13.11.87 Guilin: Pleiten, Pech und Regen

Guilin, die traumhafte Stadt im Süden Chinas, das Ziel der meisten China-Reisenden, begrüßt mich 1987 zunächst mit einer Abfolge an Missgeschicken. Das Wetter ist kühl und regnerisch. Ich hatte damals übrigens noch nicht viel von Yangshuo gehört und hielt Guilin für den besten Ort für einen Aufenthalt in der Traumlandschaft der Karstkegelberge. Doch dann treffe ich Ruud aus Holland…

Guilin 2011: Vom Wetter her sehr ähnlich wie 1987

Guilin 2011: Vom Wetter her sehr ähnlich wie 1987

Als Ellen vom Blog Patrota.com kürzlich (Nov. 2017) zu einer Blogparade mit dem Thema “Pleiten, Pech und pannen aufrief, war mir gleich klar, dass dies mein Beitrag dazu sein würde! Auch wenn diese geballte Ladung Pech auf Reisen schon ziemlich lange her ist.

Aus meinem Reisetagebuch von 1987

Der 13.11.1987: Ankunft in Guilin

Pleite Nr. 1: Das falsche Ticket
Mit dem Nachtzug fahren Anita und ich von Kunming nach Guilin, natürlich im Hardsleeper! Kurz nach Mitternacht werden wir geweckt. Der Zug wird bald in Liuzhou ankommen. Anita nimmt ihr Gepäck, der Zug hält an, kurzer Abschied, ein letztes Winken, dann fährt der Zug weiter.

Als ich mich gerade wieder in meine Decke wickeln und weiterschlafen will, kommt die Schaffnerin und ist ganz erstaunt, dass ich noch da bin. Sie macht mir deutlich, dass meine Fahrkarte nur bis Liuzhou gültig ist. Mir ist das unbegreiflich. Ich stelle mich erst einmal dumm und tue so, als ob ich überhaupt nicht verstehe, was los ist. Aus den umliegenden Betten starren mich die Chinesen wegen des Aufruhrs böse an. Alle reden sie gleichzeitig auf mich ein. Ich überprüfe zögernd meine Fahrkarte. Tatsächlich! Das sind die Schriftzeichen für Liuzhou und nicht für Guilin. Ich ärgere mich, dass ich nicht besser aufgepasst habe. Widerwillig bezahle ich den Zuschlag für die Strecke nach Guilin. Da mein Bett von Liuzhou an wieder belegt ist, muss ich die restlichen 3 Stunden Zugfahrt auf einem Klappsitz im Gang sitzen. Ich könnte vor Müdigkeit und Frust heulen!

Auf einem Bett im Nachbarabteil sitzt eine Frau mit ihrem schlafenden Kleinkind im Arm. Es ist unruhig und schreit sofort, wenn die Mutter es hinlegen will. Auf einmal hebt die Frau das Kind hoch und hält es mitten im Gang ab. Das Kind erleichtert sich durch den in China üblichen breiten Schlitz im Kinderhöschen. Woher die Mutter wusste, dass es soweit ist, ist mir ein Rätsel – wo das Kind doch die ganze Zeit geschlafen hat!

Pleite Nr. 2: Das Hotel ohne Wasser
Um 3:30 Uhr fährt der Zug endlich in den Bahnhof von Guilin ein. Vollkommen müde steige ich aus. Eigentlich hatte ich mir bis jetzt herzlich wenig Gedanken darum gemacht, was ich mitten in der Nacht in Guilin machen und wo ich um diese Uhrzeit ein Hotelzimmer herbekommen sollte. Glücklicherweise stellt sich heraus, dass das gar kein Problem ist. Kaum dass ich auf dem Bahnsteig stehe, spricht mich ein junger Mann an, ob ich ein Zimmer suche. Er wüsste ein prima Dormitory. Erschrocken weiche ich zurück. „Bloss kein Dormitory!“ sage ich zu ihm. „Ich möchte ein Zimmer mit Dusche!“ Auch diesen Wunsch kann er mir erfüllen, sagt er. Mit einer Motorradrikscha fahren wir zu dem Hotel.

Das macht von außen einen recht netten Eindruck. Ein großes chinesisches Tor führt auf einen Hof, um den sich niedrige Gebäude gruppieren. Die Rezeption ist gemütlich und hell erleuchtet. Ich bekomme gleich ein relativ preiswertes Zimmer.

