eltern und Schwestern geschrieben habe. Nein, nein, ich habe nichts verändert. Alles ist so gewesen, wie ich es beschrieben habe. Aber ich habe etwas verschwiegen: Damals habe ich mich schnell in Rudi verliebt und wir haben uns von diesem Tag an bis Hongkong das Zimmer geteilt. Auch später haben wir uns noch oft getroffen.

Landschaft beim Moonhill

Beim Moonhill 1987 – Seht ihr die Touristenbusse?

Aus meinem Reisetagebuch

16.11.87 Ausflug zum Moonhill

Mein Frühstück nehme ich im gleichen Restaurant wie gestern Abend, dem Green-Lotus-Restaurant, ein. Bei Joghurt mit Müsli und Banane und einem heißen Kaffee schreibe ich Postkarten und unterhalte mich mit anderen Reisenden. Ich genieße die lockere Atmosphäre im Backpackerparadies. Irgendwann taucht tatsächlich auch Rudi, der Holländer aus Guilin, im Green-Lotus-Restaurant auf. Er überredet mich, trotz des leichten Regens Fahrräder zu mieten und einen Ausflug zum Moonhill zu machen. In der Nähe vom Moonhill kennt Rudi eine Bauernfamilie, die er bei dieser Gelegenheit besuchen möchte.

Überall in Yangshuo werden funkelnagelneue Fahrräder zum Mieten angeboten. Wir suchen uns die besten aus und sagen auch gleich Bescheid, dass wir sie erst morgen zurückgeben wollen. Aber erst nach langen Verhandlungen lassen sich die Vermieter darauf ein. Dann fahren wir aus Yangshuo hinaus. Auf der ruhigen Landstraße macht das Fahren richtig Spaß. Schnell sind wir inmitten von Reisfeldern. Unseren ersten Stop legen wir an einem Baum ein, der 1200 Jahre alt sein soll. Noch liegt der Platz einsam und verlassen im Regen. Aber der große Parkplatz scheint nur so auf Touristenbusse zu warten.

In der Nähe gibt es einen kleinen See, auf dessen anderer Seite ein Dorf liegt, das mit seinen Lehmhütten und Strohdächern richtig idyllisch wirkt. Der einzige Weg dorthin führt über ein Wehr, über das das Wasser strömt. Ein Bauer treibt seinen Wasserbüffel über den Steg, den das Wehr knapp unter der Wasseroberfläche bildet. Rudi fährt einfach mit dem Fahrrad durch das Wasser und ist schon drüben, als ich noch überlege, wie ich die Überfahrt am besten bewerkstellige. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und fahre los. Einmal habe ich das Gefühl, dass mein Fahrrad von der Strömung ein wenig zur Seite gezogen wird. Doch dann habe ich es geschafft.

Im Dorf kommt uns gleich eine alte Frau entgegen und bietet uns eine alte Medaille zum Kauf an. Die Medaille sieht alt und echt aus. Nach kurzem Handeln kaufe ich die Münze für wenig Geld. Wir lassen unsere Räder stehen und gehen durch die lehmigen Gassen, die vom Regen aufgeweicht sind. Tief sinken unsere Schuhe in den zähen Matsch ein. Die Häuser des Dorfes haben gelbe Lehmwände und mit Stroh gedeckte Dächer. Einfache Feuerstellen zum Kochen befinden sich teilweise vor der Tür. Fließend Wasser gibt es anscheinend nicht. Doch der See ist ja nicht weit.

Gleich hinter dem Dorf gibt es eine große Höhle, zu der uns ein kleiner Junge führt. In der Höhle ist es trocken und warm. Zwei niedliche Büffelkälber stehen in einer Ecke und schauen uns mit großen dunklen Augen ruhig an. Dazwischen scharrt eine Henne mit ihren Küken im Heu. Zwei winzige rosa Ferkelchen verlassen bei unserem Anblick quiekend die Höhle. Ich bin ganz fasziniert von diesem friedlichen Ort. So ähnlich stelle ich mir den Stall in Bethlehem vor. Die Atmosphäre berührt mich sehr.

