18.11. – 19.11.87 Yangshuo – Kanton: Kampftage

Meine erste Reise durch China 1987 ist auch geprägt von vielen Herausforderungen, die dies für mich damals so fremde Land und seine Menschen mit sich bringen. Manchmal denke ich, dass genau das Meistern dieser Herausforderungen, das Durchsetzen der berechtigten Forderungen ein bedeutender Bestandteil meiner Begeisterung zu China war. Heute ist das Reisen in China sehr viel leichter geworden. Und betuppen lasse ich mich immer noch sehr ungern.

Aus meinem Reisetagebuch  China 1987

18.11.87 Yangshuo – Wuzhou: endlich Sonne!

Für die lange Busfahrt nach Wuzhou stärke ich mich mit Joghurt und Müsli. Mein Aufbruch im Hotel wird dann etwa hektisch, weil ich erst aus Versehen eine Nacht zu viel bezahle und noch einmal zurück muss, um nach langen Verhandlungen mein Geld wieder zu bekommen. Mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken muss ich anschließend rennen, um rechtzeitig an der Bushaltestelle vor der Post zu sein. Erst stehe ich aber eine Weile an der falschen Stelle, merke gerade noch, dass der Laden dort keine Post ist. Ich sprinte die paar hundert Meter die Strasse hinauf. Ich bin völlig fertig. Schwer atmend warte ich. Rudi und Susannah sind auch da. Eigentlich müsste der Bus schon längst weg sein. Doch Susannah kann uns beruhigen. Da kommt er! Wir steigen ein und winken Susannah ein letztes Mal zu. Endlich kann ich mich entspannt in die Polster zurücklehnen.

Heute, wo ich schon fast auf dem Heimweg bin und den ganzen Tag im Bus sitzen muss, scheint endlich wieder die Sonne! Ich bin froh, dass Rudi bei mir ist, denn andernfalls wäre ich mit lauter Chinesen alleine im Bus. Rudi ist auch glücklich, dass er mit diesem Bus fährt. Der ist doch wesentlich bequemer als der klappernde Linienbus. Im Sonnenschein wird es schnell warm. Aber wir haben ja eine Klimaanlage! Wir sitzen in der ersten Reihe und haben einen idealen Ausblick auf die chinesische Landschaft. Diese Kegelberge waren immer schon ein Lieblingsmotiv der chinesischen Künstler. Deshalb verbinde ich gerade diese Gegend mit meinen Vorstellungen von China. Stundenlang fahren wir durch die eigenartige Landschaft.

Die Krastkegelberge im Sonnenlicht

Die Krastkegelberge im Sonnenlicht

Unser Bus hält hin und wieder für kurze Pausen. Rudi kauft Mandarinen und Kaki-Früchte an den Ständen am Straßenrand. Das sorgfältige Auswählen der Früchte und das Handeln um jeden Pfennig macht ihm Spaß. Dabei flirtet er mit den mitreisenden Chinesinnen, die ihn lachend bei seinen Einkäufen beraten. Meine Erkältung und wohl auch eine Depression beim Gedanken an Hongkong und Heimreise verderben mir den Appetit. Außerdem will Rudi morgen in Kanton bleiben und nicht mit mir nach Hongkong kommen. Ich habe gar keine Lust, meine letzten Urlaubstage alleine in Hongkong zu verbringen.

Aber jetzt will ich mich auf diese schöne Fahrt bei strahlendem Sonnenschein konzentrieren und nicht an morgen denken. Die Kegelberge haben wir hinter uns gelassen. Die Landschaft ist nach wie vor faszinierend. In einem kleinen Gebirge kommen wir durch weite Wälder, in denen abgeholzte Flächen aufgeforstet werden. Am Straßenrand wachsen Sträucher, die übersät sind mit feinen weissen Blüten. Manchmal zieht ein Raubvogel über den Bergen seine Kreise.

Gegen 5:00 Uhr nachmittags kommen wir in Wuzhou an. Kaum dass wir ausgestiegen sind, spricht uns eine junge Chinesin auf Englisch an, ob sie uns helfen könne. Wir nehmen ihre Hilfe dankbar an. Sie übersetzt für uns, als wir unsere Gutscheine im Hafenbüro in die eigentlichen Schifffahrscheine eintauschen. Dann zeigt sie uns, wo wir bis zur Abfahrt des Schiffes unser Gepäck aufgeben können.

