MenschenWelten – Reise in die Vergangenheit

Das Niedersächsische Landesmuseum Hannover heißt jetzt WeltenMuseum.

Das Museum beherbergt fünf Sammlungen, eine naturkundliche, eine völkerkundliche und eine archäologische Sammlung sowie eine Gemälde- und eine Münzsammlung. Präsentiert werden diese in drei Welten: NaturWelten, MenschenWelten und KunstWelten.

Die Abteilung MenschenWelten stand im Mittelpunkt meines Besuchs im Juni 2017. Damit habe ich in diesem Jahr nach dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle das zweite großartige Museum besucht. Eine Reise nicht nur in die niedersächsische Vorgeschichte sondern auch in meine eigene Vergangenheit.

MenschenWelten

Das Leben auf der Erde spielte sich mehr als drei Milliarden Jahre ohne
den Menschen ab – er tauchte erst vor wenigen Millionen Jahren auf.
Seitdem ist die Weltbevölkerung von ehemals wenigen Tausend auf
über sieben Milliarden angewachsen. Die MenschenWelten skizzieren
die einzigartige Geschichte der Menschheit, von der Evolution in Afrika
über die Stein- und Bronzezeit, die Römische Kaiserzeit und die
Völkerwanderung bis ins späte Mittelalter durch Niedersachsen und
weiter in facettenreiche Kulturen von Peru, über Polynesien und China
bis nach Afrika. (Landesmuseum Hannover)

Wie Ihr Euch sicher vorstellen könnt, interessiert mich bei meinem Besuch besonders die frühe Menschheitsgeschichte. Ich habe zwar auch die anderen Abteilungen gesehen, aber dazu später mehr. Die Archäologie, die Vorgeschichte interessiert mich sowieso immer. Aber diesmal war ich besonders gespannt, ob und wie die Ausgrabungen dargestellt sind, an denen ich 1986 – 1988 teilgenommen hatte.

Meine Höhepunkte in den MenschenWelten

Die MenschenWelten findet man, wenn man die imposante Treppe hinauf in den ersten Stock hinaufgegangen ist. Links führt eine Tür in einen dunklen Gang. Damit betrete ich die ganz frühe Menschengeschichte, die auch heute noch weitgehend im Dunklen liegt.

Lucy und andere Vor- und Frühmenschen

Gedämpftes Licht, seltsame Geräusche, Skelette und Dioramen… Als erstes blicke ich Lucy ins Gesicht – Modell und Rekonstruktion. Mehr Affe als Mensch. Aber doch aufrecht. Lucy, Australopithecus Afarensis.  Ein Schaukasten zeigt, wie sie möglicherweise gelebt hat.MenschenWelten im Landesmuseum Hannover

Wenige Schritte reichen für Millionen von Jahren aus. Dann kommt die nächste Tür und ich erreiche die Geschichte der frühen Niedersachsen. Homo Erectus, Neandertaler. Der Mensch wird in Niedersachsen erstmals präsent mit den einzigartigen Speeren von Schöningen (vor 300.000 Jahren). Diese befinden sich allerdings im Paläon in Schöningen. MenschenWelt Steinzeit

Einhornhöhle

In der Reihenfolge des Alters der Funde kommt nun die Einhornhöhle zuerst. Auch wenn es die letzte Ausgrabung war, an der ich 1988 teilgenommen habe. Schon im 16. Jahrhundert war die Höhle bekannt für ihre zahlreichen alten Knochen. Diese hielt man für die Reste von prähistorischen Einhörnern, die in der damaligen Medizin Verwendung fanden.

Schon im 19. Jahrhundert kam man auf die Idee, dass man in dieser Höhle Hinterlassenschaften des Urmenschen finden würde. Immer wieder wurde gegraben, aber außer den zahlreichen Tierknochen fand man nichts. Erst in den 1980er fielen bei weiteren Grabungen Steinwerkzeuge auf. Von 1984 forschte der Paläontologe Ralf Nielbock von der TU Clausthal, 1986/87 mit Stefan Veil vom Landesmuseum Hannover, in der Einhornhöhle. Während damaliger bis etwa 1989 anhaltender Grabungskampagnen wurden zahlreiche Werkzeuge aus der Zeitstellung des Neandertalers in der Höhle gefunden. Und ich war 1988 dabei!

Funde aus der Einhornhöhle in der Ausstellung MenschenWelten

Funde aus der Einhornhöhle mit Schädel eines Höhlenbären

Heute ist die Einhornhöhle berühmt für die zahlreichen Reste von Höhlenbären. Die gefunden Artefakte sind ungefähr 75.000 bis 110.000 Jahre alt, stammen also vom Neandertaler. Und man hat erst Bruchteile der Höhle ausgegraben und erforscht! Die Hoffnung, dass auch menschliche Knochen gefunden werden könnten, hat man noch nicht aufgegeben.

Die Höhle ist insgesamt sehr schön und steht für Besucher offen. Sie ist Teil des Geoparks Harz-Braunschweiger Land. Die meisten Funde kann man vor Ort und in verschiedenen Museen in Niedersachsen sehen.

In den MenschenWelten darf natürlich ein Hinweis auf die Einhornhöhle nicht fehlen!

Einhornhöhle

1988 Die Einhornhöhle

Lichtenberg

Dann stehe ich vor einer Auslage, die  ich sofort wiedererkenne! Freudig begrüße ich die schönen Faustkeile, die ich 1987 mit ausgegraben habe.

