Wanderung im Ahrensburger Tunneltal

Das Ahrensburger Tunneltal – Erinnerungen und Erkenntnisse

Im Mai 2017 war ich endlich im Ahrensburger Tunneltal. Eine lang gehegte Idee von einer Wanderung auf den Spuren von Alfred Rust, dem bekannten Hamburger Archäologen, wurde endlich umgesetzt!Wanderweg im Ahrensburger Tunneltal

Alfred Rust
Alfred Friedrich Wilhelm Rust (* 4. Juli 1900 in Hamburg; † 14. August 1983 in Ahrensburg) war ein deutscher Prähistoriker.

Rust, der hauptberuflich in einer Elektrikfirma arbeitete und als Amateur galt, wurde von dem norddeutschen Prähistoriker Gustav Schwantes gefördert. Durch Grabungen bewies er in den 1930er Jahren die Existenz von Eiszeitmenschen im Ahrensburg-Meiendorfer Tunneltal bei Hamburg. Er fand Artefakte aus Rentiergeweihen und Flint sowie Knochen von Opfertieren und konnte nachweisen, dass Rentierjäger der spätpaläolithischen Hamburger Kultur am Ende der Eiszeit vor etwa 15.000 Jahren in dieser Gegend gejagt hatten. In einer hierauf folgenden wärmeren Klimaphase lebten hier vor etwa 13.400 Jahren die Jäger der Callenhard-Magdalénien-Kultur, denen dann während des erneuten Kälterückfalls vor etwa 12.700 Jahren nochmals die Rentierjäger der Ahrensburger Kultur folgten.

Da er zeitweise der SS angehörte, galt er nach dem Krieg als umstritten. (Wikipedia)

Wie alles begann

Ungefähr 1972 schenkte mir meine geliebte Großmutter das Buch “Die Funde vom Pinnberg” von Alfred Rust. “Ich finde das langweilig, Bei mir liegt es nur rum. Aber du hast ja Spaß an Ausgrabungen.”, sagte sie. Das Buch ist ein recht nüchterner Grabungsbericht, der die Ausgrabungen im Ahrensburger Tunneltal zum Inhalt hat. Mit Plänen, Zeichnungen und Beschreibungen der Funde. Für mich wurden die Landschaft und das Leben der Menschen kurz nach Ende der letzten Eiszeit vor rund 11.000 Jahren plastisch und lebendig.

Der Pinnberg

Was ist ein Tunneltal?
Das Ahrensburger Tunneltal ist eine Glaziale Rinne nördlich von Hamburg bei Ahrensburg. Es verläuft längs der Bahnstrecke Lübeck–Hamburg in Richtung Stellmoor und bildet das Naturschutzgebiet Stellmoor–Ahrensburger Tunneltal.

Das Tunneltal bildete sich durch Schmelzwasser unter dem Inlandeis, welches in der letzten Eiszeit dieses Gebiet bedeckte. Diese Schmelzwasser erodierten tief in den Untergrund und hinterließen am Ende der Eiszeit eine schmale längliche Rinne mit steilen Hängen, in deren geschützter Lage sich Eisreste, sogenanntes Toteis, erhalten konnte.

Vor ca. 13.000–10.000 Jahren war das Resteis bereits von einer Kies- und Sandschicht überdeckt und darüber befand sich ein See, an dessen Ufern sich Rastplätze der späteiszeitlichen Rentierjägerkulturen (Hamburger und Ahrensburger Kultur) befanden, die diesen natürlichen Engpass, den die Rentierherden auf ihren jährlichen Wanderungen passieren mussten, zur Jagd nutzten. In den Feuchtsedimenten des heute verlandeten Sees erhielten sich erstmals durch Alfred Rust entdeckte, organische Hinterlassenschaften dieser Jägerkulturen, wie zum Beispiel Holzpfeile der Ahrensburger Kultur. Der Kalkgehalt einiger dieser Sedimente schützte überdies zahlreiche Knochen von Beutetieren vor der Zersetzung durch Bodensäuren. (Wikipedia)

Dieser Grabungsbericht aus dem Ahrensburger Tunneltal war einer von vielen Gründen, warum ich mich 1974 entschloss, Archäologie zu studieren. Die Archäologie hat mich nie wieder losgelassen, auch wenn ich nicht in diesem Bereich gearbeitet habe. Ich habe allerdings in den 1980er Jahren an einigen Ausgrabungen in Niedersachsen teilgenommen. als Hobby-Archäologin. Spannend!

