Die Große Moschee in Xi’an

Die Große Moschee in Xi’an

西安大清真寺, Xī’ān Dà qīngzhēnsì

Mit dem Schritt durch das chinesische Tor betrete ich eine ruhige meditative Welt. Hinter mir der Trubel des Muslim-Viertels mit seinen Souvenir-Läden und zahlreichen Restaurants. Hinter mir der Lärm und das Gedränge der schier endlosen Menge von Touristen, chinesischen und westlichen. Die gar nicht so hohe Mauer, die sich um die Große Moschee erstreckt, scheint wie eine Schallisolierung zu wirken. Ein ruhiger Garten umgibt mich. Vögel zwitschern, ein milder Wind raschelt leise in den Zweigen.

Xi'an Große Moschee

Im Garten der Moschee

Was für eine Erholung! Welch ein Frieden! Einige alte Männer schreiten leise miteinander sprechend über die schmalen Wege, durch Mondtore und Pavillons. Sie tragen weiße Kappen, das Merkmal der Minderheit der muslimischen Hui. Frauen grüßen mich lächelnd. Aus einem Pavillon tönen Rezitationen aus vielen Kinderkehlen. Koran-Suren? Jedenfalls kein Arabisch sondern Chinesisch. Ich setze mich auf eine Bank und lausche andächtig. Die Atmosphäre wirkt so ruhig und friedlich! Ich genieße den Moment der Entschleunigung mitten in der Millionenmetropole Xi’an

Große Moschee von Xi’an: Die Geschichte

Xi’an erlebte seine Blütezeit vor allem währen der Tang-Dynastie 618 – 907). Diese wird auch manchmal das “Goldene Zeitalter” genannt. Die Stadt war Kaiserstadt und wichtigster Endpunkt der antiken Seidenstraße. Der Handel mit Zentralasien und dem Vorderen Orient brachte nicht nur materiellen Reichtum, sondern auch viele kulturelle Einflüsse. Schon im frühen 8. Jahrhundert siedelten sich die ersten arabischen, muslimischen Händler hier an. 742 soll es bereits eine erste Moschee gegeben haben.

Die Gebäude, die man heute sieht, stammen überwiegend aus der Ming- und Qing-Zeit. Die Große Gebetshalle kann bis zu 1000 Gläubige zum Gebet aufnehmen. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Schon 1956 kam die Moschee auf die Liste der Historical and Cultural Site Protected at the Shaanxi Province Level. Sie überstand die Kulturrevolution unbeschadet.

Die arabischen Händler haben sich schon damals mit chinesischen Frauen verbunden. Daraus entstand die Minderheit der Hui, Chinesen islamischen Glaubens, die sich nur durch ihre Traditionen von den Han-Chinesen unterscheiden. Die Hui sind mit mehr als 10 Millionen Menschen eine der größten anerkannten nationalen Minderheiten in China.

Große Gebetshalle

Altes Gebäude im Muslimviertel

Muslimviertel 1987

Schon 1987 habe ich die Moschee zum ersten Mal besucht. Damals lag sie ruhig in einem Altstadtviertel, das wenig spektakulär war. Das Viertel ist das gleiche heute, aber es hat sich zu einem Touristen-Hotspot entwickelt mit einem lebhaften Souvenir-Basar.

Jetzt habe ich mir nochmal meinen Reisebericht von 1987 angeguckt. Die Moschee selbst beschreibe ich fast genauso wie heute. Doch dann kommen ein paar Sätze, die deutlich machen, wie sehr sich das Muslim-Viertel rundum die Moschee verändert hat!

“Ich schlendere langsam zurück zum Fahrrad. Das Leben in den Strassen scheint vor 50 Jahren stehen geblieben zu sein. Im Sonnenschein spielen zwei Männer Schach an einer Strassenecke. Ein Schuhmacher sitzt auf einem niedrigen Bambushocker vor seinem Geschäft. Wegen der Enge können Autos hier nicht fahren. Nur von Ferne hört man den Lärm der großen Kreuzung am Glockenturm”

Das Besondere der Moschee in Xi’an ist nach wie vor ihre Architektur. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um eine Moschee handelt, könnte man auch meinen, dass man sich in einem chinesischen Garten oder einem Tempel befindet. Nur das eine oder andere arabische Ornament weist auf den eigentlichen Zweck der Anlage hin.

Ornamente

Mit anderen Worten: Die “typischen” architektonischen Merkmale einer Moschee wird man hier vergeblich suchen: Es gibt kein hohes Minarett. Das gleicht eher einer kleinen Pagode. Die Große Gebetshalle darf man als Nicht-Muslim nicht betreten.

