19./20.11.1987 Von Kanton bis Hongkong

Vier Wochen China gehen zu Ende. Zwei Tage von Kanton bis Hongkong. Beim Lesen dieser alten Tagebucheintragungen wird mir bewusst, wie sehr sich China seitdem geändert hat! In den großen Städten ist das Leben als Single für viele ganz normal und für deren Eltern ein schweres Problem geworden. Homosexualität? Wird heute sehr viel liberaler behandelt. Auch in China ist es keine Krankheit mehr. In Städten wie Shanghai finden bunte Feste der Homosexuellen statt. Es gibt Geschichten von gleichgeschlchtlichen Hochzeiten und möglichen Geschlechtsumwandlungen.

Und das bunte Leben in Hongkong, das mich damals so geschockt hat? Das findet man heute überall in China. Tolle Shoppingsmalls, grelle Reklamen, alles nicht mehr nur auf Hongkong beschränkt. Und das ist gut so!

Ach, und die Fahrt von Kanton nach Hongkong ist so viel einfacher heute! Es gibt zahlreiche Fähren, die nicht nur von Kanton aus fahren. Heute würde ich wohl am liebsten mit einer Abendfähre nach Hongkong fahren und die bunten Lichter der Stadt vom Schiff aus genießen.

Hongkong Starferry 2009

Hongkong Starferry 2009

Mein Reisetagebuch von 1987

19.11.1987 Kanton

Mittags kommen Rudi und ich endlich in Kanton an. Mit dem Taxi fahren wir zum White Swan Hotel, dem traditionsreichen besten Hotel in Kanton. Natürlich können wir es uns gar nicht leisten, dort zu wohnen. Aber der kürzeste Weg zur örtlichen Jugendherberge führt durch das grandiose Foyer des Hotels. Wir gehen vorn hinein und hinten wieder hinaus. Damit stehen wir schon direkt vor der Jugendherberge, wo wir ein spartanisch eingerichtetes Doppelzimmer beziehen.

Nach einem erfrischenden Bad gehen wir, um Kaffee zu trinken, in ein Café beim White Swan Hotel. In dem Laden nebenan bekommen wir frische süsse Brötchen. Zwei Flaschen Joghurt vervollständigen unser Festmahl. Wir verbringen den Nachmittag sehr angenehm an den Tischen, die draußen in der Sonne vor dem Café stehen. Einmal gehen wir ins White Swan-Hotel, um uns den Luxus des Hotels anzusehen. In einem Innenhof gibt es einen künstlichen Wasserfall, der von einem Aussichtspavillon gekrönt ist. Eine elegante Ladenstrasse bietet Seidenstoffe und Bücher. Ich kaufe mir für viel Geld eine Herald Tribune, die erste internationale Zeitung seit vier Wochen. Nach dieser langen Zeit in China, in der ich nicht gerade üppig gelebt habe, beeindrucken mich der glänzende Marmor und die großzügige Halle sehr.

Wir gehen in ein nahegelegenes Restaurant zum Abendessen, wo wir an einem Tisch auf dem Bürgersteig sitzen. Die Luft ist mild. Ich komme mir vor wie am Mittelmeer. In den Bassins vor dem Restaurant schwimmen Schildkröten, Schlangen und verschiedene Fische. In dem einen liegt apathisch ein merkwürdiges Tier im seichten Wasser, bei dessen Anblick ich an den seltenen Riesensalamander denken muss, über dessen Erwerb das Aquarium im Hannoverschen Landesmuseum so glücklich war. In einem Käfig vegetiert eine Schleichkatze vor sich hin. Ein Junge stößt den Käfig immer wieder an, damit das Tier nicht so reglos daliegt. Bald halte ich den Anblick der gequälten Tiere nicht mehr aus und dränge zum Aufbruch. Eigentlich sollte man als Europäer grundsätzlich diese Lokale meiden, in denen seltene Tiere unter den erbärmlichsten Umständen darauf warten, verspeist zu werden. Leider kommt mir diese Erkenntnis zu spät.

Wir wollen den Tag mit einem Kaffee abschließen. Als wir vor dem Café auf wackeligen Plastikstühlen sitzen, kommen nach und nach einige junge Chinesen bei uns zusammen. Es sind überwiegend Studenten, die mit uns ihr Englisch üben wollen. Ihr Englisch ist hervorragend und bald geht das Gespräch über das übliche „Woher?“ und „Wohin?“ hinaus.