Dieses Zimmer hat es in sich, wie ich so nach und nach feststelle. Erst als ich bereits auf dem Klo sitze, merke ich, dass die so schön neu und sauber aussehende Toilette zwar einen Wasserzufluss aber keinen Abfluss hat. Um diese Uhrzeit gibt es sowieso kein Wasser mehr. Die Wand zwischen dem Zimmer und dem Bad ist vollkommen feucht, die Tapete ist auf großen Flächen verschimmelt. Also doch fließend Wasser – die Wände hinunter! Die Bettlaken sind klamm. Aber ich bin zu müde, um gleich zu reklamieren. Auch als ich schon früh wieder aufwache, weil mir kalt ist, gibt es kein Wasser im Bad. Es reicht nicht einmal zum Zähne putzen. Und ich hatte mich so auf eine heisse Dusche gefreut!

Pleite Nr. 3: Die Hotelsuche
Ich habe keine Lust, auch nur eine Stunde länger als nötig in diesem Hotel zu bleiben. Deshalb mache ich mich sofort auf, ein bestimmtes Hotel zu suchen, das mir jemand in Kunming empfohlen hatte. Es ist anscheinend nicht mein Glückstag heute. Dieses eine Hotel finde ich nicht. Die übrigen preiswerten Hotels sind entweder ausgebucht oder sehen mir zu schmuddelig aus.

Nachdem ich stundenlang herumgelaufen bin, entschließe ich mich, mir das etwas teure Li-River-Hotel zu gönnen. Ich kann es mir ja leisten, nachdem ich vier Nächte lang im Schlafsaal in Kunming viel Geld gespart habe. Als ich an der Rezeption nach einem Einzelzimmer mit Bad frage, gibt es doch tatsächlich einen Chinesen, der in der Halle herumgelungert hat, der zu mir sagt, so ein Zimmer wäre doch zu teuer für mich! Ich antworte kurz, dass das wohl mein Problem sei. Ich bekomme ein schönes, ruhiges Zimmer mit Bad.

Mit einer Motorradrikscha hole ich mein Gepäck aus dem anderen Hotel. Keiner hält mich auf, als ich ohne weitere Worte das Hotel verlasse. Bezahlt hatte ich mein Zimmer im Voraus. In Deutschland würde ich wahrscheinlich wütend mein Geld zurückverlangen. Hier und jetzt bin ich zu müde und frustriert, um mich auf eine lange Diskussion mit zweifelhaften Ende einzulassen. Ich will nur noch weg von dieser grauslichen Unterkunft. Im Li-River-Hotel nehme ich als erstes ein heisses Bad. Langsam aber sicher erhole ich mich.

Pleite Nr. 4: Meine Begegnung mit dem staatlichen Reisebüro CITS
Danach fühle ich mich fit genug, um mit dem Fahrrad zum CITS zu fahren, um meine weitere Strecke Richtung Kanton oder Hongkong zu organisieren. Beim CITS muss ich eine Weile warten, bis sich ein junger Mann mit gelangweiltem Blick und uninteressierten Gesichtsausdruck am Counter blicken lässt. Ich frage ihn nach der besten Möglichkeit, um nach Kanton zu kommen. „Mit dem Flugzeug“ antwortet er und kaut weiter an seinem Kaugummi. Ich hätte aber gehört, dass es eine Möglichkeit gibt, mit dem Bus nach Wuzhou am Perl-Fluss und von dort weiter mit dem Schiff nach Kanton zu fahren, sage ich freundlich. „Das ist aber genauso teuer wie mit dem Flugzeug!“ „Wieviel denn?“ „So ungefähr 200 Yuan.“ Ich antworte ihm, dass es mir nicht um das Geld ginge, sondern um die interessanteste Strecke. „Können Sie mir sagen, wie oft und wann der Bus nach Wuzhou fährt?“ frage ich ihn. „Wenn ich das wüsste, könnte ich Ihnen auch den genauen Preis sagen!“ So ein frecher Knispel! Wütend sage ich in meinem süssesten Ton: „ Thank you, you were very friendly and helpfull!“ und rausche aus dem Büro. Wie gesagt: Es ist nicht mein Tag!