Es macht mir Spaß, mich von einem Hof zum nächsten vorzutasten und die Pflanzen, Bäume und Ornamente zu betrachten. So eine Ruhe!


Infos (Stand August 2018)

Eintrittspreise:
März bis November 25 RMB
Dezember bis Februar 15 RMB

Muslime haben freien Eintritt

Öffnungszeiten: 8:00 – 19:00 Uhr

Die Große Moschee in Xi’an ist am besten von der U-Bahn-Station Glockenturm zu erreichen. Auf dem Weg dorthin kommt man durch das sog. Muslim-Viertel.


Hinweis für Vegetarier:
Letztens hat mich eine Vegetarierin darauf aufmerksam gemacht, dass es für sie schier unzumutbar war, die Moschee zu besuchen. Und zwar, weil man auf dem Weg dahin durch das Muslim-Viertel gehen muss, in dem es viele Restaurants gibt, die in ihren Auslagen Fleisch anbieten. Das sind vor allem Spezialitäten aus Lamm-Fleisch. Für die Chinesen ist das etwas, worauf sie sich richtig freuen. Ich finde das nicht schlimm. Sowas gehört in China dazu. Aber wenn man das nicht sehen will, dann muss man sich ebne darauf einstellen, dass einem eine wirklich tolle Sehenswürdigkeit entgeht. Genauso wie der Wohnhof der Familie Gao, der auch in diesem Viertel liegt.

Im Muslim-Viertel

Hauptstrasse im Muslim-Viertel

Muslim-Viertel

7 Kommentare

  • Christoph

    Ja, manchmal biegt man ums Eck und ist an einem vollkommen ruhigen Ort. Selbst in China. 🙂

    Liebe Ulrike,

    danke für deinen Bericht. Ich mag mittlerweile die Moscheen in China generell mehr als die Buddhistischen Tempel. Mag daran liegen, dass man sie weniger sieht und sie auch irgendwie fremd wirken oder ich sie mir meinen tollen Erlebnissen in den muslimisch geprägten Teilen Chinas verbinde.

    Die Moschee in Xi’An habe ich leider verpasst, aber im muslimischen Viertel ging es zu, wie im Taubenschlag: Marktschreier und Essen, Essen, Essen. Ich fand er sehr aufregend dort und bin am nächsten Abend nochmals dort 😀 Ende der 80er war es bestimmt noch viel authentischer.

    Das muslimische Essen mag ich sehr, vorallem wegen den verwendeten, scharfen Gewürzen. Obwohl ich Freizeitvegetarier bin, da ich sehr wenig Fleisch esse, habe ich dort jede Menge zu essen gefunden.
    Ja, an die blutigen ‘Fleischreste’, die es täglich in der Kantine gibt, kann ich mich auch nicht gewöhnen und schau dann halt nicht drauf, aber das ist China. Wer wirklich ein großes Problem damit hat, sollte vielleicht besser nach Indien in vegetarische Gegenden 🙂

    Dir gute Besserung mit dem Rücken und viele Grüße sendet
    Christoph

    • Hallo Christoph,
      mir persönlich gefallen Moscheen genauso gut wie Kirchen oder Tempel. Ich gucke in alles rein und freue mich daran, mit welcher Sorgfalt die Menschen ihre Bauten ausschmücken. Ob das Muslim-Viertel vor 30 Jahren “authentischer” gewesen ist, liegt daran, wie man den Begriff “authentisch” definiert. Dazu empfehle ich dir meinen Artikel “Authentizität auf Reisen” mehr
      LG
      Ulrike

      • Christoph

        “…und freue mich daran, mit welcher Sorgfalt die Menschen ihre Bauten ausschmücken.”
        Diesen Satz unterschreib ich gern. Petersdom, Potala Palast, Sagrada Familia, Taj Mahal (gut, letzeres ist ein Grab ;-)): Alles beeindruckende Gebäude, wo mir neben der Schönheit auch wegen der Geschichte und dem Willen der Erbauer der Atem stockt.
        Aber genau das fehlt mir hier in meiner Gegend bei den Tempeln und Kirchen. Diese werden in wenigen Monaten aus Beton gegossen, ein 50m hoher Buddha davorgestellt und dann 200CNY Eintritt verlangt, dafür stehen dann im Gelände die Autos deutscher Premiumhersteller, von den ‘Betreibern’ (von nichts kommt wahrscheinlich nichts).
        Die Sorgfalt, wie diese Gotteshäuser entstehen, ist in der Tat authentisch chinesisch (Danke für den Link, mit den interessanten Blickwinkeln :-)): Schnell und schlampig. Macht nichts, nach 15 – 20 Jahren wird es wieder abgerissen, bis dahin wird Kasse gemacht. Vielleicht tu ich den Chinesen in den Tier1 Städten auch unrecht, aber ich habe noch kaum einen getroffen, der tief im Glauben verwurzelt ist und das, so finde ich, sieht man den Gebäuden an. Im Westen Chinas habe ich gefühlt mehr Gläubige gesehen, in Tibet im Besonderen.