Über das Wehr fahren wir zur Strasse zurück. Diesmal schaffe ich die Überfahrt ohne Probleme. Innerhalb der kurzen Zeit, die wir im Dorf waren, hat sich der Parkplatz mit Bussen gefüllt. Wir beeilen uns, damit wir den Moonhill vor den Touristen erreichen. Der Moonhill hat eine große Höhle, die sich direkt unterhalb vom Gipfel eines der markanten Karstkegelberge befindet. Durch diese wie ein Fenster wirkende Höhle kann man in manchen Nächten den Vollmond sehen. Daher hat der Berg seinen Namen. Auf über 700 Stufen erreicht man den Gipfel. Wir lassen die Fahrräder unter einem Baum und machen uns an den Aufstieg. Bald weiss ich nicht mehr, ob es der Regen ist oder der Schweiss, der mir in dicken Tropfen auf der Stirn steht. Ausserdem ist es sehr anstrengend, sich auf die Stufen zu konzentrieren, die unregelmässig in den Fels gehauen sind und vom Regen ganz glitschig. Der beschwerliche Aufstieg bringt uns leider nicht die erwünschte großartige Aussicht, sondern nur den direkten Blick in den Nebel. Aber auch das hat seinen Reiz. Die Landschaft, die wir hin und wieder schattenhaft durch die Wolken sehen, wirkt geheimnisvoll und romantisch. Der Regen treibt uns nach einer kurzen Pause wieder zurück. Ich rutsche und schliddere die Stufen vorsichtig hinunter.

Mit dem Fahrrad ist es nun nicht mehr weit bis zu den Freunden von Rudi. Wir treffen den Mann vor seinem kleinen Häuschen. Er begrüsst uns herzlich. Seine Frau sei noch in Yangshuo beim Zahnarzt, sagt er bedauernd. Er lädt uns zum Essen ein und macht sich sofort daran, aus einem Teich vor dem Haus einige Fische zu fangen. Wir schauen eine Weile zu, dann gehen wir im nahegelegenen Dorf spazieren. Von fröhlichen Schulmädchen, die uns begegnen, bekommen wir kleine, saure Früchte geschenkt. In einem winzigen, düsteren Laden, dem einzigen im Dorf, kauft Rudi einen Beutel voll Nüsse. Als die Dämmerung beginnt, kehren wir zu Rudis Freund zurück. Seine Frau und die beiden kleinen Töchter sind in der Zwischenzeit aus Yangshuo zurückkehrt. Die Frau fällt Rudi vor lauter Wiedersehensfreude um den Hals. Die Kinder sind auch ganz zutraulich. Mir macht es viel Spass, mit den Mädchen zu spielen, während die Mutter auf einem niedrigen, offenen Kohleofen die Fische zubereitet.

Die vierköpfige Familie bewohnt zwei Zimmer in einem Gebäude, das insgesamt aus vier Räumen besteht. In dem einen Zimmer steht das große Bett, in dem alle zusammen schlafen. In dem anderen gibt es noch ein hohes Bett, das dem Mann als Arbeitsfläche dient. Er stellt zarte Tuschezeichnungen her, die seine Frau in Yangshuo an die Touristen verkauft.

In diesem Raum steht auch der kleine Ofen, der aus einem Tontopf besteht, in dem die Kohle glüht. Als Tisch dient uns eine umgedrehte Kiste, die Stühle sind kaum 15 cm hohe Schemel. Das ist das ganze Mobiliar. Als Gäste werden wir aufgefordert, zuerst von dem Fisch zu essen. Dazu gibt es Reis und Gemüse. Die Frau steckt uns persönlich die besten Bissen in den Mund. Die Kinder sitzen ruhig im Hintergrund und warten geduldig darauf, dass sie endlich an die Reihe kommen. Sie sind sehr lieb. Ich sage der Frau, wie gut mir alles schmeckt und versuche der ca. 4-jährigen Tochter das Wort „lecker“ beizubringen. Bald lacht sie und wiederholt: „Lecker! Lecker!“ Draussen ist es mittlerweile stockdunkel geworden. Es wird Zeit zu gehen. Rudi steckt der Frau beim Abschied noch ein wenig Geld zu. Er weiss, dass sie auf einen Kühlschrank spart.