Faustkeile des Neanderthaler in Lichtenberg

Lichtenberg

1987 gehörte ich zu einem Team von Hobby-Archäologen, die unter Anleitung von Dr. Veil vom Landesmuseum zu einer Notgrabung bei dem kleinen Ort Lichtenberg im Wendland fuhren. Bei den Bauarbeiten zu einem kleinen Feldweg mit Graben hatte man erste steinzeitliche Faustkeile gefunden. Form und Lage deuteten auf ein in Niedersachsen ungewöhnliches Alter hin. In einer Woche gruben wir etliche weitere Faustkeile und Feuerstein-Klingen aus. Es ist wohl so, dass es sich nicht um einen Wohnplatz handelte, sondern um einen Jagdplatz, wo man den Herden nachstellte und die getöteten Tiere zerlegte, um sie der Gruppe zu bringen.

Diese Faustkeile sind so schön, so gleichmäßig, dass der Gedanke nahe liegt, die Menschen, also die Neandertaler, haben damals schon ein Bewusstsein für Ästhetik gehabt. Nun haben diese Werkzeuge, die heute auf ein Alter von rund 55.000 Jahre datiert werden, einen würdigen Platz in den MenschenWelten gefunden.

Lichtenberg 1987

1987: Stolz halte ich einen der Faustkeile in der Hand

Rentierjäger im Wendland

Meine erste Ausgrabung. an der ich als freiwillige Helferin teilnahm, fand 1986 statt. Nun stehe ich also vor den Funden, die wir damals aus dem Feld gesiebt haben. Rentierjäger. Die einzigen Spuren, die wir damals von ihnen fanden, waren Klingen, Abschläge, vereinzelt größere Schaber. Keine Spuren von Hütten oder sonstigem Leben. Mir kam das damals vor wie das Graben nach Gold. Begeistert schälte ich mich morgens aus meinem Zelt, schöpfte das Regenwasser von den Planen, mit denen wir die Grabungsflächen abdeckten und saß abends bei schönem Wetter mit den anderen Helfern und Studenten am Lagerfeuer zusammen. Dieses Gefühl, so direkt mit den Menschen vor 13.000 Jahren verbunden zu sein, jagte mir heilige Schauer über den Rücken. Damals genauso wie heute, als ich wieder vor den Funden stehe.

1986: Wendland - Funde

1986: Wendland – Funde

1986 im Wendland

1986 im Wendland

So viel zu den Ausgrabungen, an denen ich persönlich teilgenommen habe. Das Landesmuseum bietet natürlich noch viel mehr. Hier noch zwei weitere Highlights:

Das Bernsteintier

Dr. Veil setzte die Ausgrabungen im Wendland fort. Fast jedes Jahr kehrte er dorthin zurück. 1994 dann die Sensation! Bei der Begehung eines Ackers bei Weitsche fand man ein Stück Bernstein, das nach eingehender Untersuchung als Rest einer Tierfigur identifiziert wurde. Das weckte sofort den Ehrgeiz, auch die übrigen Teile zu finden. Diese waren sicherlich im Laufe der Jahrtausende weit über den Acker verteilt worden. Es wurde also die sprichwörtliche “Nadel im Heuhaufen” gesucht.

Systematisch wurde in den nächsten Jahren der Acker gesiebt und kleinteilig untersucht. Tatsächlich kamen weitere Bernsteinteile zutage, die zueinander passten. Das Tier nahm deutliche Formen an! Was konnte es sein? Schnell wurde klar, dass die Figur rund 13.000 Jahre alt sein musste. Älteste Kunst in Niedersachsen!!!  Aber der Kopf fehlte! Was konnte es also darstellen? Mammut? Pferd? Bison?

Dr. Veil gab nicht auf, organisierte jedes Jahr neue Gelder für neue Ausgrabungen. Natürlich ging es nicht alleine um das Bernsteintier. In diesem Gebiet hat man rund 100 eiszeitliche Lagerplätze gefunden. Nach und nach fand man 30 (!) einzelne, teilweise winzige Bruchstücke, die zu dem Bernsteintier gehörten. Zum Schluss (2004) dann tatsächlich auch den Kopf, der eine Überraschung brachte. Es handelte sich um den Kopf eines Elches! Ganz eindeutig!

Der Bernsteinelch von Weitsche stellt ein einmaliges Kunstwerk dar, das von großer Bedeutung für die niedersächsische Vorgeschichte ist.

Der Bernsteinelch von Weitsche

Der Bernsteinelch von Weitsche

Die Bernsteinwerkstatt

Bei der Suche nach dem Bernsteintier wurden weitere Bernsteinteile gefunden. Perlen in allen Stadien der Herstellung. Veil stellte die These auf, dass es sich hier um eine regelrechte Bernsteinwerkstatt gehandelt haben muss.Bernsteinwerkstatt

MenschenWelten

Und sonst so? Hortfunde, Bronzebeile, römisches Silber – Niedersachsens Böden haben schon viele beeindruckende Zeitzeugnisse preisgegeben. Ich kann sie hier gar nicht alle aufzählen! Besucht das Museum und schaut selbst!

Infos (Stand Juni 2017)
Eintrittspreis: € 5,-

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag 10 – 17 Uhr
Samstag und Sonntag 10 – 18 Uhr
Montag geschlossen
Freitags von 14 – 17 Uhr ist der Eintritt in die Sammlungen frei.

Links
Niedersächsisches Landesmuseum

Einhornhöhle

Mein Besuch 2017 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale): mehr

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