21.11.87 Erste China-Reise – letzter Tag

Meine erste China-Reise geht zu ende. Was habe ich alles an Abenteuern erlebt! Und ein Gedanke lässt mich die nächsten Monate nicht los: Liebe ich dieses Land oder hasse ich es? Dieses Land, das so exotisch ist, in Manchem so wenig verständlich, so unfreundlich und doch auch sehr, sehr freundlich. Ich denke, dass es genau das war, was mich an dem Land anfangs so reizte: die Gegensätze, die Herausforderungen im Alltäglichen, die immer wieder neu überwunden werden mussten.

Mir ist heute klar, dass China immer genauso liebenswert oder finster erschien, wie ich auf die einzelnen Begegebenheiten reagierte. War ich geduldig und offen, erlebte ich freundliche und hilfsbereite Menschen. War ich verbohrt und versteifte mich auf meine Rechte oder Erwartungen, dann stellte sich das Land quer, schien böse und feindlich. Eine Lehre für’s Leben!

Und Rudi, der Holländer, in den ich mich spontan verliebt hatte? Mit Rudi hatte ich noch lange Kontakt. Wir besuchten uns alle 4 bis 6 Wochen und verbrachten manches Wochenende miteinander, mal segelten wir auf dem Ijsselmeer, mal erkundeten wir die Umgebung von Hannover, wo ich damals wohnte. Wir trafen uns Jahre später in Bangkok für ein paar Tage wieder. Die lockere Beziehung zu Rudi gab mir die Freiheit, 1991 auf Große Reise zu gehen. Wenn ich zu der Zeit in einer festen Beziehung gewesen wäre, wäre ich wohl nie losgefahren.

Eine weitere Freundschaft, die ich in meinem Reisetagebuch gar nicht erwähnt habe, weil sie eher eine flüchtige Begegnung war, hält bis heute an. Meine heute beste Freundin, Ulli, habe ich in Kanton kurz kennen gelernt. Sie war mit ihrem Freund schon 1987 auf großer Asienreise. Für lange Monate. Ob sie die Grundlage bildeten für meine Gedanken an den eigenen Ausstieg? Jedenfalls hatte ich damals nichts außer den Namen und die ungefähre Reiseroute von ihnen. In Erinnerung an meine abenteuerliche Reise fand ich es wenige Wochen später sehr aufregend, einen Brief an sie zu schreiben und ihn mit der Adresse „Poste Restante“ Kuala Lumpur“ zu versehen. Zu meiner Überraschung erhielt ich bald einen Brief aus Malaysia. Als sie wieder zurück waren, besuchten wir uns, sahen gemeinsam Fotos aus Asien und erzählten. Ulli ist Fotografin und hat mich vieles gelehrt. Unsere Freundschaft hält immer noch. Sie bereichert mich und es ist einfach toll, wenn wir gemeinsam von den Backpackerzeiten in Asien schwärmen. Wir trafen uns auch 1992 in Indien und reisten für eine kurze Zeit miteinander. Das machte Spaß und nahm ein wenig den Druck von mir, den ich als alleinreisende Frau in Indien empfand.

Meine erste China-Reise ist nun fast 30 Jahre her. Ich denke immer noch gerne zurück, denn sie bildet die Basis für das, was ich heute bin: China-Expertin und damit auch meine berufliche Grundlage.

Kowloon Nathan Road 1987

Kowloon 1987

Aber nun zurück zu meinem Reisetagebuch!

21.11.87 Hongkong, letzter Tag

Mein warmes, weiches Bett verführt mich zum Ausschlafen. Da ich mein Zimmer bis zum Mittag geräumt haben muss und mein Flugzeug erst am Abend geht, packe ich meinen Rucksack und bringe ihn zu Rudi ins Garden-Hostel. Das ist eines von den vielen preiswerten Hotels an der Nathan Road, in denen die Rucksackreisenden absteigen. Rudi hat ein Bett im Schlafsaal. Von diesen Dormitories gibt es drei oder vier in dem Hotel, von denen jedes mindestens zehn doppelstöckige Betten auf engstem Raum beherbergt. Man hat kaum Platz, sein Gepäck irgendwo abzustellen. Ausser den Zimmern bietet das Hotel noch eine Menge Annehmlichkeiten für den Traveller, der gerne preiswert reisen möchte. In einem kleinen Raum kann man nasse Kleidung nach dem Waschen aufhängen. Im Aufenthaltsraum stehen ein großer Kühlschrank für mitgebrachte Getränke und Kochplatten, auf denen man sich zur Not sein Essen selbst zubereiten kann. Es herrscht Campingatmosphäre. Ich bin froh, dass ich ein Zimmer im Y.M.C.A. hatte. Trotzdem haben diese Hostels auch ihre Vorteile. Die Unterkunft ist sehr billig und da sich hier Traveller aus aller Welt treffen, kann man Reiseinformationen für ganz Asien bekommen.

Frühstück gibt es wieder bei McDonald’s. Danach gehen Rudi und ich durch die Seitengassen der Nathan Road, weil ich mir gerne einen Walkman kaufen möchte. In den meisten Geschäften haben die Leute keine rechte Lust, mir etwas zu verkaufen. Ich lasse mir einige Geräte zeigen, gehe aber wegen der Unfreundlichkeit der Verkäufer weiter. Einer sagt zu mir, wenn ich mir den Walkman auch noch vorführen lassen wolle, müsse ich woanders hingehen! Endlich finden wir ein Geschäft, wo mir ein junger Mann eifrig die gewünschten Geräte zeigt. Er legt auch gleich Batterien ein, damit ich den Klang prüfen kann. Ich möchte den Walkman gerne kaufen, habe aber leider keine Hongkong-Dollar mehr. Nach zähem Verhandeln kann ich mit einem Reisescheck bezahlen und bekomme sogar noch genug Wechselgeld, um nachher am Flughafen die Ausreisesteuer bezahlen zu können.

