Untergegangene Städte der Taklamakan-Wüste

Sven Hedin, Albert Grünwedel, Alfred von le Coq, Albert Stein, die deutschen Turfan-Expeditionen: Namen und Reiseberichte, die mich schon in meiner Jugend fernwehsüchtig machten. Geheimisvolle untergegangene Städte in einer schier unendlichen Wüste! Abenteuer, die die Expeditionen und ihre Leiter oftmals an den Rand ihrer Leistungsfähigkeiten brachten. Geschichten von staubigen Wüstendörfern, dunklen Höhlen mit überwältigend schönen Fresken, dem Finden und Verlieren alter Schriften und Kunstwerke.

Jedes bisschen Schatten wird genutzt

Jedes bisschen Schatten wird genutzt

Gebannt las ich von all den Abenteuern. Ohne dass ich jemals wirklich überlegt habe, den Spuren dieser berühmten Abenteurer und Forscher zu folgen. Mit dem Kamel durch die Wüste? Nur, um untergangene Städte zu entdecken? Nein, nicht meins! Da bin und bleibe ich die Stadtmaus, die nicht auf gewisse Bequemlichkeiten verzichten möchte. Aber sehen wollte ich das doch! Und es gibt eine Lösung! Nirgendwo sonst als bei Turfan kann man so viele Zeugen der glanzvollen Vergangenheit der Seidenstraße erkunden. Alte verfallene Städte, endlose Wüste, Oasendörfer. Ich hatte das Glück, zweimal nach Turfan zu reisen. 1992 als Rucksackreisend. 2007 mit kundiger Führung und mit bequemen Transporten.

Untergegangene Städte der Taklamakan-Wüste

Nr. 1 Gaochang

Es bietet sich geradezu an, nach dem Besuch der Tausendbuddha-Grotten von Bezeklik auch die alte Stadt Gaochang zu besichtigen.

Wikipedia:

Gaochang (chinesisch 高昌, uigurisch Xoqo), auch Kocho, Chotscho, Khocho, Qočo bzw. Qoco, ist die Stätte einer alten Oasenstadt am nördlichen Rand der unwirtlichen Taklamakan-Wüste in Xinjiang, Volksrepublik China.

Die vielen unterschiedlichen Namen kommen von den vielen Völkern, die in diesem leben und gelebt haben. Besonders in alten Berichten findet man den Namen Gaochang eher selten. Der DuMont Reiseführer “Seidenstraße” führt noch mehr Namen auf: Karakhoja und Idikutschari.

Als ich mich den gewaltigen Ruinen nähere, bin ich sehr beeindruckt von der teilweise immer noch 12 Meter hohen Stadtmauer, die aus Lehmziegel erbaut wurde und einst 5 Kilometer lang war. Die Ruinen von Gaochang bedecken 2,2 Millionen Quadratmeter Wüstengebiet. Die Lehmmauern scheinen sich langsam wieder in Wüstenboden verwandeln zu wollen. Von den “Hunderten von Terrassentempeln und grandiosen Gewölbebauten”, die Grünwedel noch vor rund 100 Jahren begeistert beschreibt, ist schon jetzt nicht mehr viel übrig. Trotzdem: Ich bin beeindruckt. Da das Gelände so groß ist und die Strecke bis zu den beeindruckenden Resten eines buddhistischen Tempels weit ist, fahren wir einen Teil der Strecke mit Eselskarren.Turfan - Gaochang

Nachdem unser Reiseleiter uns so einiges erklärt hat, nutze ich eine Pause, um mich ein wenig zu entfernen. Ganz schnell stehe ich alleine in den Ruinen, in glühender Wüstensonne. Ich schließe die Augen, spüre dem leichten Wüstenwind nach, sauge tief die trockene Luft ein. Irgendwo in der Ferne schreit ein Esel, hoch oben kreist ein großer Vogel in der flirrenden Luft. Ein Hauch von Geschichte, von Handel und Händlern scheint mich zu umgeben.