Mit einer Freundin von ihr gehen wir zusammen essen. Beim Bestellen mit der rein chinesischen Speisekarte sind die beiden uns eine große Hilfe. Wir laden sie ein, mit uns zu essen. Dabei erzählen sie uns, dass sie noch zur Schule gehen. Ihre Lehrerin hat ihnen geraten, nach dem Unterricht im Restaurant zu arbeiten, weil sie dort Kontakte mit Ausländern bekommen und auf diese Weise ihr Englisch üben können. Eine gute Idee! Sie halten uns mit vereinten Kräften einen richtigen Vortrag über die Schönheiten und Sehenswürdigkeiten von Wuzhou. Manches klingt, wie aus einem Prospekt auswendig gelernt. Es tut mir fast leid, dass wir schon so bald zum Schiff gehen müssen.

Am Schiffsanleger treffen wir Schweden, die ich bereits im Zug von Xian nach Chengdu kennengelernt und in Yangshuo wiedergesehen habe. Ellen, eine Amerikanerin, ist auch mit von der Partie. Ein weiterer Mitreisender ist Chang, ein Chinese aus Amerika, der zu unserer Überraschung kein Wort Chinesisch sprechen kann. Dadurch hat er während seiner Reise durch China öfters Schwierigkeiten bekommen, weil von ihm einfach erwartet wurde, dass er Chinesisch spricht.

Unser Schiff hat nur 3. und 4. Klasse. Ohne weiter darüber nachzudenken, gehen wir alle zusammen in die 3. Klasse. Die Einrichtung des Schiffes überrascht uns sehr! Die 3. Klasse besteht aus einem einzigen großen Raum, der sich über die gesamte Breite und fast die ganze Länge des Schiffes erstreckt. Zu beiden Seiten eines breiten Ganges gibt es ein doppelstöckiges Bett, in das unten und oben je ca. 50 Leute passen. Die einzelnen Schlafstellen sind nur durch ein niedriges Brett geteilt. Für jeden ist eine dünne Matratze, eine Decke und ein Kopfkissen vorhanden. Es trifft sich, dass Rudi und ich die Nummern für die beiden oberen Betten in einer Ecke am Ende des Raumes haben – denken wir! Die übrigen Westler haben Betten auf der anderen Seite gleich in der Nähe.

Wir Traveller nehmen sofort den einzigen Tisch und die wenigen Stühle drumherum in Beschlag. Die Chinesen ziehen es sowieso vor, sich gleich auf ihre Schlafstellen zu legen. Das Schiff hat noch nicht abgelegt, da schlafen schon die ersten. Die meisten aber unterhalten sich gut gelaunt. Rudi und der Schwede spielen Schach. Wir drei Frauen versuchen es mit einem Kartenspiel. Unterwegs legt das Schiff noch einmal in einer Stadt an. Danach sind auch die letzten freien Betten belegt.

Wir sind gerade wieder losgefahren, da erhebt ein Chinese Anspruch auf die von Rudi und mir belegten Betten. Ein Steward kontrolliert unsere Tickets. Tatsächlich haben wir nur Fahrkarten für die 4. Klasse! Das kann ich gar nicht glauben. Wir haben doch 3. Klasse bezahlt wie die anderen Westler auch. Ein Chinese, der Englisch spricht, versucht zu übersetzen und zu vermitteln. Er versteht uns aber immer erst, wenn wir unsere Argumente aufgeschrieben haben. Man stelle sich unsere schriftliche Auseinandersetzung vor! Jetzt heißt es, Nerven bewahren! Hin und wieder ziehen sich die Chinesen zurück, um unter sich die Lage zu diskutieren. Dann spielen Rudi und der Schwede Schach und wir übrigen Karten. Der Schwede schiebt uns heimlich seine Quittung zu. Wir haben genauso viel bezahlt wie er. Aber wir haben unsere Quittung im Hafenbüro abgeben müssen. Jetzt haben wir nur noch die 4.-Klasse-Tickets, die uns fälschlicherweise gegeben worden sind. Wir sind gespannt, ob wir uns durchsetzen können. Aber eigentlich glauben wir nicht daran.