Die Zeit für das letzte Abendessen vor dem Abflug ist gekommen! Ich habe vor lauter Trauer keinen Appetit. Doch Rudi drängt mich, etwas zu bestellen. In einem kleinen Restaurant suche ich mir auf der Speisekarte Makkaroni mit Spiegeleiern aus. Ich erhalte eine Nudelsuppe, gekrönt mit zwei Spiegeleiern. Dazu trinke ich Unmengen von dem kostenlosen Tee.

Schliesslich wird es Zeit, zum Flughafenbus zu gehen. Ich bin ganz deprimiert bei dem Gedanken, morgen wieder in dem kalten und grauen Deutschland zu sein. In Rudis Dormitory spielt mir eine Engländerin ein Abschiedsständchen auf ihrem Saxophon. Der Abschied von Rudi fällt mir schwer. Kaum haben sich die Bustüren hinter mir geschlossen, fange ich an zu heulen.

Erst als der Bus am Flughafen ankommt, höre ich auf. Jetzt muss ich mich um alle möglichen Formalitäten kümmern und habe keine Zeit mehr, deprimiert zu sein. An jedem Abfertigungsschalter stehen lange Schlangen. Als ich einchecke, gibt es eine Überraschung: die Hostess, der ich meinen Sitzplatzwunsch mitteilen will, sagt mir, ich hätte doch einen Platz mit Beinfreiheit bestellt. Ich bin total verblüfft. An meine wunden Zehen hatte ich schon lange nicht mehr gedacht. Und da die Reservierung auf dem Hinflug nicht geklappt hatte, habe ich nicht mehr damit gerechnet, dass sich noch jemand daran erinnern würde. Ich bin aber ganz glücklich, dass ich nun einen Platz am Notausstieg bekomme, wo ich meine Beine etwas ausstrecken kann.

Langsam gehe ich zum Gate. Die Maschine nach Frankfurt ist zwar bereits aufgerufen, aber das Boarding verspätet sich um einige Minuten. Ein deutscher Geschäftsmann hat die englische Durchsage anscheinend nicht verstanden, denn er ruft den Stewardessen, die an der Tür stehen, ungeduldig zu: „Beeilung!“ Ich stehe dabei und denke nur: „In so ein Land, in dem solche Menschen leben, will ich wirklich zurück??!“

Ich habe einen guten Platz am Notausstieg. Die anderen Sitze bleiben frei. Da kann ich mich bequem ausbreiten. Jetzt, wo ich wirklich auf dem Weg nach Hause bin, fliessen meine Tränen unaufhaltsam. Mein letztes chinesisches Toilettenpapier muss als Taschentuch herhalten. Schliesslich beruhige ich mich. Ich habe mich gefreut, als ich gesehen habe, dass der Film, der während des Fluges gezeigt wird, Hitchcock’s „Fenster zum Hof“ ist. Doch als er endlich läuft, schlafe ich müde und erschöpft ein.

22.11.87 Zurück in Deutschland

5:00 Uhr früh! Viel zu früh für meinen Geschmack landet unsere Maschine in Frankfurt. Der Flughafen wirkt so zeitig an einem Sonntag Morgen wie ausgestorben. Pass und Zollkontrolle finden fast gar nicht statt. Deutschland empfängt mich dunkel und frostig. Die Menschen, die mir begegnen, sehen unausgeschlafen und unfreundlich aus.

Auf dem Hauptbahnhof finde ich doch wirklich eine Bank, die täglich geöffnet hat und sogar jetzt um 6:30 Uhr am Sonntag morgen. Auf diese Weise kann ich mir ein wenig deutsches Geld besorgen und meine Freundin Geli anrufen, damit sie mich mittags am Hauptbahnhof in Hannover abholt.

Die Zugfahrt verläuft ereignislos. Mir ist bewusst, wie schnell, ruhig und sanft der Zug über die Schienen gleitet. Mir fehlt das Rattern und Schütteln der chinesischen Züge. Traurig denke ich an meine erste China-Reise zurück. In Hannover steht tatsächlich Geli auf dem Bahnsteig. Wir fallen uns vor lauter Wiedersehensfreude um den Hals. Dann fahren wir zu mir nach Hause, und ich erzähle und erzähle und erzähle…

 

4 Kommentare

  • Gretlies Gehrts

    Den Gedanken und den Abschiedsschmerz kenne ich gut, liebe Ulrike!
    Bei meiner Rückkehr von Auslandsreisen bin ich auch immer sehr deprimiert.
    Aber Du hast recht, mit den mürrischen Menschen in Deutschland muss ich mich ja nicht abgeben.
    Viele Grüße
    Gretlies

    • Ulrike

      Hmm, das hat sich langsam geändert bei mir. Ich reise gerne und ich kehre gerne zurück.Genau, und mit Menschen, die mich runterziehen, also den mürrischen, brauche ich mich nicht abzugeben.
      LG
      Ulrike

  • „In so ein Land, in dem solche Menschen leben, will ich wirklich zurück??!“ – Genau das denke ich auch jedesmal, wenn ich von einer Auslandsreise wieder zurück kehre…

    • Ulrike

      Ja, manchmal ist es hier grau in grau. Doch mittlerweile finde ich es auch gut, nach Hause zu kommen. Und mit den mürrischen Menschen muss ich mich ja nicht abgeben.

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