Geschichte von Gaochang
Bereits im 1. Jh. v. Chr. diente Gaochang als chinesischer Außenposten. Viele verschiedene Völker wechselten sich in der Herrschaft über dieses Gebiet zwischen dem chinesischen Kaiserreich und den zentralasiatischen Nomadenvölkern ab. Doch die Stadt und ihre Herrscher waren immer dem Kaiser tributpflichtig.Im 8. und 9. Jh. waren die uighurischen Fürsten Anhänger des aus Persien stammenden Manichäismus. Man hat sogar eine kleine Kirche der Nestorianer aus dem 9. Jh. gefunden. Gaochang blieb allerdings überwiegend buddhistisch. Im 13. Jh. übernahm die mongolische Yuan-Dynastie die Herrschaft. Damit erstarkte der Islam im Westen Chinas. Leider fielen der Bilderfeindlichkeit der Muslime damals viele Fresken und Malereien zum Opfer. Im 17. Jh. wurde das ausgeklügelte Bewässerungssystem bei Kämpfen zerstört. Damit war der Untergang von Gaochang gekommen. Und es kam zur Legendbildung um geheimnisvolle untergegangene Städte in der endlosen Taklamakan-Wüste.

Erst mit den Turfan-Expeditionen vor rund hundert Jahren und den chinesischen Ausgrabungen in den 1950er kehrten Größe und Bedeutung der Stadt ins Bewusstsein der Menschheit zurück.

Turfan - GaochangIn Gaochang ist wenig übrig von dem Glanz der Stadt während der Blütezeit der Seidenstraße in der Tang-Zeit (608 – 907). Doch die Mauern und einfach die schiere Größe des Geländes beeindrucken mich sehr.

Das Gräberfeld von Astana

Wenn wir schon in dieser spannenden Gegend sind, sollten wir auch die Astana-Gräber sehen. Manch eine Mumie, die hier im trockenen Wüstenklima konserviert wurde, haben wir schon in den Museen von Urumqi oder Turfan gesehen. Hier wurden die Bewohner Gaochang vom 3. bis zum 8. Jahrhundert begraben, im Norden geschützt durch die flammenden Berge.

Astana-Gräber

Astana-Gräber

Manch einer der Reiseteilnehmer ist erschöpft von der enormen Wüstenhitze. Da sind wir froh, dass wir zwei der unterirdischen Gräber besichtigen. Obwohl das eigentlich auch keine wirkliche Erleichterung bietet. Die meisten hier bestatteten Menschen waren Chinesen. Einige Gräber sind mit wunderschönen Wandgemälden geschmückt. Nicht nur die kaum verwesten Mumien von Astana sind berühmt. Man hat auch gut erhaltene Seidenkleider und Essensreste gefunden, die als Grabbeigaben dienten. Da schlägt mein Archäologenherz höher!

Dann machen wir eine Mittagspause in einem kleinen Dorf: Wasser, Trauben, frisches Fladenbrot! Ein Genuss!

Pause bei einer freundlichen Familie im Dorf

Pause im Dorf


Infos (Stand Sept. 2016)
Gaochang:
Eintritt: 40,- RMB
Öffnungszeiten: 08:00 – 17:00 Uhr

Astana-Gräber
Eintritt: 20,- RMB


Zu meinem Bericht über den Besuch der Tausendbuddha-Grotten von Bezeklik: mehr

Zu meinem Reisebericht von 1992: Turfan

Untergegangene Städte: Alte Stadt Jiaohe

Aus Gaochang stammt auch das Foto einer Kapernpflanze: Mäusemelone

Weitere Impressionen:

Mit dem Motorrad durch die Wüste

Mit dem Motorrad durch die Wüste

Turfan - Gaochang - Statdmauer

In die einst mächtige Stadtmauer hat man Ställe für das Vieh gegraben

Turfan - Gaochang

Ein häufiger Anblick unterwegs bei Turfan: Häuser zum Trocknen von Weintrauben

Dorf bei Gaochang

3 Kommentare

  • Pingback: Jiaohe bei Turfan - Hauptstadt des Cheshi Reiches

  • Irgendwie finde ich das letzte Bild so richtig das Fernweh weckend… Danke für deine Schilderungen, liebe Ulrike… Sven Hedin, der Name kommt mir bekannt vor, ich glaube, dass ich in meinen Kinder- und Jugendtagen auch etwas von ihm gelesen habe.
    Liebe Grüße!

    • Sven Hedin war ein schwedischer Entdeckungsreisender und wegen seiner positiven Einstellung zu Deutschland , auch zu Nazi-Deutschland, immer auch ein wenig umstritten. Doch die Berichte von seinen Reisen und Entdeckungen lesen sich sehr spannend. Ich bin sehr glücklich, dass ich tatsächlich mal in diesen äussersten Westen Chinas hab reisen dürfen.
      LG
      Ulrike

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