Du bist ja sooo groß!

In China habe ich mich lange Zeit wie ein Riese gefühlt. So groß, dass ich meistens bequem über die Köpfe der Chinesen hinweg gucken konnte. Heute hat sich das etwas relativiert. Es gibt viele große Chinesen, vor allem in den Metropolen wie Peking. Zu meinem Gefühl, besonders groß (und fett) zu sein haben die folgenden Erlebnisse sicherlich beigetragen. 

Da war die Begegnung mit den alten Damen in Hangzhou. Die waren völlig fasziniert, versuchten, meinen Oberarm zu umfassen und brauchten dazu beide Hände! mehr

In China ist fett sein auch eigentlich etwas, das positiv bewertet wird. Früher kam es immer wieder zu Hungerkatastrophen und auch heute gibt es noch Menschen, die kaum das Nötigste zum Überleben haben. Deshalb gilt jemand, der fett ist, als gesund und mit genügend Wohlstand ausgestattet, um eben diese Speckröllchen pflegen zu können. Zumindest war das noch 1993 so, als ich in Peking Chinesisch studierte.

So groß war ich damals 1993

1993 auf der Großen Mauer bei Mutianyu

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das folgende Erlebnis:

Ich war in den Sommerferien 1993 in Südchina unterwegs. Dabei bin ich mit Bussen über Land gefahren und habe tagelang keine anderen Westler gesehen. Diese Langstreckenbusse machten anscheinend immer in den unattraktivsten Orten Mittagspause.

So fand ich mich eines Tages an einem regnerischen Tag in einem kleinen Ort hoch über einem Fluss wieder. Anscheinend nur ein Rastplatz für LKWs und Busse mit dunklen Restaurants und ekligen Toiletten. Da verging mir gleich der Appetit und ich schlenderte lustlos über den Markt. Auch diese zeugte nicht von Wohlstand. Keine Verkaufsstände. Auf Plastikplanen und flachen geflochtenen Untersätzen lag das magere Angebot der Bauern aus der Umgebung: Ein paar Gurken, ein wenig Kohl, Bohnen, Pflaumen und so weiter.

Ich erregte Aufsehen. wer weiß, wie lange hier schon kein Westler mehr durchgekommen war! Überall wurde getuschelt und mit dem Finger auf mich gezeigt. Dann, plötzlich, großes Geschrei und Rufen! Eine Frau lief hinter mir her, ihre Waren unbeaufsichtigt zurück lassend. Huch! Was hatte ich getan? Was war passiert? erschrocken schaute ich mich um.

Schließlich erreichte mich die Frau und zupfte mich am Ärmel. Sie redete aufgeregt auf mich und die neugierig guckenden Marktbesucher ein. Mit einem breiten Lächeln zog sie mich mit sich. Sie schien vor Freude zu beben. Verwundert ging ich mit ihr, versuchte zu verstehen, was sie sagte.

Sie zeigte in die Höhe, klopfte mir freudestrahlend auf die Schulter. Da begriff ich: Sie war für eine Frau in Südchina außerordentlich groß. Und nun hatte sie jemanden gefunden, der noch größer war. Das musste sie allen zeigen: “Schaut her! Guckt mal, wie groß diese Langnase ist!”

Sie war nicht mehr die Einzige, die über die Köpfe der Menge hinausschauen konnte. Hach, war sie glücklich! Und alle nickten und lachten!

Ich freute mich mit ihr. Ich steigerte ihr Glück noch dadurch, dass ich schließlich auch ihr Chinesisch verstand, das stark von ihrem Dialekt gefärbt war.

Was für eine herrliche Begegnung!Markt 1993

胖子    pàngzi   der/die Dicke

Das ist zwar nicht immer nett gemeint, aber ich habe es nie als Beleidigung aufgefasst, wenn ich in China unterwegs war. Sondern immer als Kompliment genommen.

Nachtrag: 1993, als ich durch Südchina reiste, wog ich knapp 100kg bei einer Größe von 178cm.

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