Einer fragt uns, ob die Traveller, die zu zweit reisen, d.h. zwei Männer oder zwei Frauen zusammen, homosexuell seien. In China sei Homosexualität per Gesetz verboten. Eine heftige Diskussion entsteht darüber, ob es in China trotzdem Homosexuelle gibt. Denn was verboten ist, gibt es nicht in China – oder doch? Ein junger Mann regt sich darüber auf, dass wir das Wort „homosexuell“ gebrauchen. Er hält das für ein schmutziges Wort. Die anderen lachen ihn aus. Er sei katholisch, sagen sie und es klingt, als meinten sie damit, dass er ein wenig blöde sei. Aber ich glaube, dass sie einfach nur verlegen sind über den Gegenstand der Diskussion.

Wir sprechen weiter über Liebe und Partnerschaft. Für junge Liebespaare gibt es genug Schwierigkeiten. Schon ein ungestörtes Plätzchen zu Schmusen zu finden, ist in diesem dichtbesiedelten Land schier unmöglich. Geheiratet wird erst spät. Trotzdem ist es auch für die chinesischen Studenten an unserem Tisch selbstverständlich, dass die Frau unberührt in die Ehe geht.

Ich finde es faszinierend, mit welcher Offenheit diese Themen mit uns diskutiert werden. Sie stellen uns auch viele Fragen zu Partnerschaft, Liebe und Ehe in Europa. Sie finden es unbegreiflich, dass bei uns Mann und Frau zusammenleben können, ohne verheiratet zu sein. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie Europa und uns Westler für reichlich verdorben halten. Nachdem diese Themen erschöpft sind, fragen sie uns zu Deutschland, Holland und politischen Themen. Eine Frage lautet, ob es in Holland Berge gibt. Sie wissen so wenig über uns und unsere Länder!

Ich möchte die ganze Nacht mit ihnen weiter diskutieren und die Gelegenheit nutzen, endlich etwas mehr von den Chinesen zu erfahren, aber meine ständigen Hustenanfälle machen mich ganz fertig. Ich gehe kurz nach Mitternacht ins Bett. Rudi hat beschlossen, mit mir nach Hongkong zu fahren, denn er hat schon seit Tagen Zahnschmerzen. Er möchte sich lieber von einem Hongkonger Zahnarzt behandeln lassen als von einem chinesischen. Ich freue mich, dass ich an meinen letzten Urlaubstagen nicht alleine sein werde.

20.11.87 Hongkong

Heute läuft mein Visum ab und morgen fliege ich zurück nach Frankfurt. Wie schnell ist die Zeit vergangen! Rudi erkundigt sich an der Rezeption, wieviel der Zug nach Shenzhen, der Grenzstation nach Hongkong, kostet. Unser übriges chinesisches Geld legen wir zusammen und tauschen es bei einer Deutschen in Hongkong-Dollar um.

Als wir noch an der Rezeption stehen, fällt mir plötzlich ein Mädchen um den Hals. Es ist Christina, die Schwedin, mit der Anita und ich in Chengdu das Zimmer geteilt haben. Lars ist natürlich auch nicht weit. Ich kann es kaum fassen: so ein Wiedersehen hier, wo China doch so groß ist! Ich freue mich riesig. Schade, dass wir keine Zeit haben, unsere Reiseerfahrungen auszutauschen.

Eigentlich tut es mir leid, dass ich so wenig von Kanton gesehen habe. Meine Erkältung scheint meine ganze Unternehmungslust zu lähmen. Statt noch etwas zu besichtigen, sitze ich lieber im Café und esse ein Eis. Aber dann wird es endgültig Zeit zum Aufbruch. Mit einem Taxi fahren wir zum Bahnhof. Dort stellt mich Rudi gebieterisch mit unserem gesamten Gepäck in eine Ecke der Halle und verschwindet mit den Worten „ich gehe mich mal umsehen!“ in der Menge.

Ich stehe da und warte und warte und warte… Nach gut einer Stunde kommt Rudi völlig aufgelöst zurück. Die Fahrkarten sollen doppelt so viel kosten, wie uns der Mann an der Rezeption gesagt hatte. Dafür reicht aber unser chinesisches Geld nicht mehr. Rudi will, dass ich alleine nach Hongkong fahre. Aber das lasse ich nicht zu. Schliesslich gibt es genügend Hotels in der Nähe, wo man Geld wechseln kann. Rudi geht noch einmal los, ist aber schon nach ein paar Minuten wieder da, denn es ist ihm eingefallen, dass man die Fahrkarten nach Hongkong auch mit Hongkong-Dollar bezahlen kann. Bis wir die Fahrkarten dann haben, vergeht noch einige Zeit, denn lange Schlangen stehen vor den Fahrkartenschaltern.