Da die chinesischen Fahrräder, wie bereits beschrieben, keine Lampen haben, stehen wir in der Dunkelheit vor einem großen Problem. Die Frau leiht uns schliesslich ihre Taschenlampe. Wir versprechen, ihr die Lampe morgen, wenn sie nach Yangshuo kommt, wiederzugeben. Rudi fährt vorneweg und leuchtet mir mit der Lampe. Es ist gar nicht so einfach, im Dunkel dem schwankenden Schein der Lampe zu folgen, vor allem, wenn Rudi zum Spass im Zickzack fährt. Gelegentlich kommen wir an dunklen Gestalten vorbei, Fussgängern, die nur hin und wieder ihre Taschenlampen aufblitzen lassen. Auch Lkws sind noch unterwegs. Sie fahren ohne Licht und blenden nur manchmal ihr Fernlicht auf. Auf diese Weise können wir meistens nichts sehen, entweder weil es so dunkel ist oder weil uns die Scheinwerfer der Lkws blenden. Wir fahren sehr vorsichtig und langsam. Nach einer Stunde atmen wir erleichtert beim Anblick der Lichter von Yangshuo auf. Im Schein der Straßenlaternen werde ich wieder sicherer auf dem Fahrrad und beschleunige übermütig. Ich bin froh, dass ich diese Fahrt unbeschadet überstanden habe.

Bei einem Bier im Green-Lotus-Restaurant stellt sich heraus, dass Rudi auch für Mittwoch eine Fahrkarte nach Kanton hat. Leider handelt es sich aber um eine für den billigeren Linienbus. Wir verabreden, dass wir morgen versuchen werden, diese Karte in ein Ticket für den Aircon-Bus umzutauschen. Auf dem Weg zum Hotel treffen wir auf den Fahrradvermieter, der doch auf uns gewartet hat. Jetzt ist er glücklich, dass er seine Fahrräder heute noch zurückbekommt.

Touristenstraße in Yangshuo

Yangshuo 2011
Auch heute ist Yangshuo noch sehr beliebt bei den Backpackern. Es ist aber auch sehr touristisch geworden.

Mehr Fotos aus Yangshuo: Wo China ein Gemälde ist

9 Kommentare

  • Was für ein schöner Bericht 🙂 Ich frage mich nun, wie es mit dir und Rudi nach Hongkong weiterging 😉

    VG, Nina

    • Liebe Nina,
      danke für Deine lieben Worte!
      Tja, hmm, mein Reisetagebuch ist ja die “harmlose” Variante, damit meine Eltern das auch lesen konnten. Ich war schrecklich verliebt. Ruud und ich hatten noch 3 Jahre lang eine Fernbeziehung zwischen Utrecht und Hannover. Dann bin ich auf meine große Reise gegangen. Wir haben uns tatsächlich im Januar 92 in Bangkok für ein paar Tage getroffen. Danach war Schluss.
      LG
      Ulrike
      🙂

  • Pingback: 13.11.87 Guilin im Regen: Pleiten, Pech und Regen

  • ItineraMagica

    Es ist so schön, dass du nach all den Jahren diesen dir teuren Ort wieder besuchen konntest! Schöner Reisebericht, wunderbare Erinnerungen… ein interessantes Stück Leben!

  • Gretlies Gehrts

    Das ist ja wieder ein spannender Reisebericht!
    Ich bin ganz traurig, dass ich wohl nie nach China reisen kann. Umso mehr genieße ich Deine Berichte und die schönen Fotos! Da kann ich dann wenigstens mental dort sein.
    LG
    Gretlies

  • Hach wie schön, ich bin ganz verzaubert!

    Vermutlich komme ich im September nach Yangshuo und zum Mondberg, ich bin mal gespannt, wie es beinah 30 Jahre später dort sein wird.

    • Ulrike

      Die Landschaft hat sich kaum verändert. Aber die Touristen werden immer mehr. Vor allem, seit es einen Bahnhof bei Yangshuo gibt. Und wenn Du während der Golden Week hinfährst, mach dich auf was gefasst! Doch einfach Fährräder mieten und in die Landschaft fahren! Dann kannst du sicherlich ein ruhiges Plätzchen finden
      Bin gespannt auf Deinen Bericht!
      LG
      Ulrike

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