Lisa Niebank – Zwischen Hamburg und Peking

Ein Spaziergang führte mich heute bei schönstem Sonnenschein zu einem kleinen Grünstreifen östlich der U-Bahn-Station “Horner Rennbahn”. Dort gibt es einen Spazierweg, den Lisa Niebank-Weg.Lisa Niebank Weg

Ich las, wohl zum ersten Mal, die Erklärung zu Lisa Niebank. Schon oft war ich hier auf dem Weg zur Arbeit vorbeigekommen. Doch nun stutzte ich. Lisa Niebank war bis 1965 Lehrerin hier in Hamburg Horn gewesen – und danach Deutsch-Lehrerin in Peking. Das war keine einfache Zeit in China, denn von 1966 bis 1976 herrschte die “Große proletarische Kulturrevolution” ausgerufen von Mao Zedong.

Die Kampagnen während dieser Zeit richteten sich vor allem gegen Politik, Kultur, öffentliche Meinung, Schule und Universitäten. Gerade gegen Lehrer und Professoren ging man mit unendlicher Grausamkeit vor. Die Universitäten stellten zu Beginn der Kulturrevolution ihre Arbeit ein, und ein normaler Universitätsbetrieb, mit Eingangs- und Abschlussprüfungen sowie qualifizierten Zeugnissen, wurde erst 1978 wieder eingeführt.

Wie konnte es sein, dass es Lisa Niebank ausgerechnet in dieser Zeit nach China zog?

In den 1940er Jahren, nachdem sie Volksschullehrerin geworden war, unterstützte sie rassistisch und politisch Verfolgte bei der Ausreise aus Nazi-Deutschland. Nach dem Krieg trat sie für eine klare Darstellung der Nazi-Verbrechen ein, was damals eher unüblich war.

Lisa Niebank in China (Wikipedia)
In Peking wurde Niebank Zeitzeugin des Beginns der Kulturrevolution. 1966 arbeitete sie zwischenzeitlich für einen chinesischen Fremdsprachenverlag und unterstützte eine Arbeitsgruppe, die die Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung ins Deutsche übersetzte. Niebank hielt Tse-Tung für einen „genialen“ Führer und glaubte daran, dass sich China auf dem Weg in eine klassenlose Gesellschaft befand, in der sich Menschen selbst verwirklichen konnten. Obwohl es im Zuge der Kulturrevolution zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam, stellte Niebank China stets positiv dar. Hierüber schrieb sie insbesondere in der Wochenschrift Neue Politik, die Wolf Schenke in Hamburg verlegte. 1968 veröffentlichte die marxistisch-leninistische Monatsschrift Roter Morgen einen Privatbrief Niebanks, in dem sie festhielt, glücklich zu sein „in einem Land zu leben, in dem man dabei ist, eine Welt im Sinne des unverfälschten Marxismus – das heißt eines realen Humanismus – aufzubauen“. 1969 kritisierte sie in einem „Offenen Brief“, der in der Neuen Politik erschien, den Hamburger Bürgermeister Herbert Weichmann, der dazu aufgerufen hatte, deutsche Mao-Anhänger nach China zu exportieren, „damit sie dort lernen, was sie an der Demokratie haben“.
(Anmerkung: Wer auch immer dies geschrieben hat, scheint nicht viel von China und Mao zu wissen, z.B. dass “Mao” der Familienname ist. Auch die Schreibweise des Vornamens ist veraltet – korrekt Mao Zedong. Trotzdem denke ich nach meinen Recherchen, dass die Aussagen korrekt sind.)

1980 starb Lisa Niebank in Peking und wurde dort ehrenvoll beigesetzt.

Nun, das alles habe ich jetzt im Internet recherchiert. Eine bemerkenswerte Frau! Heute Mittag hatte ich mich erstmal auf eine Bank in der Sonne niedergelassen und grübelte darüber nach, wie das wohl damals in Peking gewesen sein muss.

Da drangen seltsam vertraute Laute an mein Ohr: Zwei Bänke weiter saß ein hörbar chinesisches Paar in der Sonne und tat, was alle älteren Chinesen in einem Park so tun: Er sang leise ein Lied vor sich hin. Sie stand auf und machte ein paar Gymnastik-Übungen.

Ich konnte mich nach einer Weile nicht mehr zurückhalten und näherte mich ihnen neugierig. Die Frau verstand kein Deutsch und sprach auch nur wenig Englisch. Also war ich dran und fragte sie in meinem holprigen Mandarin nach dem Woher und Wohin. Herrlich: Sie fand es anscheinend gar nicht ungewöhnlich, dass ich Chinesisch sprach. So entspann sich ein lebhaftes Gespräch. Sie kämen aus Chengdu. Vier Wochen seien sie in Hamburg auf Besuch beim Sohn. Sie habe schon Paris und München gesehen und wolle gerne auch London kennen lernen.

Ich erzählte ihr, dass ich Chengdu ganz toll fände und dass ich schon in Jiuzhaigou und bei den Pandas in Bifengxia gewesen sei. Sie beklagte, dass es zu viele Menschen und zu schlechte Luft in China gäbe. Da wäre Hamburg doch der reinste Luftkurort! Aber, was soll’s! ich schwärmte von China und dass ich mich freue, bald wieder hinzureisen. Wir trennten uns als Freunde.

China kann, vor allem in Hamburg, manchmal ganz nahe sein!

5 Kommentare

  • Hallo Ulrike,

    Das ist ein sehr interessanter Bericht über diese Lehrerin aus HH und der Mao-Zeit.
    Über die Begegnung mit den beiden Chinesen mußte ich etwas schmunzeln
    und bestätigt meine Erfahrungen mit Chinesen als kontaktfreudige und freundliche Menschen.
    Es sind hier in Deutschland/Europa sehr viele Chinesen touristisch unterwegs,
    die auch gern zu einem Gespräch ( in Englisch) bereit sind.

    Viele liebe Grüße!
    Ecki

    • Hallo Ecki,
      Ja, das ist ja das Problem: Die meisten Chinesen, die hier unterwegs sind, sprechen besser Englisch oder Deutsch als ich Chinesisch. Da haben die wenigsten die Geduld, bis ich einen Satz zuende gesprochen habe. Ich muss zugeben, mein Chinesisch ist ein wneig eingerostet. Ich verstehe zwar sehr viel, aber habe wenig Übung im Sprechen. Aber bald geht es wieder nach China! Da kann ich dann mein Chinesisch üben.
      LG
      Ulrike

      • Hallo Ulrike,

        Wann willst du denn wieder nach China?
        Und wohin soll es denn gehen?
        Viel Spass beim Chinesisch-üben.

        Viele liebe Grüße!
        Ecki

      • Danke! Am 17.11 soll’s losgehen! Grobe Route: Peking – Anyang – Xian – Xuzhou – Nanjing – Shanghai
        Beste Grüße
        Ulrike

  • Eine schöne Begegnung mit Chinesen in Hamburg. Ich habe die Luft in Hamburg auch immer als recht angenehm empfunden, vor allem, weil es meistens ein bisschen Seebrise gibt.

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