Bis heute sind Museen, Ausgrabungsstätten und steinzeitliche Funde eine große Leidenschaft von mir. Ich fühle mich wohl in Museen, kenne mich ein wenig aus mit Geschichte und Fundstücken. So ist jeder Museumsbesuch für mich ein persönliches Highlight, so lange die Ausstellungsstücke nicht jünger als, sagen wir mal, 500 Jahre sind.

Endlich!

2004 zog ich wegen eines neuen spannenden Jobs nach Hamburg. Im Gepäck den Grabungsbericht “Die Funde vom Pinnberg” und mit dem festen Vorsatz, mir das Ganze persönlich und von Nahem anzusehen. 13 Jahre dauerte es, bis ich das endlich umsetzte.

An einem Samstag Morgen im Mai 2017 beschließe ich, ohne große Vorbereitung, ganz spontan, nach Ahrensburg zu fahren. Ich ziehe meine Wanderschuhe an, fülle etwas kalten Tee in eine Trinkflasche, überzeuge mich davon, dass mein Fotoapparat funktioniert und auf geht’s!

Zunächst mit der U-Bahn U1 Richtung Grosshansdorf. Haltestelle Bahnhof Ahrensburg Ost. Von meiner Wohnung in Hamburg Horn bin ich fast eine Stunde unterwegs. Übrigens muss man aufpassen: Die U1 fährt auch nach Ohlstedt. Da heißt es “entweder oder”. Ich sitze im richtigen Zug und steige in Ahrensburg Ost aus.Bahnhof Ahrensburg Ost

Dieser alte Bahnhof von 1914 liegt einsam da. Es gibt keinen Kiosk, wo ich mir eine Cola hätte kaufen können oder ein Brötchen. Letzteres stimmt mich nachdenklich. Aber ich werde es schon mal drei bis vier Stunden ohne Essen aushalten. Meinen Tee habe ich ja dabei.

Ein paar Schritte entlang einer einsamen Straße, dann weist ein Schild mich in den Wald. “Archäologischer-naturkundlicher Rundwanderweg” steht da. 8 Kilometer. Das ist eine Entfernung, die ich sicherlich schaffen kann. Voller freudiger Energie betrete ich den flachen gepflegten Waldweg. Ein wenig enttäuscht bin ich dadurch, dass sich linker Hand hinter Bäumen und Büschen immer wieder Einfamilienhäuser sehen lassen. So nahe an der Zivilisation!Zaun zu einem Vorgarten

Kurz mache ich mir auch Gedanken: Was ist mit Kindern, die mal schnell in den Wald laufen? Es gibt so viele Wasserlöcher und feuchte Moorflächen! Aber Kinder sehe ich keine. Nur ganz selten mal eine Joggerin oder Spaziergänger.

Ich gehe weiter, meine Kamera immer schussbereit in der Hand. Doch kein Eichhörnchen, kein Frosch lässt sich blicken. Viele Vögel sind zu hören, nicht zu sehen. Die Bäume sind alt, Umgefallene Stämme bleiben liegen. Nicht überall dringt die Sonne bis zum Boden.

Maiglöckchen

Maiglöckchen

An einer Stelle missachte ich den Pfeil, der auf einem großen Findling den weiteren Weg weist und biege ein auf einen gleichfalls guten Weg, der anscheinend tiefer in den Wald führt, weg von den Häusern. Der Geruch feuchter Wiesen und vergehender Blätter liegt in der Luft. Herrlich erdig, herrlich frisch! Immer wieder bleibe ich stehen und genieße: die Luft, das gedämpfte Licht, die auf den Blättern tanzenden Sonnenstrahlen.

Schon bald erreiche ich einen Teich, die Ufer bestanden mit Buchen und Erlen. Wild und üppig. Eine sehr archaische Landschaft. Ein Kuckuck ruft. Das raue Krächzen: sind das Kraniche? Doch dann verschwindet der Pfad. Mich durch den morastigen Boden zu kämpfen, fällt mir nicht ein. Zivilisationsgeschädigt….Moorteich

Ich kehre um. Finde den Stein mit dem Pfeil wieder und folge dem nun bereitwillig. Immer wieder ein plätschernder Bach, ein Teich, Feuchtwiesen. Manchmal sogar ein halbverwittertes Schild, das auf einstige Ausgrabungsstätten aufmerksam macht.