Der Chinese, es ist nur einer, der unsere beiden Plätze haben will, weicht nicht von der Stelle. Auch versteckte Bestechungsversuche helfen nicht. Unsere Argumente zielen darauf ab, dass Ausländer normalerweise sowieso nur in der bestmöglichen Klasse untergebracht werden; ja, dass es nach chinesischen Regeln geradezu kriminell wäre, uns in der 4. Klasse unterzubringen! Außerdem wären wir eine Gruppe und würden alle zusammengehören. In einer Pause stellt der Schwede eine Flasche chinesischen Brandy auf den Tisch. Nun geht die Flasche von Hand zu Hand. Nur keine Nervosität zeigen!

Die Chinesen schlagen vor, dass wir doch in Wuzhou unser Geld zurückfordern sollen! Das ist natürlich vollkommen absurd! Ich schreibe nach einigem Zögern auf den Diskussionszettel, ob sie es eigentlich richtig fänden, dass wir als Ausländer in China immer das doppelte, ja sogar häufig das dreifache von dem, was Chinesen zahlen, bezahlen müssten und dann auch noch falsche Tickets bekommen würden. Rudi erklärt sich einverstanden damit, umzuziehen, wenn er auf der Stelle die Differenz erstattet bekäme. Die Chinesen ziehen sich erneut zur Beratung zurück. Rudi geht kurz hinunter, um sich die 4. Klasse mal anzusehen. Die 4. Klasse befindet sich unterhalb der Wasserlinie. Es gibt keine Fenster und die Lüftung funktioniert kaum. Die Kabinen sind verhältnismäßig klein. Es ist stickig und heiß in der 4. Klasse. Rudis Bericht bestärkt uns in unserer Weigerung, umzuziehen.

Wir rechnen weiter jeden Augenblick damit, dass sie wiederkommen und uns endgültig aus der 3. Klasse werfen. Mit gleichgültiger Miene spielen wir weiter Karten. Nach einer Weile haben wir richtig Spaß daran. Wir singen ein Lied, das uns Ellen beibringt. Ich habe vom Brandy einen Schwips. Als das Licht schließlich ausgeht, ohne dass die Chinesen zurückgekommen sind, können wir sicher sein, einen kleinen Sieg errungen zu haben. Wir haben uns tatsächlich endlich einmal bei den starrsinnigen Chinesen durchgesetzt!

19.11.87 Ankunft in Kanton. Frühstück mit Hühnerkopf

Früh morgens werden wir durch laute Musik geweckt. Wir machen es wie die Chinesen und bleiben in unseren Betten. Eine Frau kommt herum und bringt das Frühstück. Ich nehme mir eine Pappschachtel mit Reis und Hühnchen. Das Fleisch ist kalt, aber es schmeckt gut bis zu dem Moment, wo ich zu der Delikatesse des Ganzen vorstoße: ganz unten in der Schachtel blinzelt mich das tote Auge aus dem halben Hühnerkopf mit Kamm und Schnabel an. Das bedeutet das abrupte Ende meines Frühstücks.

Schließlich stehen wir auf und gehen auf das sonnenbeschienene Hinterdeck. Der Fahrtwind weht uns um die Nasen. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke, dass ich heute alleine nach Hongkong weiterfahre! Kurz entschlossen teile ich Rudi mit, dass ich noch einen Tag in Kanton bleiben werde.

Mittags kommen wir dann endlich in Kanton an. Mit dem Taxi fahren wir zum White Swan Hotel, dem traditionsreichen besten Hotel in Kanton. Natürlich können wir es uns gar nicht leisten, dort zu wohnen. Aber der kürzeste Weg zur örtlichen Jugendherberge führt durch das grandiose Foyer des Hotels. Wir gehen vorn hinein und hinten wieder hinaus. Damit stehen wir schon direkt vor der Jugendherberge, wo wir ein Doppelzimmer ohne Bad beziehen.

2 Kommentare

  • Betuppen lasse ich mich auch nur höchst ungern… Ich glaube, bei dem toten, vom Grund der Frühstücksschachtel aus starrenden Hühnerauge wäre ich schreiend aus dem Bett gesprungen. Oder hätte mir diese Mahlzeit noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

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