Glücklich in Buchara

Seidenstraße 2007 – Reisebericht

Buchara, die Edle, die Glückliche: Für den Namen gibt es viele Erklärungen und so einige Zusätze. Außerdem existieren wie überall in Zentralasien unterschiedlichste Schreibweisen des Ortsnamen. Alle spiegeln sie die vielfältigen Beziehungen und die Geschichte entlang der Seidenstraße wider. Ich halte mich in meinem Artikel an die Schreibweise des DuMont Reiseführers “Zentralasien”, der mir auch zur Unterstützung meines Gedächtnisses dient.Buchara

Buchara
Buxoro (Aussprache: [ˌbuxɒˈrɒ], usbekisch Buxoro, tadschikisch Бухоро; arab.-pers. بُخارا, DMG Buḫārā; russisch Бухара; im deutschen Sprachraum Buchara (Wikipedia)

Der Name Buchara leitet sich vom sogdischen Wort „bukarak (glücklicher Ort)“ oder von „vihara (buddhistisches Kloster)“ ab. Ein persischer Geschichtsschreiber des 13.Jh erwähnt, dass “Buchar” “Mittelpunkt der Lehre” bedeutet.

Interessant ist auch, dass manche den Namen aus dem Chinesischen ableiten:  „An, Ansi, Buxo, Puxuala“.

Aber auch unter dem Namen “Numijkath” (in China Numi genannt) ist der Ort Buchara in älteren Zeiten bekannt gewesen.

Mein erster Tag in der Edlen Stadt

Buchara empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein, als wir morgens nach einer wunderbaren Nacht in den angenehmen Schlafabteilen ausgeschlafen ankommen. Wir werden pünktlich abgeholt und fahren durch die Stadt zum Hotel. Der Anblick der Stadt ist zunächst ernüchternd. Nichts Edles steckt in den russischen Plattenbauten, die die Straßen säumen. Erschreckt gucke ich auf ein hässliches Gebäude, das Hotel, das, wie mir Toni, der Reiseleiter, zuflüstert, ursprünglich für unsere Gruppe geplant war. In mir steigt das Gefühl hoch, dass man möglicherweise wegen meiner Anwesenheit bei der Reise ein anderes Hotel gewählt hat. Ich nehme mir vor, für die nächsten Seidenstraßen-Reisen auf das Asia-Hotel zu bestehen.

Und dann erreichen wir “unser” Hotel!! Es gehört wie schon das in Fergana zur Asia-Hotelgruppe und macht sofort einen tollen Eindruck auf uns: Hell, modern und äußerlich angepasst an die Lehmfarben der Altstadt von Buchara, die wenige Schritte weiter beginnt. Wir bekommen ein leckeres Frühstück. Dann geht es los zu ersten Besichtigungen.

Asia Hotel in Buchara

Asia Hotel in Buchara

In der wärmer werdenden Sonne marschieren wir in die Altstadt. Als Zugang dient ein erster Basar, der Tak-e Sargaran. Ein altes Gebäude, einst der Basar der Juweliere, schön renoviert, mit vielen Souvenirläden. Manche mögen das nicht so schön finden. Ich finde es nicht schlimm. Immer schon wurden hier Waren angeboten, die Waren der Seidenstraße, Seide, Keramik, Messer, was man eben so braucht. Souvenirs sind an ihre Stelle getreten, bunt, hübsch, manchmal vielleicht nicht so brauchbar, aber eben auch Waren der modernen Seidenstraße. Die für Buchara so typischen Kuppeln hoch oben sorgen für eine angenehme Kühle. Von Tor zu Tor zieht ein stetiger Wind, der gleichfalls das Klima verbessert.