Dann, da ist er, der “Pinnberg”! Ein Schild weist auf die Ausgrabungen von Alfred Rust hin, zeigt die Grundrisse von einfache Hütten der Rentierjäger, die der Archäologe hier gefunden hat. Andächtig stehe ich da und staune. Es ist ein richtiger kleiner Berg, der da aus dem Moorteich emporragt. Bestens als Aussichtspunkt und Hochsitz geeignet. Der richtige Platz für die eiszeitlichen Jäger.Ahrensburger Tunneltal - Blümchen

Schließlich dringe ich immer tiefer ein ins Moor. Die Häuser liegen weit hinter mir. Ein Weg aus Holzplanken führt über dunkle Tümpel, Wasser gluckert, Frösche quaken.

Irgendwann erreiche ich den Weg, der an der Bahnstrecke entlang führt. Auf einer Bank setze ich mich zu einem Paar, mit dem ich schnell ins Gespräch komme. Sie bewundern mich, als ich ihnen von meinem Spaziergang erzähle. Drei Stunden! Das ist doch kein Spaziergang mehr, das ist eine Wanderung! Irgendwie kann ich mit der Anerkennung nicht viel anfangen, fühle mich nicht wie nach einer langen Wanderung.Im Moor

Schließlich erreiche ich wieder den Bahnhof Ahrensburg Ost. Wirklich schade, dass ich hier nirgendwo ein wenig Schokolade kaufen kann! Mir knurrt der Magen. Aber ich bin ja bald wieder zuhause.

Erkenntnis

Unterwegs habe ich auch eine lustige Wandergruppe getroffen, die fröhlich durch den Wald marschierte. Und da passierte es! Mir wurde plötzlich klar, wie sehr ich es genieße, alleine unterwegs zu sein. Überall und immer anhalten, Luft holen, Schmetterlingen hinterher träumen… Ganz spontan, ohne mich anmelden zu müssen oder unterwegs immer wieder abzustimmen.

Ich habe schon viele geführte Wanderungen mitgemacht. Es ist wirklich toll, wenn man jemanden dabei hat, der einem unterwegs die Natur, die Geschichte und mehr erklären kann. Auch das bringt mir sehr viel – an Wissen, an netter Gesellschaft.

Doch: Nichts ist so unübertroffen für mich wie dieses Alleinsein im Wald. Ich habe es nirgendwo so deutlich gespürt wie hier und heute.

Impressionen aus dem Ahrensburger TunneltalAhrensburger Tunneltal Ahrensburger Tunneltal Ahrensburger Tunneltal - SchneckeWurzel, vom Blitzlicht beleuchtet. Ahrensburger Tunneltal Ahrensburger Tunneltal Ahrensburger Tunneltal

5 Kommentare

  • Ich bin auch sehr gerne alleine unterwegs. Da kann ich mir den Weg einteilen, so wie mir das am besten passt, und nach Gusto beobachten und fotografieren. 😉 Neulich habe ich aber festgestellt, dass das Wandern mit meiner Freundin S., die ich vor zwei Jahren im Krankenhaus kennen lernen durfte, auch sehr viel Freude macht, da wir ziemlich gleich ticken. 😉
    Danke für’s Mitnehmen auf deine Tour, und die schönen Bilder.
    Herzliche Grüße!

    • Das ist wunderbar, eine passende Freundin zu finden! Leider hab ich hier in Hamburg nicht das Glück. Und ich weiß auch gar nicht, ob ich das will.
      Beste Grüße
      Ulrike

  • Pingback: Fotoparade 1: Die schönsten Fotos 2017 auf dem Bambooblog

  • Geht mir auch so mit dem Alleinsein beim Wandern. Vor allem in den Bergen löst das Glücksgefühle bei mir aus 🙂

    • Als ich den artikel geschrieben habe, ist mir auch wieder eingefallen, dass ich schon vor 25 Jahren, als ich am Annapurna alleine gewandert bin, das Allein sein sehr genossen habe. Am frühen Morgen alleine und in ruhiger Einsamkeit auf die Berge zu schauen – einfach unglaublich toll!
      LG
      Ulrike

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