Fast müssen wir rennen, um unseren Zug noch zu erreichen. Dort stellt sich heraus, dass die Fahrkarten deshalb so teuer waren, weil man uns nur erster Klasse Soft-Seat verkaufen wollte. Aber nach dem Stress, den auch dieser Fahrkartenkauf wieder einmal für uns bedeutete, können wir die weichen Sessel sehr genießen. Nur der eiskalte Wind der Klimaanlage stört ein wenig.

Ich schaue aus dem Fenster und finde, dass das jetzt wieder trübe Wetter gut zu meiner Stimmung passt. Bei Sonnenuntergang fährt unser Zug in den Bahnhof von Shenzhen ein. Hunderte von Chinesen steigen mit uns aus. Wir reihen uns in die Schlangen ein: Fahrkartenkontrolle, Zollkontrolle, Passkontrolle. Zwischen den einzelnen Posten gehen wir endlose Gänge entlang.

Beinahe übersehe ich in dem Gedränge die berühmte Brücke zwischen China und Hongkong, zwischen Ost und West. Sie ist auch eigentlich gar nicht so beeindruckend, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Ich habe hier eine Begegnung, die mir dauernd in Erinnerung bleiben wird: kurz hinter der Brücke kommt mir ein kleiner, alter Chinese entgegen, tief gebeugt von einem schweren Korb auf seinem Rücken, und lacht mir kurz mit seinem zahnlosen Mund zu. Mir kommt das vor wie ein letzter Abschiedsgruß von China.

Hinter der Brücke erneut Passkontrolle, Zoll, Fahrkarten kaufen, Fahrkartenkontrolle: Hongkongs Seite der Grenze. Von hier fährt eine moderne S-Bahn ins Zentrum. Der Westen hat uns wieder! Die bunten Lichter der Großstadt verwirren mich erst einmal. Rudi hat großen Appetit auf McDonald’s. Ich schließe mich ihm an, sobald ich mein reserviertes Zimmer im Y.M.C.A. bezogen habe. Aber ich habe nur Durst und genieße einen großen Becher Cola. Ich bin wie betäubt von dem Lärm und den vielen Menschen. Das viele Licht! Große, aufdringliche Reklametafeln! Ich verstehe allmählich, was andere Traveller von dem Kulturschock erzählt haben, der den China-Reisenden in Hongkong trifft.

Eine Fahrt mit der Star-Ferry schließt den Tag ab. Ich schaue ins vorbeirauschende Wasser, nicht auf die glitzernde Skyline. Ich bin traurig, dass dieser aufregende Urlaub zu Ende ist.

Mit Rudi stehe ich noch lange an der Uferpromenade in Kowloon an einem ruhigen Eckchen. Wir schauen auf die Lichter, weinen ein wenig und knutschen ausgiebig, so wie es genau hier einige chinesische Liebespaare machen.

7 Kommentare

  • Pingback: China reisen: Das Ding mit der Sprache - Bambooblog

  • Wirklich spannend zu lesen! Aber ich würde nie nach China reisen…ich komme einfach damit nicht klar, wie sie mit den Tieren umgehen 🙁 Lg Jens

    • Ulrike

      Hallo Jens,
      dann würde ich dir Deutschland auch nicht empfehlen: Die Massentierhaltung ist extrem mies hier. Oder das zur Zeit so bekannte Kükenschreddern…
      Wenn Du die Chinesen sehen würdest, wie liebevoll sie mit ihren Katzen und Hunden umgehen! Das ist auch nicht anders als in Deutschland. Guck mal hier: https://bambooblog.de/2014/07/26/hundeliebe/
      Ich würde sagen, Du lieferst genau das Beispiel, warum Du dringend mal nahc China musst: Vorurteile abbauen.
      Liebe Grüße
      Ulrike

  • Ach schön! 🙂
    Das klingt doch nach einer unglaublich spannenden Reise. Manchmal finde ich es schon schade, dass man heute in den meisten Ländern (und vor allem in Japan) alles bis ins kleinste Detail planen kann, so dass man kaum mehr große Überraschungen erlebt – wie z.B. plötzlich im Abteil der ersten Klasse zu sitzen. 😉

  • Das liest sich, als hätten sich deine und Rudis Wege in Hongkong getrennt. Habt ihr noch Kontakt zueinander?

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