        In meinem Kommentar oben würde ich das gewählte Wort “autentisch” mit: “So sieht es auch unter der Woche dort aus, da für die Bewohner des Viertels und nicht für die Massen an Wochenendtouristen gemacht. ” beschreiben. Aber ich werde es in Zukunft anders beschreiben, um Missverständnisse zu vermeiden. 🙂

        Ich will nicht zu weit ausholen, aber du mich fragst: Wenn ich in China reise, dann sehne ich mich oft nach nicht authentischen Plätzen, gehe nicht nach Badaling auf die Mauer (nur da gehen meine Kollegen hin, denn dieser Ort steht im chinesischen Geschichtsbuch in der Schule), sondern gehe lieber auf einem unrestaurierten Stück wandern (würde ein Chinese nie tun, da viel zu gefährlich – zu Recht: Ich gehe auch mit Wanderschuhen und nicht in High-Heels :-D).
        Wahrscheinlich ist mir aber auch das Leben in China schon authentisch genug…

        Liebe Grüße
        Christoph

      • Lieber Christoph,
        ich bin doch leicht erschüttert von deinen Worten! Wie kommst Du nur auf solche Eindrücke? “Schnell und schlampig”??? Sowas habe ich eigentlich noch nicht gesehen. Ich persönlich kenne sehr, sehr viele Tempel und Kirchen in China, die uralt sind und lebendige Orte ihrer Religion sind. Neue Tempel sehe ich nur wenige. aber meistens beeindrucken die mich auch, wie z.B. der Famen-Tempel bei Xi’an. Beeindruckende moderne Architektur! Ich habe eine Bekannte in Changchun, die ist gläubige Katholikin. In Changchun wurde erst vor zwei Jahren eine neue beeindruckende Kirche erbaut. Gerade die Kirchen haben in China einen so großen Zulauf, dass da manche Gemeinde in Deutschland neidisch werden könnte. Andererseits sind die Chinesen nicht so fixiert auf einen Glauben. Wer Buddhist ist, hat kein Problem damit, auch mal einen daoistischen Tempel zu besuchen. Aber mein eigenes Erleben und auch Gespräche mit manchen Chinesen, sei es u.a. eine Pastorin in Shanghai oder ein daoistischer Mönch in Xi’an, erfahre ich doch immer wieder, wie viele Menschen in China ganz und gar in ihrer Religion verwurzelt sind. Selbst an Orten, die eigentlich überwiegend als Touristen-Hotspot gelten, wie z.B. die Yungang-Grotten bei Datong, habe ich Menschen gesehen, die tief versunken ihre Gebete vor den 1000 Jahre alten Statuen verrichtet haben.
        Bei dem Begriff “authentisch” in Bezug auf die Große Mauer muss ich immer ein wenig schmunzeln. Als die Mauer authentisch fertig war, glich sie sicherlich eher den restaurierten Teilen von heute als irgendwelchen unrestaurierten Teilen.
        Ach, Christoph, irgendwie finde ich es schade, wie Du so denkst. Wahrscheinlich bist du scon zu lange in China und brauchst mal wieder etwas abstand
        LG
        Ulrike

  • Danke für den Vergleich zwischen 1987 und jetzt.

  • Mit den persönlichen Einstellungen – Vegetarismus, Veganismus, Religion etc. – kann man’s durchaus auch übertreiben. Und sich damit um so viel Schönes, Sehenswertes, Interessantes bringen. Leider. So was mutet mich stets wie Scheuklappendenken an…
    Ich freue mich sehr, endlich wieder einmal einen China-Post von dir zu lesen! <3
    Herzliche Grüße!

    • Danke!
      Ja, ich bin im Moment etwas langsam mit dem Schreiben. Kann nicht so lange auf einem Stuhl sitzen wegen Rückenschmerzen. Das verleidet mir das Schreiben etwas. Aber langsam geht es besser und ich habe noch viele Ideen zu China.
      LG
      Ulrike

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