Gleich dahinter liegt die Altstadt mit stillen autofreien Gassen und vielen alten Moscheen und Medressen. Es ist ein Traum! Völlig verzückt lausche ich den Geschichten unseres Reiseleiters. Da ich hier keinen kompletten Reiseführer schaffen will, denn das können andere besser und es gibt unendlich viele Bücher über Buchara, erzähle ich im Folgenden über meine persönlichen Eindrücke, über das, was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Minarett Kalan

Zentrum, Wahrzeichen, geschichtsträchtiges Mahnmal: Das Minarett Kalan mitten in der Altstadt. Der Platz zwischen der Moschee Kalan und der Medresse Mir-e Arab war früher ein lebhaftes Zentrum. Hier wurde einst gekauft und verkauft. Man traf sich, um Neuigkeiten auszutauschen vor den Fassaden der wichtigsten Moscheen und Medressen. Das örtliche Gericht tagte hier. Es wurden viele tragische Fälle entschieden und schwere Urteile gesprochen. Ehebrecherinnen wurden zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung fand meistens sofort statt: Der/die Verurteilte wurde in einen Sack gesteckt, auf das Minarett Kalan geschleppt und von oben hinunter geworfen.Minarett Kalan

Einst soll das Minarett noch höher gewesen sein. Es stammt aus dem 12. Jahrhundert. Heute ist es rund 48 Meter hoch. “Kalan” heisst übrigens “groß”. Der Sockel, der knapp 10 Meter im Durchmesser misst, soll aus Alabaster-Pulver und Kamelmilch angerührt worden sein. Andere sagen, es sei Blut verwendet worden.

Die Altstadt von Buchara

Buchara scheint nur aus Moscheen und Medressen zu bestehen. In manche treten wir ein, bewundern die feinen mit steinernen Ornamenten vergitterten Fenster. Die Höfe sind weit, die Hallen, Räume liegen in einem sanften Schatten. Wir sind nicht die einzige Gruppe Touristen, die von Moschee zu Medresse und weiter streifen, den Ausführungen ihrer Reiseleiter lauschen. Aber ein richtiges Gedränge gibt es nicht. Ich selbst streife gerne mal ein paar Meter abseits meiner und anderer Gruppen durch die Räume, schaue nach Souvenirs und handle lächelnd mit den Verkäuferinnen.

Überall sehen wir kleine Teiche und Brunnen. Doch sie sind trocken. Toni erzählt, dass Buchara früher als die Stadt der Störche bekannt war. Heute sieht man keine Störche mehr. Denn ihre Nahrungsquelle, die Teiche und Brunnen hat man ganz mit Absicht trocken gelegt. Denn früher haben die Insekten und Frösche, die die Störche so gerne aßen, schlimme Krankheiten verbreitet. Viele Menschen starben an Malaria oder grassierenden Seuchen. An einem der letzten Reisetage werden wir auch erfahren, wo die Störche hingezogen sind.

Langsam wird der Platz im Schatten knapp. Die Sonne steigt in den nun bleiern wirkenden Mittagshimmel. Die Hitze treibt uns zurück ins Hotel, wo klimatisierte Zimmer und ein kleiner Swimmingpool auf uns warten. Aber mich hält es nicht lange auf meinem Zimmer. Da draußen liegt Buchara, die Seidenstraße, Märchen aus TausendundeinerNacht.

Moschee Maghak-e Attari

Gleich auf der anderen Seite liegt die kleine Moschee Maghak-e Attari, eine uralte Moschee aus dem 9. Jahrhundert. Eine der ältesten in Zentralasien! Tief ist sie eingesunken in die Erde. Sand und Schutt hatten die alten Lehmmauern fast verschwinden lassen. Erst um 1930 wurde die alte Moschee ausgegraben. Ich bin völlig fasziniert von dem feinen Muster der Lehmziegel. Stundenlang könnte ich der Frau zuschauen, die sorgfältig mit einem Reisigbesen den immer wieder nachrieselnden Staub weg fegt.Moschee Maghak-e Attari

Es ist unglaublich still, Ruhe und Frieden des Mittags liegen über allem. Selbst die Vögel schweigen zu dieser Stunde. Nur das gleichmäßige Fegen. Ich kann die Heiligkeit dieses alten Gebetsplatzes spüren, gebe mich ganz diesem feierlichen Gefühl hin.