Pleite Nr. 5: Die Bettlerin am Fubo-Shan
Quer durch die Stadt fahre ich weiter zum Fubo-Shan, einer der Sehenswürdigkeiten Guilins. Zuerst verfahre ich mich. Wie könnte es auch anders sein heute! Ich lande in einem kleinen Vorort mit einfachen Hütten, wo ich fast das Gefühl habe, in einen Slum geraten zu sein. Ein kleines Mädchen weist mich strahlend lächelnd in die richtige Richtung.

Am Fubo-Shan herrscht der übliche Touristenrummel: Andenkenläden, Fotografen, Geldwechsler. Im Fubo-Shan, einem der Karstberge, gibt es vom Wasser ausgespülte Höhlen mit alten in die Felsen gehauenen Kalligrafien und buddhistischen Reliefs. Der Li-Fluss reicht bis unmittelbar an die Felsen. An einer Stelle, wo sich ein langer Höhlengang zum Fluss hin öffnet, lässt sich ein Kormoran-Fischer, der in bunter Tracht auf seinem Bambusfloss zusammen mit seinen Kormoranen steht, mit den Touristen fotografieren. Ich setze mich auf eine Bank in der Parkanlage am Fubo-Shan und geniesse den warmen Sonnenschein, der endlich den Tag erhellt. Bei einer Frau wechsele ich FEC (die damalige Spezialwährung für Ausländer) in Renminbi. Sie ist sehr nett, aber gleich darauf werde ich von einer Bettlerin beschimpft, weil ich keine ihrer handgemachten Püppchen kaufen will. Es ist nicht mein Tag!

Pleite Nr. 6: Süßsaure Spiegeleier
In der Nähe vom Bahnhof soll es auch ein Lala-Café geben. Ich habe Sehnsucht, andere Touristen zu sehen. Ich fühle mich doch etwas einsam ohne Anita. Nach einigem Suchen finde ich das Café endlich. Leider bin ich aber fast alleine dort. Es gibt eine englische Speisekarte. Herrlich! In meinem Heißhunger bestelle ich gleich zwei Gerichte: Schweinefleisch mit Gemüse und Eier süßsauer. Nur schade, dass ich alleine essen muss! Die Eier süßsauer sind Spiegeleier, die in der roten süssen Sosse schwimmen und immer wieder von meinen Stäbchen glitschen. Und schmecken tun die Spiegeleier süßsauer auch nicht.

Happy End: Ein neuer Freund und ein schöner Abend in Guilin
Nach einer Weile setzt sich ein Holländer vom Nachbartisch zu mir. Rudi ist schon mal in China gewesen und kann viel erzählen. Später gehen wir zum Osmanthus-Hotel, setzen uns ins Foyer und geniessen den Luxus, der uns hier umgibt. Rudi sagt, dass er morgen mit dem Schiff auf dem Li-River nach Yangshuo weiterfahren will, und fragt mich, ob ich nicht mitkommen möchte. Ich lehne ab, da ich mir in Guilin noch einiges ansehen möchte. Abgesehen von den glitschigen Spiegeleiern ist der Abend besser geworden als der ganze Tag. Den Rest des Abends verbringe ich in Ruhe auf meinem Zimmer mit lesen, Postkarten schreiben, baden und fernsehen.

Wenn Ihr Euch nun fragt, warum ich damals überhaupt nach China gereist bin, dann schaut mal hier

Hier geht es zur Blogparade Patrota.com Da gibt es so einige lustige und spannende Artikel nachzulesen! Viel Spaß!

Wie es weiterging mit Rudi und mir, könnt hier hier lesen: Klick!

4 Kommentare

  • Puh, was für ein Albtraumtag.Gerade, wenn ich müde bin, würde mich jeder Misserfolg noch weiter runtereißen. Aber immerhin wurde der Abend dann noch gut, abgesehen vom Essen 🙂

    • Ulrike

      Ja, die ganze Reise durch China war 1987 eine einzige Herausforderung. Und der Abend hat alles wieder rausgerissen.

  • Ja, es gibt solche Tage, da klebt einem von morgens früh bis abends spät das Pech an den Händen. Zum Glück gibt es dann aber auch wieder Tage voll selig machender Schönheit… 🙂

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