Lab-e Haus

Irgendwann wird mir die Hitze doch zu viel und ich gehe weiter. Streife ziellos durch die Gassen, gehe auf einige viel versprechende Bäume zu. Ach, ach! Ich komme zum Lab-e Haus-Komplex, einem Platz, gesäumt von alten Medressen, der in der Mitte ein großes Wasserreservoir enthält. Unter den Bäumen am Rand stehen Tische. Ich bin völlig entzückt, hingerissen! Alte Männer spielen Schach, junge Leute lachen zusammen. Natürlich ist das genau der richtige Platz für mich, um mir ein erfrischendes Bier und ein leckeres Mittagessen zu gönnen.

La-e Haus

Lab-e Haus

Als ich zurück im Hotel bin, brechen wir schon bald zu den Nachmittagsbesichtigungen auf. Und was besuchen wir? Den Lab-e Haus-Komplex! “Haus” heißt übrigens nicht einfach Haus, sondern ist die hiesige Bezeichnung für das Wasserbecken. Die Gestaltung des wichtigsten Handelplatzes  wurde im 16. Jahrhundert begonnen. Rundum liegen einige Gebäude, die auf den Teich ausgerichtet sind. Darunter die Medresse Nadir Diwan Begi aus dem Jahr 1623, die durch ein ungewöhnliches Hauptportal auffällt. Dort sind fliegende Reiher dargestellt, was in der islamischen Kunst sehr selten ist.Buchara - Reiher an der Fassade

Ein kleines Gebäude in einer Seitenstraße identifiziert Toni für uns als eine alte Synagoge, die noch heute von den wenigen Juden Bucharas genutzt wird. Mein persönliches Highlight ist die alte Karawanserei Chanaka Nadir Diwan Begi: Eine Karawanserei – das Symbol für die Handelskarawanen! Ein ehrfürchtiger Schauer läuft mir den Rücken runter, als wir den Innenhof betreten. Da höre ich förmlich die  Rufe der Händler, das Schreien der Kamele, das Lachen der Frauen! Alles wirkt so, als sei die letzte Karawane gerade erst gestern von hier aufgebrochen.

In der Karawanserei

In der Karawanserei

Nasreddin HodschaUnter den Bäumen steht eine Statue von Nasreddin Hodscha, diesem wundervollen orientalischen Till Eulenspiegel. Toni weiß so einige Geschichten von diesem weisen Mann, dessen Geschichten und humorvollen Erzählungen von der Türkei bis nach Zentralasien sehr beliebt sind.

Eine Geschichte des Nasreddin Hodscha
Dein Topf ist gestorben

Der Hodscha hat sich von einem Nachbarn einen Topf ausgeliehen, den er ihm, nachdem er ihn gebraucht hat, zurückgibt. In den Topf aber hat er einen kleineren gestellt, und als der erstaunte Nachbar fragt, was das denn bedeute, antwortet er: »Der Topf war wohl trächtig, er hat ein Junges bekommen.«

Nach einiger Zeit leiht sich der Hodscha wieder einmal den Topf vom Nachbarn aus. Die Zeit vergeht, aber der Hodscha gibt den Topf nicht wieder zurück. Schließlich verlangt der Eigentümer seinen Topf zurück. Doch der Hodscha meint betrübt: »Mein Beileid, dein Topf ist leider gestorben.«

»Seit wann kann denn ein Topf sterben?«, fragt der Nachbar. »Oho, Herr Nachbar«, erwidert da der Hodscha, »dass Töpfe Junge kriegen können, glaubst du, aber dass sie sterben, das glaubst du nicht?«

Davor: Tashkent

Danach: Buchara 2. Tag

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